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Warum diese Wut?

Nach dem eindrücklichen Gedenkgottesdienst in der Nikolaikirche am heutigen Dienstag, 5. Mai 2026, fand auf dem Nikolaikirchhof noch eine kurze Kundgebung „Leipzig trauert“ statt. Diese habe ich mit der folgenden Rede eröffnet:

Etlichen unter uns wird es am gestrigen Montagabend ähnlich ergangen sein wie mir: Verwandte, Freundinnen, Bekannte haben sich per SMS, WhatsApp oder Mail besorgt erkundigt, ob man von dem Amoklauf betroffen ist. Gott sei Dank konnte ich wie die meisten von uns rückmelden: Nein, mir persönlich ist nichts widerfahren. Und doch sitzt der Schrecken tief – nicht nur in den Knochen, auch in der Seele.

Während der Amokfahrer am sonnigen Montagnachmittag auf der Grimmaischen Straße zwei Menschen in den Tod riss, viele weitere Menschen zum Teil schwer verletzte und unter Bürgerinnen und Bürgern Leipzigs Angst, Entsetzen und Trauer auslöste, saß ich mit einem syrischen Geflüchteten, inzwischen deutscher Staatsbürger, auf dem Richard-Wagner-Platz – nicht ahnend, welchen Grund die vielen Einsatzwagen der Polizei und Feuerwehr auf dem Ring hatten. Unser Gesprächsthema war: Warum sind viele Menschen oft so wütend, aggressiv, abweisend? Mein Bekannter ist Omnibusfahrer und bekommt die Respektlosigkeit zu vieler Menschen täglich und unmittelbar zu spüren.

Ja, warum diese aggressive Wut, die gestern so viel Leid angerichtet hat? Vor dieser Frage sollen aber zwei Gedanken stehen:

  • Die Solidarität und das Mitgefühl mit den Menschen, die unmittelbar von der Amokfahrt betroffen sind und voller Trauer und Nichtverstehen das Entsetzliche kaum begreifen können: die Angehörigen der beiden Todesopfer, die vielen Verletzten, die Augenzeug:innen der Schreckensfahrt; und dann die Helfer:innen, Polizist:innen und Rettungskräfte, die sofort zur Stelle waren. Sie alle müssen verarbeiten, was kaum zu fassen ist. Sie benötigen Begleitung auf dem Weg zurück in eine Welt, die zunächst zerbrochen ist. Lassen wir sie nicht allein und achten wir – nicht nur heute – ihre Arbeit.
  • Verantwortlich für die schreckliche Tat ist zuerst und vor allem der Straftäter, also der Mann, der mit seiner Amokfahrt bewusst und gezielt zwei Menschen ermordet hat und offensichtlich weitere töten wollte – und nicht etwa fehlende Poller, versagende Politiker:innen oder sonst wer. Nichts kann und darf ein solches Verbrechen rechtfertigen oder entschuldigen.

Dennoch bleibt die Frage: Warum immer wieder diese Wut, diese Gewalt, dieser Hass unter uns Menschen? Warum mangelt es so vielen Menschen an einem inneren Krisenmanagement, um mit Niederlagen, Verwerfungen, Problemen umgehen zu können? Warum sehen sich derzeit Menschen in einem ständigen Kampfmodus? Warum so viel asozialer Egoismus? Warum investieren wir offensichtlich zu wenig in die Suche nach gemeinschaftlichen Lebensbedingungen, die jedem und jeder Freiraum bietet, aber auch für gerechte Lebensbedingungen sorgt und auf das verantwortliche Mitmachen eines jeden Menschen angewiesen ist? Darüber müssen wir nicht nur nachdenken. Wir müssen wir im Guten streiten und Wege suchen zu einem Miteinander, das Unterschiedlichkeit zulässt, Angstfreiheit fördert und Verantwortung herausfordert – bei Kindern genauso wie bei Greisen. Wir sind alle aufeinander angewiesen. Darum müssen wir vor allem eines: aufeinander Rücksicht nehmen.

