Ohne Maß und Ziel

Keine Frage: Das Corona-Virus ist gefährlich und alles andere als vergleichbar mit einem Grippe-Virus. Keine Frage: Durch die rasant steigenden Infektionszahlen wird die Anzahl der Erkrankungen, auch die mit schwerem Verlauf, wachsen. Keine Frage: Es muss alles getan werden, um das Gesundheitswesen vor dem Kollaps zu bewahren. Keine Frage: Jeder Anflug von Verharmlosung des Coronavirus und Verschwörungsmythen verbieten sich. Aber gerade darum die Frage: Wer soll die Entscheidungen der Bundes- und aller Landesregierungen vom gestrigen Tag verstehen? Wer soll nachvollziehen können, dass Gottesdienste erlaubt sind, aber Theater, Konzerthäuser, Opern, Hotels, Restaurants für vier Wochen geschlossen bleiben müssen – obwohl diese Einrichtungen in den vergangenen Monaten Millionen Euros investiert haben, um die Auflagen der Gesundheitsämter zu erfüllen, und bis heute dort kein Corona-Hotspot entstanden ist?

Nun könnten sich die Kirche bequem zurücklehnen: Unsere Gottesdienste bleiben gewährleistet. Aber das wäre eine unverantwortlich bequeme Haltung – besser: es wäre überhaupt keine Haltung! Denn gerade jetzt müssten die Kirchen ihre Stimme erheben und klar und deutlich mahnen: Man darf nicht diejenigen bestrafen, die in den vergangenen Monaten ganz viel dazu beigetragen haben, dass der Kultur- und Tourismusbetrieb langsam wieder anläuft. Man darf nicht diejenigen bestrafen, die peinlich auf die A-H-A und L-Regeln achten – einmal ganz abgesehen davon, dass jetzt die Einrichtungen geschlossen werden, die vorbildlich agiert haben und auf deren kulturelle Beiträge unsere Gesellschaft angewiesen ist – während zum Beispiel alle Firmen der Tönnies und Wiesenhofs weiter uneingeschränkt ihren Beitrag dazu leisten, der Gesundheit der Bevölkerung zu schaden.

Noch einmal: Dass angesichts der erhöhten Infektionszahlen im gesellschaftlichen Zusammenleben verstärkt und konsequenter auf Abstand, Maskentragen, Hygiene, Lüften geachtet werden muss, ist aus meiner Sicht unstrittig. Dass es hier zu mehr Kontrollen kommen muss, leuchtet auch ein. Aber: Wieso wird bis zum heutigen Tag nichts, aber auch gar nichts getan, um das Leben mit dem Virus zu lernen, zu organisieren? Warum hat es seit März 2020 nicht einen Fernseh-, Kino-, Internet-Spot der Bundesregierung gegeben, um Menschen zu ermuntern: Ernährt euch gesund, esst weniger Fleisch, bewegt euch, geht an die frische Luft, stärkt euer Immunsystem! Warum dazu nicht den Anflug einer Kampagne? Stattdessen jeden Tag dasselbe: Zahlenalarmismus, mit dem der Weg zu den gestrigen Entscheidungen geebnet werden sollte. Damit wird der vorhandene gesellschaftliche Konsens mehr als gefährdet. Denn diese Beschlüsse werden zu einem großen Verdruss führen und leider auch zum Ruin nicht nur von Firmen, sondern auch von Menschen.

Noch einmal zu den Gottesdiensten: Kaum hatten Bundeskanzlerin Angela Merkel, der Regierende Bürgermeister von Berlin Michael Müller und der bayerische Ministerpräsident Markus Söder die beschlossenen Maßnahmen auf der gestrigen Pressekonferenz vorgestellt, richtete ein DPA-Journalist die erste Frage an Merkel: Gottesdienste hätten sich ja immer wieder als Corona-Hotspot erwiesen. Warum finden die aber in dem neuen Maßnahmekatalog keine Erwähnung? Merkel antwortet mit versteinertem Gesicht sinngemäß: Alle Bereiche, die keine Erwähnung finden, können so weiter machen wie bisher – so auch die Kirchen. Söder sekundiert: Man müsse ja schließlich die im Grundgesetz garantierte Religionsfreiheit beachten. Ja, das ist richtig. Doch wie geht das zusammen: Gottesdienste sind möglich, Konzerte und Theateraufführungen nicht? Dabei mussten alle drei Bereiche ab April 2020 umfangreiche Hygienekonzepte vorlegen und zum Teil auch bauliche Veränderungen vornehmen, um die Türen wieder öffnen zu können. Allein das zeigt, wie widersprüchlich die Maßnahmen sind. Man hat gestern alle Bereiche, die in den vergangenen Monaten in umfangreiche Schutzmaßnahmen getroffen haben, auf eine Stufe gestellt mit denen, die man als Hotspot lokalisieren kann wie Familienfeiern, Clubs, wilde Partys oder evangelikale Gottesdienste, in denen alle Vorsichtsmaßnahmen missachtet werden.* Das versteht kein Mensch!

Nun wird angeführt: Die Gesundheitsämter können inzwischen bei 75 % der Infizierten keine Nachverfolgung mehr anstellen. Deswegen müsse sehr restriktiv vorgegangen werden. Wenn das Argument zutreffen soll, dann ist die Frage: Warum bleiben Gottesdienste möglich? Warum wird weiter produziert? Polemisch gesagt: Konsequenterweise müsste man den Menschen das Atmen verbieten, damit keine Viren verbreitet werden. Nach dieser Lesart müsste man auch den Autoverkehr verbieten, um Tote zu verhindern. Doch so lässt sich die gefährliche Pandemie nicht bekämpfen. Es gibt nur einen Weg: Die wenigen wirkungsvollen Regeln konsequent und langfristig anwenden und gleichzeitig alles tun, das gesellschaftliche wie individuelle Immunsystem zu stärken. Das Virus stellt uns jeden Tag die Frage: Wie wollen wir in Zukunft zusammenleben? Darüber müssen wir debattieren und zu langfristigen Übereinstimmungen gelangen. Dazu müssen Kirchen ihren Beitrag leisten – und der sollte damit beginnen, mit all denen solidarisch zu sein, die jetzt trotz ihres Engagements zwangsweise stillgelegt und in den inneren und äußeren Ruin getrieben werden. Und schließlich müssen wir jeden Tag neu lernen, dass unser Leben endlich und begrenzt ist, um Maß und Ziel zu gewinnen. Schon allein das bewahrt vor jeder Art von Panik.

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* Ich hätte noch Verständnis gehabt, wenn gestern verfügt worden wäre, dass alle Restaurants und Sportstätten sofort geschlossen werden – und nur dann wieder öffnen dürfen, wenn sie nach Prüfung durch die Ämter wieder freigegeben werden.

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