Ein Philosoph, der Kreuzchor Dresden und die Frage „Woran anknüpfen?“

In einem Gespräch mit der Wochenzeitung DIE ZEIT (Nr. 52 vom 23.12.2015) erläutert der Philosoph Wilhelm Schmid die Bedeutung der „Lebenskunst“, die er in seinem Bestseller „Gelassenheit“ entwickelt:

Ich glaube mir schon grundsätzlich darüber klar zu sein, warum die Frage nach Lebenskunst zunimmt. Moderne heißt, sich absichtsvoll befreien von Religion, Tradition und Konvention. Das sind die Instrumente, die definieren, wie man zu leben hat. Nur etwas war von vornherein nicht bedacht worden: Was machen wir dann? In diese Lücke stößt die ganze Arbeit der Neubegründung der Lebenskunst.

Damit deckt Schmid ein Defizit auf, das dann entsteht, wenn es zu einem ideologischen oder religiösen Vakuum kommt. Was tritt an die Stelle von Religion, Tradition und Konvention? Mehr noch: Welche Lebenskunst vermittelt eine demokratische Gesellschaft, die ihren Wertekanon relativ abstrakt in den Grundrechtsartikeln der Verfassung verankert sieht? Diese Frage stellt sich heute zeitlich gesehen in zwei Richtungen: Hat die bundesrepublikanische Gesellschaft den Ostdeutschen nach 1990 ein überzeugendes Angebot machen können, um das ideologische Vakuum auszufüllen, das durch den Zusammenbruch des SED-System von Diktatur und Bevormundung entstanden ist? Nach vorne gerichtet stellt sich eine ähnliche Frage: Welche kulturelle, politische, auch religiöse Anknüpfungspunkte können wir denen benennen, die als Flüchtlinge zu uns kommen und die in unsere Gesellschaft zu integrieren sind? Haben wir auf die Frage von Schmid „Was machen wir dann?“ eine Antwort? Wie kommunizieren wir unsere Wertvorstellungen und welche gegenüber denen, die – so unsere Vermutung – über ein geschlossenes Weltbild verfügen? Oder greifen wir ins Leere und lassen andere ins Leere greifen? Was also ist bei uns selbst an die Stelle von Religion, Tradition und Konvention getreten?

Was Schmid in dem Interview offenbart: Er versucht, mit seiner „Lebenskunst“ eine Art Religionsersatz zu liefern – und landet letztlich bei den gleichen Fragen, die uns aus der biblisch-reformatorischen Theologie allzu bekannt sind: Wie kann die durch Emanzipation gewonnene Freiheit verantwortet werden? Wie bewegen wir uns im Spannungsfeld von Freiheit und Bindung? Wie verhält sich das Individuum zur Gesellschaft, und wie kann der Einzelne seine „Lebenskunst“, seine Überzeugungen in die Gesellschaft kommunizieren und integrieren, ohne einen Allmachts- oder Absolutheitsanspruch zu stellen oder innerlich zu immigrieren? Die von Schmid ausgelösten Fragen machen zumindest eines deutlich: Auch eine säkularisierte Religion a la „Lebenskunst“ kommt nicht ohne eine im demokratischen Diskurs gewonnene Verständigung und einen ständig zu erneuernden Konsens über die Grundwerte aus. Wie aber können diese ohne Rückgriff auf die Tradition entwickelt werden? Wie also definieren wir die „Voraussetzungen“, die – nach dem Diktum von Ernst-Wolfgang Böckenförde – eine freiheitliche Gesellschaftsordnung weder garantieren noch ohne sie leben kann?

2016 feiert der Kreuzchor Dresden sein 800-jähriges Jubiläum. Eigentlich sollten die Kreuzkirche und die Kreuzschule mitfeiern. Denn auch sie werden 800 Jahre alt und bilden mit dem Kreuzchor eine Trias von Glauben, Musik und Bildung. Aber das kommt in der öffentlichen Kommunikation des Jubiläums durch den Kreuzchor nicht mehr vor (www.kreuzchor.com). Er nimmt das Jubiläum zum Anlass, sich von seiner gemeinsamen Geschichte mit Schule und Kirche und damit von seiner Tradition zu verabschieden und liefert sich total einem Marketing aus, das nicht einen Inhalt kommuniziert, sondern ihn dadurch vernichtet, dass es sich selbst zum Inhalt macht. Auf der neuen Homepage des Kreuzchors ist nicht nur das Kreuz als Symbol und Logo verschwunden. Auch der Kirchenbezug wird ebenso weitgehend verschwiegen wie der Bildungsanspruch. Dafür versucht man eine schaumige Symbiose herzustellen zwischen Gestern und Heute. Unter dem Link „LOOK&FEEL“ ist zu lesen:

