Zwei Dinge vorweg:
- Es ist nachvollziehbar, dass die Leitung des Bach-Archivs und des Bachfestes den skandalösen Auftritt von Sir John Eliot Gardiner nach dem Kantaten-Konzert am 16. Juni 2026 in der Thomaskirche erst am letzten Tag des Bachfestes an die Öffentlichkeit gebracht und sich eindeutig vor die von Gardiner bedrängte Mitarbeiterin gestellt hat. So konnte der immense Schaden, den Gardiner (und niemand sonst!) angerichtet hat, zunächst in Grenzen gehalten und die Eindeutigkeit seines Handelns belegt werden.
- John Eliot Gardiner ist ein begnadeter Musiker – keine Frage. Allerdings begegnet er allen, die ihm nicht huldigen, mit tiefer Verachtung und Gesten, die jeden Anstand und Respekt vermissen lassen.
Das ist sein Problem. Aber nicht nur seines. Mit seiner unwürdigen Attacke gegen eine Mitarbeiterin des Bach-Archivs hat er nicht nur eine Frau in ihrer Würde schwer verletzt, er hat das so erfolgreiche Bachfest Leipzig 2026 besudelt. Inzwischen liegt ein Video vor, das den Vorfall unmissverständlich dokumentiert. Es lässt keine zweifelhaften Interpretationen zu. Was ist zu sehen? Nach dem Schlussakkord des Kantaten-Konzertes am 16. Juni 2026 in der Thomaskirche brandet Beifall auf. Zunächst verneigt sich Gardiner an der Brüstung der Westempore vor dem Publikum. Dann ruft er die fünf Solisten an die Brüstung und stellt sich hinter sie. Von hinten kommt eine Mitarbeiterin des Bach-Archivs mit sechs zusammengerollten Zertifikaten über eine Baumpflanzung in der Hand. Diese erhalten alle Dirigenten und Solisten des Bachfestes statt Blumen. Sie tippt den halb mit dem Rücken vor ihr stehenden Gardiner an der Schulter. Dieser wendet sich ihr zu. Die Mitarbeiterin gibt Gardiner zu verstehen, er möge zu den Solisten an die Emporenbrüstung treten, damit sie die Zertifikate überreichen kann. Darauf nimmt Gardiner sich eine Papierrolle und versucht diese der Mitarbeiterin in den Ausschnitt zu stecken. Da sie aber ein T-Shirt trägt, gelingt dies nicht. Verächtlich gibt er ihr die Rolle zurück und wendet sich grinsend von der Mitarbeiterin ab. Ein mehr als übergriffiger Vorgang.
Noch einmal: Die Video-Aufnahme lässt keine zwei Interpretationen zu. Vor allem nicht die von Gardiner selbst: „Ich war verwirrt und versuchte einfach nur, die Rolle wieder loszuwerden. Da sie (die Mitarbeiterin) die Hände voll hatte, platzierte ich die Rolle unter ihrer Halskette.“ Das ist lächerlich. Gardiner ist keine Rolle übergeben worden. Er hat sie sich selbst genommen und dann versucht, diese der Mitarbeiterin von oben unter das T-Shirt zu schieben. Was diese Handlung zeigt: Die tiefe Verachtung, die Gardiner schon immer denen entgegenbringt, die ihn nicht anhimmeln. Natürlich grenzt es in seinen Augen an Majestätsbeleidigung mit einer „Papierrolle“ abgespeist zu werden. Seine Verachtung drückt Gardiner nicht nur verbal und durch Körperhaltung aus. Er lässt sie auch handgreiflich werden – und dies nun zum wiederholten Male. Für mich ist es schon seit vielen Jahren nicht nachvollziehbar, dass Gardiner weiter zu den jährlichen Bachfesten eingeladen wird. Spätestens nachdem er im August 2023 nach einer konzertanten Opernaufführung in Paris den Tenor William Thomas geohrfeigt hat, hätte man von Einladungen absehen können, ja müssen.