Das sage ich vor allem im Blick darauf, dass derzeit und weltweit zu viele Verrückte unterwegs sind und durch ihre aggressive Wut und ihren panischen Vernichtungswillen jeden Tag so viel Unheil anrichten – nicht zuletzt auch deshalb, weil sie sich in ihrer herrischen Anmaßung über alles Recht, über Gesetze und Ordnungen erheben, und mit ihrer unbändigen Aggressivität alle Regeln der Menschlichkeit beiseiteschieben. Darin sind sich ein Donald Trump und ein 33-jähriger Amokfahrer in Leipzig auf schreckliche Weise einig. Wir aber dürfen uns von diesem Wut-Virus nicht anstecken lassen – auch nicht in der Trauer, die immer auch ein Wutpotential beinhaltet. Bitte bedenkt das – und lasst an diesem Abend auch diesen Gedanken zu: tiefe Dankbarkeit dafür, dass wir leben können im Angesicht des Todes – aber nicht mit Wut, sondern mit Respekt, Nächstenliebe, Ehrfurcht vor allem Lebendigen. Ich wünsche allen einen friedlichen Abend.

4 Kommentare

  1. Diesen Ausführungen kann ich nur zustimmen. Wir leben in einer verrückten Welt.
    Wir sollten Ruhe bewahren und Gottes Nähe spüren. Dieses kann man im Friedensgebet oder beim Gottesdienst hervorragend.
    Wünsche allen eine gesegnete Zeit.

  2. Die Psychologin Prof. Oriel FeldmannHall (Brown University im US-Bundesstaat Rhode Island) hat zu diesem Thema geforscht. Hier auszugsweise Ergebnisse:

    – In der Politikwissenschaft existiert seit 70 Jahren die These, dass unflexible Personen eher zu autoritären, extremistischen Positionen neigen. Das unflexible Gemüt hält Unsicherheit schlecht aus und will, dass Dinge klar definiert sind. Grautöne sind nicht vorgesehen. So entsteht das Schwarz-Weiß-Bild „Wir gegen die anderen“. Das ist gesellschaftlich zersetzend. Extreme Positionen sind sowohl bei Menschen mit rechten als auch mit linken Ansichten zu finden.

    – Über die sozialen Medien können wir uns in einer Welt einrichten, in der wir nur Nachrichten bekommen, die mit unseren Überzeugungen übereinstimmen. Nachrichtenmoderatoren für die ganze Familie, die politisch in der Mitte stehen, dringen nicht mehr durch.

    – Die Wechselwirkung zwischen einer starken Persönlichkeitseigenschaft und einer Medienwelt, die wir nach unseren Vorlieben formen können, ist eine der wesentlichen Triebkräfte der Polarisierung.

    – Man urteilt heute nicht in erster Linie über politische Ansichten, sondern über die gesamte Person. Man verdammt einander, statt sich auseinanderzusetzen. Wenn man negativ über andere urteilt, wird das millionenfach gelikt. Wer sich empört, wird belohnt. Das treibt die Menschen dazu, immer weiter zu moralisieren.

    – Wenn man die digitale Welt verlässt und auf echte Menschen trifft, fällt man auf dieses eintrainierte Belohnungsmuster zurück: Empörung bringt Aufmerksamkeit, und jeder, der nicht für mich ist, ist gegen mich. Dabei verlangt das menschliche Miteinander genau das Gegenteil: den anderen als vielschichtige Person zu sehen.

    Viele Menschen müssen wieder lernen, Gespräche zu führen, in denen eine Meinungsverschiedenheit normal ist und als selbstverständlich akzeptiert wird.

  3. Das Auto hat sich als Waffe für geistig erkrankte Menschen entwickelt. Solche Ereignisse in den Fußgängerzonen sind natürlich sofort top Thema in der Presse. Doch zahlreiche weitere tägliche „Unfälle“, ebenfalls mit Todesopfern und Schwerverletzten, finden kaum Beachtung.

    Als ich neulich mit dem Auto auf einer Straße nahe einer Großstadt fuhr, wurde ich mehrmals von anderen Autos extrem verkehrswidrig und mit gefährlich hoher Geschwindigkeit überholt. Mir stockte der Atem. Auch am letzten Frühlingswochenende traten wieder rasende Biker in Erscheinung – mit Todesfolge für Radfahrer.

    Seit geraumer Zeit beobachte ich in dieser Hinsicht eine Zunahme unvernünftiger und zunehmend aggressiver Verkehrsteilnehmer. Die Blitzer werden passgenau im Radio gemeldet. Es gibt sogar eine App zur Warnung. Anschließend können die Raser wieder Vollgas geben. Das tun sie auch.

    Sind das Anzeichen einer zunehmenden Erkrankung des geistigen Zustands der „modernen“ Menschen? Der Erregungspegel befindet sich infolge des digitalen Medienkonsums ständig am Anschlag.

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