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Politische Liturgie

„Lässt sich die AfD noch aufhalten?“ So titelt die aktuelle Ausgabe der Wochenzeitung DIE ZEIT (N° 4 vom 28. Mai 2026). Illustriert wird die Frage auf der Titelseite mit einer blauen Welle, die unaufhaltsam auf uns zuzurollen und alles, auch die Frage, unter sich zu begraben scheint. Im Feuilleton derselben Ausgabe wird dann die Fragestellung leicht variiert: „Wie lässt sich die AfD stoppen?“ Dazu liefern 14 Menschen aus Kultur, Literatur und Wissenschaft Antworten. Aber sind das wirklich die entscheidenden Fragen? Müssen wir nicht viel genauer auf die Bürger:innen achten, die einer rechtsnationalistischen, verfassungsfeindlichen Partei wie der AfD bei Wahlen ihre Stimme geben? Was veranlasst sie dazu, bei Bundestags- und Landtagswahlen für eine Partei zu votieren, deren Kandidat:innen bei fast allen Persönlichkeitswahlen im kommunalen Bereich teilweise haushoch unterlegen sind – auch in Ostdeutschland! und deren Bundestags- und Landtagsabgeordnete im öffentlichen Leben ihrer Wahlkreise kaum eine Rolle spielen? Was veranlasst Bürger:innen in Sachsen-Anhalt, sich auf das Abenteuer einer AfD geführten Landesregierung einzulassen, deren Regierungsprogramm sehr bewusst anknüpft an die Ideologie der Nationalsozialisten vor 100 Jahren? Warum meinen laut Meinungsumfragen zwischen 25 und 30 Prozent der Wähler:innen, ihre Interessen seien bei einer Partei gut aufgehoben, deren sozial- und wirtschaftspolitische Vorhaben sich sehr schnell als Luftnummern herausstellen, soziale Gräben vertiefen und die Vermögenden begünstigen – und das alles überwölbt von deutschtümelnder Fremdenfeindlichkeit, kultureller Homogenität und völkischer Rhetorik?

Ein wesentlicher Grund ist: Viele Menschen sehen sich in ihren Wünschen und Bedürfnissen nicht ausreichend beachtet – mit der Folge, dass sie ihr Gefühl von Minderwertigkeit und mangelnder Anerkennung und die damit verbundene Verbitterung und Aggressivität auf Bevölkerungsgruppen projizieren, die sie bevorzugt sehen. Dieses Gefühl ist besonders in Ostdeutschland verbreitet: sich fremd im eigenen Zuhause und zu wenig an der Entwicklung beteiligt vorkommen. Diese Gefühlslage wird bestärkt (nicht erzeugt) durch

  • eine mögliche schwierige soziale Lage,
  • eine ausgedünnte Infrastruktur im ländlichen Raum,
  • den Einsamkeitssog, der durch den Wegfall vieler sozialer Kontakte und verstärkt durch die sog. sozialen Netzwerke, erzeugt wird,
  • das zunehmende Unvermögen, durch ein inneres Krisenmanagement die persönlichen, beruflichen und gesellschaftlichen Herausforderungen, Probleme und Verwerfungen einordnen und bewältigen zu können.

Wer die AfD politisch kleinhalten will, muss sich also mit dieser Gefühlslage auseinandersetzen und darauf reagieren. Das ist alles andere als einfach. Denn die beschriebene geistig-moralische Großwetterlage ist genauso real wie die Bereitschaft von zu vielen Bürger:innen, für ein (vergiftetes) AfD-Linsengericht die Errungenschaften der freiheitlichen, rechtsstaatlichen Demokratie aufs Spiel zu setzen. Diese haben uns in Deutschland und Europa seit über 80 Jahren Verhältnisse beschert, unter Friedensbedingungen und unter Wahrung eines sozialen Ausgleichs das Zusammenleben einigermaßen gerecht zu gestalten und zu erneuern – mit dem Höhepunkt der Friedlichen Revolution. Darum ist es höchste Zeit, dass die demokratischen Parteien sowie die zivilgesellschaftlichen Institutionen ihre Ziele als erstrebenswerte, sinnvolle, den Menschen zugewandte Vorhaben kommunizieren. Auf Dauer reicht es nicht, Politik unter der Überschrift zu betreiben: Die AfD will etwas ganz Schlimmes; wir verhindern das! Es wird auch nicht reichen, dauernd Katastrophenszenarien zu beschreiben – und dann darauf zu vertrauen, dass die Bürger:innen die Parteien wählen, die sie für die Katastrophen verantwortlich machen. Demokratische Parteien und zivilgesellschaftliche Institutionen müssen zuerst und vor allem ihr Wirken als Gewinn für das Leben derer vermitteln können, die davon abgehalten werden sollen, AfD zu wählen. Solange aber jeden Tag Deutschland im politischen Diskurs und medial als ein Land dargestellt wird, das sich im unaufhaltsamen Niedergang befindet und dessen politische Akteure unfähig sind, diesen aufzuhalten, wird nur eine Gemütslage bedient, die Menschen verdrießlich stimmt und veranlasst, AfD zu wählen. Dann ist eigentlich nichts mehr aufzuhalten – schon gar nicht eine Partei, die allein aus panisch-wütender Wirklichkeitsverzerrung  und Menschenverfeindung ihren Nektar zieht.

Was wir jetzt brauchen: eine neue politische Liturgie – wörtlich: ein neues Verständnis von politischer Dienstleistung. Diese steht in der Demokratie immer in einer Wechselbeziehung zwischen politischen Mandatsträger:innen und Bürger:innen. Dabei lohnt es, sich an der Liturgie eines sonntäglichen Gottesdienstes zu orientieren. Die besteht aus:

  • kritischer Bestandsaufnahme (Kyrie und Sünden-/Schuldbekenntnis),
  • Erinnerung an und Vergewisserung durch die eigene Programmatik (Bibeltexte und Glaubensbekenntnis),
  • Übertragung auf den Alltag mit Zuspruch und Anspruch (Predigt),
  • Einbettung in das persönliche, gesellschaftliche und Weltgeschehen (Fürbitte),
  • Stärkung und Zusammenhalt (Abendmahl),
  • den Menschen zugewandt bleiben und sich mit positiven, auf Frieden ausgerichteten Aussichten den Problemen stellen können (Segen).

