Stauffenberg, Neo Rauch und die Umdeutung der Geschichte

In einem wenig beachteten Gespräch mit dem „Handelsblatt“ (veröffentlicht am 19. April 2018) stellte sich der Leipziger Maler Neo Rauch vor den aufgrund seiner Äußerungen in die Kritik geratenen Schriftsteller Uwe Tellkamp: „Ich fühle mit ihm. Er ist ein lauterer Charakter, sehr geradlinig strukturiert, dem ich nichts Schlechtes zutraue. Er scheint mir eher ein Wiedergänger Stauffenbergs zu sein. Im Unterschied zu den heuchlerischen Sachwaltern seines Verlags.“ Tellkamp, eine Art Widerstandskämpfer? Tellkamp, ein in einer Gesellschaft mit einer freiheitlichen, demokratischen Verfassung umstrittener Schriftsteller auf einer Stufe mit einem – zugegebener Maßen rechtskonservativen – Angehörigen der Wehrmacht, der am Ende der Nazi-Diktatur den Weg in den Widerstand gegen den nationalsozialistischen Terror gefunden hatte und am 20. Juli 1944 ein Attentat auf Adolf Hitler verübte, das scheiterte, und der dann von den Nazis ermordet wurde? Was ist mit einem solchen Vergleich beabsichtigt? Wenn Tellkamp ein „Wiedergänger Stauffenbergs“ sein soll, dann kann sein Verlag (Suhrkamp) ja nur ein Kollaborateur einer „Meinungsdiktatur“, einer Regierung und eines Systems sein, das genauso beseitigt gehört, wie im Juli 1944 der Nationalsozialismus. Genau das aber ist der Jargon, der jeden Montag in Dresden (und leider an zu vielen Buffets und fein gedeckten runden Tischen des gehobenen Bürgertums in Ost- und Westdeutschland) zu hören ist: Merkel muss weg, Lügenpresse, Volksverräter, Widerstand. Neo Rauch würde das – wie viele andere der feinen Gesellschaft – niemals mit skandieren, aber er zimmert mit am Resonanzboden für ein Denken, dass die politischen Systeme einebnet und das Nationale zum neuen Identifikationsrahmen erklärt, abseits von Demokratie und Menschenrechten.

Es ist schon auffällig wie all diejenigen, die sich nach und nach ideologisch um die AfD scharen, ein Bild von Deutschland zu erzeugen versuchen, das kruder nicht sein kann. Da wird eine behauptete „Merkel-Diktatur“ mit den beiden tatsächlichen Diktaturen des 20. Jahrhunderts gleich gesetzt. Noch einmal Neo Rauch in dem besagten Interview: „Wir haben 1989 die Bagage der Blockwarte, Gesinnungsschnüffler und der Politkommissare zum Teufel gejagt und uns gesagt: ‚So etwas lassen wir uns nie wieder bieten. Wir lassen uns nie wieder auf Linie bringen.‘ Und jetzt sind die Blockwarte wieder da in Gestalt ihrer Enkelkinder. Das macht mich so unfassbar zornig.“ Verstehe ich das richtig: ein kritischer gesellschaftspolitischer Diskurs, in dem ich medial oder politisch in die Defensive geraten kann, wird mit dem unseligen Wirken von Blockwarten, Gesinnungsschnüfflern und Politkommissaren, die die Dissidenten auf Linie zu bringen versuchten, auf eine Ebene gehoben? Wenn dem so ist, dann wird es gefährlich – auch wenn ich einem Neo Rauch nur bedingt politischen Sachverstand unterstellen möchte. Aber er steht ja nicht allein. Die neue Rechte um die Höckes, Gaulands und Kubitschecks bemüht sich gerade darum, den 20. Juli 1944 wie auch die Friedliche Revolution 1989/90 zu Anknüpfungspunkten rechts-nationalistischen Denkens zu erklären und damit ideologisch zu okkupieren.

