Die neue Universitätskirche St. Pauli – feiern oder eiern

Ja, es ist ein Grund zu großer Freude, Dankbarkeit und zum Feiern: die Einweihung der neuen Universitätskirche St. Pauli am kommenden Wochenende. Was eigentlich schon 2009 zum Höhepunkt des 600-jährigen Jubiläums der Universität Leipzig werden sollte, gerät acht Jahre später zu einem herausragenden Ereignis der Stadt Leipzig: die feierliche Inbetriebnahme der neuen Universitätskirche St. Pauli. Am 30. Mai 1968 in einem ideologisch-zerstörerischen Willkürakt gesprengt ist sie nun wieder erstanden – ganz anders und doch wieder das geistige und geistliche Zentrum der Universität. Ein Raum, in dem all das zusammenkommt, was Zukunft verheißt: der wissenschaftliche Disput wie die akademische Feier, der öffentliche Gottesdienst wie die Begegnung der Religionen, die Universitätsmusik wie die vielfältigen Klangwelten der Kulturen. Die neue Universitätskirche ist das geworden, was sie wahrscheinlich nie war, aber dennoch im 21. Jahrhundert sein muss: eine Stätte der Besinnung und des Diskurses in einer globalisierten Welt, die dringender denn je der streitigen Vergewisserung über das bedarf, was sie zusammenhält. Gleichzeitig ist die neue Universitätskirche ein wunderbares und mahnendes Zeichen dafür, dass die mutwillige Zerstörung von Synagogen, Kirchen oder Moscheen immer Ausdruck der Verkommenheit einer Gesellschaft war und ist. Umgekehrt sind der Neubau, die Restaurierung, der Schutz von Gotteshäusern nicht als in Stein gefasste Implementierung des Ewiggestrigen misszuverstehen, wissenschaftsfern oder gar –feindlich. Nein: Gotteshäuser dienen als öffentliche Gebäude dem weiten Blick in die Unendlichkeit und damit auch der Einsicht in die eigene Begrenztheit. Aus beidem entsteht das, was ein Wissenschaftsbetrieb im 21. Jahrhundert vor allem benötigt: Erleuchtung und Freiheit.

Wer in dieser Weite die neue Universitätskirche St. Pauli betrachtet, der kann mit dem, was aus alten Zeiten noch vorhanden ist, angstfrei umgehen: seien es Epitaphe, sei es die Kanzel, seien es die Formate, die – wie die Gottesdienste – seit alters her in diesem Gemäuer zu Hause waren. Auch wird man – völlig unabhängig von der eigenen Glaubensüberzeugung – das neue Gebäude so benennen wie den zerstörten Vorgängerraum: Universitätskirche St. Pauli. Ob das die Universitätsangehörigen in ihrer Mehrheit endlich begreifen werden und sich nun der normativen Kraft des Faktischen stellen? Geschichte lässt sich nicht ausradieren. Geschlagene Wunden hinterlassen Narben, die dauerhaft an die Tat, den Schmerz erinnern … müssen. Es darf nicht der Vergessenheit anheim fallen, dass genau an der Stelle der Darstellung des gekreuzigten Christus im Ostfenster der gesprengten Universitätskirche 1974 das triumphalistische Karl-Marx-Relief errichtet wurde. Darum: Nur wenn die neue Universitätskirche als räumliche Einheit verstanden wird, kann die Spannung entstehen, die all ihre Nutzungsmöglichkeiten dringend benötigen: der Disput und die Debatte, die Universitätsmusik, der Gottesdienst und Feierstunden im interreligiösen Kontext.