WAS TREIBT UNS AN? Der Freistaat Sachsen und besonders die Region Dresden verkörpern in einer einzigartigen Weise die Verbindung von Hochkultur auf Spitzenniveau und exklusiver Wertschöpfung. Nirgendwo auf der Welt ist ein Ensemble in ein vergleichbares Umfeld eingebettet. Mit unseren Partnern eint uns die Überzeugung: Großartige Tradition. Premium-Anspruch im Heute. Das ist die gemeinsame DNA. Heinrich Schütz und der Phaeton von Volkswagen, Bachs Weihnachtsoratorium und die Zeitzone 1 von A. Lange & Söhne, Händel und das Porzellan aus Meissen. Tradition und Dynamik schließen sich nicht aus. Sie bedingen sich. Gemeinsam sind wir Botschafter einer Idee. Der Idee, dass bestimmte Werte nie an Wert verlieren. Das treibt uns an. Und die, die uns begleiten.

„Absichtsvoll“ wird hier der Abschied des Kreuzchores von „Religion, Tradition und Konvention“ eingeläutet und der „Modernen“ durch Verbindungen zu High-Tech-Produkten gefrönt. Doch auch hier wurde und wird nicht die Frage bedacht: „Was machen wir dann?“ Uns ausliefern an die Glashütte-Uhr, ans Porzellan aus Meißen oder an den Phaeton von VW? Ironie der Geschichte: Im Jubiläumsjahr wird die Produktion des Phaeton eingestellt – Folge auch des kollektiven Betrugsskandals im VW-Konzern. So viel also zur „exklusiven Wertschöpfung“. Da löst sich die Frage „Was machen wir dann?“ in Nichts auf und Worte wie „Werte“ und „Idee“ bleiben leere Hülsen. Da nutzt es dann auch nichts mehr, die Begriffe mit dem Signum „DNA“ zu versehen. Ist nicht die genetische Erkennbarkeit des Chores gerade ausgemerzt worden, so dass nichts mehr mit Inhalt gefüllt werden kann? Dass eine solch Marken tötende Kampagne nicht folgenlos bleibt, konnte man spätestens beim Konzert des Kreuzchores am 21. Dezember 2015 im Dynamo-Stadion spüren – als großartiger Auftakt für das Jubiläumsjahr geplant. Da sang der Chor zeitgleich zum fremdenfeindlichen Pegida-Aufmarsch am Elbufer – und kein Wort im Stadion zu deren blasphemischer Verhunzung von Weihnachtsliedern zu deutschtümelndem Geplärre  oder ein Willkommensgruß an die Flüchtlinge, die aber erst gar nicht eingeladen wurden (das Danke-Konzert galt natürlich nur den „Dresdnern“). Dafür wurde das typische, von allem christlichen Ballast entsorgte DDR-Weihnachtslied „Sind die Lichter angezündet“ angestimmt. War nicht 1988/89 die Kreuzkirche in Dresden der zentrale Ort für die Ökumenische Versammlung für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung – eine der Initialzündungen für die Friedliche Revolution? Trafen sich im September/Oktober 1989 nicht Tausende Menschen in der Kreuzkirche zu den Friedensgebeten, um die Friedliche Revolution einzuläuten? Aber die Kreuzkirche ist auf der neuen Homepage wie im Image-Film zum Suchbild geworden. Pünktlich zum Jubiläumsjahr ist der Kreuzchor im ideologischen und religiösen Niemandsland angekommen. Da passt es dann, dass Moderator Gunther Emmerlich im Stadion die „Weihnachtsgeschichte nach Martin Luther“ ankündigt. Ehe man verwundert der Frage nachgehen kann, ob Luther denn eine geschrieben hat, hört man die mit sonorer Stimme vorgetragene aus dem Lukasevangelium der Bibel. Doch das zu benennen, verbietet offensichtlich die Bereinigung des Chores von der biblischen Tradition.

