Gedanken zum 01. September (Weltfriedenstag)

Auf einer kleinen Kundgebung habe ich am 01. September 2015 die folgende Rede zum Antikriegs- und Weltfriedenstag auf dem Nikolaikirchhof Leipzig gehalten. 

Der 01. September als Antikriegs- bzw. Weltfriedenstag ist nicht mehr allzu präsent im kollektiven Bewusstsein unserer Gesellschaft – sonst müssten sehr viel mehr Menschen hier versammelt sein.Das liegt zum einen an den 76 Jahren, ein ganzes Lebensalter, die zwischen heute und dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf Polen liegen. Damit begann der 2. Weltkrieg. Zum anderen wurden seit 1945 weltweit über 200 Kriege geführt – seit dem Wegfall des Ost-West-Konfliktes etliche Kriege unter Beteiligung der Bundeswehr. Da passt es nicht so richtig in die politische Großwetterlage, einen Antikriegstag oder Weltfriedenstag zu begehen und sich der verheerenden Rolle Deutschlands im 20. Jahrhundert zu erinnern.

Doch auch ohne die Gedenktage kommen uns in diesen Wochen Kriege bedrohlich nahe – nicht zuletzt deshalb, weil Menschen, die sich vor der Zerstörungskraft von Kriegen in Sicherheit zu bringen versuchen, also flüchten, zu uns stoßen, bei uns Schutz und – Frieden suchen. Das Absurde: Diese Situation führt nicht dazu, dass bei uns eine große Debatte anläuft, wie es zu einer Befriedung in den Kriegsgebieten, im Nahen Osten oder in der Ukraine kommen kann. Stattdessen ist zu lesen, dass die Flüchtlingswelle ihre Ursache auch darin haben soll, dass Europa, dass Deutschland sich aus zu vielen Konflikten heraushält – wobei unter „heraushalten“ alles subsumiert wird, was jenseits von militärischen Interventionen liegt. Es ist ein Elend, ja eine politische Bankrotterklärung, wenn „Intervention“, also das Eingreifen in politische Entwicklungen, allein militärisch verstanden wird. Solange wir aber versuchen, gewaltfreie Konfliktlösungsstrategien konsequent aus dem politischen Diskurs auszuklammern, werden wir immer wieder in der Sackgasse des Krieges landen. Krieg aber bedeutet – völlig unabhängig von einer unterstellten „Berechtigung“, völlig unabhängig davon, ob ein „christliches Abendland“ verteidigt, ein islamischer Staat errichtet, eine nationale Einheit wiederhergestellt oder ein diktatorisches System beseitigt werden sollen – Krieg bedeutet:

  • Zerstörung aller Werte des menschlichen Lebens;
  • Zerstörung der Lebensgrundlagen der Menschen in den Kriegsregionen;
  • kulturelle und soziale Verwilderung der Menschen.

Um sich davor zu schützen, fliehen Menschen vor Kriegen und Bürgerkriegen.

Wir haben endlich zu begreifen: Nicht der Krieg erzeugt ursächlich Demokratie, Grundwerte, Freiheit, soziale Gerechtigkeit, wie uns immer wieder vorgegaukelt wird. Er schafft auch nicht die Bedingungen dafür. Die Behauptung, dass wir auch in der Menschenrechtspolitik ohne militärische Interventionen, ohne kriegerische Handlungen nicht auskommen, halte ich auch im Blick auf Auschwitz für ein politisches Ammenmärchen. Trotzdem wird uns Krieg als nicht zu vermeidende Wirklichkeit verkauft und entsprechend vorbereitet. Dabei können wir am 2. Weltkrieg erkennen, dass er nicht zum Frieden geführt hat. Denn wenige Wochen nach dem „Tag der Befreiung“ wurden zwei Atombomben abgeworfen wurden und in seiner Folge entstand ein in zwei Machtblöcke gespaltenes, verfeindetes, hoch gerüstetes Europa stand. Erst die Friedliche Revolution in der DDR und in anderen osteuropäischen Staaten, also die politische Umwälzung unter Verzicht auf militärische Gewalt, hat eine neue Friedensordnung in Europa ermöglicht.

Dass diese Perspektive im Gedenken an 1989/90 kaum eine Rolle spielt, empfinde ich als einen eklatanten Mangel. Dass heute kaum noch vom Irakkrieg 2003 als eine wesentliche Ursache für die jetzige katastrophale Konfliktsituation im Nahen Osten geredet wird (heute hörte ich im Radio, dass der Irakkrieg eine „imperiale Überdehnung“ gewesen sei – nein: Er war ein Verbrechen einer kriminellen Bande), dass der politische Wille, durch gewaltfreie Konfliktlösungsstrategien Veränderungen zu erreichen, sehr gering ausgeprägt ist, muss uns vor allem an einem Tag wie diesen erschrecken und mahnen. Denn die Gewaltfreiheit entspricht den Werten, auf die wir unser Leben gründen. Gewaltfreiheit als Maßstab politischen Handelns hat sich auch in der Geschichte als die einzige Möglichkeit erwiesen, langfristig Regionen und Völker zu befrieden und Terror zu überwinden. Sie ist auch die einzige Möglichkeit, Folgen von kriegerischen Handlungen zu beseitigen.

In diesen Wochen vor 50 Jahren erschien die sog. Ost-Denkschrift der Evangelischen Kirche in Deutschland „Die Lage der Vertriebenen und das Verhältnis des deutschen Volkes zu seinen östlichen Nachbarn“. In dieser Denkschrift plädierte die EKD für eine Anerkennung der Grenzen zu den östlichen Ländern Polen und Tschechien. Damit wurde eine Basis geschaffen für das, was wir wenig später Ost- oder auch Versöhnungspolitik genannt haben. Egon Bahr und Willy Brandt haben diesen Impuls damals aufgenommen. Bekanntlich mündete diese Politik ein in die Überwindung des Ost-West-Konfliktes 1989/90. Vor 50 Jahren aber war diese Denkschrift mehr als umstritten. Vor 50 Jahren liefen viele Flüchtlinge, Vertriebene aus den sog. deutschen Ostgebieten, Sturm gegen die Äußerung der EKD. Heute ist unstrittig, dass deren Flucht und Vertreibung ein Unrecht waren. Aber hinter diesem Unrecht stand ein viel größeres Verbrechen: das des Krieges. Auch darum müssen wir heute gegen jede kriegerische Handlung Einspruch erheben, weil aus ihr nur neues Unrecht erwachsen kann.

Ein letzter Gedanke: Dass derzeit weltweit Millionen Menschen auf der Flucht sind und dass einige dieser Flüchtlinge nach Europa drängen und wir einige dieser Einigen in Deutschland aufnehmen sollen, erzeugt – wie wir seit einigen Wochen erleben – neue, auch innergesellschaftliche Konfliktfelder. Wer nun meint, diese Konflikte mit Gewalt lösen zu können, der setzt das fort, wovor die Menschen flüchten: Krieg. Darum ist mit jedem Flüchtling, der zu uns kommt, ein neuer Friedensauftrag verbunden: Zusammenleben ermöglichen unter Bedingungen der Gewaltlosigkeit. Hoffentlich werden wir in diesem Auftrag gerecht.

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