Vom Verdrängen, von Hoffnungslosigkeit und Unglauben und den Möglichkeiten, sie zu überwinden – ein paar Gedanken zur Jahreslosung 2020

Drei Themen bestimmen in diesen Tagen die politische Debatte:

  • Der katastrophale Zustand in den Flüchtlingsunterkünften auf den Inseln im ägäischen Meer. 40.000 Menschen leben zusammengepfercht in Lagern, darunter 4.000 Kinder ohne Eltern. Unabhängig von der Frage, welchen politischen Vorteil sich Robert Habeck sich davon versprochen hat, kurz vor Weihnachten zu fordern, Deutschland solle die 4.000 Kinder sofort nach Deutschland holen – sein Vorschlag ist absolut richtig und die Debatte darüber überfällig. Denn die Zustände in den Lagern sind menschenunwürdig und unvereinbar mit den Werten, auf die sich die Staaten der Europäischen Union berufen.
  • Die Einführung eines generellen Tempolimit auf den deutschen Autobahnen von 120 oder 130 kmh. Ohne Kosten würde das zu weniger Unfällen, Verkehrstoten, weniger CO 2 Ausstoß und besserem Verkehrsfluss führen.
  • Die Rüstungsexporte der Bundesrepublik Deutschland stiegen 2019 auf über 8 Milliarden Euro – an der Spitze der Empfängerländer stehen Ungarn (1,8 Milliarden Euro), Ägypten (800 Millionen Euro) und die USA (480 Millionen Euro). Auch in Länder, die an Kriegführungen beteiligt sind, wurden Rüstungsgüter exportiert (Ägypten und die Vereinigten Arabischen Emirate).

Zwei Aspekte verbinden alle drei Themenfelder:

  1. Es ist nicht zu erwarten, dass in nächster Zukunft Entscheidungen getroffen werden, die wenigstens den geflüchteten Kindern eine Zukunft eröffnen, die dem Lebensschutz den Vorrang vor Autofetischismus geben und die die Friedenspolitik nicht länger mit Rüstungsexporten konterkarieren. Weder zeichnet sich eine parlamentarische Mehrheit ab, noch ist in den vergangenen Tagen der dafür notwendige öffentliche, mediale Druck entstanden.
  2. Uns wird in dreifacher Weise die Gretchenfrage vorgelegt: Wie halten wir es mit dem Wert des menschlichen Lebens und den uns gegebenen Möglichkeiten, diesem auf der politischen Ebene gerecht zu werden? Denn allein Artikel 1 Abs. 1 des Grundgesetzes „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen, ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“ müsste alle politischen Verantwortungsebenen in einen Handlungszwang versetzen. Schließlich macht der zweite Satz von Artikel 1 aus einem moralischen quasi Glaubens-Grundsatz (1. Satz) eine einklagbare politische Handlungsmaxime. Wenn also in Griechenland, auf den Autobahnen, durch Rüstungsexporte die Würde des Menschen mutwillig angetastet wird, dann sind die staatlichen Organe zum Handeln verpflichtet.

Warum dann dennoch eine allein auf rhetorischer Ebene geführte Debatte, in der eine angeblich politische Vernunft einer moralisch gebotenen Entscheidungsnotwendigkeit mit der Attitüde der Überlegenheit entgegengestellt wird? Warum dieses wortreiche Verdrängen himmelschreiender Skandale, das gleichzeitig eine so rational daherkommende kollektive Hoffnungslosigkeit offenbart? Warum dieser auch säkular an den Tag gelegte Unglaube?

Ein Blick auf die Losung für das kommende Jahr kann helfen, Antworten zu finden. Denn Sinn und Zweck biblischer Geschichten und Worte ist es, dass wir die Wirklichkeit erschließen und kritisch hinterfragen: „Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“ (Die Bibel: Markus 9,24) Das ruft ein Mann Jesus zu, nachdem er ihn um Heilung seines an Epilepsie erkrankten Sohnes angefleht hatte. Jesus hatte ihn zunächst auf die eigenen Möglichkeiten verwiesen: „Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt.“ Darauf antwortet der Mann mit dem Satz, den zu bedenken 2020 mehr als angebracht ist: „Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“ Diese Bitte ist nicht nur für Menschen von Bedeutung, die ihr Leben im christlichen Glauben verankert sehen. Denn Glaube und Unglaube sind nicht nur religiöse Kategorien. Unglaube bedeutet so viel wie: die Wirklichkeit allein aus sich heraus, also ohne Projektion der Gegenwart in die Zukunft, ohne Hoffnung auf Veränderung zu verstehen. Damit wird aber Wirklichkeit zu einer Art Gefängnis, zu einem Raum ohne Fenster, ohne Aussicht und Frischluftzufuhr. Unglaube offenbart sich aber auch da, wo wir Grundwerte des Lebens wie die Menschenwürde und Maßstäbe des Glaubens wie die 10 Gebote, die Nächsten- und Feindesliebe, die Barmherzigkeit und Gewaltlosigkeit der Opportunität preisgeben, ohne dabei irgendwelche Schuld zu empfinden oder ein Unrechtsbewusstsein zu entwickeln. Von dieser Art Unglaube möchte der Mann befreit werden, um neue Möglichkeiten des Lebens zu erkennen. Er möchte daran glauben und darauf hoffen, dass Verwerfungen des Lebens behoben werden können – auch wenn alles dagegen spricht. Er möchte darauf vertrauen, dass die „bösen Geister“, die das gemeinschaftliche Leben vergiften und Politik zu Kurzschlusszuckungen verkommen lassen, ausfahren – wie aus dem Körper seines Sohnes. Sein Glaube und sein klarer Blick auf seinen Unglauben befähigten ihn zu beidem: die Wirklichkeit von der Zukunft her zu verstehen und keinen Moment die Grundwerte des Glaubens zu vernachlässigen. Es wäre viel gewonnen, wenn wir im neuen Jahr uns durch die Jahreslosung an diese beiden Denkbewegungen erinnern und unser Handeln danach ausrichten.

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