Dieses Beispiel zeigt, was geschieht, wenn Tradition über Bord geworfen wird, ohne sich Gedanken darüber zu machen, was danach kommt: Banalität auf „Spitzenniveau“. Da fällt dann auch nicht mehr ins Gewicht, dass Grundwerte ausgeklammert werden, sich im Nirwana der Beliebigkeit verlieren und damit der politischen Opportunität ausgeliefert sind. Heute aber müssen wir uns unter den Bedingungen einer multireligiösen und multikulturellen Gesellschaft mehr denn je der Frage stellen: Worauf wollen wir zurückgreifen, wenn wir Werte in unserer Gesellschaft und für das gesellschaftliche Zusammenleben bestimmen? Wie sollen die Werte aussehen, auf die wir diejenigen verpflichten wollen, die zu Hunderttausenden bei uns Zuflucht suchen und die zu integrieren sind? Wir sind ja in einer ziemlich absurden Situation angekommen: Da vergeht kaum ein Tag, an dem nicht ein neuer Wertekatalog als Verpflichtungsurkunde kreiert wird, die von Flüchtlingen und Asylbewerbern als Voraussetzung für das Bleiberecht zu unterzeichnen ist. Das reicht von der biederen Kehrordnung über Hygienestandards bis hin zu den Grundrechtsartikeln unserer Verfassung. Aber worin fußen diese? Wie sehen deren Geschichte und Quellen aus? Wie steht es um die Akzeptanz grundlegender Werte unter uns Deutschen? Was vermitteln wir unseren Kindern und Jugendlichen an Grundwerten und Traditionen? Wie steht es um die Demokratiebildung in Schulen und Universitäten, eine der Voraussetzungen für eine Kommunikation, die nicht vernichtet? Darüber ist derzeit kein Konsens vorhanden. So sind wir aufgerufen, unsere durchaus unterschiedlichen Wertvorstellungen, Traditionen und Konventionen freizulegen und klar zu benennen, was wir bewahren und wovon wir uns verabschieden wollen und welchen Platz wir für neue kulturelle und religiöse Einflüsse sehen.

An dieser Stelle kommt den Institutionen, die über eine lange Tradition verfügen, eine besondere Bedeutung zu. Das sind in unseren Kulturkreisen die Kirchen und ihre Einrichtungen, aber auch die Institutionen, die ohne christliche Tradition nicht denkbar sind wie zum Beispiel ein Kreuzchor oder Thomanerchor. Hier ist vor allem wichtig, was sich bei allem Selbstversagen und aller Brüchigkeit als tragfähiges Fundament, aber auch als immerwährender Anknüpfungspunkt erwiesen hat. Vor einigen Jahren habe ich – aus Gesprächen mit jungen Menschen, die sich zum Teil aus dem religiösen Niemandsland kommend dem christlichen Glauben neu gewandt haben, entstanden – eine Art Kleiner Katechismus entwickelt (http://wolff-christian.de/zum-reformationsfest-2015-mein-kleiner-katechismus/) – Glaubensgrundsätze, die kommunikationstauglich sind und aus denen sich die Grundwerte ergeben, die wir heute benötigen: die Unantastbarkeit der Würde des Menschen, die gegenseitige Rücksichtnahme, der Respekt voreinander, die Ehrfurcht vor dem Leben, die Einsicht in die Begrenztheit der eigenen Möglichkeiten, ein getröstetes Gottvertrauen als Voraussetzung für die Entwicklung einer eigenständigen Persönlichkeit. Das sind die Pfunde, die es im interreligiösen Kontext zu vermitteln gilt. Darum sind Musik und Bildung in der reformatorischen Tradition so wichtig, weil durch sie der Weg zu den Quellen wieder freigelegt wurde und immer wieder frei gemacht werden kann. Das ist gerade in einer zugespitzten gesellschaftlichen Umbruchzeit wie der gegenwärtigen unerlässlich. Oder meinen wir, dass wir ohne die globale Botschaft von der Menschenfreundlichkeit Gottes Weihnachten feiern und unsere Gesellschaft vor einem Umkippen bewahren können, das sich derzeit in Ungarn und Polen in katastrophaler Weise vollzieht? Darum: Die Kirchen und ihre Institutionen können heute dadurch einen Beitrag zur Integration leisten, indem sie Anknüpfungspunkte anbieten, ihre Quellen offenlegen und dieses in einer offenen Kommunikation in den gesellschaftlichen Verständigungsprozess einbringen. Gleichzeitig haben wir uns vor zwei Irrwegen zu hüten: Weder sollten wir uns der Illusion hingeben, als verfüge unsere Gesellschaft über eine „Leitkultur“ oder könne diese entwickelt werden, noch sollten wir darauf setzen, Religion aus dem öffentlichen Raum zu verdrängen oder uns von allen Traditionen zu verabschieden. Das wird uns nicht frei machen, sondern viele Menschen hilflos ideologischer Okkupation aussetzen. Darum ist es so fatal, wenn die Kirchen und ihre Institutionen ihre Quellen und Traditionen verstecken oder verleugnen und so zur Selbstsäkularisierung beitragen. Ebenso sollten diejenigen, die keinen Bezug zur Religion haben, ihre Modernität nicht dadurch gewahrt sehen, religiöse Fragen marginalisieren zu können. Die Handvoll Philosophen, die wie Wilhelm Schmid mit seiner „Lebenskunst“ einen Religionsersatz anzubieten versuchen, kommen ja auch nicht an der Frage vorbei, wie denn die Befreiung von Religion und Tradition in eine neue „Form“, sprich: in einen auch institutionell sich niederschlagenden neuen gesellschaftlichen Konsens über Werte gefasst werden kann. Da ist sie dann wieder, die Frage „Was machen wir dann?“, wobei diese noch zu ergänzen ist: Woran knüpfen wir an, damit andere an und in uns einen Anknüpfungspunkt erkennen? Mehr noch: Wir werden nur dann in einer multireligiösen Gesellschaft bestehen können, wenn sich die notwenige Kommunikation über grundlegende Werte auf Augenhöhe vollziehen kann. Das aber setzt Gewissheit auch in den eigenen religiösen Überzeugungen voraus – Grundlage einer angstfreien Begegnung mit dem und den Fremden.

