Zusammenstellung der Erklärungen vom zurückgetretenen Landesbischof Dr. Carsten Rentzing September/Oktober 2019 – und eine kurze Einschätzung

Nach wie vor wird behauptet, Dr. Carsten Rentzing sei zum Rücktritt vom Amt des Landesbischofs der Ev.-Luth. Landeskirche Sachsens insbesondere von Pfarrer/innen aus Leipzig getrieben, er sei gemobbt worden, man habe ihn aus politischen Gründen loswerden wollen. Tatsache ist aber, dass Dr. Rentzing den Rücktritt selbst vollzogen hat. Die nachfolgende Dokumentation seiner Einlassungen macht deutlich, warum dieser Rücktritt unumgänglich war.

Stellungnahme von Landesbischof Dr. Carsten Rentzing zur Mitgliedschaft in der pflichtschlagenden Verbindung „Alte Prager Landsmannschaft Hercynia“ vom 14. September 2019 https://www.evlks.de/aktuelles/alle-nachrichten/nachricht/news/detail/News/landesbischof-dr-rentzing-aeussert-sich-zu-seiner-mitgliedschaft-in-einer-studentischen-verbindung/

Die Studentenverbindungen haben in Deutschland eine Tradition, indem sie das Streben nach Verbindlichkeit und demokratischen Strukturen mit dem Anspruch auf positive Beeinflussung des Studentenlebens und der Landesentwicklung zu verbinden suchten. Dieser freiheitliche Geist in Verbindung mit den Grundwerten von Würde, Anstand und dem Respekt vor jeder Person bestimmte die geistige Grundhaltung, die mir in den Verbindungen begegnete, die ich vor 30 Jahren kennenlernte. Hinzu kam der Einsatz für dieses Land und seine freiheitlich-demokratische Grundordnung und die Abwehr aller Extremismen. In diesen Haltungen fand ich mich wieder und sie bestimmen mein Leben bis heute.

Seit meiner Entscheidung für den Pfarrberuf, also seit ca. 25 Jahren, bin ich nicht mehr aktiv in dieser Verbindung, aber formal bin ich tatsächlich noch Mitglied in ihr. Ich trage diesen Teil meiner Biografie ganz bewusst nicht offen vor mir her, aber ich stehe dazu, dass es ein Abschnitt in meinem Leben war, den ich nicht verleugnen kann und will. …

Kein Leben verläuft nur geradlinig, auch das meine nicht. Auch ein Landesbischof war einmal jung und hat sich für Dinge begeistert, die später an Bedeutung verlieren. Dies ist, so glaube ich, ganz normal – jede und jeder kennt solche Beispiele in seinem Leben. Dass mich Gott auf diesem Weg immer geführt und begleitet hat, das weiß ich heute, aber es gab eine Zeit in meinem Leben, bevor ich zum Glauben fand, da wusste ich dies nicht. Dieses Gottvertrauen aber ist es gerade, was mich heute auch frei und offen darüber reden lässt. Es ist mir nicht ganz angenehm, weil ich inzwischen eine innerliche Distanz zu manchen Dingen gewonnen habe, aber es gehört dennoch zu mir und meinem Lebensweg dazu.

Die Verbindung „Hercynia“ gehört zum „Coburger Convent“. Auf der Homepage der „Hercynia“ ist zu lesen: „Deutsch, frei, innig und treu! Der Wahlspruch ist Ausdruck unserer Ziele und unseres Selbstverständnisses.“ Und weiter: „Hercynen leben ein gewisses Selbstverständnis, das am einfachsten in den folgenden Passagen zu vermitteln ist: Ein Hercyne ist Waffenstudent in sämtlichen Lebensbereichen ! …“ (http://www.apl-hercynia.de/50.php?p=50 )

l-iz Interview vom 06. Oktober 2019 https://www.l-iz.de/politik/sachsen/2019/10/Interview-mit-Landesbischof-Carsten-Rentzing-Die-Kirche-Jesu-Christi-an-der-Seite-der-Schwachen-und-Hilfsbeduerftigen-298742?highlight=Rentzing

Mein ganzes Leben lang ist mir nationalistisches, antidemokratisches und extremistisches Denken immer fremd geblieben. … ich habe es immer vermieden, mich politisch in einem Lager zu verorten und sehe mich daher auch nicht in einer solchen Reihe.

