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Drei Geburtstage – oder: eine gute Verbindung von Heiligem Geist und gesundem Menschenverstand

Am 23. Mai 2021 fallen sie auf einen Tag: das Pfingstfest, das auch als Geburtstag der Kirche begangen wird, der Verfassungstag und der 158. Gründungstag der SPD. Eigentlich drei Anlässe, kräftig zu feiern – wenn da nicht die tiefe Krise wäre, in der die evangelische wie katholische Kirche in Deutschland stecken; wenn da nicht die Grundwerte der Verfassung, die freiheitliche Demokratie von innen insbesondere durch Rechtsnationalisten und egomanische Querdenker und von außen durch autokratische Systeme einem erheblichen Legitimationsdruck ausgesetzt wären; wenn da nicht die Auflösungserscheinungen der Sozialdemokratie einen um die Existenz der ältesten Partei Deutschlands bangen ließen.

Wir können und sollten die Sache aber auch viel positiver sehen:

  • Nach wie vor ist es ein Glück, dass die einzige legitime „Waffe“, mit der Christen streiten und auftreten dürfen, die des Heiligen Geistes ist. „Es soll nicht durch Heer oder Kraft, sondern durch meinen Geist geschehen, spricht der Herr Zebaoth.“ (Die Bibel: Sacharja 4,6b) – so lautet das biblische Leitwort für das Pfingstfest. Diesem Geist zu vertrauen, ist Voraussetzung dafür, sich produktiv und zukunftweisend mit der Krise der Institution Kirche auseinanderzusetzen und sich immer wieder zu Quellen des Glaubens, zu den Grundbotschaften Jesu aufzumachen und der erneuernden Kraft des Geistes zu vertrauen.
  • Ebenso sollte am Anfang des Verfassungstages die Dankbarkeit stehen. Dankbarkeit dafür, dass sich vor 72 Jahren und vier Jahre nach der Befreiung Deutschlands vom Faschismus Männer und wenige Frauen im parlamentarischen Rat auf das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland haben verständigen können. Sie haben Grundrechte und Grundwerte formuliert, auf die sich heute jeder Bürger, jede Bürgerin berufen können. Sie schützen den Einzelnen vor der Allmacht und Willkür staatlicher Organe und ermöglichen ihm das gleichberechtigte, eigenverantwortliche Mitwirken im Staat.
  • Genauso sollten wir – bei aller berechtigten Kritik an der SPD heute – nie vergessen, dass diese Partei seit Mitte des 19. Jahrhunderts ganz wesentlich den Durchbruch zur Demokratie und zum sozialen Rechtsstaat vorangetrieben und durchgesetzt hat – beides unter großen Opfern. Die SPD hat sich nie davor gedrückt, politische Verantwortung für das Gemeinwohl zu übernehmen. Sie zeigt klare Kante, wenn die Demokratie zerstört werden sollte (wie 1933) und bedroht ist. Der überzeugte evangelische Christ, Sozialdemokrat und frühere Bundespräsident Gustav Heinemann (1899-1976) hat diese politische Selbstlosigkeit der SPD, die ihr immer wieder zum Verhängnis wurde, 1968 so beschrieben: „Für die SPD ist Macht nie ein Selbstwert, sondern stets nur Mittel zum Zweck gewesen. … Vor unseren Augen steht das Bild einer Lebensordnung, in der der Mensch wahrhaft menschlich, d.h. seiner ihm von Gott zugeigneten Würde gemäß, leben kann.“

So werde ich morgen, am 23. Mai 2021, bei allen krisenhaften Momenten, die die Geburtstagskinder aufweisen, dankbar dafür sein, dass mein Leben mit einem im biblischen Glauben gegründeten Gottvertrauen, dem Grundgesetz und der Sozialdemokratie auf drei tragfähigen Säulen ruht – wohl wissend, dass dies alles weder selbstverständlich ist, noch vor Erschütterungen bewahrt bleibt. Aber durch Gottes Geist werden wir immer wieder auf die Quellen, Anfänge, Aufbrüche der heute zu Ehrenden verwiesen.  Für mich hat sich immer wieder gezeigt: Im christlichen Glauben verankert zu sein, sich in der freiheitlichen Demokratie des Grundgesetzes zu bewegen, sich für die Grundwerte der Sozialdemokratie zu engagieren, hat sich nicht als ein Griff ins Leere, sondern als stärkende Orientierung, als eine gute Verbindung von Heiligem Geist und gesundem Menschenverstand erwiesen – oder wie es in der Präambel des Grundgesetzes heißt: sein Leben „in Verantwortung vor Gott und den Menschen“ zu gestalten. Grund genug, den 23. Mai 2021 kräftig und dreifach zu feiern.

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Nachtrag: Kürzlich strahlte die ARD die Dokumentation „Kirche – überholt und überflüssig?“ aus. Dort wird ein junger Mann, der „als Mann der Wissenschaft“ Kirche für überholt und überflüssig hält und auf die Frage, was ihm Halt und Orientierung im Leben geben würde, antwortet „Ich mir selber“, gefragt, ob der Gesellschaft etwas fehlen würde, wenn es die Kirche nicht gäbe: „Na ja, die fundamentalen Dinge, die die Kirche predigt, werden ja auch im Grundgesetz gepredigt. Und das sind ja auch gute Sachen, sinnvolle Sachen.“ Interessant daran ist, dass auch in der Negation ein enger Zusammenhang zwischen den Grundwerten des Glaubens und dem Grundgesetz gesehen wird.

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