Wenn wir das auf Politik übertragen, dann wird sehr schnell deutlich:

  • Politik in der Demokratie ist etwas anderes als Amazon: Ich bestelle und ihr habt zu liefern. Politik in der Demokratie kann nur funktionieren, wenn jede Bürgerin, jeder Bürger ihre, seine Verantwortung wahrnimmt, also mitmacht, einen eigenen Beitrag leistet und sich dabei als Gesegnete:r, Berufene:r, Verantwortliche:r versteht – für sich selbst und für den:die Nächste:n.
  • Demokratie ist angewiesen auf das Bewusstsein: Nichts ist selbstverständlich, nichts ist vollkommen. Alles hängt davon ab, was ich selbst einzubringen bereit bin. Es hängt aber auch davon ab, dass ich mir meiner eigenen Unzulänglichkeit bewusst bin.
  • „Wir sind nur Gast auf Erden …“ (Psalm 119,19 und Paul Gerhardt) Ja, das gilt für alle Menschen, für die Einheimischen und für die Fremden (von denen wir immer schnell erwarten, dass sie sich als Gäste verhalten sollen). Darum: Den anderen, der mich stört, auszuschließen und zu verdrängen, ist keine Option in der Demokratie. Sich als Gast zu verstehen, lässt jede:n zunächst das mit Achtung, Respekt, Dankbarkeit an- und wahrnehmen, was ist.

Wenn wir, die demokratischen Parteien und zivilgesellschaftlichen Institutionen, in einer solchen Tonlage die politische Liturgie neu zum Klingen bringen, neu intonieren, werden wir eher Menschen gewinnen können, sich aktiv in die Gestaltung der Demokratie einzubringen. Vor allem aber besteht die Chance, dass die von Grund auf a-musische, a-kulturelle, a-demokratische AfD ins politische Abseits geraten wird – oder: die Welle sich im Schaum der Meeresoberfläche auflösen wird.

36 Kommentare

  1. Lieber Herr Wolff,
    wie schade, dass Sie sich immer verführt sehen, auf meine Beiträge aus der Hüfte zurückzuschießen und dann unnötig aggressiv zu werden, anstatt sich Zeit zum Überlegen zu geben.
    In Ihrem Punkt 1 stimmen Sie mir in Wirklichkeit also zu. Die Liturgie erfordert keine Entscheidungen, sondern „sie ebnet den Weg …“. Wie schön. Die Politik dagegen – ich schrieb es – fordert Entscheidungen und legt also, je nach Ansicht der von den Entscheidungen Betroffenen, manchmal auch Steine in den Weg. Genau das war mein Argument.
    Und Ihr Punkt 2 – verzeihen Sie – verdeutlicht Ihre Widersprüchlichkeit, die – ich bleibe jetzt mal in Ihrem Stil – Ihre Heuchelei offenbart: Es ist weder „Anmaßung“ noch „autoritäre Grundhaltung“, wenn man aus dem täglichen Erleben heraus feststellt, dass die meisten Menschen in Krisen- und Mangellagen sich auf ihre eigenen Bedürfnisse immer stärker zurückziehen und diese verteidigen, auch zu Lasten der Gesamtgesellschaft und zu Lasten der Demokratie. Ein eher lustiges Beispiel war der Mangel an Toilettenpapier zu Coronabeginn, ein eher übliches Beispiel sind die Hamsterkäufe in jeder Krisenlage, ein aktuelles Beispiel sind die augenblickliche Umfragewerte zu unseren großen Reformbaustellen, wo alle von der Notwendigkeit einschneidender Änderungen überzeugt sind und gleichzeitig fast ausschließlich die Opferbereitschaft jeweils der anderen einfordern.
    Sie machen sich unglaubwürdig, wenn Sie es als „autoritär“ abtun, dass man Menschen beschreibt, wie sie sind, und gleichzeitig aber in vollständig autoritärer Form in allen Ihren Beiträgen alle Andersdenkenden in unterschiedlichen Graden beschimpfen und verunglimpfen (mein Lieblingszitat von Ihnen erspare ich mich hier): Lesen Sie Ihre Beiträge und Widersprüche: „ … weil die Masse nicht in der Lage ist, das für sie Richtige zu erkennen.“ Da liegt der Finger auf der Wunde: Ich habe behauptet, dass die „Masse“ leider nur allzu genau weiß, was FÜR SIE das Richtige ist“ – und dabei eben übersieht, was für die Gesellschaft, für ALLE, das Richtige ist.
    Andreas Schwerdtfeger

    1. …dass die „Masse“ leider nur allzu genau weiß, was FÜR SIE das Richtige ist – und dabei eben übersieht, was für die Gesellschaft, für ALLE, das Richtige ist.

      Lieber Herr Schwerdtfeger, diesen weisen Satz habe ich mir eingerahmt. Vielen Dank!