Würden Sie in Ihrer heutigen Funktion nochmals ein Vortragsvorhaben bei der BdK* ins Auge fassen? *Bibliothek des Konservativismus

Nein. Als Landesbischof habe ich Verantwortung übernommen für ein Amt der Einheit. Das Gemeinsame in unserem Glauben trotz aller Unterschiedlichkeit in unserer Kirche zu stärken, das sehe ich als meine Aufgabe an. Hinzu kommt die Öffentlichkeit, die das Amt mit sich bringt. …

Haben wir etwas vergessen zu fragen, was Ihnen wichtig und nicht unbeantwortet bleiben darf?

Ja. Ich kann es nicht oft genug wiederholen: Zu unterschiedlichen Gelegenheiten habe ich immer wieder klargestellt, dass die Kirche Jesu Christi an der Seite der Schwachen und Hilfsbedürftigen, konkret damit auch an der Seite der Flüchtlinge, steht. Schwache und Schutzbedürftige gibt es überall und für die will ich meine Stimme erheben.

Erklärung des Landesbischofs vom 11. Oktober 2019 https://www.evlks.de/aktuelles/alle-nachrichten/nachricht/news/detail/News/erklaerung-des-landesbischofs/

Ich stehe für konservative Positionen und Werte, die ich in einem langen Entwicklungsprozess für mich als richtig erkannt habe. Dabei war die Begegnung mit Jesus Christus und mein Glaube für mich prägend. Der Weg in die Kirche hat mich verändert. Positionen, die ich vor 30 Jahren vertreten habe, teile ich heute nicht mehr.

Erklärung der Landeskirche vom 13. Oktober 2019 https://www.evlks.de/aktuelles/alle-nachrichten/nachricht/news/detail/News/erklaerung-der-landeskirche/

Landesbischof Dr. Rentzing hat vor der Kirchenleitung eine Erklärung abgegeben, in welcher er auch auf die Texte eingegangen ist und auf Rückfragen dazu geantwortet hat. Er stellte es so dar, dass er diese Zeit in seinem Leben und diese Texte verdrängt habe und äußerte großes Unverständnis und Scham über das, was er damals geschrieben hat. …

Es ist zutreffend, dass in den Jahren 1989 bis 1992 der damalige Philosophie-, Jura- und Theologiestudent Carsten Rentzing im Alter von 22 bis 25 Jahren Texte in der Zeitschrift „Fragmente“ verfasst hat, die er mit herausgegeben hat. Diese Zeitschrift soll eine Auflage von etwa 100 Exemplaren gehabt haben und aus studentischem Engagement entstanden sein. Die der Kirchenleitung vorliegenden Texte sind als elitär, in Teilen nationalistisch und demokratiefeindlich einzustufen. Sie sind aus damaliger und aus heutiger Sicht unvertretbar.

Erklärung der Kirchenleitung vom 20. Oktober 2019 https://www.evlks.de/aktuelles/alle-nachrichten/nachricht/news/detail/News/erklaerung-der-kirchenleitung/

Innerhalb der Erklärung der Kirchenleitung wird eine Erklärung des Landesbischofs zitiert. In dieser heißt es:

Mich von allem zu distanzieren, was in meinem früheren Leben dem Geist des Evangeliums vom Frieden, der Versöhnung und der Liebe Gottes zu allen Menschen widersprach, fällt mir leicht, da ich dies bereits vor über 25 Jahren gegenüber meinem Beichtvater getan habe. Ich erhoffe und erwarte aber von der Kirchenleitung auch ein Wort der Würdigung meines Dienstes in den letzten 22 Jahren und der Botschaft, die darin zum Ausdruck kam.

