„Aufrecht stehen … “ – ein österlicher Gruß aus Leipzig

Der 30. März 2015 war ein wichtiger Tag im Vorfeld des Osterfestes für die Universität Leipzig, für die Stadt und für alle, die der Geschichtsvergessenheit widerstehen und sich für eine streitbare Erinnerungskultur einsetzen. Zu Letzteren gehörte der 2013 verstorbene Schriftsteller Erich Loest.

Er gab beim Leipziger Maler Reinhard Minkewitz das Bild „Aufrecht stehen …“ in Auftrag (http://stiftung-fr.de/Home.3.0.html). Dieses hat nach neunjähriger Auseinandersetzung seinen Platz in der Universität gefunden. Loest wollte mit dem Bild einen Gegenpol schaffen zum Gemälde von Werner Tübke „Arbeiterklasse und Intelligenz“ (https://www.hgb-leipzig.de/kunstorte/ap_tuebke_einfuehrung.html). Damit wollte er die Personen würdigen, die in den 50er Jahren frühe Opfer der ideologischen Verblendung des SED-Staates wurden: Herbert Belter, Ernst Bloch, Werner Ihmels, Hans Mayer, Wolfgang Natonek, Georg-Siegfried Schmutzler. Das Auftragswerk „Arbeiterklasse und Intelligenz“ wurde 1973 im neu errichteten Universitätsgebäude am Augustusplatz aufgehängt – und zwar in dem Teil, der an der Stelle der 1968 gesprengten Universitätskirche St. Pauli stand. Allein das war für Loest eine ungeheure Provokation – zumal Tübke mit dem Bild eine sichtbare Einheit geschaffen hatte zwischen denen, die – wie ein Paul Fröhlich – das Verbrechen der Sprengung der Universitätskirche zu verantworten, und denen, die sie durchgeführt, und denen, die sie zugelassen hatten – wie all die Professoren, die auf dem Bild dargestellt sind. Doch die Universität Leipzig wollte das Gemälde von Minkewitz nicht, das im Hintergrund die Silhouette der gesprengten Universitätskirche zeigt, und wies die Initiative Loest’s brüsk zurück. Im Gegensatz dazu hatte die Universitätsleitung keinerlei Bedenken, dem Tübke-Gemälde im neuen Augusteum einen „angemessenen“ Platz zu verschaffen und das Marx-Relief, das seit 1973 über dem Haupteingang zur Universität genau an der Stelle des Ostgiebels der gesprengten Universitätskirche prangte, aufwendig zu restaurieren. Nach Auffassung des Kunsthistorikers Frank Zöllner (Universität Leipzig) hätte dieses prominent vor dem Bildermuseum aufgestellt werden sollen. Der damalige Rektor der Universität Franz Häuser scheute sich nicht, als Begründung für die Ablehnung des Minkewitz-Bildes die stalinistische Vergangenheit von Ernst Bloch und Hans Maier ins Feld zu führen.

