Sächsische Kirche(n) im Abseits: geistlich verblendet und politisch ignorant

Die gemeinsame Erklärung der beiden sächsischen Bischöfe – Heinrich Timmerevers vom katholischen Bistum Dresden-Meißen und Dr. Carsten Rentzing von der Ev.-Luth. Landeskirche Sachsens – sind es nicht wert, besonders kommentiert zu werden, weil absolut nichtssagend. Insofern sind sie ein weiteres trauriges Dokument von Kirchen, die sich selbst in die Bedeutungslosigkeit reden.

Die Zusatzäußerungen von Landesbischof Rentzing gegenüber dem evangelikal-konservativen Nachrichtendienst IDEA sollten aber nicht unkommentiert bleiben. Denn sie erklären auf erschreckende Weise, warum es in Sachsen so ist, wie es ist. Laut IDEA sagte Rentzing zum Ergebnis der Landtagswahlen in Sachsen:

… natürlich gebe es Fragen, die die Kirchen an die Partei, ihre Programmatik und ihr Auftreten habe (gemeint ist die AfD). „Ich glaube, dass wir durch diese Wahlen jetzt an der Stelle angekommen sind, wo wir tatsächlich – ob uns das immer gefällt oder nicht spielt im Grunde genommen keine Rolle – darauf angewiesen sein werden, ins Gespräch miteinander zu kommen“, so der Kirchenleiter. Knapp 30 Prozent der Wählerschaft könnten nicht einfach aus allen politischen Diskursen herausgehalten werden. „Wir müssen uns ihren Fragen stellen und wir müssen versuchen, in dieser Gesellschaft neu so etwas wie eine gemeinsame Sicht auf unsere gemeinsame Zukunft zu entwickeln“, so Rentzing.

Im Klartext heißt das: Die Kirche soll mit der AfD „eine gemeinsame Sicht auf unsere gemeinsame Zukunft“ entwickeln. Nach Rentzing soll die Kirche es tatsächlich als ihre Aufgabe ansehen, mit den Rechtsnationalisten der AfD zusammenzuarbeiten – mit einer Bundestagsabgeordneten Verena Hartmann, die per Tweet den Tag der Geburt von Angela Merkel verflucht; mit einem Bundestagsabgeordneten Siegbert Droese, der seinen Mercedes einige Jahre mit dem Nummernschild L-AH 1818 versehen hat; mit einer AfD-Parteispitze, die ihre Vorbilder in diktatorischen Autokraten wie Salvini, Trump, Orbán, Bolsonaro gefunden hat und deren verhängnisvolle Politik in Deutschland kopieren will; mit einem AfD-Landesvorsitzenden Jörg Urban, der offen den Schulterschluss mit Pegida und Lutz Bachmann vollzogen hat und den „Regimewechsel“ * vollziehen will; mit Wähler/innen der AfD, die in großen Teilen dieser Partei nicht trotz, sondern wegen ihres Rassismus und ihrer Demokratieverachtung die Stimme gegeben haben. Nur mühsam kann es gelingen, angesichts solch geistlicher Verblendung und politischer Ignoranz eines Landesbischofs noch die Fassung zu bewahren. Das sagt ein Bischof, der es seit seinem Amtsantritt nicht einmal für nötig befunden hat, mit den Pfarrerinnen und Pfarrern der Landeskirche darüber in einen Diskurs zu treten, wie denn Kirche dem Rechtsnationalismus begegnet und was unsere Aufgabe als Kirche ist, die Demokratie, Weltoffenheit, Pluralität (übrigens von Luther initiierte, aber leider verkannte Errungenschaften der Reformation!) zu verteidigen und zu entwickeln. Das sagt ein Bischof, der offensichtlich null Interesse daran hat, den theologisch-biblischen Befund in die Debatte einzubringen, dass Nationalismus, völkisches Denken, Menschenfeindlichkeit keinen Platz im christlichen Glauben haben können. Das sagt ein Bischof, der offensichtlich überhaupt nicht auf dem Schirm hat, welche Demokratiedefizite die Kirche heute selbst aufweist und damit die mangelnde Demokratieentwicklung in Sachsen nach 1989/90 mit zu verantworten hat. Das sagt ein Bischof, der kirchlicherseits den verhängnisvollen Kurs befördert, mit einer aberwitzigen „Strukturreform“ den ländlichen Raum auszutrocknen und das höchste Gut kirchlicher Arbeit verkümmern lässt: die Menschennähe.