  2. Wir erleben in den letzten beiden Beiträgen einen ganz anderen Wolff – und ich freue mich darüber.
    Ein kleiner Exkurs zuvor:
    Bitte, Herr Wolff, lassen Sie sich bei diesem Beitrag zur „Politischen Liturgie“ nicht wieder, wie beim Beitrag zum 23. Mai und zum GG thematisch ablenken aufs Nebengleis der Qualifikation eines hier in der Vergangenheit ideologisch Wühlenden. Ihr Mantra, zum Thema zu schreiben, hat ja was für sich – und öffnet durchaus große Spielräume. Aber die ewigen Wiederholungen eines Monothematikers, der sich selbst als großen Wissenschaftler lobt, entwürdigen das Thema.
    „Wer die AfD politisch kleinhalten will, muss sich also mit dieser Gefühlslage auseinandersetzen und darauf reagieren“ – schreiben Sie und ich freue mich, dass Sie endlich anerkennen, wie wichtig es ist, sich inhaltlich mit der Partei/ihren Wählern auseinanderzusetzen und nicht nur gegen sie zu schimpfen. „Brandmauer“ ist Unsinn, wenn sie nur als Verweigerung verstanden wird, denn dann führt sie der AfD weitere Wähler zu. Inhaltliche Bekämpfung mit überzeugenden Argumenten gegen Populismus ist dann erfolgreich, wenn den Menschen die Realität vor Augen geführt wird. Das eben tut die augenblickliche Bundesregierung (wenn man von Retromenschen wie Bas absieht).
    „Darum ist es höchste Zeit, dass die demokratischen Parteien sowie die zivilgesellschaftlichen Institutionen ihre Ziele als erstrebenswerte, sinnvolle, den Menschen zugewandte Vorhaben kommunizieren“ – dies scheint mir der Schlüsselsatz in Ihrem Beitrag zu sein, Herr Wolff. Und auch dies tut die Bundesregierung, indem sie – endlich – dem Volk die Augen ähnlich klar öffnet, wie es vor 20 Jahren die Regierung Schröder getan hat. Dass man dabei nur unpopulär werden kann, wiederholt sich also. Dass man dabei auch über Prioritäten und deren Ausbalancierung streiten muss, ist offensichtlich. Tut man es im Stile einiger hier, also rechthaberisch, belehrerisch und moralisierend, treibt man die Wähler an die Flanken. Tut man es in Form von Klartext (Stadtbild, Drecksarbeit, etc) riskiert man den Widerspruch der Populisten. Gelassenheit und Inhalt anstelle von Totschlagvokabeln wären hier zu empfehlen.
    Ihr Vergleich zur Liturgie ist interessant und ermutigend. Er lässt aber einen wichtigen Aspekt außer Acht: Den nämlich, dass Politik entscheiden muss. Kirche setzt eine Entscheidung voraus, nämlich die zur Mitgliedschaft. Hat man sie getroffen, ist keine weitere Entscheidung mehr nötig außer der grundlegenden, dabei zu bleiben oder nicht. Motivationen fürs Austreten sind wohl überwiegend: Finanziell (es ist eben problematisch, eine verordnete Steuer anstelle eines freiwilligen Beitrags zu fordern); Fragen der Überzeugung (es ist eben problematisch, wenn die für alle offene Kirche sich tagespolitisch einer bestimmten Klientel zuwendet, anstatt besser langfristige Orientierung zu geben); aktuelle Probleme, die die Tendenz des Menschen, sich zu erheben über seine Brüder in moralische Überlegenheit umformen (die Missbrauchsfrage ist eben zwar natürlich ganz schlimm, aber statistisch gesehen sind die Kirchen hier kaum schlimmer als andere gesellschaftliche Gruppen).
    Politik also fordert Entscheidungen – und diese im laufenden Prozess, also immer in der Unsicherheit der Fragen des richtigen Zeitpunktes und der Summe der jeweils verfügbaren Informationen. Entscheidungen wiederum sind Zäsuren – sie beenden oder verändern eine Lageentwicklung und beginnen durch die der Entscheidung folgenden Maßnahmen eine neue. Es ist deshalb so unsinnig, wie es hier gerne passiert, politische Entscheidungen (wie zB Scheuer oder Spahn, es gibt natürlich auch Beispiele in anderen Parteien) strafrechtlich verfolgen zu wollen (was etwas anderes ist, als nachträglich objektiv zu untersuchen, um es beim nächsten Mal besser zu machen, aber eben ohne die hier so gerne gezeigte „Überlegenheit“ der Kleingeistigen).
    Ihre drei Schlussfolgerungen am Ende unterstütze ich. Dabei muss aber klar sein, dass Ihre Aussage „Politik in der Demokratie kann nur funktionieren, wenn jede Bürgerin, jeder Bürger ihre, seine Verantwortung wahrnimmt“ nicht, wie bei uns in den derzeit wichtigen Fragen (insbesondere Soziales und Sicherheit) praktiziert, immer nur bezogen auf die einzelnen Interessenvertreter und Individuen diskutiert wird. Wir müssen bei uns die Gesellschaft sanieren – und nicht das Individuum immer mit Komplettgarantie in die Verantwortungslosigkeit führen.
    Andreas Schwerdtfeger

    1. Lieber Herr Schwerdtfeger, gerne mache ich Sie auf zwei Dinge aufmerksam, die in einem inneren Zusammenhang stehen:
      1. Sie sprechen davon, „dass Politik entscheiden muss“, während „die Kirche … eine Entscheidung voraus(setzt)“. Das trifft – bezogen auf die Liturgie – nun nicht zu. Mein Vergleich mit der Liturgie hat mit Kirche als Institution zunächst nichts zu tun. Insofern wird auch hier keine Entscheidung vorausgesetzt. Vielmehr ebnet die Liturgie einen Weg, um zu guten Entscheidungen zu kommen. Nur so macht mein Vergleich auch einen Sinn.
      2. Ungeachtet der Tatsache, dass der verstärkte Individualismus (Ich-Bezogenheit) auch eine gesellschaftspolitische Herausforderung darstellt, empfinde ich es als Anmaßung, wie selbstverständlich Sie davon ausgehen, dass die Wahrschnehmung der bürgerschaftlichen Verantwortung des Einzelnen in der Demokratie aus rein egoistischen Motiven geschieht. Diese Unterstellung, die permanent gerade bei Bundeskanzler Merz mitschwingt, ist aus meiner Sicht völlig unangebracht.
      Ihre beiden von mir aufgegriffenen Bemerkungen zeugen von einer autoritären Grundhaltung, die davon ausgeht, alles müsse von Oben gesteuert werden, weil die Masse nicht in der Lage ist, das für sie Richtige zu erkennen.
      Beste Grüße, Christian Wolff

      1. „Ihre beiden von mir aufgegriffenen Bemerkungen zeugen von einer autoritären Grundhaltung, die davon ausgeht, alles müsse von Oben gesteuert werden, weil die Masse nicht in der Lage ist, das für sie Richtige zu erkennen.“

        Lieber Herr Wolff, zu Ende gedacht bedeutet diese Aussage, dass die „Masse“ – immerhin geht es hier um einen sehr großen Bevölkerungsanteil – keine Demokraten sind. Folglich geht eine Demokratie auf demokratischem Wege in eine andere Gesellschaftsform über, wenn diese „Masse“ bei einer Wahl die notwendige Mehrheit erreicht. Trifft das zu?

        Doch ist es in einer anderen Gesellschaftsform als in einer Demokratie nicht so, dass gerade dann „alles von Oben“ gesteuert wird und die „Masse“ zu folgen hat?

        Wie ist es möglich, das „Richtige“ zu erkennen?

        1. Hier liegt wohl ein Missverständnis vor. Mein Satz bezieht sich auf den Kommentar von Herrn Schwerdtfeger. Es ist kein Beitrag zu der Frage, ob die Demokratie sich selbst sozusagen auf demokratische Weise abschaffen kann. Dem hat das Grundgesetz einen Riegel vorgeschoben, indem die Grundrechtsartikel eben nicht per Mehrheit verändert oder gestrichen werden dürfen. Außerdem definiert Art. 20 GG die Bundesrepublik Deutschland als demokratischen und sozialen Bundesstaat und räumt das Recht zum Widerstand dann ein, wenn diese Ordnung beseitigt werden soll.

          1. „Dem hat das Grundgesetz einen Riegel vorgeschoben, indem die Grundrechtsartikel eben nicht per Mehrheit verändert oder gestrichen werden dürfen.“

            Mhm, lieber Herr Wolff, wenn das so sicher scheint, warum dann dieser Hype um die AfD? Warum die Brandmauer? Warum der Unvereinbarkeitsbeschluss der CDU gegenüber den Linken? Warum das Feindbild der CSU gegenüber den Grünen? Ist also das Grundgesetz das „Richtige“? Und wer vermittelt das? Wer verteidigt es?

