Wer heute versucht, die verworrene gesellschafts- wie weltpolitische Lage zu beschreiben, wird an drei Entwicklungen nicht vorbeikommen:
- die allgegenwärtige Gewalt und ihre zunehmende Relativierung und Normalisierung – zwischen rivalisierenden Menschen(gruppen), in Kriegen, durch Hochrüstung (= ein scheinbar legitimer, weil staatlich veranlasster Aufbau eines gigantischen Gewaltapparates);
- das Vertrauen, das zur Mangelware geworden ist und immer mehr zerbröselt;
- die katastrophalen Folgen des Klimawandels – und gleichzeitig werden weltweit die Klimaschutzmaßnahmen zurückgefahren.
Alle drei Entwicklungen zeigen auf, dass wesentliche Grundwerte in eine Schieflage geraten sind und an Selbstverständlichkeit verloren haben. Dieser Erosionsprozess von Grundlagen des gesellschaftlichen Zusammenhalts korrespondiert mit dem Niedergang der Kirchen in Mitteleuropa und dem Aufstieg rechtsradikaler Parteien weltweit. Auch wenn die Kirchen durch den Missbrauchsskandal sowohl Vertrauen verspielt haben, wie ihr eigenes Gewaltpotential offenbaren mussten – die Kirchen sind von ihrer Botschaft her Sachwalter von Vertrauen, Gewaltlosigkeit und Bewahrung der Schöpfung. Sie haben nach 1945 mit dafür gesorgt, dass diese drei Grundhaltungen in allen Generationen präsent sind und Akzepotanz gefunden haben. Wenn die Kirchen aber eine immer geringere Rolle spielen und damit auch ihr Wertekanon an Bedeutung verliert, hat das unmittelbare Auswirkungen auf das gesellschaftliche Leben. Es fehlen der moralische Einspruch sowie eine lebendige Auseinandersetzung um die Bedeutung
- der Gewaltlosigkeit als Ausgangspunkt aller Friedenspolitik;
- eines getrösteten Gottvertrauens für die Persönlichkeitsentwicklung eines Menschen;
- des Auftrags, die Erde zu bebauen und zu bewahren (1. Mose 2,15).
Eine solche Auseinandersetzung ist aber dringend erforderlich, damit die Ursachen von gesellschaftlichen Verwerfungen nicht einseitig auf die derzeit Regierenden abgeladen werden und das Verantwortungsbewusstsein gefördert wird. Denn das ist schon auffällig: Für alle Missstände der Gesellschaft werden die demokratischen Parteien sowie die staatlichen Institutionen schuldhaft verantwortlich gemacht und mit einem Vertrauensentzug bestraft. Doch weder kann eine demokratische Gesellschaft funktionieren, wenn sich die eigentlichen Hauptakteure der Demokratie, nämlich die Bürgerinnen und Bürger, wie in einem Stadion auf der Zuschauertribüne wähnen und das Spiel der Politiker:innen beobachten und lautstark kommentieren; noch unterscheidet sich ein Parlament oder eine Regierung in nichts von einem Lehrer:innenkollegium einer x-beliebigen Schule, einem Betriebsrat, Konzern- oder Kirchenvorstand. Dort sitzen keine besseren oder schlechteren Menschen als in den Parlamenten oder an den Kabinettstischen. Der einzige Unterschied: Das, was in politischen Gremien vor sich geht, findet in aller Öffentlichkeit statt.
Wir sollten uns also sehr bewusst machen: Die Unzulänglichkeiten in der Entscheidungsfindung politischer Gremien, der Mangel an Überzeugungskraft von Politiker:innen, die oft wenig markanten Persönlichkeiten im politischen Raum sind nicht typisch für Parteien, Parlamente oder Regierungen. Dies alles ist vielmehr Ausdruck unserer Zeit und deutliches Zeichen für den Verlust von einem Wertegerüst und einem offensichtlich nicht vorhandenen Konsens über grundlegende Überzeugungen. In dieses Vakuum drängen rechtsnationalistische Parteien wie die AfD. Sie gaukeln den Menschen vor, dass durch völkisch-kulturelle Homogenität und Gleichförmigkeit, die aber nur über den Ausschluss missliebiger Bevölkerungsgruppen zu haben sind, Probleme „gelöst“ werden können. Doch gerade diese Gruppen verschärfen programmatisch die innergesellschaftliche Gewaltbereitschaft (alles, was stört, muss verschwinden), sie zerstören Vertrauen, weil sie das Misstrauen gegen Anderslebende zum Programm erheben, und sie verleugnen die Tatsache, dass dem Klimaschutz höchste Priorität eingeräumt werden muss. Sie stilisieren sich selbst und „das Volk“ zum Opfer, um den „Tag der Abrechnung“ mit den Tätern zu beschwören.
Wenn es eine Institution gibt, die jetzt den gesellschaftlichen Konsens fördern und gleichzeitig der AfD das Wasser abgraben muss, dann sind es die Kirchen. Trotz ihrer Krise haben sie hier eine herausragende Aufgabe – und zwar im Bereich der drei genannten Entwicklungen:
- Der Verzicht auf Gewalt bzw. die Aufgabe, alles zu tun, um Gewalt zu minimieren, muss Inhalt kirchlicher Aktivitäten bleiben, sein und werden. Dazu gehört auch, dem fatalen Weg der Milliarden verschlingenden Hochrüstung jede moralische Legitimität zu entziehen. „Keine Gewalt“, der Ruf aus den Friedensgebeten in der Nikolaikirche und Ausgangspunkt der Friedlichen Revolution 1989/90, ist keine Schönwetterparole frömmelnder Pazifisten, sondern Grundlage der demokratischen Gesellschaft und ihrer Verteidigungsbereitschaft. Dass das derzeit völlig in den Hintergrund geraten ist, muss die Kirchen auf den Plan rufen.
- Das Vertrauen ist das höchste Gut in der zwischenmenschlichen Beziehung. Das gilt individuell wie gesellschaftlich. Wenn derzeit das Vertrauen in die staatlichen Institutionen und in die Demokratie schwindet, dann ist das nicht nur ein Alarmzeichen. Darin bildet sich auch ab, dass es in der Gesellschaft, also bei jedem von uns, an Vertrauen, an Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, und an Verlässlichkeit mangelt. Hier hat Kirche die Aufgabe, daran zu erinnern: Alles Vertrauen hat seinen Grund in dem Vertrauen, dass Gott uns Menschen entgegenbringt und wir darum mit Gottvertrauen beantworten. Dieses Vertrauen stärkt nicht nur das eigene Selbstbewusstsein, sondern bewahrt auch vor einer Misstrauenskultur und davor, vorschnell haltlosen Versprechungen zu vertrauen.
- Auch wenn die Kirchen von der Endlichkeit und Vergänglichkeit alles Seins ausgehen – der Auftrag, die Schöpfung Gottes zu bebauen und zu bewahren, bleibt. Darum hat Kirche die Aufgabe, Menschen zu einer resourcenfreundlichen Lebensweise zu ermutigen und allen Bestrebungen zu widerstehen, jetzt die Augen vor den Folgen ungehemmter Resourcenvernichtung zu verschließen. Ausgangspunkt ist nicht, die Welt zu retten, sondern unserem Auftrag gerecht zu werden.
Es ist kein Zufall, dass Autokraten und rechtsnationalistische Parteien weltweit ungehemmt die Natur ausbeuten, eine brachiale Gewaltpolitik betreiben und Menschengruppen gegeneinander aufbringen, um ihre Macht zu sichern. Das erkaufen sie sich mit Gewalt, gezielter Zerstörung von Vertrauen und einer ungehemmten Bereicherungspolitik. Bleibt die Frage: Warum fallen immer wieder Millionen Menschen auf diesen Irrsinn herein? Warum wählen Menschen eine AfD, obwohl der Weg ins Verderben vorgezeichnet ist? Könnte die Antwort darin liegen, dass die demokratischen Parteien viel zu unentschlossen, viel zu nachlässig auf die drei beschriebenen Entwicklungen reagieren und damit die Anschlussfähigkeit an Autokraten fördern? Kirche jedenfalls sollte das Ihre dazu beitragen, dass Menschen der Rücken gestärkt wird und in die Grundwerte des Glaubens mehr Vertrauen gesetzt wird als in die vergifteten Heilsversprechen der Polit-Verführer:innen.