Es ist das Verdienst der jetzigen Rektorin Beate Schücking und der Stiftung Friedliche Revolution, dass das Minkewitz-Bild nun doch – zwar nicht im direkten Gegenüber, aber im gleichen Gebäude – zu sehen ist. So lässt sich die Universität Leipzig endlich auf den kritischen Diskurs über ihre eigene Geschichte ein. Bedauerlich nur, dass Erich Loest diese Wendung nicht miterleben konnte – zumal er in der Verbitterung darüber starb, dass sein Einsatz für dieses Gemälde, auch sein Einsatz für die neue Universitätskirche zu seinen Lebzeiten innerhalb der Universität weder Resonanz noch Würdigung fand. Es war gut und befreiend, dass bei der Vernissage am vergangenen Montag die Kontroverse über beide Bilder nicht vertuscht, sondern in aller Deutlichkeit ausgetragen wurde. Da prallten aufeinander: Werner Schulz, der das Bild von Tübke eben nicht losgelöst von seiner äußerst problematischen Entstehungsgeschichte wertete, sondern darauf hinwies, dass Ästhetik immer etwas mit Ethik zu tun hat und dass ein ideologisch verbrämtes Machwerk ein solches bleibt, auch wenn es als künstlerisch wertvoll erachtet wird. Denn mit diesem Gemälde wurde all das ideologisch gerechtfertigt, was zur Sprengung der Universitätskirche, zur Zerstörung der Freiheit und zur gewaltsamen Ausgrenzung Andersdenkender geführt hat. Frank Zöllner, der Kunsthistoriker der Universität, wertete Tübkes Gemälde als Meisterwerk der europäischen Malerei und versuchte darzulegen, dass Tübke sich nicht an die Vorgaben der kontrollierenden Kommissionen gehalten habe. Eigentlich fehlte nur noch, das Werk als einen verkappten Widerstandsbeitrag zu deklarieren (so liest sich die Werkeinführung auf der Homepage der Hochschule für Grafik und Buchkunst: „Man kann in dem Wandgemälde aber auch eine Vision des Malers sehen: der Traum von einer herrschaftslosen, gleichberechtigt sich kommunikativ austauschenden, einer geistig inspirierten und ästhetisch geprägten Gesellschaft.“). Da blitzt in den Ausführungen wieder der Versuch auf, Wissenschaft und Kunst aus den gesellschaftlichen Bezügen herauszulösen und in einen wertfreien Zusammenhang zu stellen. Aber nun hängen beide Bilder im Hörsaalgebäude der Universität und endlich kann die Debatte über die gesellschaftspolitische Verantwortung von Wissenschaft, auch von bildender Kunst geführt werden. Nun kann man gut erklären, dass sich weder Wissenschaft noch Kunst im luftleeren oder wertefreien Raum abspielt und abspielen darf.

Was aber bedeutet dieses Ereignis für die neue Universitätskirche St. Pauli? Nur Erfreuliches: Auch sie wird sich zu dem entwickeln, was Bestreben all derer war, die sich für die Dreifachnutzung eingesetzt haben: das geistige und geistliche Zentrum der Universität Leipzig, Stätte der Universitätsgottesdienste, Ort der Universitätsmusik und akademischer Festraum. Natürlich wird das ganze Gebäude die Universitätskirche St. Pauli sein und auch so heißen – mit all den Gegenständen, die zu einer Kirche gehören: (Pauliner-)Altar, (historische) Kanzel, Orgel(n). Ironie der Geschichte: Gerade die massiven Versuche aus dem Bereich der Universität, den Kirchencharakter zu verleugnen, haben dazu geführt, dass der Raum immer mehr zu dem wird, was er war und sein wird: die Universitätskirche, ein zentraler Ort für den kritischen, offenen und öffentlichen Diskurs über wesentliche Fragen in einer multireligiösen und multikulturellen Gesellschaft, die sich aber nicht ihrer Wurzeln entledigt. So wie die Universität ursprünglich nicht wollte, dass das Minkewitz-Bild aufgehängt wird, und es nun doch Teil der Universität geworden ist, so wird niemand verhindern können, dass die Leipziger Alma Mater bald wieder über den Raum verfügt, der sie über Jahrhunderte geprägt hat: die Universitätskirche St. Pauli. Auch hier ist der Rektorin zu danken, dass sie offensichtlich nach dem Desaster am 02. Dezember 2014 (Grundsteinlegung für den Pauliner-Altar: http://wolff-christian.de/jaemmerlich/ ) die richtigen Konsequenzen zieht. Wie gesagt: Man kann nur eine begrenzte Zeit gegen die eigene Geschichte leben. Am Ende setzt sich das durch, wofür Menschen mit ihrem Leben bezahlt, gelitten und gestritten haben und was der Freiheit und der Menschenwürde dient. Eine gute Nachricht zum Karfreitag und zum Osterfest!

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