Vor 70 Jahren ermordet: Mahatma Gandhi – weiterhin auf der Tagesordnung: die Gewaltlosigkeit

Mahatma Gandhi (1869-1948)

Sein Tod war die gewissermaßen legitime Antwort der Welt auf Gandhis Leben und Werk, so wie Golgatha die folgerichtige Antwort der Welt auf Jesus war. (Hermann Hesse)

Am 30. Januar 1948, also genau vor 70 Jahren, wurde Mahatma Gandhi erschossen. Er führte Indien durch die Strategie des gewaltlosen Widerstands in die Unabhängigkeit. Das indische Wort Ahisma benennt den zentralen Inhalt der Lehre Gandhis. Ahimsa bedeutet so viel wie: Fehlen jeden Verlangens zu töten, grundsätzlich auf Gewalt verzichten. Für Gandhi ist die Gewaltlosigkeit ein religiöser, aber auch ein praktischer, politischer Begriff: „Gewaltlosigkeit gelingt nur, wenn unser Glaube an Gott wahrhaft und lebendig ist.“ sagt Gandhi und meint: Weil im Glauben die Einheit aller lebenden Wesen, das Aufeinander-Bezogensein der Menschen, begründet liegt, kann alle aus Überheblichkeit geborene Gewalt durch „Satyagraha“, die Seelenkraft, überwunden werden. Mit diesen Gedanken war Gandhi ganz dicht bei zwei biblischen Grundüberzeugungen: 1. Jeder Mensch genießt als Geschöpf Gottes Würde und Recht. 2. Die Lehre von der Gewaltlosigkeit und Feindesliebe, die Jesus in der Bergpredigt entwickelt hat. Kein Mensch hat das Recht, sich über den anderen zu erheben, seine Interessen gegen andere mit Gewalt durchzusetzen – seien sie auch noch so berechtigt. Schon in Südafrika, wo Gandhi zwischen 1893 und 1914 mehr als zwanzig Jahre lebte und dort als Anwalt für die Rechte der indischen Minderheit eintrat, ließ sich Gandhi, der fromme Hindhu, von der Lehre Jesu inspirieren – und hielt den christlichen Rassisten den Spiegel vor. Gandhi verkörperte schon damals das in sich, was wir heute Weltethos nennen: eine Haltung, die das Zusammenleben der Menschen unterschiedlicher religiöser Überzeugungen in der großen Weltgemeinschaft ermöglicht. Mehr noch: Gandhi verband im Apartheidland Südafrika mit Gewaltlosigkeit, interreligiösem Dialog und Abwehr jeder Form von Rassismus eine neue Basis für ein friedlichen Zusammenleben.

Nun ist die Lehre der Gewaltlosigkeit als politische Strategie der Bekehrung von Gesellschaften und Regierungen weitgehend in Vergessenheit und Misskredit geraten – u.a. auch deswegen, weil es keine relevante gesellschaftliche Kraft gibt, die dieses Grundanliegen des Glaubens in politische Praxis umzusetzen versucht. Leider muss auch von den Kirchen (abgesehen von den kleinen Friedenskirchen wie den Quäkern und den Mennoniten) gesagt werden, dass sie sich in keinem ihrer Bekenntnisse zur Gewaltlosigkeit als Grundlage des Glaubens verpflichten. Die Gewaltlosigkeit zu praktizieren, war immer einzelnen und den Bewegungen, die von ihnen ausgingen, vorbehalten – wie Martin Luther King und der gewaltlose Kampf gegen die Rassentrennung in den USA in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts.

Das ist insofern erstaunlich, als alle mit kriegerischen Mitteln ausgetragene Konflikte die Lehre Jesu und die Erkenntnisse Gandhis bestätigen: Gewalt täuscht eine Lösung von Konflikten nur vor; in Wirklichkeit sät sie den Samen der Verbitterung und der Feindseligkeit und reproduziert und potenziert sich selbst. Genau das geschieht derzeit im Norden Syriens – und nicht nur dort. Das Grundübel der Gewalt ist, dass sie das Ziel, nämlich eine Befriedung zu erreichen, zwangsläufig verfehlt. Demgegenüber behauptet niemand, der der Gewaltlosigkeit anhängt, Gewaltausübung verhindern, ausschließen zu können. Jesus wie Gandhi wie Martin Luther King sind Opfer von Gewalt geworden. Aber in ihrer Lebenshaltung hat Gewaltausübung keinen Platz. „Unsere Waffe ist, keine zu haben“, hat Martin Luther King einmal gesagt. In diesem Sinn hat Gandhi den Menschen immer wieder eingeschärft: Die Unterdrücker, die Machthaber können uns foltern, ja töten, aber sie können uns nicht dazu bringen, selbst zu töten. Gandhi ging es in der Strategie der Gewaltlosigkeit nicht um Sieg und Niederlage, sondern um Bekehrung und spirituelle Erneuerung.

Gandhi hat insbesondere 1930 durch den sog. Salzmarsch bewiesen, dass die Praxis der Gewaltlosigkeit ungerechte Machtstrukturen zu überwinden vermag. Um Verhandlungen über die ausbeuterische Salzsteuer zu erzwingen, kündigte er an, geltende Gesetze zu übertreten und zeigte damit, welch verändernde und Frieden stiftende Kraft in der Strategie der begrenzten Regelverletzung liegen kann. Mit 78 Männern machte er sich auf den Weg zum Meer. Der Marsch wurde zu einem Triumphzug. An der Küste angekommen holte Gandhi eine Handvoll Reis aus dem Meer, und alle anderen folgten seinem Beispiel. Jugendliche verkauften das Salz unversteuert in den Städten. Gandhi wurde verhaftet. Die Aktionen gingen trotz Polizeiübergriffe weiter. Denn ohne Widerstand zu leisten, stellten sich die Menschen den Stockschlägen der Polizei. So wurden die Geschlagenen zwar nicht zu Siegern, aber zu Befreiten.

Nach der Gewaltgeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts und angesichts der alltäglichen Gewalt heute, vor der sich immer mehr Menschen mit Recht fürchten und vor ihr flüchten, ist es mehr als angebracht, dass wir uns wieder auf eine der Grundlagen unseres Glaubens besinnen: die Gewaltlosigkeit – und uns dazu anhalten lassen von einem frommen Hindhu. Damit stärken wir zugleich das interreligiöse Zusammenleben und den Kampf gegen jede Form von Rassismus. Das ist allemal wichtiger, als uns von den Gedankenzwergen der Gewalt-Gipfeltreffen in Davos oder München in ihrer hybriden Gigantonomie wieder einmal einreden zu lassen, dass nur durch Anhäufung von militärischer und wirtschaftlicher Macht und Gewalt Leben gewährleistet werden könne. Genau das aber funktioniert nicht, weil diese Art von „Leben“ nur auf Kosten von menschenwürdigem Dasein möglich ist. Hermann Hesse hat das erkannt.

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