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Nachtrag
Ein Freund machte mich aufmerksam auf einen Artikel von Johanna di Blasi auf Reflab, eine digitale Initiative der Reformierten Kirche im Kanton Zürich. di Blasi setzt sich in dem Artikel „Berlin steht zusammen!“ mit dem Terroranschlag auf der CSD-Demo in Berlin am 25. Juli 2026 auseinander.
Zahlreiche wissenschaftliche Studien zeigen inzwischen, dass die Wut in unseren Gesellschaften zunimmt. Diese Entwicklung gilt als mindestens ebenso beunruhigend wie andere grosse gesellschaftliche Risiken, weil sie das soziale Gefüge zunehmend belastet.
An der jüngsten Konferenz der European Academy of Religion in Rom stand dieses Thema im Zentrum einer Keynote des Ökonomen Yann Algan zu Demokratie, Emotionen und gesellschaftlicher Fragmentierung. Algan ist Director des HEC Institute und Professor für Volkswirtschaftslehre an der HEC Paris. Er forscht zur Rolle von Emotionen, Vertrauen und Wohlbefinden in Organisationen und Gesellschaften. Sein Befund: Wenn Institutionen verschwinden, füllt die Wut den Raum.
Algan beschreibt einen tiefgreifenden Wandel des emotionalen Klimas: Institutionen, die früher soziale Beziehungen stabilisierten und Emotionen einordneten – Parteien, die Presse, traditionelle Gemeinschaften, Kirchen –, verlieren an Einfluss. An ihre Stelle treten direktere, ungefilterte emotionale Beziehungen, stärker geprägt von spontanen Gefühlen. Über Jahrzehnte war Hoffnung eine prägende politische Kraft, von Winston Churchill bis Martin Luther King. Heute ist Wut zur dominierenden Emotion geworden.
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27 Kommentare
Sehr geehrter Herr Thomas Braunschweig; eine professionelle Ergänzung zum Beitrag von Chr. Wolff, danke! Die neuesten Ambitionen der Wagenknecht-Selektion, jüngst veröffentlicht von Co-Vorsitzender Amira Mohamed Ali: „Unser Ziel ist die Abwahl des CDU-Amtsinhabers“, Man wolle stattdessen einen überparteilichen Ministerpräsidenten, der mit wechselnden Mehrheiten regiere. „Auch unter Einbeziehung der AfD. Ganz egal, wie man zu den Positionen dieser Partei steht; wenn sie rund 40 Prozent der Wählerstimmen erhalten, kann man sie nicht komplett ignorieren.“. Das hat ebenfalls etwas mit unkontrollierte Wut und fassungsloser Emotionalität zu tun, niemals mit politischer Weitsicht und kontrollierter Klugheit. Unsere Demokratie wird demontiert! Von der Eitelkeitsgetriebenheit der BSW nicht zu schweigen. Nun müsste die LINKE endlich aufwachen und konstruktiv tätig werden. Das Sommerinterview mit Pantisano offenbart einige bedenkliche Schwächen in der Argumentation. Jo.Flade
Ich glaube, vielen ist die Demokratie nichts mehr wert. Im Nachtrag zum Blogbeitrag wird Yann Algan zitiert: „Institutionen, die früher soziale Beziehungen stabilisierten und Emotionen einordneten – Parteien, die Presse, traditionelle Gemeinschaften, Kirchen –, verlieren an Einfluss. An ihre Stelle treten direktere, ungefilterte emotionale Beziehungen, stärker geprägt von spontanen Gefühlen. Über Jahrzehnte war Hoffnung eine prägende politische Kraft, von Winston Churchill bis Martin Luther King. Heute ist Wut zur dominierenden Emotion geworden.“
Vielleicht stimmt dieser Satz, zumindest kann man das so beobachten. Diesen Zustand zu korrigieren, ist nicht einfach, weil die Hoffnung auf ein gutes Ende für alle schwindet. Die Medien, vor allem die meinungsbildenden, gehören überwiegend großen Konzernen, die auf die Meinungssetzung der Medien Einfluss nehmen. Sie haben zusammen mit den sozialen Medien die Bildung des Zeitgeistes übernommen
Die Parteien haben ihre klassische Klientel verloren, besonders die SPD aber auch die Grünen, es scheint aber auch bei der CDU loszugehen. Das hat verschiedene Ursachen. Der Neoliberalismus verhindert eine sozial ausgewogene Politik, was zu einer Spaltung der Gesellschaft führte. Wegen der Wahlergebnisse mussten die großen Parteien aufeinander zugehen. Die CDU ist vielen nicht mehr konservativ genug. Die SPD hat mit ihrer, dem Neoliberalismus geschuldeten, Agenda 2010 viele ihrer Anhänger enttäuscht und verloren, weil der nachfolgende Aufschwung viel auf prekärer Beschäftigung beruhte, besonders hier im Osten. Auch im neuen Reformpaket ist ein SPD-Einfluss kaum erkennbar. Das ist auch schwierig, weil die Mehrheit inzwischen konservativ (Union und AfD zusammen) gewählt hat.
Auch die Kirchen haben ein Problem, wieder stabilisierende Kraft zu werden. Sie schleppen den Gebäudebestand und die zu zahlende Pensionslast bei schwindender Mitgliederzahl mit sich herum, der ihre Bewegungsfreiheit behindern. Außerdem gelingt es ihnen nicht überzeugend, im Missbrauchsskandal vor die Welle zu kommen. Hinzu kommt, dass immer mehr die Zahlungen des Staates an die Kirchen öffentlich kritisiert werden. Damit möchte ich sagen, dass alle Institutionen, die die sozialen Beziehungen stabilisieren könnten, vorher ihre Glaubwürdigkeit wiedererlangen müssen. Das geht nur mit absoluter Ehrlichkeit.
Es sind die vorhandenen Probleme, die die Menschen belasten: Angst vor Wohlstandsverlust, Angst vor Krieg, Angst vor den Folgen des Klimawandels (auch wenn man sich den menschengemachten Klimawandel nicht eingestehen möchte), Angst vor einem Zusammenbruch der Energieversorgung, weshalb man die hochsubventionierte Atomenergie als Lösung sieht und nicht zuletzt die Angst vor der KI, die sich inzwischen schon in größerem Maße selbständig macht, als Urheberrechte zu verletzen und vieles andere.
Manchmal kommt einem die Bundesrepublik so vor, wie die DDR in ihrem Endzustand. Ich war gerade einige Male mit der Bahn unterwegs, war nie pünktlich und habe auch nicht alle Anschlüsse erreicht. Was passiert in Bonn, wenn die zweite Rheinbrücke wegen der jetzt höheren Belastung ihren Geist aufgibt. Vielleicht sollten sich die Regierung und die (demokratische) Opposition zusammensetzen und alle Karten ehrlich auf den Tisch legen. Auf dieser Grundlage könnte man die großen Linien definieren, die Politik über Wahlperioden hinaus einhalten sollten. Dazu gehören der menschengemachte Klimawandel, Umstellung der Energieversorgung, sozial gerechte Verteilung der Einnahmen aus der CO2-Bepreisung, Unterstützung der Kommunen beim Umbau der Wärmeversorgung, Verkehrswende, Regulierung der KI und wirksame Schutzmaßnahmen, die Friedens- und die Sozialpolitik um einige zu nennen. Die Kirche könnte die Moderation dieses Prozesses übernehmen und dafür sorgen, dass er nicht im Sande verläuft. Gleichzeitig muss sie aber an ihrer Basis dort wieder Fuß fassen, wo sie ihn gerade verliert. Beides geht nur gemeinsam.
Ich habe am Freitag an der Trauerfeier für meinen ehemaligen Gemeindepfarrer teilgenommen. Er vermochte es, vor 1989 so zu predigen, dass man wieder für ein zwei Wochen die eigene Resignation bekämpfen konnte. Immer, wenn ich ihn in den letzten Jahren traf, gaben mir unsere Gespräche viel Stoff zum Nachdenken, gerade auch in Bezug auf den aufkommenden Hass in der Gesellschaft. Das ging nicht nur mir so, sondern allen, mit denen ich zur Trauerfeier sprach.