          2. Sicher ist gar nichts. Immer wieder werden die Grundrechtsartikel infrage gestellt bzw. wird gegen sie verstoßen. Darum ist es Aufgabe des Bundesverfassungsgerichts auf ihre Einhaltung zu achten. Verteidigt werden kann aber das Grudgesetz wie die freiheitliche Demokratie nur durch die Bürgerinnen und Bürger selbst. Dem sollte auch die Auseinandersetzung mit einer verfassungsfeindlichen Partei wie der AfD dienen.

          3. Lieber Herr Wolff, damit bin ich bei Ihnen.

            „Verteidigt werden kann aber das Grundgesetz wie die freiheitliche Demokratie nur durch die Bürgerinnen und Bürger selbst.“ Richtig. Diejenigen, die die Werte des Grundgesetzes verachten, sind in großer Zahl in „Ostdeutschland“ anzutreffen, leider von westlichen Spitzenpolitikern angeführt. Während meiner Vortragstour durch Schleswig-Holstein habe ich hunderten Jugendlichen diese Werte vermittelt. Das Lehrpersonal war begeistert. „Im Unterricht schaffen wir es gerade bis zum Nationalsozialismus und von der DDR wissen wir fast gar nichts.“ Ich stellte viel Unwissen fest, doch die Jugendlichen waren dankbar und willens, zu lernen und ihre Werte zu verteidigen, auch militärisch.

            Im Osten erlebte ich bei den Jugendlichen, bis auf wenige Ausnahmen, nur ein sehr schwach ausgeprägtes Wissen, was die Geschichte Deutschlands, die gesellschaftlichen Veränderungen der letzten Jahrzehnte und die heutige Zeit betrifft. Ich habe erlebt, dass Abiturienten klassenweise noch nie etwas vom Mauerfall gehört haben. Ich kann mich auch nicht erinnern, dass im Zuge der deutschen Einheit das Grundgesetz thematisiert wurde. Im Vordergrund stand die D-Mark. Dann die Arbeitsplätze. Jetzt geht es um „gleiche Lebensverhältnisse“, was auch immer das sein mag, und neuerdings um „ostdeutsche Identität“, ebenfalls ein Rätsel. Die Populisten spielen mit diesen inhaltsleeren Schlagworten wie auf einem Klavier – und zunehmend erfolgreich. Wie soll auf der Basis von weit verbreitetem Unwissen, Lügen und Halbwahrheiten eine inhaltliche Auseindersetzung in der Gesellschaft erfolgen?

            Meiner Auffassung nach setzt eine Demokratie einen gewissen Bildungsstand voraus, der auf einer aufgearbeiteten Geschichte, Erfahrungen und Werten beruht. Wenn dieser zu gering ist, haben Lügen, Halbwahrheiten und Propaganda ein leichtes Spiel. Bildung ist wiederum Ländersache, länderübergreifende Projekte kenne ich nicht. Ich habe seit vielen Jahren in allen Bundesländern Erfahrungen sammeln können. Bis auf wenige Ausnahmen sind die gegebenen Voraussetzungen, die für eine freiheitlich-demokratische Bildung notwendig sind, Haare sträubend und extrem besorgniserregend.

            Was können wir dagegen tun?

        2. Und wir wissen vielleicht nicht, ob „die Masse“ nicht in der Lage ist, das für sie Richtige zu erkennen. Wir wissen aber sehr genau, dass diese Masse bei jedem, aber auch wirklich jedem Problem, dass heutzutage in unserem politischen, wirtschaftlichen, sozialen und rechtlichen Leben auftritt, nicht etwa mit der Frage reagiert: Was kann ich tun? sondern eben mit der Frage: Was unternimmt jetzt also die Politik? Das heißt: Unsere Bürger (als Individuen) begeben sich gerne, bewusst und ohne jede Scham in die entmündigende Staatsfürsorge anstatt in die Selbstverantwortung. Sie weichen mit Freude und in völliger Fehlinterpretation gelebter Demokratie jeglicher Eigenentscheidung aus – natürlich um hinterher um so kräftiger „die Politik“ zu kritisieren, ja zu beschimpfen, wenn die Entscheidung dort nicht ihre Individualinteressen berücksichtigt. Das ist die politische Liturgie unserer Tage – und sie kommt nicht aus einer autoritären Grundhaltung meinerseits zustande, sondern man kann sie täglich in den Medien und Kommentaren der Menschen lesen und hören. Lemminge eben (und selbstverständlich ist dies eine Verallgemeinerung, aber eben mit sehr realem Hintergrund)!
          Andreas Schwerdtfeger!

  3. Lieber Christian, eine sehr gelungene Analyse der gegenwärtigen Situation und ihrer Vorgeschichte. Vor allem die Stichworte: „- eine mögliche schwierige soziale Lage,
    – eine ausgedünnte Infrastruktur im ländlichen Raum,
    – den Einsamkeitssog, der durch den Wegfall vieler sozialer Kontakte und verstärkt durch die sog. sozialen Netzwerke, erzeugt wird,
    – das zunehmende Unvermögen, durch ein inneres Krisenmanagement die persönlichen, beruflichen und gesellschaftlichen Herausforderungen, Probleme und Verwerfungen einordnen und bewältigen zu können.“, beschreiben die Ursachen punktgenau.
    Die Ausführungen zum Thema „Politische Liturgie“ sind mir – um es vorsichtig auszudrücken – sehr sympathisch.

  4. Sorry, ich habe mir die Rede Putins ausgedruckt und aufbewahrt, in der er die „Spezialoperation“ in der Ukraine rechtfertigt. Er nennt sich eindeutig Bolschwist. In dieser Mission war er als KGB-Offizier in Dresden tätig und hat als russischer Präsident die heutigen Geheimdienste organisiert, und zwar als „lupenreiner Demokrat“. Die Voraussetzung ist ein Hochschulstudium! Im Westen kann jeder Dödel Politiker werden. Gern sende ich Ihnen dieses Statement zu.

    1. Herr Wittenburg, woher nehmen Sie die Gewissheit, dass Putin „hochgebildet“ sei? „Wir werden die Terroristen überall hin verfolgen. Notfalls machen wir sie auch auf dem Scheißhaus kalt. Sonst noch Fragen?“ – Putin 1999 – so spricht ein KGB-Offizier. Haben Sie sich mal mit dem Niveau einer sowjetischen Fach-, bzw. Hochschulausbildung beschäftigt?
      „Im Westen kann jeder Dödel Politiker werden.“ – Es wird ständig darüber geklagt, dass zu viele Politikwissenschaftler und Juristen in den deutschen Parlamenten sitzen, die keine praktische Berufserfahrung haben. Da sind mir ein paar „Dödel“ willkommen.