Schon seine Ernennung zum Präsidenten des Bach-Archivs 2014 war in meinen Augen ein schwerer Fehler. Denn es war vorhersehbar, dass die Bachstadt Leipzig davon nichts hat. Gardiner hatte nur seine eigenen, selbstsüchtigen Vorteile im Blick. Man erinnere sich an die Versuche, das Bachfest in ein konturloses „Musikfestival Leipzig“ aufgehen zu lassen. Unvergessen, wie er als Präsident des Bach-Archivs beim Eröffnungskonzert des Bachfestes 2017 seine Rede mit dem Hinweis beschloss, dass er das, was der Thomanerchor nun singen wird, schon kenne und er zur Probe müsse – sprachs und verließ die Thomaskirche. Auch das nichts anderes als pure Verachtung: Er, der große Gardiner, verplempert seine Zeit nicht damit, sich einen besseren Kinderchor anzuhören. Unvergessen auch sein peinlicher Auftritt in der Thomaskirche beim Bachfest 2016, als er zur Aufführung der Matthäus-Passion zunächst die Kinder der Nachwuchsklassen des Thomanerchors, die den Cantus firmus im Eingangschor singen sollten, dann die Choristen und Instrumentalisten, dann die Solisten von der Nordsakristei aus durch den Mittelgang der Thomaskirche auf die Westempore ziehen ließ – mit der einzigen Absicht, mit gehörigem Abstand wie ein Gladiator durch das Kirchenschiff zu stolzieren, in der Gangkreuzung stehenzubleiben und sich vom Publikum triumphal feiern zu lassen. So soll die Aufführung einer Matthäus-Passion beginnen? Eine solche Verachtung des Raums, des Werkes und der Menschen, auf die auch ein Sir John Eliot angewiesen ist, ist unerträglich!
Auf diesem Hintergrund kann es für das Bach-Archiv und das Bachfest Leipzig nur eine Entscheidung geben: Sir John Eliot Gardiner ist für das Bachfest 2027 auszuladen, völlig unabhängig davon, ob und wie Gardiner für seine unsägliche Übergriffigkeit um Entschuldigung bittet. Eine solch klare Entscheidung sind das Bach-Archiv und das Bachfest der betroffenen Mitarbeiterin, den Menschen, der Musik Bachs, sich selbst und seiner hervorragenden Arbeit schuldig.
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12 Kommentare
Zustimmung zu Ihrer Ergänzung, lieber Herr Rolf Fersterra. Wir Dresdner haben dieses BACH-Fest zwei Tage in Leipzig erlebt, auch im „Paulinum“ den musikalischen und streitschrifttextlichen Bach-Dialog mit seinem Hamburger Widersacher Scheibe. Maul las in bester Weise die verbalen Kontras zwischen den einzelnen Konzerten, BachStage auf dem Marktplatz, nicht nur zufällig eine Kantatenprobe in St. Nikolai mit dem Experten und sympathischen Ton Coopmann – großartig und faszinierend! Und Leipzig war herrlich bachisch. Hier hat M. Maul einiges auf die Beine gebracht, DANKE!! Der hier kommentierend erwähnte LVZ-Kommentator von Janina Fleischer – peinlich und eben LVZ…
LVZ-Kommentatorin Janina Fleischer gibt zu bedenken, dass Erregung und Vorverurteilung unangebracht sind.
„Die Dramaturgie der Öffentlichkeit folgt nicht den Fakten, kennt weder ein Abwägen noch Aufklären. Vielmehr verstärkt sie, woraus sie sich speist: Erregung. Dabei schneidet die Vorverurteilung einem wohlüberlegten Urteil den Weg ab.“
https://www.lvz.de/kultur/regional/was-der-fall-gardiner-ueber-die-empoerungskultur-verraet-und-wer-verliert-ELJTRCUHKZDBHN2EV3TYRBHNWM.html
Hier scheint die LVZ-Kommentatorin den Fakten nicht folgen zu wollen – ihr gutes Recht, aber wenig hilfreich. Denn die „Öffentlichkeit“ verschließt seit Jahren die Augen vor Gardiners Ausfällen und bestärkt ihn in seinem anmaßenden Narzismus.
Lieber Christian,
auch wenn man ein noch so toller Dirigent (der Musiker, Chor und Solisten anleitet ) ist, berechtigt das nicht zu einen solchen Eklat. Diesem Menschen gehört die Meinung gesagt – und zwar in einer Art, die ihn ‚einnordet‘ und die ihm die Verwerflichkeit seines Handelns vor Augen führt. Einladen zum nächsten Bachfest sollte man diesen Rüpel auf jeden Fall nicht. Es gibt gewiss zahllose Dirigenten, die auch Musiker sind, die diese ‚Lücke‘ mühelos und sogar bestens ausfüllen könnten. Danke für deine ehrlichen Worte. Frank
Dass Musikerkollegen das lustig fanden, ist zusätzlich eine Schande.