Auch eine nachhaltige Konfirmanden- und Jugendarbeit könnte über die eigene Blase hinaus wirken, wenn es gelingt, die Jugendlichen zu begeistern. Nun müsste man noch die Gleichgültigen gewinnen, denen offenbar eine Machtübernahme der AfD und damit das Schicksal der Demokratie in unserem Lande egal ist. Ich war vorgestern zur PRÜF-Demo in Magdeburg und enttäuscht, dass bei der letzten Demo vor der Landtagswahl dort nur etwa 1000 Menschen zusammengekommen waren und dass sich kaum einer der Passanten dem friedlichen Demonstrationszug angeschlossen hat.
Wenn die Politik Vertrauen zurückgewinnen will, dann geht das nur mit Ehrlichkeit. Dabei sollte die Kirche helfen.
Lieber Joh. Lerchner – die politische Dramatik offenbart sich innerhalb dieses Reform-Exodus gerade an einem der ziemlich problematischen Merz-Reformen (M. Luther war mit seiner Reformation wesentlich schneller und konsequenter) derzeit an der sogenannten Rentenreform. Und bemerkenswert, wie ein Herr Torsten Frei als Ersatz für Jens Spahn sofort seine Stimme neben anderen erhebt und die Skeptiker aus den noch immer „Neuen Bundesländern“ (der 3. Oktober war 1990!) gelinde formuliert öffentlich desavouiert, CDU/CSU-Parteiniks übrigens! In knapp vier Wochen wird im Osten gewählt, die nach wie vor ungelösten, mannigfachen Probleme treiben die Bürger heftig um und wie Chr. Wolff auf Ihren Kommentar formuliert, „…werden Regierungen werden aufgrund der Stimmabgabe der Wähler:innen gebildet und sind von dem Moment an allen Bürger:innen verpflichtet. Allein das schafft zwischen Regierenden und ihrer Partei ein ständiges Konfliktfeld“. Es geht um das Beackern dieses Konfliktfeldes, was wurde gesät, es wird geerntet und wie bekommt uns allen diese Ernten aus den verschiedenen Feldern? Spricht man mit Menschen, Bürgern dieser Demokratie im Erzgebirge, in der Sächsischen Schweiz, in Mecklenburg-Vorpommern, in den entlegensten Winkeln, wird vieles sehr deutlich – Sie haben es beschrieben. Nur aus Allem sehe auch ich immer wieder die Kernfrage: Was ist hier nun endlich zu tun? Wir haben es mit einem Bundeskanzler zu tun, der höchst umstritten ist, a priori in seiner CDU, auch als Parteichef. All seine Personalumstrukturierungen machen kaum glücklich, lösen kein Problem, er ist nicht nur von der Basis weit entfernt, und es scheint eine zunehmende Ratlosigkeit um sich zu greifen, innerlich wie äußerlich. Was tun, sprach Zeus? Muss es wirklich erst zusammenkrachen, bevor hier endlich Wachheit und Tun beginnt? Es wird allerorten geredet, gestritten, sich beleidigt, die Wirtschaft dümpelt, das Klima zerreißt die Köpfe, die Flüsse, das bisher fließende leben strandet auf Sand und Steine, das Kopfschütteln wird immer lauter…Es gibt hier im Blog einige Kommentatoren, die engagiert sind, sich einbringen, mit taten intensiv dran bleiben – eine Minderheit. Und das sehe ich als besonders problematisch, ja gefährlich. Aber wem sage ich das.
Und was die Erklärungen der Ev.-Kirche anbelangt (Kriegskonflikte, weniger als eine weiche Haltung zu Aufrüstung) – nun ja, der Landpfleger verwundert sich sehr! Wolff legt längst seine Finger in diese Wunden und wird nicht nur bejaht in seiner Haltung. Dieser Blog demonstriert ja überdeutlich, wie ambivalent die Dinge gesehen und interpretiert werden, wie soll es dann nur in praxi funktionieren??
Es stehen uns heiße Zeiten bevor, nicht nur klimatisch…die kühlen Köpfe werden rarer. ich grüße Sie; Jo.Flade
Eine Hochrüstung, die dringend benötigte Ressourcen verschlingt und für weniger Sicherheit sorgt (Lerchner), eine Friedensdenkschrift, die das Papier nicht wert ist (Wolff), diese Verbalakrobatik der evangelischen Kirche, die ihre ganze Kapitulationsbereitschaft zeigt und „Friedenstauglichkeit“ in ihrer Alibi-Schwammigkeit (Schwerdtfeger) – so lauten die Beschreibungen der Denkschrift des Rates der EKD „Welt in Unordnung“.
Tatsächlich steht in der Denkschrift:
Der Schutz vor Gewalt gilt als grundlegendes Gut, weil angesichts der direkten Bedrohung von Leib und Leben eine Durchsetzung der anderen Dimensionen kaum denkbar ist. Staatliches und zwischenstaatliches Handeln werden durch Recht reguliert. Zur Durchsetzung dieses Rechts kann Gegengewalt nötig sein. Diese Gegengewalt wird in der Figur „rechtserhaltender Gewalt“ gefasst. Rechtserhaltende Gewalt ist an sehr strenge Bedingungen gebunden. Sie darf nur als „ultima ratio“ angewendet werden, also dann, wenn alle gewaltfreien Mittel er schöpft sind. Sie muss darüber hinaus verhältnismäßig und mit friedenssichernder Absicht erfolgen. Die ethische Figur „rechtserhaltender Gewalt“ grenzt sich damit sowohl vom Pazifismus im Sinne absoluten Gewaltverzichts ab als auch von einer Legitimierung militärischer Gewalt als Regelinstrument. Christlicher Pazifismus ist als allgemeine politische Theorie ethisch nicht zu begründen. Er ist aber als Ausdruck individueller Gewissensentscheidung zu würdigen.
Sollten Waffenlieferungen erfolgen, sind die Kriterien rechtserhaltender Gewalt analog anzuwenden. Die Entscheidung für Waffenlieferungen und Rüstungsexporten wird sich daran messen lassen müssen, dass eine Eskalation der Gewalt vermieden wird. Festzuhalten ist, dass aus prinzipiellen Erwägungen (Opferschutz, Sanktionierung des Rechtsbruchs, legitime Regierungsführung) die Lieferung von Waffen geboten sein kann, dass es dazu aber außerhalb von Bündnissystemen weder eine Rechts- noch eine moralische Pflicht geben darf.
In bestimmten Fällen stehen das Tötungsverbot des 5. Gebots, das die Bergpredigt mit dem Gebot der Liebe auch gegenüber den „Feinden“ radikalisiert (Matthäus 5,44), und das Schutzgebot gegen über den Nächsten, das sich in der Herrschaft des Gesetzes ausdrückt, in Widerstreit. Denn das Schutzgebot kann es erforderlich machen, denjenigen notfalls auch unter Androhung und Anwendung von Gewalt Einhalt zu gebieten, die das Leben, die Freiheit oder das Hab und Gut der Mitmenschen bedrohen. (Zitat Ende)
Ich finde, der Art und Weise, wie die Denkschrift das Dilemma der responsibility to protect angeht, werden die eingangs wiedergegebenen „Alles Mist“-Urteile überhaupt nicht gerecht.
Lieber Kurt, meine eher polemische Bemerkung wird dem Gesamtinhalt nicht gerecht. Da gebe ich Dir Recht. Meine Enttäuschung liegt darin, dass die eigenen Grundsätze zu schnell und tagespolitisch orientiert relativiert werden. Beispiel: Atomwaffen. Da heißt es, dass die Ächtung von Atomwaffen ethisch geboten ist. Dann aber folgt die Aussage, dass der Besitz von Nuklearwaffen politisch notwendig sein kann. Diese sich in der Denkschrift wiederholende Aufhebung der ethischen Grundposition wird mE der Aufgabe der Kirche nicht gerecht. Für mich kommt da zum Vorschein, ethische Grundpositionen mit der derzeitigen Politik der Bundesregierung kompatibel zu machen.