      1. Ganz einfach: Ich habe Marxismus-Leninismus pauken an und den Kommunismus als das Paradies der Zukunft glauben müssen, ich habe die staatliche Erziehung zu einem „neuen Menschen“ am eigenen Leib erleben dürfen, ich habe an den „historischen und wissenschaftlich begründeten Sieg“ der vereinigten Proletarier glauben müssen, ich habe die dahingehend verfälschte Geschichte lernen müssen, ich hatte 36 Tage Politunterricht über mich ergehen lassen müssen, auch einige Stunden „Schule der sozialistischen Arbeit“, doch da befand ich mich schon im Widerstand.

        Ich habe mich mit der SED herumgeschlagen, die Fach- und Hochschulausbildung der DDR kennengelernt, Jugendliche ausgebildet, künstlerische Talente gefördert, mich in den „Bruderländern“ herumgetrieben, und zwar bis nach Sibirien, die Solidarnosc-Zeit in Polen erlebt, eine Reise in den Westen unternehmen dürfen, eine weltweite Korrespondenz gepflegt, meine Stasiakte studiert, mit einem Stasioffizier Tür an Tür gewohnt, das System von innen erfahren, eine Reise nach Russland unternommen, alle deutschen Bundesländer und 20 EU-Staaten besucht, dort vom Alltagsleben der Menschen erfahren, mit Historikern publiziert, eigene Bücher und Beiträge verfasst, Vortragsreisen unternommen, vor zigtausenden Zuhörern erzählt, mit Ausstellungen eine Viertel Million Menschen erreicht, mit zahlreichen davon gesprochen, an Podiumsdiskussionen teilgenommen, mit hochrangigen Politikern kooperiert, Studienreisen unternommen…

        Und irgendwann weiß man, wovon man spricht.

        In einer (sowjet)russischen Fach- und Hochschulausbildung einschließlich der Ausbildungsstätten der Geheimdienste hat nicht die Fachkompetenz Priorität, sondern die bedingungslose Loyalität. Im Vergleich dazu sollte der Westen die Werte einer Demokratie kennen und diese vertreten. Das Problem mit Politikwissenschaftlern und Juristen in den deutschen Parlamenten kenne ich, bin selbst davon betroffen. Doch ein Dödel ist auch keine Lösung.

  5. Ein sehr schöner Text! Mich hat natürlich vor allem dieser Teil angesprochen: „kritische Bestandsaufnahme (Kyrie und Sünden-/Schuldbekenntnis)“. Nur wenn das ein zentraler Teil der Liturgie ist, wird man zur gesellschaftlichen Versöhnung kommen. In Südafrika hat es ganz gut geklappt, auch dank versöhnlicher Menschen wie Desmond Tutu.

  6. Deine uns mitgeteilten Zeilen und Deine Bezugnahme auf die Liturgie als Strukturierendes Element, lieber Christian machen ja sehr deutlich , dass Selbstverständlichkeiten oder grobe Schlagworte mir Gott nicht begreifbarer und wirksamer machen. Damit Gott in mir spürbar und wirksam werden kann ,muss ich mich schon aktiv öffnen und ihm wirklich in mir, in meinem Herzen geschützten Raum, Ruhe und Zeit geben , ihn direkt ansprechen mit meinem Ringen und muss auch mit ihm aufrecht ringen( nicht feilschen!) . Sonst bleibt‘s beim „ Warten auf Godot“. … und beim großspurigen , verführerischen Sprücheklopfen und sich selbst zu „Gott“ machen. Vom Wirken des Guten hiernieden, von seiner Relativität und Unbeständigkeit gaben mir -spät im Leben -nicht die Theologen , Mediziner ,nicht die Philosophen genauere Kunde, ließen mich in die Abgründe blicken, sondern zwei ehemaligen Auschwitz- Häftlinge Rudolf Vrba und Primo Levi -mit ihren veröffentlichen Zeugnissen,-die sich selbst am Ende umbringen mussten. Es war nicht mehr zu ertragen, vor allem die Ausgrenzung und Isolierung und dass so viele Täter ihre zivilen Karrieren nach dem dritten Reich unbehelligt weiterführen konnten . -Es klaffte zu aller Zeit , wenn ich genauer hinschaue,e ine enormer Abgrund zwischen europäischer Theologie, dem europäischen Humanismus , der europäischen Aufklärung und der europäischen Wirklichkeit. Das dürfen wir nicht vergessen. Nie. Sonst wiederholt sich all diese verbrecherische Willkür und lädt zu neuer Willkürlichkeit und einseitiger , Menschen und Gott verachtenden Machtausübung ein. Wenn wir bescheidener werden könnten und unser Gewissen wirklich bilden und benutzen, eine Lithologie der Verständigung , auch für peinliche Themen …statt künstlicher Intelligenz…… ist das nur mein Traum? Widerstand bewegt vor allem und wirkt, wenn wir uns verständigen und zusammenhalten, einander mitteilen, auch notwendige Streite aushalten und offen austragen. Geschenkt gibt‘s Demokratie und Menschenwürde nicht. Mit Parolen auch nicht!

  7. Die Feststellung, auf “Dauer reicht es nicht, Politik unter der Überschrift zu betreiben: Die AfD will etwas ganz Schlimmes; wir verhindern das!“ möchte ich dick unterstreichen. Ein wenig interpretiere ich diese auch als Selbstkritik. Schließlich schreibe ich hier seit Jahren dagegen an, jeden Tag ein neues Schreckensszenario einer hypothetischen AfD-Herrschaft an die Wand zu malen, anstatt sich inhaltlich mit den gegensätzlichen Positionen der relevanten politischen Kräfte im Lande auseinanderzusetzen. Zu denken, die „demokratischen Parteien“ bräuchten doch nur besser „ihre Ziele als erstrebenswerte, sinnvolle, den Menschen zugewandte Vorhaben kommunizieren“, und dann würde der AfD das Wasser abgegraben, geht am eigentlichen Problem vorbei. Es ist doch erst einmal zu klären, inwieweit bestimmte Vorhaben der sog. demokratischen Parteien tatsächlich erstrebenswert im Interesse der Mehrheit der Bevölkerung sind. Darüber ist vorrangig zu streiten.