Darum stellen sich weitere Fragen: Könnte es sein, dass manche Bildungsbürger aus dem Dunstkreis der AfD, die sich jetzt plötzlich auf ‘89 und die Männer um Staufenberg berufen, dies deswegen tun, weil sie genau das, was die Menschen 1944/45 und 1989/90 nach manchen Irrwegen erreichten wollten – nämlich freie Meinungsäußerung, kulturelle Vielfalt, freiheitliche und soziale Demokratie, offene Grenzen, eine europäische Friedensordnung, heute als Gefahr ansehen und ablehnen, ohne zu merken, dass sie damit den Widerstand gegen Hitler wie die Friedliche Revolution konterkarieren? Könnte es sein, dass sie sich – in einer freien Gesellschaft angekommen – zu einer Beschaulichkeit zurücksehnen, in der die eigenen Lebenskreise durch nichts Fremdes mehr gestört werden sollen? Könnte es sein, dass sie deswegen der offenen Gesellschaft, der europäischen Idee, der multikulturellen und multireligiösen Entwicklung so panisch angstbesessen bis feindlich gegenüberstehen und diese deswegen als „Diktatur“ empfinden, weil es eben nicht nur ein „Wir gegen die anderen“ gibt, sondern gesellschaftliche, kulturelle Vielfalt das Eigene sehr relativiert und ich lernen muss, dass meine Überzeugung immer kritisch hinterfragt wird? Hieß aber nicht eine Parole der Friedlichen Revolution „Für ein freies Land mit offenen Grenzen“?

In dem genannten Interview bekennt sich Neo Rauch auch als Konservativer: „Das ist ja wahrscheinlich die Definition der konservativen Daseinsform, der ich naturgemäß zu entsprechen habe, weil es meiner inneren Struktur entspricht: Das Neue, das Fremde so lange zu verhindern, bis es nicht mehr gefährlich ist. Und die Gefahren sind natürlich evident, die uns umgeben, die auf uns zukommen.“ Eine erstaunliche, aber auch entlarvende Definition: das Neue, das (der) Fremde werden nur dann akzeptiert, wenn sie meine Lebensweise nicht mehr infrage stellen. Bis dahin sind das Neue und das (der) Fremde eine „Gefahr“, gegen die ich mich schützen muss. Das aus dem Mund eines Kulturschaffenden zu hören, der mit jedem Werk etwas Neues, etwas Fremdes schafft, ist mehr als erstaunlich. Aber genau diese Denkweise ist es, die dazu führt, dass Menschen, die eigentlich von der Freiheit leben, jetzt daran gehen, diese zur Disposition zu stellen – samt aller Werte, die dazu gehören. Noch einmal Neo Rauch: „Empathie darf nicht dazu führen, dass wir unser Handeln von Gesinnungsethik leiten lassen. Die drückt uns in den Gestus des moralisch Hochstehenden hinein, der nicht fragen darf, welche Folgen seine Bereitschaft zu einschränkungsloser Hilfe in zehn oder zwanzig Jahren haben wird.“ Mit solchen Aussagen wird der Boden dafür bereitet, sich von allen unveräußerlichen Grundwerten zu trennen, um den Gefahren des Fremden zu begegnen. Mehr noch: damit soll der „moralische Schmerz“, den Bernd Ulrich in der neuen ZEIT angemahnt hat und der in jedem christlichen Gottesdienst geweckt wird, betäubt werden.

Ich weiß: Jetzt wird mir vorgeworfen werden, ich würde Neo Rauch in die rechte Ecke stellen; ich würde ihm politische Absichten unterstellen, die er nicht hat; ich würde keine andere Meinung dulden als die eigene. Nein, ich lebe Gott sei Dank in einer Gesellschaft, in der Neo Rauch oder auch ich sagen und schreiben können, wovon wir überzeugt sind. Aber ich lebe auch in einer Gesellschaft, in der der Meinungsstreit angstfrei und offen ausgetragen werden kann. Nur werde ich zunehmend skeptisch, wenn Leute wie Tellkamp und Rauch auf der einen Seite in meinen Augen gefährliche Ansichten vertreten, aber sofort die „Meinungsdiktatur“ wittern, wenn sie kritisiert werden, und sich mimosenhaft als Opfer inszenieren. Da sollten sie sich selbstkritisch fragen, ob sie nicht einen wesentlichen Aspekt vom Widerstand gegen Hitler und von der Friedlichen Revolution 1989 vergessen haben bzw. dabei sind, diese Geschichte umzudeuten.

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