Lieber Christian, in der Denkschrift wird die Aussage, dass der Besitz von Nuklearwaffen politisch notwendig sein kann, sofort damit begründet, dass der Verzicht eine schwerwiegende Bedrohungslage für einzelne Staaten bedeuten könne. Dies führe in ein Dilemma: Egal welche Option gewählt wird, die Verantwortlichen machten sich schuldig. Soweit die Denkschrift. – So habe ich 1974 als Rekrut das Zusammenwirken konventioneller Verteidigung mit dem atomaren Schutzschild der US-amerikanischen Interkontinentalraketen als unausweichlich verstanden. Aber darin, dass die Nachbarbatterie regelmäßig unter der Leitung von zwei US-Sergeants das Verschießen von Atomgranaten (155 mm), „kleinste“ taktische Atomwaffe, übte, habe ich – auch bereits damals – selbstmörderischen Schwachsinn gesehen. Dafür braucht’s keine ethische Begründung, bei der Reichweite der damaligen M 109-Haubitze (18 km) reichte das kleine Einmaleins. Erklärlich war diese „nukleare Teilhabe“ nur mit der Funktion Europas als Vorfeld US-amerikanischer Hemisphäre. (Deshalb ist auch die Trittbrettfahrer-These falsch.) Als dann 1981 die Neutronenbombe in Deutschland stationiert wurde und zunächst als fortschrittlich gerühmt wurde (denn die Infrastruktur sollte angeblich unbeschädigt bleiben), war ich kurz vor der Kriegsdienstverweigerung.
Zur sog. nuklearen Teilhabe, dem Einsatz der Atombombe durch die Bundeswehr, heißt es in der Denkschrift:
Die Teilhabe an nuklearer Abschreckung darf keinesfalls als Normalität hingenommen werden. Sie ist stets von glaubwürdigen Initiativen zu Rüstungskontrolle, Gewaltminimierung und vertrauensbildender Diplomatie zu begleiten. – Man mag das als zu brave Formulierung ansehen, auch im Blick darauf, dass Deutschland Unterzeichnerstaat des Atomwaffensperrvertrags ist. Indessen liegt m.E. hier die hauptsächliche politische Aufgabe der Kirchen in Bezug auf Atomwaffen: Anzugehen gegen die irrige Vorstellung, ein auf das sog. Gefechtsfeld beschränkter Einsatz von Atomwaffen sei ethisch weniger bedenklich als das „Gleichgewicht des Schreckens“ zwischen den atomaren Großmächten USA und Russland, deren Risiko-Einbeziehung als Erstschlags-Kandidat, der dann bekanntlich als zweiter stirbt. Insofern ist die Denkschrift mit ihrer Differenzierung in Ächtung und Notwendigkeit von Atomwaffen durchaus auf dem richtigen Weg. Man sollte die von ihr ausgehenden Mahnungen an die Adresse deutscher Verteidigungspolitik nicht in Abrede stellen. Sie macht sie nicht kompatibel.
Lieber Herr Hoellger,
es scheint, dass Sie etwas verwechselt haben. Es ging mir nicht um die EKD-Denkschrift „Welt in Unordnung“, sondern ich habe zum wiederholten Mal das „Ökumenische Rahmenkonzept: Seelsorge und Akutintervention im Spannungs-, Bündnis- und Verteidigungsfall“ als Beitrag zur Kriegsertüchtigungskampagne in Deutschland kritisiert (https://www.ekd.de/oekumenisches-rahmenkonzept-seelsorge-95115.htm). Deren Verfasser haben mit Akribie und Eifer zusammengetragen, womit sich die Kirchen in einem Krieg in Deutschland nützlich machen könnten. So z. B. bei der seelsorgerlichen Betreuung des Wachpersonals von Kriegsgefangenlagern oder bei der Betreuung von Angehörigen im Krieg getöteter deutscher Soldaten und Soldatinnen. In ähnlicher Weise beschäftigen sich Leute aus dem Gesundheitswesen mit den verfügbaren Krankenhauskapazitäten, damit gegebenenfalls die täglich tausend neuanfallenden Verwundeten behandelt werden können. Eine führende Grünen-Politikerin hat unlängst darüber sinniert, inwieweit auch Rentner zur Kriegstüchtigkeit beitragen könnten, und ist zu dem Schluss gekommen, mit dem Dienst an der Gulaschkanone wären sie eine Hilfe bei der Beköstigung der gen Osten marschierenden Heere. Was ist gegen solche anscheinend nützlichen Aktivitäten einzuwenden? Mein Problem ist, dass diesen zunehmend der Gedanke zugrunde liegt, ein Krieg mit Deutschland im Zentrum wäre, würde man es nur clever genug anstellen, irgendwie machbar. Das finde ich das Schlimme und eben auch Dumme an diesem Kriegsertüchtigungswahn. Denn ein solcher Krieg darf nicht stattfinden. Unter keinen Umständen. Egal, wer diesen Krieg gewinnt, er wird mit großer Sicherheit eine Welt hinterlassen, die für meine Enkel und Urenkel nicht mehr lebenswert ist. Deshalb möchte ich nicht jeden Tag einen neuen Kriegsertüchtigungspsalm hören, sondern ich erwarte gerade von den Kirchen realistische Vorschläge und Ideen, wie der immer stärker werdenden Kriegsgefahr begegnet werden kann. Und Druck von Ihnen auf die Regierenden, sich einer glaubhaften Friedenspolitik zuzuwenden, jenseits von einfältigem Abschreckungsgerede. Dann sollen sie sich von mir aus auch mit worst-case-Szenarien befassen.
Viele Grüße, Johannes Lerchner
PS: Eine recht kirchenfreundliche Kritik des „Ökumenischen Rahmenkonzepts …“ finden Sie im Sonntagsblatt (https://www.sonntagsblatt.de/kirchen-arbeitspapier-seelsorge-krieg).
Zu dieser Ihren Feststellung, Herr Schwerdtfeger (Zitat): „…dass ein solcher Antrag auf die Wahlen dieses Herbstes eher kontraproduktive Auswirkungen hätte.“ erhebt sich sofort die konkrete Frage an Sie, was SIE defacto tun zur Stabilisierung unserer gefährdeten Demokratie, um diese AfD demnächst nicht an die Regierungen Berlins, Sachsen-Anhalts und Meck.-Pom. zu lassen. All Ihre theoretischen Auswürfe dürften wohl kaum irgend etwas bewirken. Da sind andere in diesem Blog eindeutig klarer und konkreter, vor allem schreiben und reden sie nicht, sie tun etwas! Tschüß – „Ihr“ Jo.Flade
Die Attribute extensive Gewalt und Klimakatastrophe beschreiben die heutige Welt sicherlich zutreffend. Beim Thema Vertrauen würde ich es jedoch eher mit W. I. Lenin und Ronald Reagan halten („Dowerjai, no prowerjai“, „Trust, but verify“). Die Bemerkung, dass „die demokratischen Parteien viel zu unentschlossen auf die drei beschriebenen Entwicklungen reagieren, …“, ist mir allerdings unverständlich. Mehr noch, ich halte sie für irreführend. Selbstverständlich sind die gesellschaftlichen Verwerfungen Folge des politischen Handelns von Regierungen, früherer und der derzeitigen. Zu den kriegerischen Eskalationen und dem Unvermögen, auf den Klimawandel zweckmäßig zu reagieren, kommen noch die Verschärfung sozialer Gegensätze im Lande und auch die Gewalt im Inneren in Form von Kriminalität. Da in demokratischen Systemen Regierungen den Willen gewählter Parteien exekutieren, sind es letztendlich die Parteien als Interessenvertreter bestimmter gesellschaftlicher Kreise, die zu Recht in der Kritik stehen. Die „Unzulänglichkeit in der Entscheidungsfindung politischer Gremien“ oder der „Mangel an Überzeugungskraft“ von Politikern und überhaupt der Mangel an „markanten Persönlichkeiten“ im Politikbetrieb sind m. E. Sekundäraspekte. Entscheidend ist, welche Interessen bestimmte Parteien/Politiker vertreten, ob nun offen oder verdeckt. Ich erspare es mir, dieses zum wiederholten Male am Beispiel des derzeit forcierten Sozialabbaus und anhand der gegenwärtigen exorbitanten Hochrüstung durchzudeklinieren. Einer Hochrüstung, die z. Z. und in naher Zukunft an anderer Stelle dringend benötigte Ressourcen verschlingt und nicht für mehr, sondern für weniger Sicherheit sorgt. Die Gefechtslage ist nicht immer klar. Jede Seite versucht, die von ihr angestrebte bzw. praktizierte Politik als dem Gemeinwohl dienend und letztendlich als alternativlos zu verkaufen. Da das trotz aufwendiger Propaganda nicht immer gelingt, kann es zu Spannungen im Auftraggeber-Auftragnehmer-Verhältnis kommen, d. h. zur Unzufriedenheit der Wähler mit den von ihnen gewählten Parteien. Dass enttäuschte Wähler sich dann eventuell eine neue Repräsentanz suchen, sollte nicht verwundern. Auch nicht, wenn sie von ihren „Zuschauertribünen“ zu außerparlamentarischen Protestaktionen herabsteigen.