    Es gibt also weniger ein Kommunikationsproblem als eines mit der mangelhaften Streitkultur im Lande. Die zunehmende Einengung des Meinungskorridors verhindert, dass essenzielle gesellschaftliche Fragen offen, zielorientiert und von breiten Bevölkerungsschichten nachvollziehbar diskutiert werden können. So z. B. die derzeit brennende Frage, ob weiterhin Milliarden in die Aufrüstung gesteckt werden sollen in dem Bemühen, vielleicht Russland doch noch in die Knie zu zwingen, auch wenn damit ein Weltkrieg riskiert wird, oder ob schnellstens auch die Europäer mit Russland einen Interessenausgleich suchen sollten. Ob Sicherheit nur gegen Russland geschaffen werden kann oder ob eine europäische Friedensordnung nur gemeinsam mit Russland denkbar ist. Ob ein Eiserner Vorhang, diesmal von Sankt Petersburg bis zum Schwarzen Meer, neuerlich Europa spaltet, oder ob Europa sich nur als von den USA und China unabhängige Kraft entwickeln kann, wenn es enge wirtschaftliche und kulturelle Bindungen in den eurasischen Raum hält, so wie es Jahrhunderte der Fall war (Ich habe gerade mit großer Begeisterung „Endspiel Europa“ von Ulrike Guérot und Hauke Ritz gelesen). Aus ökonomischer Sicht müsste u. a. der Streit darüber ausgetragen werden, ob der angebotsorientierte Weg der richtige ist, nämlich durch Unternehmenssteuersenkungen und Eindampfen des Sozialsystems mehr Wachstum zu erzeugen, oder ob im Gegenteil nur durch Erhöhung der Massenkaufkraft, also durch höhere Löhne und garantierte Sozialleistungen, Unternehmen zu mehr Investitionen veranlasst werden können. Und was unsere Beziehungen zum globalen Süden angeht: Es muss auch ein Streit darüber zugelassen werden, ob die Verbrechen der Israelis an den Palästinensern von der offiziellen deutschen Politik weiterhin hingenommen werden dürfen, oder ob die permanenten Verletzungen der Menschenrechte und des Völkerrechts durch Israel klar verurteilt werden müssen. Eine Quittung für die inkonsistente Haltung Deutschlands zu Menschenrechtsverletzungen in der Welt gab es ja gestern in New York.

    Würden all diese Fragen offen und fair diskutiert und bekäme jeder die Chance, sich mit den verschiedenen Standpunkten rational auseinanderzusetzen, bräuchte es die AfD nicht. Diejenigen, die den Alternativpositionen zuneigen, wären durch BSW und eventuell durch die LINKE gut vertreten, und die anderen würden eben CDU-FDP-SPD-Grüne wählen, wobei ich hoffe, dass die gegenwärtige bejammernswerte Verfassung der SPD kein Dauerzustand ist und sich die Relationen hin zu einer vernünftigen Regierungspolitik irgendwann ändern werden. Da sich wegen des vorherrschenden, verkorksten Meinungsklimas eine seriöse Opposition gegen die herrschende Politik im Lande nur mühsam profilieren kann, erhält die AfD die Möglichkeit, im Trüben zu fischen, Ressentiments zu bedienen und sich als die wahre Oppositionspartei zu gerieren, zudem als die mit einer realistischen Machtoption.

    1. Lieber Herr Lerchner,

      alles nachvollziehbar. Besorgniserregend ist allerdings die Nähe der konservativen Parteien zur Nähe der AfD-Positionen. Die SPD ist außen vor, deshalb dieser Konflikt in Deutschland. Es gelingt zurzeit keine Annährung. Faire Debatten existieren nicht, „dank“ der Debatten in den digitalen Medien, die von der AfD dominiert werden. Mangelhafte Streitkultur ist an der Tagesordnung, selbst teilweise hier im Blog, von den Feinden der Demokratie so gewollt, unverkennbar mit beachtlichem Erfolg.

      „So z. B. die derzeit brennende Frage, ob weiterhin Milliarden in die Aufrüstung gesteckt werden sollen in dem Bemühen, vielleicht Russland doch noch in die Knie zu zwingen, auch wenn damit ein Weltkrieg riskiert wird.“

      Nein, es wird kein Weltkrieg riskiert. Wer Angst davor hat, hat verloren. Genau davon habe ich auf meiner SH-Tour ebenfalls gesprochen. Jugendliche kamen zum Schluss zu mir und fragten, wie ich über die Wehrpflicht denke, die jetzt diskutiert wird. Ich habe erzählt, dass es ein Unterschied ist, zum Kadavergehorsam erzogen zu werden, um den „Weltkommunismus“ zu erreichen, oder als selbstbestimmter Bürger seine Freiheit und mit ihr die Demokratie zu verteidigen. Flucht hat ihren Sinn verloren.

      Putin ist ein Bolschewist! Wohl kaum jemand im Westen weiß, welche Bedeutung das hat. Er ist hoch gebildet und wickelt die westlichen Demokratien um seinen Finger, wenn sie seinen Gedanken und Zielen nicht folgen können.

      Leider ist es so, dass es wieder gefährliche Feinde gibt, unter anderem diesen. Wenn Waffengleichheit herrscht und freie Bürger den Mut, die Fähigkeit, den Willen zur Verteidigung zeigen und die Abschreckung wirksam ist, wird es auch keinen (Welt)Krieg mit Todesfolge geben. Natürlich kostet das Geld! Das einzurichten, ist die Herausforderung für die Zukunft mit vielen Möglichkeiten, einen Beruf und einen interessanten Arbeitsplatz zu finden, sei es auf Zeit oder auf Dauer.

      „Ob ein Eiserner Vorhang, diesmal von Sankt Petersburg bis zum Schwarzen Meer, neuerlich Europa spaltet, oder ob Europa sich nur als von den USA und China unabhängige Kraft entwickeln kann, wenn es enge wirtschaftliche und kulturelle Bindungen in den eurasischen Raum hält, so wie es Jahrhunderte der Fall war (Ich habe gerade mit großer Begeisterung „Endspiel Europa“ von Ulrike Guérot und Hauke Ritz gelesen).“

      Der damalige Eiserne Vorhang war keine Initiative des Westens, sondern von den (Sowjet)Russen gewollt. Die Initiative von Willy Brandt (SPD) in allen Ehren, doch diese gelang nur unter Gorbatschow und Ronald Reagan. Diese Träume hat die Realität eingeholt.

      Statt große Geschäfte mit China und Russland zu realisieren, sollte der Binnenmarkt der Europäischen Union Priorität haben. Gerade in Osteuropa steckt viel bisher vernachlässigtes Potenzial. Ich weiß, wovon ich rede.

      1. „Putin ist ein Bolschewist!“
        Was schreiben Sie doch für einen Mist:
        Ein Bolschewist war ein Anhänger der revolutionären kommunistischen Bewegung von Wladimir I. Lenin. Die Bolschewiki wollten eine kommunistische Gesellschaft aufbauen und die internationale Weltrevolution befördern.
        Putin vertritt weder die klassische kommunistische Ideologie der Bolschewiki noch das Ziel einer klassenlosen Gesellschaft. Er wird daher eher als russischer Nationalstaatler bzw. autoritärer Konservativer eingeordnet als als Bolschewist.