Diese Erklärung Rentzings zeigt in dramatischer Weise auf, dass die sächsische Landeskirche – ungeachtet manch löblicher Initiativen an der Basis – keinen entschlossenen Kampf gegen den Rechtsnationalismus führt, sondern viel zu sehr die Menschen darin bestärkt, dass man Christ sein und der rassistischen Ideologie der AfD folgen kann. Vieles, was Rentzing von sich gibt und wozu er schweigt, erinnert fatal an die Haltung der Kirche in der Weimarer Republik und zur Nazizeit in den 20er/30er Jahren des vorigen Jahrhunderts – als sich insbesondere die Kirchenleitungen blind und willig den Nazis an die Brust geworfen haben in der irrigen Überzeugung, diese würden den Willen Gottes vollstrecken. Noch erschreckender aber ist, dass die sächsische Kirchenleitung weder in der Lage ist, noch Interesse zeigt, in dieser aufgewühlten Umbruchzeit Orientierung zu geben und von den Glaubensgrundlagen her eine klare Position zu beziehen gegenüber denjenigen, die eben keine Fragen stellen (seit wann stellt die AfD Fragen?), sondern die Hass und Hetze zum Prinzip ihrer Politik machen, völkischen Nationalismus und den „System“- bzw. „Regime“-Wechsel, also weg von der rechtsstaatlichen Demokratie des Grundgesetzes, betreiben und für ihr Neuheidentum noch die Zustimmung der Kirchen erwarten, um ihre Propaganda zu unterfüttern. Hat die sächsische Landeskirche immer noch nicht begriffen, dass für die AfD Kirchlichkeit genauso wie deren neu entdeckte „Bürgerlichkeit“ lediglich propagandistische Hülsen sind, die den Kern des militanten Rechtsextremismus verbergen sollen?

Karl Barth (1886-1968)

Das alles geschieht in einem Jahr, das die Evangelische Kirche in Deutschland zum „Karl-Barth-Jahr“ ausgerufen hat – jenen großartigen Theologen (sein Lehrstuhl an der Universität Bonn wurde ihm 1934 von den Nazis entzogen), der wie Dietrich Bonhoeffer von Anfang an einen klaren, theologisch wohl begründeten und demokratisch geprägten Blick auf die Verantwortung der Kirche und den Zustand Gesellschaft hatte und jede Art von Kumpanei mit den Nationalsozialisten ablehnte. Wie wäre es, wenn Landesbischof Rentzing – statt weiter unsägliche Botschaften in die Welt zu senden – einmal in aller Ruhe Barths Schrift „Theologische Existenz heute!“ vom 25. Juni 1933 studiert und dann noch einmal das reflektiert, was sich vor der Tür seines Amtssitzes in Dresden abspielt und welche Verantwortung unserer Kirche daraus erwächst. Wie wäre es, wenn er dabei unterstützt wird von einer hoffentlich aufwachenden Theologischen Fakultät, die sich endlich am gesellschaftspolitischen Diskurs beteiligt, anstatt im akademischen Dämmerzustand zu verharren. „In der ihm aufgetragenen besonderen Sorge muß der Theologe wach bleiben, ein einsamer Vogel auf dem Dach, auf der Erde also, aber unter dem offenen, weit und unbedingt offenen Himmel. Wenn doch der deutsche evangelische Theologe wach bleiben oder, wenn er geschlafen haben sollte, heute, heute wieder wach werden sollte!“ (Karl Barth, Theologische Existenz heute!, Beiheft Nr. 2 von „Zwischen den Zeiten“, München 1933, S. 40)

Das alles auch anders, wacher, deutlicher geht, zeigen die unmissverständlichen Äußerungen des Bischofs der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz Markus Dröge.

* Jörg Urban auf Facebook am 24.08.2018: „Auch das derzeitige Regime werden wir mit Hilfe der vernünftig denkenden Menschen zum Einsturz bringen! […] In Sachsen begann bereits 1989 die friedliche Revolution, die ein verrottetes Regime zum Einsturz brachte. Es sieht derzeit ganz so aus, als wäre Geschichte mit einer starken Volkspartei AfD wiederholbar.“

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