Dass die Kirchen eine wichtige Mediator-Funktion im Wechselspiel der Kräfte übernehmen könnten, ist sicherlich richtig. Vor allem, wenn sie übergeordnete Interessen (meinetwegen auch „Werte“) in den Vordergrund rücken. Diese gibt es schließlich auch. Ich erinnere mich sehr positiv an das Wirken herausragender Kirchenmänner an den Runden Tischen 1989/90 in der DDR. Bedenklich halte ich es, wenn Kirchen sich gemeinmachen mit den gegenwärtigen Kriegsvorbereitungen. Mit dem „Ökumenischen Rahmenkonzept Seelsorge und Akutintervention im Spannungs-, Bündnis- und Verteidigungsfall“; siehe FAZ 05.05.2026, „Die Kirchen machen sich kriegstüchtig“) leisten diese der wahnwitzigen Idee Vorschub, dass Kriege im Zentrum Europas führbar und gewinnbar sind. Dazu hätte man beim Thema „Gegenwärtige Rolle der Kirchen“ durchaus etwas sagen können.
Zwei Bemerkungen:
1. „Da in demokratischen Systemen Regierungen den Willen gewählter Parteien exekutieren, sind es letztendlich die Parteien als Interessenvertreter bestimmter gesellschaftlicher Kreise, die zu Recht in der Kritik stehen.“ Nein, in der Demokratie werden nie der „Wille gewählter Parteien exekutiert“. Regierungen werden aufgrund der Stimmabgabe der Wähler:innen gebildet unhd sind von dem Moment an allen Bürger:innen verpflichtet. Allein das schafft zwischen Regierenden und ihrer Partei ein ständiges Konfliktfeld.
2. Ich stimme zu, dass die offizielle Kirche (Rat der EKD) derzeit in Sachen Friedensauftrag versagt. Die sog. Friedensdenkschrift ist in meinen Augen das Papier nicht wert, auf dem sie steht: eine wohlwollende Kommentierung der gegenwärtigen Regierungspolitik, aber kein eigenständiger Beitrag der Kirche zum Friedensauftrag.
Art. 21 Grundgesetz: Die Parteien wirken bei der politischen Willensbildung des Volkes mit.
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In der Praxis bilden Parteien Koalitionsregierungen (die nicht unbedingt die Parlamentsmehrheit besitzen müssen) und versuchen, möglichst viel von ihren Regierungsprogrammen durchzusetzen. So funktioniert unser Modell der repräsentativen Demokratie.
Die Friedensdenkschrift der EKD „Welt in Unordnung – Gerechter Friede im Blick“ aus dem November 2025 ist sehr wohl ein „eigenständiger Beitrag der ev. Kirche zum Friedensauftrag“ und keine „wohlwollende Kommentierung der Regierungspolitik“.
Z. B. Kritik an Verteidigungsminister Pistorius: „Den Begriff „Kriegstauglichkeit“ lehnt sie (die ev. Kirche – K. P.) jedoch ab, da er dazu verleiten könnte, mit militärischen Fähigkeiten zu drohen oder den Krieg zu verherrlichen. Stattdessen bevorzugt sie den Begriff „Friedenstauglichkeit“.“ https://ogy.de/z3ze
Ja, Herr Plätzsch, und genau diese Verbalakrobatik der evangelischen Kirche Deutschlands zeigt ihre ganze Kapitulationsbereitschaft. Solange die Kirche sich mit Floskeln um eine inhaltliche Diskussion drückt, in der sie klar zu konkreten Verteidigungskonzepten – Bedrohung, Umfänge, Reaktionszeiten, Logistik und Verkehrsinfrastruktur, Eskalationsfragen, gesellschaftliche Unterstützung, vor allem auch durch Wehrbereitschaft, Notwendigkeit der Vorsorge, auch wenn die „zweite Säule“ von RüKo, Verifikation und VSBM hinterherhinkt – Stellung nähme (oder eben diese den Fachleuten überlässt), bleibt sie in Sachen Sicherheit unglaubwürdig und stellt damit die Existenz unserer freiheitlichen und rechtsstaatlichen Lebensgrundlagen infrage. Die „Friedenstauglichkeit“ der evangelischen Kirche hierzulande in ihrer Alibi-Schwammigkeit hätte die Russen in der Ukraine längst bis an deren Westgrenze geführt. Und der augenblickliche Mangel und dessen tödliche Folgen in der Ukraine an Luftverteidigungsmitteln ist Ausdruck der evangelischen Friedenstauglichkeit. Aber Wolff meint ja, dies sei ein Problem derjenigen, die nur über Waffen nachdenken – und irrt, denn ich denke auch über die Bergpredigt nach und frage mich, wie sehr diese der Ukraine wohl helfen könnte. Aber einer Antwort auf diese Frage ist Wolff schon im Falle IS ausgewichen und ich glaube, er wird sich auch jetzt drücken.
Andreas Schwerdtfeger
Abzustreiten, dass Regierungen versuchen, entsprechend der Agenda der sie tragenden Parteien zu handeln, finde ich weltfremd. Auch die These, Regierungen seien, einmal im Amt, den Interessen der Gesamtbevölkerung (aller Bürger) verpflichtet und gerieten dadurch zuweilen in Konflikt mit ihnen nahestehenden Parteizielen, ist fragwürdig. Zum einen reklamiert jede Partei für sich, mit ihren Zielen das Wohl der gesamten Bevölkerung im Auge zu haben. Vertreten sie in Wahrheit Minderheiteninteressen, muss mittels Propaganda zumindest der Anschein der Gemeinwohlorientierung geweckt werden, wollen sie in Machtposition kommen. Andererseits ist es fraglich, inwieweit überhaupt von allgemeinen Interessen der Bevölkerung gesprochen werden kann oder ob politische Prozesse nicht hauptsächlich vom Wechselspiel unterschiedlicher bzw. gegensätzlicher, durch Parteien kanalisierter Interessen einzelner Bevölkerungsgruppen angetrieben werden.
Offenbar wird es schwierig, wenn sich Parteien mit gegensätzlicher Programmatik in einer Regierung zusammenfinden. So wie es bei der derzeitigen Regierungskoalition der Fall ist. Die Unionsparteien setzten darauf, Wirtschaftswachstum dadurch zu erreichen, dass sie einerseits die Unternehmen steuerlich entlasten, durch Propagierung längerer Arbeitszeiten ohne Lohnausgleich Druck auf die Löhne ausüben und versuchen, die Arbeitsbedingungen zuungunsten der Arbeitnehmer zu flexibilisieren. Andererseits sollen Kürzungen im Sozialbereich, verbunden mit Appellen zum Verzicht und Gürtel enger schnallen, den finanziellen Spielraum für eine Angebotspolitik (an die Unternehmen) erweitern. Schließlich ist den Unionsparteien die Schuldenbremse im Prinzip nach wie vor heilig. Wie schon zu Zeiten der zu Unrecht glorifizierten Agenda 2010 besteht der wesentliche Gedanke hinter dieser Politik in der weiteren Erhöhung der preislichen Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft gegenüber dem Ausland. „Zufälligerweise“ wird diese Politik, so sie durchgesetzt wird, zu einer weiteren Umverteilung von unten nach oben führen. Dass Interessen im Spiel sind, ist unübersehbar.