Einschätzung

Landesbischof Rentzing wurde auf alle kritisierten Punkte von denen, die die Petition „Nächstenliebe verlangt Klarheit“ initiiert haben, vor Veröffentlichung angesprochen. Das gilt auch für seine im September 2019 wieder aufgetauchten Aufsätze in der Zeitschrift „Fragmente“. Er hat aber darauf nie reagiert. Das gilt auch für sein Umfeld. Die Information, dass Rentzing Mitglied in der Verbindung „Hercynia“ ist, wurde im Juni 2019 in den Wkipedia-Eintrag zu Carsten Rentzing eingefügt (https://de.wikipedia.org/wiki/Carsten_Rentzing). Es gibt konkrete Anhaltspunkte, dass dieser Eintrag durch jemanden aus dem Umfeld von Wolfgang Fenske, dem Herausgeber der Zeitschrift „Fragmente“, getätigt wurde.

Was zusätzlich auffällt: Ständig schwankt Rentzing zwischen Distanzierung von seiner Vergangenheit und der Behauptung einer Kontinuität. Das gelingt ihm aber nur dadurch, dass er zum einen die Ziele der „Hercynia“ einfach umdeutet, um dann ausführen zu können: sie bestimmen sein Leben bis heute. Zum andern verweist er auf seine späte Hinwendung zum Glauben (das Datum seiner Taufe taucht in seiner Biografie nicht auf). Diese lasse ihn heute erkennen, dass Gott ihn auf diesem Weg geführt und begleitet hat – offensichtlich auch in die Verbindung „Hercynia“ und in den Redaktionskreis der „Fragmente“. Ebenso erklärt Rentzing, dass er Positionen, die er in seinen Aufsätzen in der Zeitschrift „Fragmente“ eingenommen hat, verdrängt habe, um dann später zu erklären, dass er sich davon schon vor 25 Jahren gegenüber seinem Beichtvater distanziert habe. Doch warum musste er sie dann verdrängen?

Genauso sibyllinisch hat sich Rentzing in seiner Amtszeit gegenüber den Rechtsnationalisten von Pegida/AfD verhalten: auf der einen Seite hat er dazu beigetragen, die AfD zu normalisieren; auf der anderen Seite hat er sich klar positioniert für die menschenwürdige Aufnahme von Geflüchteten. Doch an keiner Stelle ist fassbar, wo er wirklich verankert ist. Da verwundert es nicht, dass er seine Mitgliedschaft bei „Hercynia“ als eine Art „Jugendsünde“ darstellt, aber bis heute keinen Anlass sieht, die Mitgliedschaft zu beenden.

Was auch auffällt: Auf der Homepage www.evlks.de sind unter dem Link Landesbischof (https://www.evlks.de/wir/leitung/landesbischof/) viele Predigten, aber kein einziger Vortrag abrufbar. Rentzing hat aber in seiner Amtszeit Vorträge gehalten – z.B. am 16. Juni 2018 zum Thema „Was ist Wahrheit? Die Frage des Pilatus“. Dieser Vortrag ist auf der evangelikal-rechten Seite des „Gemeindenetzwerk“ (Gemeinschaft bibel- und bekenntnisorientierter Gemeinden, Gemeinschaften, Verbände und Gemeindeglieder aus den Gliedkirchen der EKD) https://www.gemeindenetzwerk.de/?p=15736#more-15736 veröffentlicht – in unmittelbarer Nachbarschaft zu einem Vortrag von Victor Orbán über die illiberale Demokratie.

Nach dem vollzogenen Rücktritt von Dr. Carsten Rentzing muss die sächsische Landeskirche dringend ihr Verhältnis zur Öffentlichkeit (schließlich ist die Kirche eine Körperschaft des öffentlichen Rechts und der Landesbischof bekleidet genauso wie ein/e Gemeindepfarrer/in ein öffentliches Amt), zum Gebrauch der neuen Medien, zum Rechtsnationalismus und zu einer lutherischen Theologie klären, die in der säkularen Gesellschaft die biblische Botschaft zu vermitteln weiß.

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