Als 2012 der Thomanerchor, auch eine städtische Institution, zusammen mit der Thomaskirche und der Thomasschule „800 Jahre THOMANA“ feierte, wurde der Trias nicht nur ein Motto gegeben: „glauben, singen, lernen“. Damit bekannten sich die drei Institutionen und ihre Träger auch zu den Quellen (die Bibel als das eine Wort Gottes) und zur Tradition. Denn wer sich fragt: wie kann es sein, dass drei Institutionen die Reformationszeit und den damit verbundenen Konfessionswechsel, die Verwerfungen im 30jährigen Krieg, das Dritte Reich und die Zeit von Diktatur und Bevormundung in der DDR überstanden haben und weiter aufeinander bezogen sind?, kann nur die eine Antwort finden: es ist der Gegenstand, der die gesellschaftlichen und politischen Veränderungen überdauern konnte und bis zum heutigen Tag das Kontinuum schafft; es ist das, was unter den Noten steht: der Glaube in der jüdisch-christlichen Tradition und die damit verbundenen Werte, die vor allem auch durch die Musik abrufbar geblieben sind (Martin Luther: „die Noten machen den Text lebendig“); es ist die universale Sprache der Musik, die von dem Gott künden will, der alles Leben hält und trägt – ohne dass die Freiheit des Menschen eingeschränkt wird. Aber sie erhält dadurch eine „Form“, in und mit der sich Menschen in der Moderne frei bewegen und entfalten können. Parlamente auf kommunaler, Landes- und Bundesebene, Institutionen und Wirtschaftsunternehmen tun gut daran, jenseits der weltanschaulichen Neutralität oder anderer religiöser Orientierung diese Ansätze nicht exklusiv, aber gezielt zu fördern und so die Identität der Kirchen einzuklagen, anstatt die Gesellschaft, auch die Bildungsinstitutionen in einen luftleeren Raum zu führen und dieses mit Freiheit zu verwechseln. Ohne religiös-kulturelle Bildung, die an die Tradition der Reformation anknüpft, sich auf die biblische Botschaft bezieht und anderen Religionen die gleichen Möglichkeiten einräumt, werden wir die Aufgabe der doppelten Integration nicht bewältigen können.

Dieser Eintrag wurde gepostet in Kirche, Politik und getagged , , , , , , . Bookmarken Sie den Permalink.

5 Responses to "Ein Philosoph, der Kreuzchor Dresden und die Frage „Woran anknüpfen?“"

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.


*


*Sicherheitsabfrage