Nicht zuletzt deshalb halten linke Ökonomen dagegen (so z. B. Gustav Horn und Tom Krebs aus dem Beraterkreis der SPD-Führung). Aber auch, weil der von den Reformvorhaben der Bundesregierung ausgeübte finanzielle Druck auf große Teile der Bevölkerung deren Kaufkraft schwächen und damit unmittelbar die Wirtschaft schädigen wird. Sie fordern ein ausgewogeneres Wachstumsmodell – weg von der einseitigen Exportorientierung, hin zu mehr Binnennachfrage. Die Abkehr von einer Exportorientierung ist in deren Augen auch deshalb notwendig, weil sich die potenziellen Handelspartner Deutschlands kaum noch einmal durch das deutsche Streben nach Handelsbilanzüberschüssen in eine Defizitrolle drängen lassen und mit Protektionismus kontern werden (s. die Trump-Regierung).
Es existieren also erhebliche Gegensätze in den Ansichten über eine erfolgreiche Wirtschafts- und Sozialpolitik, die kaum durch vernünftige Kompromisse überbrückbar sind. Und wo steht nun die SPD mit ihrer derzeitigen Führung in diesem Widerstreit der Ideen und Interessen? Da sie spätestens seit dem berühmt-berüchtigten Schröder-Blair-Papier aus dem Jahre 1999 ihre sozialdemokratische Seele (und massenhaft Wähler) verloren hat, fehlt es ihr an konzeptioneller Widerstandskraft, um den neoliberalen Anwandlungen rechter Koalitionspartner Substanzielles entgegensetzen zu können. Ihre derzeitige Hauptfunktion in der Regierung, das Schlimmste an sozialer Grausamkeit zu verhindern, wird den Niedergang der SPD nicht aufhalten. Sie kann sich wahrscheinlich nur dadurch retten, indem sie mittel- und langfristig um eine Machtoption links der Union ringt. Was ohne massive Aufklärungsarbeit über mögliche gesellschaftliche Alternativen zum Mainstream-Kurs nicht gelingen wird. Vor allem muss sie sich von dem allgegenwärtigen Geschwätz über einen vermeintlichen Mitte-Ränder-Gegensatz distanzieren.
„verbunden mit Appellen zum Verzicht und Gürtel enger schnallen“
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Genosse Schnorchel: „Wenn es mal etwas nicht zu kaufen gibt, müssen wir eben zeitweise mal den Gürtel enger schnallen.“ Genosse Pinsel: „Wo gibt’s denn Gürtel?“
“ leisten diese (die Kirchen – K. P.) der wahnwitzigen Idee Vorschub, dass Kriege im Zentrum Europas führbar und gewinnbar sind.
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Es geht primär um Abschreckung, nicht darum, heranstürmende Russenhorden auch tatsächlich aufzuhalten.
Ich meine, lieber Herr Dr Viertmann, dass sich Ihre Eingangsfrage leicht beantworten lässt: Es gibt hier im Blog einige Leute, die klare und eindeutige Aussagen mit Respektlosigkeit verwechseln und dann selbstgerecht mit persönlichen Attacken reagieren – und leider ist dies ja an Wolffs eigenen Reaktionen ständig nachweisbar; da nützen dann auch Großbuchstaben nichts!
Es ist dies ja übrigens auch das Problem des Bundeskanzlers: Wir hatten wohl noch nie einen Kanzler, der so ausführlich seine Politik erklärt und sich so reumütig zeigt bezüglich ihm (fälschlich) vorgeworfener „Entgleisungen“, wo er nur Probleme klar anspricht. Leute, die ständig ihre Meinungsgegner anstatt mit inhaltlicher Stellungnahme mit persönlichen Vorwürfen und ihren zweideutigen Stilvorstellungen angreifen – ich zeigte dies in meiner Stellungnahme hier weiter unten (1. August) – sind die, die das Niveau ständig herunterziehen. Einige hier brauchen die Einsicht, die Merz dauernd zeigt.
Wofür plädiere ich hier im Blog seit Jahren (vergeblich)?
1. dafür, dass anerkannt wird, dass in vielen Fällen über Meinungsgrenzen hinweg die gleichen Ziele angestrebt werden und es also nur um Wege zu diesen Zielen geht – es führen eben zB viele Wege zum Frieden und Gewaltlosigkeit im Sinne einseitigen guten Willens ist leider keiner davon.
2. dafür, dass strategisches Denken notwendig ist und dass dieses sich durch zwei Charakteristika auszeichnet: Vom Ziel (das qua Definition in der Zukunft liegt und das man inhaltlich beschreiben können muss) aus rückwärts in die Gegenwart zu denken und sich von der Tagespolitik zu lösen. Dies gilt zB für Fragen der Verteidigung und Rüstung (und setzt Sachkenntnis voraus).
3. dafür, dass anerkannt wird, das konkurrierende Ziele als gleichwertig anerkannt werden (weil sie sich gegenseitig bedingen, zB Ökonomie und Ökologie) und deshalb Kompromisse erforderlich sind – in anderen Worten, dass eine Zielerreichung von x Prozent ein unüberbietbarer Erfolg ist. Was ich neulich hier las, dass nämlich in der Rüstungsindustrie die Champagnerkorken knallen, bei der Infrastruktur-Industrie aber wohl nicht – ist populistischer Unsinn, kein Argument. Beide sichern sich gegenseitig zum Wohle des Volkes!
4. dafür, dass Realitätssinn und also auch Klarheit im Ausdruck in der Debatte nicht völlig zugunsten irgendwelcher Utopien aufgegeben wird. Seit 5000 Jahren schlagen sich die Menschen in und mit Kriegen herum – es gibt leider kein Anzeichen dafür, dass das aufhört, also ist Vorsorge Gebot; seit vielen Jahren gibt es in Demokratien den Sozialstaatsgedanken – es hat in der Vergangenheit (zB Schweden) durchaus schon die Erkenntnis gegeben, dass man ihn nicht unbegrenzt ausbauen kann, sondern ihn eher zurückfahren muss; es ergibt keinen Sinn, eine Stromvergütung da zu zahlen, wo das Netz den Strom nicht aufnehmen kann oder gar kein Netz vorhanden ist, oder E-Auto-Prämien überwiegend an US- oder CHN-Firmen zu zahlen (weil die Deutschen deren Autos kaufen) – vielmehr ist das ideologische Ressourcenverschwendung.
5. dafür, dass bestimmte Beitragende hier im Blog ihre eigenen Fehler erkennen und gelegentlich zugestehen und sich nicht in Besserwisserei und eigener verquerer Moral suhlen. Wer auf jede andere Meinung als seine eigene regelmäßig über den Umweg des Stils mit persönlichen Attacken und starrer Zurückweisung reagiert, der ist unglaubwürdig. Und wer über andere schreibt, dass sie gerne mal über Leichen gehen oder (gerade nach meinem Beitrag zur Rüstungskontrolle unter dem Thema „Rettungsring“) sich weiter nur beleidigend äußern (ich wies oben daraufhin), der zeigt ein völlig unverständliches Unvermögen zum Kompromiss und zur Sachlichkeit.
Es ist dies vielleicht kein Beitrag zum aktuellen Thema, wie es Wolff uns beschrieben hat. Aber es ist ein Beitrag zum Thema: Auftrag der Kirche. Ich jedenfalls warte noch darauf, dass Wolff (Pfarrer iR) mal zugesteht, dass er sich vielleicht (teilweise) geirrt hat (inhaltlich oder im Stil) oder dass er andere Meinungen nicht nur herablassend, sondern mit Achtung kommentiert – und stimme Ihnen insofern zu.
Andreas Schwerdtfeger
Sie, lieber Dr. Berthold Viertmann, bringen das Thema: Verächtlichmachung, vor allem einer ungezügelten Person azf den sehr wunden Punkt, auch ich habe Ihnen zu danken.
Wir allesamt bleiben dran und versuchen, jede, jeder auf seine gute, respektvolle und vor allem thematisch-inhaltlich dominierende Weise Chr. Wolff grundsätzlich zu den jeweiligen Brennpunkten in unserer gefährdeten Demokratie zu unterstützen. Kritik im Diskurs ist, wo angebracht, gut und nötig, Diffamierungen und Würdelosigkeit im Denken und Kommentieren sind kontraproduktiv. Jo.Flade / PS: Wie aktuell vermeldet wird, haben sich reichlich Tausend Juristen, Anwälte, Richter, Staatsanwälte schriftlich für ein AfD-Verbot in der Öffentlichkeit zu Wort gemeldet. Endlich mal keine Hiobsbotschaft in dieser unsrer Zeit. Und wenn Friedrich Merz und seine CDU/CSU und Teile der SPD nicht endlich aufwachen vor den in einem Monat stattfindenden Wahl in Sachsen-Anhalt, dann haben wir allesamt ein Problem!