        1. Verrutscht. Folgender Kommentar ist an dieser Stelle besser aufgehoben.

          Sorry, Herr Breuer, ich habe mir die Rede Putins ausgedruckt und aufbewahrt, in der er die „Spezialoperation“ in der Ukraine rechtfertigt. Er nennt sich eindeutig Bolschwist. In dieser Mission war er als KGB-Offizier in Dresden tätig und hat als russischer Präsident die heutigen Geheimdienste organisiert, und zwar als „lupenreiner Demokrat“. Die Voraussetzung ist ein Hochschulstudium! Im Westen kann jeder Dödel Politiker werden. Gern sende ich Ihnen dieses Statement zu.

          1. Es bleibt trotzdem Unsinn:
            Informieren Sie sich wer und was Bolschewisten waren, wo sie politisch standen (extrem links), bis wann die Bezeichnung verwendet wurde ( !952 ), wie sie sich weltpolitisch sahen (international) und welche Gesellschaft sie erkämpfen wollten (klassenlos). Alles keine Gemeinsamkeiten mit Putin.

            Bern Höcke ist auch kein Demokrat, weil er sagt „Ich bin ein Demokrat“!

            Im übrigentippe ich eher auf ein Übersetzungs bzw. Verständnisfehler – russisch ist nicht jedermans
            Sache.

          2. Unter welchem Vorwand sich eine menschenfeindliche Macht zu etablieren versucht, ist im Prinzip egal. Sie beruht auf Gewalt und Unterdrückung. Punkt. Übersetzungsfehler, wenn ich darüber direkt mit Russen spreche?

          3. PS: Die Aussage „Putin ist ein lupenreiner Demokrat.“ stammt von Gerhard Schröder, SPD, Bundeskanzler. Während in Deutschland das Thema Stasi alle Medien beherrschte, durfte Putin als ehemaliger KGB-Offizier im Bundestag sprechen. Das ist ählich, als wenn Erich Mielke dort sprechen dürfte. Denn der KGB war die übergeordete Instanz der Stasi. Der KGB hat seinen Ursprung in der Tscheka, die geheime Terrororganisation der Bolschewiki. Sie wurde 1917 von Lenin gegründet und war bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion Vorbild der Geheimdienste in den Staaten, die unter Moskaus Vorherrschaft standen.

            Diese Leute sind nicht einfach verschwunden, sondern haben sich neu organisieren und Nachwuchs heranziehen können. Diese agieren heute unter einer anderen Farbe. Ihre Ziele sind geblieben, nur die Strategie hat sich geändert.

    2. Die AfD startet ihr Wahlprogramm mit „Alles ist möglich!“ Nein, das muss nicht schlimm sein, was dann kommt, kann aber, denn alles ist möglich. Wenn alles schlimm ist, umso besser. Das wollte Hitler, das wollte Stalin… Die Saat ist fruchtbar noch. Man muss sie nur zum Blühen bringen und Mehrheiten mobilisieren. Solange kann man das Demokratie nennen. Wenn das Mögliche möglich geworden ist, dann man das… Bitte weiterdenken.

  8. Liebe Leserinnen und Leser,

    gerade bin ich in Schleswig-Holstein unterwegs, erzähle jungen Menschen aus eigenen Erfahrungen in Wort und Bild, wie es sich anfühlt, unter der Herrschaft einer einzigen Partei zu leben, die sich anmaßt, immer Recht zu haben und dieses mit Gewalt durchdrückt. Mit keinem Wort erwähne ich die AfD und den BSW, doch die Jugendlichen verstehen genau, was und wen ich meine. Meine Botschaft: Der Pluralismus muss gewahrt bleiben. Sonst ist die Demokratie am Ende.

    Ich erzähle ebenfalls, dass es in den1980er Jahren in der DDR und in den ostmitteleuropäischen Staate vor allem Jugendliche waren, also eine Minderheit, die den Weg in eine Demokratie eingeleitet haben. Am Ende der Erzählungen spüre ich die Kraft und den Willen der heutigen Jugend, sich für unsere Werte einzusetzen.

    Ich appelliere an die älteren, demokratisch gesinnten Generationen, die jungen Menschen zu unterstützen. Von nix kommt nix.

  9. Ein notweniges PS zu meinem Kommentar: Der von mir zitierte Lied-Vers ist dem Lied „Auf den Nebel folgt die Sonn“ (1668) entnommen. Jo.Flade

  10. Auf den theologisch-politisch höchst relevanten, auch mich bewegenden, aktuellen Beitrag von Dir, lieber Christian, kann ich nicht anders als mit einem Lied (Vers 12) von Paul Gerhardt, ganz bewusst im Sinne des Paul-Gerhardt-Jahres 2026 reagieren:
    „ Als ich furchtsam und verzagt
    mich selbst und mein Herze plagt,
    als ich manche liebe Nacht
    mich mit Wachen krank gemacht,
    als mir aller Mut entfiel:
    tratst du, mein Gott, selbst ins Spiel,
    gabst dem Unfall Maß und Ziel“.
    Und auf den Kurzkommentar von Herrn B. Kogge nur soviel: NEIN; Weinen geht gar nicht. Wir kämpfen für Menschenwürde, Anstand, Demokratie, Zivilgesellschaft, inneren wie äußeren FRIEDEN (der sollte bei Jeder, jedem selbst beginnen) und aufrechten Gang. Damit hatten wir zum Friedlichen Herbst 1989 in Plauen, Dresden, Leipzig, Berlin, Rostock historischen Erfolg. Wer sich nicht bewegt, der verändert nichts! Auch Michael Käfer demonstriert genau das – er heult nicht rum, er tut etwas! Und Chr. Wolffs Interpretation: Theologie – Politik sollte auch die Institution Kirche wach rütteln, es wird Hohe Zeit! Jo. Flade

  11. Wahrlich ein Beitrag, der den mentalen Zustand der Deutschen skizziert!

    Eine tiefgreifende Debatte wird lange Zeit in Anspruch nehmen, bis Klarheit herrscht und die in Gefahr geratene Demokratie hoffentlich wieder an Festigkeit gewinnt. Das ist die Aufgabe, die die ältere Generation, die in Freiheit und Demokratie ihren Wohlstand gelebt hat, der jüngeren Generation, also ihren eigenen Kindern und Enkelkindern, vermitteln sollte. Doch sie tut es nicht. Sie schwärmt sentimental von der „guten alten Zeit“. Die Alterspyramide steht Kopf.