Sehr geehrter Thomas Fritzsch – Sie legen Ihren Kommentator-Finger in eine vielsagende Wunde: Die Instrumentalisten und Sänger finden diesen unsäglichen Vorfall belustigend, von offensichtlicher, demonstrativ aufgezeigter Distanz, ja ein deutliches Zeichen von: DAS GEHT GAR NICHT ist nicht zu spüren, nichts zu sehen. Absolut zu kritisieren. Hier wird nicht Dienst am Werk Bachs vollbracht, hier werden Eitelkeiten zelebriert, Sensibilität verweigert und einem sich selbst Höchstgestellten gehuldigt – zu einem Konzert in einer Kirche! Das Thema des diesjährigen BACH-Festes: IM DIALOG. Gardener und seine Adlaten demonstrierten im konkreten Fall den eitlen Monolog. Auch ich hoffe jetzt sehr, dass zum Bach-Fest 2027 nicht prioritär Prominenz, sondern empathische, allein dem Musikwerk und der Würde zugetane Musikerinnen, Musiker zu „Wort“ kommen, ganz im Sinne Bachs! Ich empfehle Michael Maul, dem hochmotivierten Festivalleiter und dem Bach-Archiv Leipzigs den Titel der Trauerkantate BWV 82 sehr wörtlich zu nehmen: „Ich habe genung“!
Große Zustimmung – kleiner Widerspruch: So unmöglich die Geste Gardiners auch gewesen ist, das Bachfest 2026 zu „besudeln“, das ist ihm NICHT gelungen! Es war eine Kette großartiger Veranstaltungen und Konzerte – von der Kantaten-Hitparade, über BachStage auf dem Marktplatz bis zu BachBekloppt – die zahllose Menschen begeistert und gerührt haben. Das kann ein Gardiner nicht kaputt machen! Vielen Dank allen Mitwirkenden und Organisatoren für dieses großartige und rundherum gelungene Ereignis!
Lieber Christian,
Deiner Einschätzung stimme ich zu und möchte Sie ergänzen.
Eine Feststellung: Gardiners Dirigat ist stumm; es klingt nicht. Was klingt, sind die Stimmen und Instrumente der Sänger und Instrumentalisten. Ihnen sollte die Bewunderung für eine musikalische Leistung zuerst gelten.
Nicht weniger als Gardiners rüpelhaftes Verhalten aber erschüttert mich – und das fand ich bislang nirgends thematisiert – daß die umstehenden Sänger und Instrumentalisten (und keineswegs nur die Männer) diese Grenzverletzung und Demütigung sichtbar sehr lustig finden und keinerlei Empathie mit der Bachfest-Mitarbeiterin zeigen, die sich aus Höflichkeit des Übergriffs nicht erwehren kann. Sowohl das Video als auch Pressebilder führen uns dies vor Augen.
Diese Belustigung erinnert mich an üble Übergriffe auf einem Schulhof unter Gelächter umstehender Schüler. Oder, wie es ein israelischer Kollege nach dem Anschauen des Videos mir gegenüber aussprach: So wurden wir Juden ausgelacht, wenn wir gedemütigt wurden.
Dies ist ebenfalls ein Skandal, der benannt werden muß, damit er uns bewußt wird.
Lieber Herr Fritzsch! Lieber Christian!
Genau mein Eindruck, als ich das Foto sah, als es kurze Zeit im Netz stand. Ich war erschüttert über die Unerschüttertheit, ja Belustigung aller Umstehenden! Im Zusammenhang mit Missbrauch in der Kirche gibt es ja die schlimme und wahre Feststellung, dass es dafür nicht allein den Täter braucht, sondern eine ganze Gemeinde.
Das kann man sogar noch weiter denken: Ich hege (sicher berechtigte) Zweifel, ob bei Nichtausladung 2027 das Konzert mit Gardiner nicht trotzdem wieder ausverkauft wäre. So wie es ja seine Konzerte nach wie vor sind. Dabei geht es natürlich nicht mit einem „Ja, aber…“ darum, ob er ein großer Musiker ist — sonst würden wir diese Debatte eh nicht führen, weil schon kein Hahn mehr nach ihm krähte.
Diese Form des „Mitmachens“ gehört zum Skandal dazu. Genauso wie die fatale Tatsache, dass es ja offensichtlich Mut und nicht schlicht Anstand kostet, sich da gegen den Strom zu stellen.
Lieber Thomas, vielen Dank für diese wichtige Ergänzung!
Danke für diese Klarheit! Wenn von offizieller Seite „rüpelhaftes Verhalten“ konstatiert wird, greift das meines Erachtens viel zu kurz. Es ist ein gesellschaftliches Problem, wenn Übergriffige kurz gerügt werden, aus dem öffentlichen Raum verschwinden, nur um kurze Zeit später wieder eingeladen zu werden – neues Ensemble, neuer Name – mehr vom Gleichen. Es reicht!
Danke, lieber Christian!
Hoffe daß Deine Worte etwas ausrichten und nicht wie schon so oft ‚versanden‘
Sir John Gardiner hat sich schon sehr oft völlig respektlos benommen. Habe nicht verstanden, wie man ihn noch einladen konnte. Hoffentlich hat man es auch in Leipzig endlich erkannt.