Dies Aussage zum AfD-Verbot (der Rest ist wie immer „heilige“ Einseitigkeit), Herr Flade, ist inhaltlich sehr unvollständig. Es ist ja nicht neu, dass es Bemühungen zum Verbot gibt, einschließlich der offiziellen Programmatik der SPD. Das Problem eines Verbotsantrages ist ja nicht nur die Unsicherheit des Ausgangs eines möglichen Verfahrens und die Gefahr der „Bestätigung“ der Rechtmäßigkeit dieser Partei. Vielmehr muss festgestellt werden, dass ein solcher Antrag auf die Wahlen dieses Herbstes eher kontraproduktive Auswirkungen hätte: Dass er nämlich der Partei eine Menge „Jetzt-erst-recht“-Wähler zuschiebt – und bis zu seiner Entscheidung durch das BVerfG sowieso Jahre braucht.
Andreas Schwerdtfeger
Ich frage mich, woher der oft unversöhnlich , rechthaberische und verletzende Ton in den ( notwendigen!) Auseinandersetzungen dieses Blogs und das Stagnieren einer sachlichen Vertiefung der Probleme genährt wird. Christian Wolff argumentiert , in meiner Wahrnehmung, sehr wohl überlegt , differenziert und belegt , auch selbstkritisch, mit viel Abstand zu den Problemen, viel Wissen auch,um den Überblick über die Komplexität der dargestellten Probleme behalten zu können, um Licht und Schatten zusammen darzustellen . Natürlich auch, um sich in Frage stellen und sich angreifbar zu machen um der Sache Willen.Das kann aber offensichtlich nicht verhindern, dass sich Fronten auftun, dass rechthaberisch argumentiert wird, was für mich immer ein Zeichen ist, dass Klischees sich im Kopf des Gegenübers festgesetzt haben und der ganze Austausch nicht mehr der Differenzierung und Ausbreitung der komplexen Wirklichkeit dient , sondern als Schlachtfeld verstanden wird von einzelnen Blogteilnehmer, um sich wichtig zu machen. Das erlebe ich als ermüdend und nicht weiterführend mit Gewinn von komplexeren Einsichten. Aufklärung halt! So einen Blog am Leben halten , dazu sollten und könnten doch möglichst viele Teilnehmer dieser wertvollen Austauschmöglichkeit im Blog beitragen. Das mag Mühe bedeuten, dafür mit zu sorgen, sich darum zu kümmern, dass Sorgfalt und Vielfalt zu spüren sind in diesem wichtigen Blog. Wir kennen einander persönlich z.T wenig oder garnicht. Das sollte aber nicht zu Enthemmung führen. Dann bleibt auch der Austausch stehen, kann nicht mehr berühren , zum Nachdenken zur eigenen Öffnung beitragen, zum Nachfragen auch nicht. Irgendwann werde ich müde, mitzumachen, wenn soviel Stagnation frustriert und mich ärgert….
Herr Schwerdtfeger; immer wieder bemerkenswert Ihre Kommentierungen der Wolffschen Beiträge zu den gesellschaftlichen, politischen, kirchlichen Realitäten unserer wohl längst nicht mehr unproblematischen Gegenwart. Vor allem Ihr letzter Satz (Zitat): „Und in dieser Kraft, die Sie erbitten, stehen konkrete Mittel zur Verteidigung (nach innen und außen), sowie eigene Verantwortungswahrnehmung (im Gegensatz zu konstanter Meckerei und Besserwisserei, sowie Belehrung anderer) an oberster Stelle“ offenbart Ihr permanentes Subjektivproblem, sprich: Meckerei, Besserwisserei, Belehrung anderer… Kommen wir auf das Kernthema von Chr. Wolffs Beitrag zurück empfhele ich Ihnen das Thema: Konziliarer Prozess / Ökumenische Versammlung für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung (Vancouver 1983). Unter Pfarrer Sup. Christof Ziemer (Kreuzkirche Dresden) und Dr. Heino Falcke (Erfurt) wurde dieser Prozess1988/89 nach Dresden, Magdeburg und nochmals Dresden geholt. Mit dem Aufruf „Eine Hoffnung lernt gehen“ hatten sie und andere bedeutende Kirchenvertreter sich an die Gemeinden gewandt, sich mit Vorschlägen an der Vorbereitung der Versammlung zu beteiligen, woraufhin etwa 10.000 Gemeindemitglieder wie auch Kirchenferne schriftliche Vorschläge schickten – für DDR-SED-Zeiten ein weitreichendes Engagement, vor allem aber eben ein unmissverständliches Zeichen des Aufbruchs. Der Friedliche Herbst 1989 fand mit der Versammlung in Vancouver Anstoß – damals basisorientiert mit enormer Wirkung! Elementarer Grundsatz dieses Konziliaren Prozesses war, so meine ich (und hat bis dato an Bedeutung nicht abgenommen, ganz im Gegenteil!!!): Keine Meckerei, keine Besserwisserei, keine Belehrungen. Vielmehr genau das, was Chr. Wolff und positive Kommentatoren signalisieren: Nachdenken, Mittun, Verantwortungsbewusstsein, konstruktive Kritik und respektvoller Diskurs! Tauchen Sie einfach mal ein in die Historie dieses Prozesses und reflektieren Sie das Wesentliche und die sich daraus ergebenden Lebensmaximen, ob Christ oder Atheist. Die Allgemeingültigkeit liegt auf der Hand. Abschließende Frage: War das jetzt von mir papageienhaft (kleiner abkühlender Sonnabendscherz)? Guten Sonntag Ihnen; Jo.Flade / PS: Danke Dir, lieber Christian – bleibe weiterhin dran und: Du bist nicht allein!
Hallo Herr Wolff,
wieder haben Sie mit Ihrem Warnen und Ihren Appellen völlig recht.
Alles Versagen wird wenigen angelastet, zumal es zur Zeit wirklich nicht einfach ist, zu entscheiden und zu regieren. Von allem profitiert nur eine Partei, leider, die nichts besser machen wird. Mit Remigration lassen sich keine Probleme lösen.
Hören wir auf die Kirchen!!!
Drei Paradigmata werden uns angeboten: Gewaltverzicht, Vertrauen, Bewahrung der Schöpfung – und das ist richtig.
Drei Lösungen werden uns angeboten: Kapitulation vor der Gewalt anderer (im Inneren wie im Äußeren), Vertrauen anstatt Verantwortung (andere entscheiden lassen, anstatt selbst zu handeln oder zu unterlassen), der naive Glaube an die Verzichtsbereitschaft der Menschen. Und das ist wohl eher POLITISCH falsch, wenn es auch religiös so schön klingt.
Sehen wir uns die Vorschläge an:
1. Nicht Gewaltlosigkeit ist Ausgang aller Friedenspolitik (im Inneren wie im Äußeren), sondern Standfestigkeit, klare Positionierung, Bereitschaft zum Sprechen und Zuhören, Aufzeigung von Grenzen gegenüber immer vorhandenen Gewaltansätzen und, letztendlich, Verdeutlichung der eigenen Stärke (moralisch und materiell), die Gewalt durch andere zu deren Ungunsten scheitern ließe.
2. “Getröstetes Gottvertrauen“ – was immer das ist – ist sicherlich schön. In der Politik, vor allem in einer demokratischen Gesellschaft, die Politik beauftragt, ist Verantwortung jedoch mehr gefragt: DIE Verantwortung nämlich, die nicht dauernd gegen Politiker hetzt (allgemein, besonders aber auch unter Demokraten) und diese auch noch in radikale Ecken stellt, sondern die das Gemeinwohl über die Eigeninteressen stellt, den Kompromisszwang für unsere politischen Vertreter anerkennt und selbst KLARE EIGENE POSITIONEN bei gleichzeitiger Toleranzbereitschaft in der Sache verdeutlicht, einschließlich Offenlegung von Heuchelei, belehrender Besserwisserei und vermeintlich moralischer Überlegenheit als, in Wirklichkeit, selbstgerechte „Gewaltansätze“.