    Es ist ein Märchen, dass gesellschaftlich Benachteiligte eine AfD-Macht bevorzugen. Der Machthunger der AfD und die Gefühlslage der Wähler sind viel diffiziler, die Methoden, an die Macht zu kommen, viel raffinierter.

    In Grimmen, Vorpommern, fand kürzlich der Landesparteitag der AfD in Vorbereitung der Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern statt. In Sachsen-Anhalt präsentiert sich die AfD radikal, wohl aus gutem Grund, in MV viel gemäßigter, ebenfalls aus gutem Grund. Die Teilnehmer an diesem Parteitag in Grimmen, wo auch die CDU gern zusammentrifft, waren vor allem ältere, fleischige und konservative Männer, deren Wohlstand nicht zu übersehen ist. Vor dem Gebäude parkten stattliche Limousinen, von Benachteiligung keine Spur.

    In Schwerin fand zeitgleich der Parteitag der Linken statt. Die Teilnehmer waren vorwiegend junge Menschen und es parkten keine dicken Limousinen vor dem Gebäude. Der gesellschaftliche Stellenwert dieser Gruppe äußert sich gerade in der Bafög-Debatte von Dorothea Bär.

    Nun stellt sich die Frage: Welche Partei ist angesichts dieser offensichtlichen Tatsachen für die Wähler, die anstatt demokratische, bildungs- und zukunftsorientierte Werte eher materiellen Wohlstand bevorzugen, attraktiver?

    1. Ein wunderbares Bild :
      Alte fleischige weiße Männer des Hades in dicken
      Wohlstandslimousinen stehlen jungen
      Töchtern Aphrodites auf blumenbekränzten
      Fahrrädern die Politshow.
      Wenn es nicht so tragikkomisch wäre, wäre es tatsächlich zum Heulen.

  12. In der erwähnten Umfrage der „Zeit“ behauptet einer der Mitgründer der AfD, Konrad Adam (2021 ausgetreten), „neben den Grünen sei die AfD die einzige Neugründung von Dauer in der rund achtzigjährigen Geschichte der Parteienrepublik Deutschland“. Das ist nicht korrekt, kam doch mit der Wiedervereinigung Deutschlands die SED (umbenannt in SED-PDS, PDS, Linkspartei, Linke) eine neue Partei in Gesamtdeutschland hinzu, um zu bleiben. Zunächst mit guten bis sehr guten Wahlergebnissen im Osten, ging es dann da bergab – genauso in Gesamtdeutschland nach der Vereinigung mit der WASG. Doch seit der letzten Bundestagswahl hat diese Partei besenders bei jungen Wählern deutlich zugegelegt. Wie kommt das? Indem sie einen modernen, auch online geführten Wahlkampf mit einer jungen, quirligen und einem seriös erscheinenden Vorsitzenden hingelegt hat. So konnte die giftige Ideologin Wagenknecht mit ihrer neuen Partei erfolgreich abgehängt werden. Die Appelle an die Bevölkerung, die Demokratie aktiv mitgestalten zu sollen, sind schön und gut. Doch wir leben nicht mehr in der DDR als sog. Wahlhelfer schon mittags den Nichtwählern zu Hause auf die Pelle rückten. Es ist jedermanns gutes Recht, sich politisch oder ehrenamtlich nicht an der Gestaltung der Demokratie beteiligen zu wollen. Bislang spiegelte sich das auch in einer mäßigen Wahlbeteiligung wider. Doch holt die AfD ihre Stimmen zu einem beträchtlichen Teil aus dem Lager der Nichtwähler. Die demokratischen Parteien sollten sich also für den Wähler attraktiver machen, ihn „abholen“ wie man heute sagt. Ich bewundere z. B. unseren Ministerpräsidenten, Kretschmer, wie der sich in vielfältiger Weise in Veranstaltungen mit Bürgern trifft und sie von seiner Politik zu überzeugen sucht.

    1. 1. Was ist denn Wahlbeteiligung anderes als „Demokratie aktiv mitgestalten“?
      2. Ja, es ist jedermanns und jederfrau gutes Recht, sich sinnlos zu besaufen und zu Tode zu rauchen. Nur kann ich daraus nicht die Konsequenz ziehen, dass dies gleichwertig ist mit einem gesunden Lebenswandel.
      3. Es ist schon etwas verwegen, die Appelle zum bürgerschaftlichen Engagement für die und in der Demokratie gleichzusetzen mit dem Kontrollbesuch der „Wahlhelfer“ in der DDR.

  13. Die Wahl in Sachsen-Anhalt am 6.9.26 und damit die realistische Gefahr einer Allein-Regierung der unsäglichen AfD in Magdeburg lassen mich seit Wochen überlegen, was kann ICH einbringen, was kann ICH in dieser Situation beitragen, um  ein Worst-Case-Szenario zu verhindern. 
    Christian Wolff liefert in seinem neuen Beitrag viele kluge Überlegungen: „Müssen wir nicht viel genauer auf die Bürger:innen achten, die … der AfD bei Wahlen ihre Stimme geben“? Ein klares „JA“ darauf hat mich z.B. bewogen, aktiv am Straßenwahlkampf in S-A teilnehmen zu wollen.
    Dabei will ich versuchen, mit Argumenten zu unterlegen, was das „Regierungsprogramm“ einer gesichert rechts-extremen Partei für die Bürger:innen bedeutet.
    Oder hinterfragen, was passiert, wenn Bürger:innen, Tourist:innen, Studierende, Firmen ihre Ausgaben/Investitionen in einem Land mit einer gesichert rechts-extremen Landesregierung reduzieren?
    Christian schreibt weiter: „Viele Menschen sehen sich in ihren Wünschen und Bedürfnissen nicht ausreichend beachtet – mit der Folge, dass sie ihr Gefühl von Minderwertigkeit und mangelnder Anerkennung und die damit verbundene Verbitterung und Aggressivität auf Bevölkerungsgruppen projizieren, die sie bevorzugt sehen“.
    Wie sah es in Leuna, Bitterfeld, an der Saale vor 40 Jahren aus? Wie war es um Luft- und Wasserqualität bestellt?
    Welchen (internationalen) Stellenwert haben heute die Universitäten in S-A, die Kultur, die Infrastruktur?
    Kann/will man all das aufs Spiel setzen, nur weil ein paar alte, weisse Männer (vorzugsweise aus dem Westen) ihre Chance auf Macht, Einfluss und persönliche (familiäre) Bereicherung wittern?

    Last but not least: Christian’s Gedanke der „politischen Liturgie“ in Analogie zur kirchlichen halte ich für faszinierend und anregend!

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