Sie wollen Deutschland „retten“, das Land „vom Kopf auf die Füße stellen“, den „Untergang Deutschlands“ verhindern. So hörte es sich in den Reden der beiden wiedergewählten Parteivorsitzenden der rechtsnationalistischen AfD, Alice Weidel und Tino Chrupalla, auf dem Parteitag in Erfurt am 4./5. Juli 2026 unisono an. Wenn Weidel und Chrupalla dann gefragt wird, was sie denn konkret verändern wollen, dann verweisen sie ebenso unisono auf die Migration: Einwanderung gehöre beendet, Abschiebung müsse systematisch erfolgen. Außerdem muss die Kernkraft reaktiviert und russisches Gas wieder bezogen werden können. Letztlich ist es ein Trump-Programm: Nationalismus mit imperialem Anspruch und Verleugnung des Klimawandels, um rücksichtslos die natürlichen Ressourcen ausbeuten zu können– mit dem einen Unterschied, dass die AfD im öffentlichen Auftreten ihre eigentlichen Absichten zu verschweigen versucht und sich dafür als ganz normale demokratische Partei darstellt.
Was die AfD derzeit perfektionieret: ihre Verharmlosungsstrategie, die sie schon lange anwendet. In Sachsen-Anhalt wird ein Wahlprogramm verabschiedet, das in vielen Punkten bewusst an die NSDAP anknüpft und verfassungsfeindlich ist. Von dem allen ist aber auf dem Bundesparteitag und bei Weidel und Chrupalla kaum die Rede. Da wird die „Rettung“ versprochen, ohne dass der Rettungsring gezeigt wird. Den gibt es auch nicht. Denn die Rettungsstrategie der AfD besteht darin, das Wasser abzulassen, die Demokratie, den Rechtsstaat trockenzulegen. So werden unterschwellig die Partei wie die Bevölkerung für eine Neuauflage der nationalsozialistischen Ideologie weichgeklopft. Gleichzeitig versucht sich die AfD als ganz normale rechtsstaatlich-demokratisch ausgerichtete Partei zu präsentieren. Das scheint zu funktionieren: Da legt man den Termin des Bundesparteitages in Erfurt (Thüringen) bewusst auf das gleiche Datum, an dem vor 100 Jahren sich die NSDAP in Weimar (Thüringen) versammelte. Damals erhob die NSDAP den gleichen Machtanspruch wie heute die AfD. Natürlich weist die AfD den Vorwurf einer absichtsvollen Parallelität weit von sich. Gleichzeitig spekuliert die AfD aber darauf, dass sie durch solche historischen Bezüge rechtsradikale Vorfeldorganisationen und nationalsozialistisch denkende Wähler:innen an sich binden kann.
Das erklärt auch, warum die AfD programmatisch nichts liefern muss und auch nichts zu sagen hat. Sie zeichnet von Deutschland ein Bild des Untergangs und kann sich dabei die allgemeine, medial geschürte Stimmungslage zunutze machen. Nach Überzeugung der AfD hilft keine politische Umsteuerung im Detail, sondern nur die Beseitigung des Systems und seiner Grundlagen. Diese in der Verfassung verankerten Grundlagen widersprechen den Absichten der AfD diametral: demokratische Vielfalt, ein friedliches Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Herkunft, Meinungs-, Religions-, Presse-, Versammlungsfreiheit sowie die Freiheit von Kunst und Wissenschaft. Stattdessen will die AfD gegenüber bestimmten Bevölkerungsgruppen die Grundrechte einschränken und völkische Homogenität und kulturelle Deutschtümelei in allen gesellschaftlichen Bereichen fördern. Das ist der Kern der AfD-Politik.
Auf diesem Hintergrund wird klar: Die AfD wird nicht ein soziales, wirtschaftliches Problem lösen können. Stattdessen wird sie ihre Hilflosigkeit kaschieren mit martialischen Drohaktionen gegen Bevölkerungsgruppen, die jetzt schon unter Druck stehen. Niemand sollte sich irgendwelche Illusionen machen: Diese Strategie wird sie auch auf dem wirtschaftlichen und sozialen Politikfeldern anwenden. Um im Bild zu bleiben: Die AfD wird propagandistisch den Rettungsring auswerfen, der sich aber als Luftnummer herausstellt. Wer ihn zu packen versucht, greift ins Leere. Faktisch gräbt die AfD dem Lebensraum der Demokratie, der Freiheit, des Rechtsstaates jetzt schon das Wasser ab. Eigentlich ist das alles relativ leicht durchschaubar, auch aufgrund der Blaupause, die wir in Deutschland besitzen. Doch offensichtlich bedarf es noch einer großen Anstrengung, bis potentielle AfD-Wähler:innen erkennen: Wer AfD wählt wird nicht gerettet, sondern sitzt bald auf dem Trockenen, wo nichts mehr gedeiht.
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