Vieles von dem, was die Vertreter/innen der Universität Leipzig jetzt wieder verlauten lassen, mutet wie ein staksig-unbeholfener Eiertanz an. Da wird auf der Pressekonferenz im Vorfeld der Einweihung als erstes die Betriebsruhe der Universitätskirche über Weihnachten und Neujahr verkündet – so als ob das eine völlig überraschende Information ist, dass Gottesdienste in der Regel an Sonn- und Feiertagen stattfinden. Da tischt der Kustos der Universität den versammelten Medien weiter sein Ammenmärchen auf, als sei die schon jetzt verstaubte, optisch wabernde Plaste-Trennwand zwischen Chorraum und Langhaus eine klimatische Notwendigkeit. Sie ist aber lediglich ein ästhetischer und sehr teurer Schildbürgerstreich, der lieber heute als morgen sein Ende finden sollte. Da wird der restaurierten historischen Kanzel eine drei-semestrige „Klima-Probezeit“ verordnet. So lange brauchen wohl einige, um ihre Phobien (hoffentlich zu Tode) zu pflegen.

Warum immer noch diese merkwürdige Angst vor der Wirklichkeit? Warum nicht uneingeschränkte Freude und Stolz auf das neue geistige und geistliche Zentrum der Universität, das die Vergangenheit verbindet mit gegenwärtiger wissenschaftlicher Arbeit, die sich im offenen Diskurs auf Zukunft, auf gesellschaftspolitische Verantwortung befragen lassen muss? Da müsste doch eigentlich universitärer Ehrgeiz wie von selbst organisieren können, dass diese Kirche täglich von 09.00 bis 20.00 Uhr geöffnet und den Universitätsangehörigen wie allen Bürgerinnen und Bürgern zugänglich sein sollte. Das kann doch nicht an kleinlichen Vorschriften scheitern, die nur dazu dienen, das zu rechtfertigen, was man nicht will! Aber es ist ja nicht die Universitätsleitung allein, die immer noch in sich verkrampft ist. Auch von der Theologischen Fakultät oder der Universitätsgemeinde hat man bis jetzt nicht das befreiende, freudige, öffentliche Wort zur neuen Universitätskirche gehört. Wo also bleibt die dringliche Einladung an alle, diesen Raum zu nutzen? Wo bleibt die Einladung an die anderen Konfessionen und Religionen, mitzutun bei der Entwicklung des geistlichen Lebens an der Universität? Wo bleibt das Willkommen an all diejenigen, die keiner Religionsgemeinschaft angehören? Auch hier steht Kleinmut in einem Missverhältnis zur Weite des Raumes, der Gedanken, des Glaubens. Kein Wunder also, dass die säkularistische Skepsis bei vielen Universitätsangehörigen sich weiter durch die Köpfe frisst – auch deswegen, weil die kirchlichen Repräsentanten, die am 1. Advent 2017 die Weihe vornehmen, sich – um es vorsichtig auszudrücken – nicht gerade als Vertreter/innen theologischer Weite, reformatorischer und demokratischer Offenheit sowie gesellschaftspolitischer Wachheit hervorgetan haben. Da ist es mehr als nachvollziehbar, dass viele Studierende die Homophobie des sächsischen Landesbischofs im krassen Widerspruch auch zum christlich geprägten Menschenbild sehen und dagegen protestieren wollen. Auch dafür muss Platz und Raum in der neuen Universitätskirche St. Pauli sein.

Doch jetzt kann und darf zunächst einmal gefeiert werden. Denn am Augustusplatz ist in einer herausragenden Architektur (fast) alles so geworden, wofür auch ich mich mit vielen anderen in den vergangenen 10 Jahren eingesetzt, den Kopf hingehalten und manchmal habe beschimpfen lassen (
Appell an die Universitätsleitung vom Juni 2011
): die neue Universitätskirche St. Pauli in ihrer Dreifachnutzung. Auf ihr möge Gottes Segen ruhen.

Zu guter Letzt: Zu den vielen anderen gehören vor allem die, denen es nicht vergönnt ist, die Einweihung zu erleben – u.a. Erich Loest, Martin Petzoldt, Rainer Fornahl, Martin Oldiges, Christoph Michael Haufe. Ihnen gilt dankbares Gedenken.

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