3. Der Auftrag, die Erde zu bebauen und zu bewahren, setzt voraus, dass dies unter sich verändernden Umständen möglich gemacht wird. Angesichts von 8 Milliarden Menschen auf dem Globus, angesichts eines demokratischen Menschenbildes von der immanenten Würde, angesichts der medizinischen, technischen und sozialen Fortschritte über die Jahrhunderte, angesichts der daraus resultierenden Ansprüche (alles nicht mehr wegzudenken) ist die Voraussetzung für diesen Auftrag, neben möglichen Verzichtsansprüchen an die Menschheit oder Teile derselben, eine Wirtschaft, die das alles bezahlt. Und der naive Ansatz von Reichen-, Erbschafts- und Vermögenssteuern als Universallösung (nichts dagegen, prinzipiell) reicht dann nicht aus, wenn man gleichzeitig „Gerechtigkeit“ und „Gleichheit vor sich her posaunt. Denn diese beiden Begriffe bedürfen einer wohl kaum herstellbaren KONSENSUALEN Definition: Gerechtigkeit ist, dass jeder entsprechend seinen Verdiensten und Talenten was anderes hat; Gleichheit ist, dass in der Vielfalt der Menschheit jeder unterschiedlich ist.
Deshalb stimme ich Ihrer Aussage, Herr Wolff, zu, „dass Gott mich in den Dienst stellt und mir die Kraft gibt, dem Elend der Gewalt, des Krieges, des Unrechts zu widerstehen.“ Und in dieser Kraft, die Sie erbitten, stehen konkrete Mittel zur Verteidigung (nach innen und außen), sowie eigene Verantwortungswahrnehmung (im Gegensatz zu konstanter Meckerei und Besserwisserei, sowie Belehrung anderer) an oberster Stelle.
Andreas Schwerdtfeger
Nur mal so am Rande: Wenn jemand kurz zusammenfassen möchte, worauf er später eingehen will, sollte er auch in der Komprimierung keine Verfälschung vornehmen. Genau das aber macht Herr Schwerdtfeger: „Kapitulation vor der Gewalt anderer (im Inneren wie im Äußeren), Vertrauen anstatt Verantwortung (andere entscheiden lassen, anstatt selbst zu handeln oder zu unterlassen), der naive Glaube an die Verzichtsbereitschaft der Menschen.“ Weder habe ich von der „Gewalt anderer“, sondern von der zunehmenden Gewaltbereitschaft in der Gesellschaft gesprochen, noch habe ich gefordert, die Gewalt hinzunehmen, also vor ihr zu kapitulieren. Das sind willkürliche Unterstellungen eines Menschen, dessen Phantasie bei Waffensystemen aufhört. Ebenso habe ich ausdrücklich Vertrauen und Verantwortung in einen Zusammenhang gestellt. Dass Klimaschutz wenig mit Verzicht, sondern vor allem mit der Wahrung von Lebensmöglichkeiten zu tun hat, ist für Herrn Schwerdtfeger ein fremder Gedanke. Aber das verbindet ihn mit der ach so famosen Wirtschaftsministerin Katharina Reiche. Aber das kommt eben heraus, wenn jemand gar nicht mehr Differenzierung und Perspektivwechsel wahrnimmt.
Was Wolff uns hier demonstriert, ist genau das, was ich mit Heuchelei meine:
In der Sache: Er habe nicht von der „Gewalt anderer“, sondern „von der zunehmenden Gewaltbereitschaft in der Gesellschaft gesprochen“, schreibt er uns verschmitzt. Aber ist nicht Gewalt (verbale wie tatsächliche) eben logischerweise eine Zweibahnstraße zwischen einem Aggressor und einem, der berechtigte Verteidigung wahrnimmt? Gesellschaftliche Gewaltbereitschaft IST die Gewalt anderer!
Klimaschutz habe wenig mit Verzicht zu tun, ist seine etwas naive Meinung: Also ist es nicht so, dass die Leute nicht unnötig einen dicken benzingetriebenen SUV fahren, nicht unbedingt die Strände in Thailand oder auf den Malediven verschmutzen sollten, ruhig ordentlich viel Fleisch essen mögen, wenn ihnen das gefällt – und ein Tempolimit wäre schon gar nicht richtig? Das alles sind schließlich Freiheiten, die uns das GG garantiert!
Im Stil:
Er lehnt Beleidigungen ab. Dann aber müht er sich mit dem schönen Satz „ … dessen Phantasie bei Waffensystemen aufhört“ genau um eine solche. Immerhin hat er mir ja neulich zugestanden, gelegentlich auch mal etwas zu sagen zu haben. Es stört mich alles nicht, aber es beweist eben die Heuchelei Wolffs – eine völlig sachliche Anmerkung.
Aber ich stimme Ihnen zu, Herr Wolff, Frau Reiche macht einen Superjob, genau wie ihr Kanzler: Sie kümmern sich beide (erfolgreich unter den gegebenen Umständen) um das Wichtigste in unserer derzeitigen Lage – Verteidigung und Wirtschaft, und das mit dem Mut, das Unpopuläre, aber Nötige zu tun. UND: Sie fordern genau das, was notwendig ist – Eigenverantwortung statt „Zeichen setzen“, anpacken statt jammern, erkennen der Realität statt warten auf andere, vor allem keine nachträgliche moralisierende Kritik im Besserwisserstil.
Aufgabe der Kirche wäre es, das alles wohlwollend zu begleiten, gerne auch durch Barmherzigkeit zu ergänzen.
Andreas Schwerdtfeger
Lieber Christian,
du sprichst mir aus dem Herzen. Politiker- und Gremienschelte brngen nichts – sind kim Gegenteil kontrproduktiv. Auch die Verantwortung, die die Kirchen im Prozess der gesellschaftlichen Befindlickeiten,
die – zugegebenermaßen – mehr als veheerend einzuschätzen sind, haben, hast du korrekterweise angesprochen.
Aber wie viele Predigten verharren in dr Frömmelei und stoßen die Menschen wieder und wiedr ab.
Nun ja – nicht jeder Christ hat die Chance, im Unigottesdienst zu sitzen und da doch einigermaßen mutmachende und manchmal sogar richtungsweisende Predigten zu hören. Wobei das Predigen nur ein Teil des ‚Geschäfts‘ sind,
welches ‚Kirchenprofis‘ wahrzunehmen haben. ‚Gottesdienst im Alltag der Welt‘ ist da ein gutes Stichwort.
Bleib behütet und wachsam – letzeteres versuche ich auch. Schönes und nicht allzu heißes Wochenende
Frank Lohmann
„Alles Vertrauen hat seinen Grund in dem Vertrauen, dass Gott uns Menschen entgegenbringt und wir darum mit Gottvertrauen beantworten.“
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Was machen Atheisten? Sind sie unmoralischer, weniger vertrauenswürdig? Nein, sie haben es nur schwerer im Leben, weil sie mehr Verantwortung tragen, auch nicht einen Teil an einen Gott abgeben können. Dieser Teil der Internationale gefällt mir:
Es rettet uns kein höh’res Wesen,
kein Gott, kein Kaiser noch Tribun
Uns aus dem Elend zu erlösen
können wir nur selber tun!
Nein, lieber Herr Plätzsch, Atheisten haben es nicht unbedingt schwerer im Leben. Sie tragen auch nicht mehr Verantwortung. Denn Gott zu vertrauen bedeutet nicht, Verantwortung abzugeben, sondern Verantwortung wahrzunehmen. Verantwortung ist die Antwort des Menschen auf die Frage Gottes an Adam „Wo bist du?“, d.h. indem der Mensch Verantwortung wahrnimmt,tritt er aus dem Versteck z.B. der Bequemlichkeit. Und was die Internationale angeht: Es geht nicht um Entweder-Oder, sondern um das Vertrauen darauf, dass Gott mich in den Dienst stellt und mir die Kraft gibt, dem Elend der Gewalt, des Krieges, des Unrechts zu widerstehen. Das hat Menschen ermutigt, 1989/90 die Friedliche Revolution in Gang zu setzen.