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„… eine Handvoll Tyrannen“ oder: der destruktiven Wirklichkeitswahrnehmung widerstehen

Auf seiner Afrika-Reise besuchte Papst Leo XIV. die von bürgerkriegsähnlichen Konflikten erschütterte Stadt Barmenda. Dabei lobte der Papst die Friedensbemühungen von Christen und Muslimen in der Krisenregion Kameruns:

Ich würde mir das für so viele Orte auf der Erde wünschen. Selig sind die Friedfertigen. Wehe jedoch denen, die die Religionen und selbst den Namen Gottes für ihre militärischen, wirtschaftlichen und politischen Zwecke verbiegen und damit das Heilige in Schmutz und Finsternis ziehen. … Die Welt wird von einer Handvoll Tyrannen zerstört und von Myriaden (das heißt so viel wie: eine große Anzahl) solidarischer Brüder und Schwestern aufrechterhalten.

Mit dieser Botschaft beschreibt der Papst knapp und treffend die aktuelle weltpolitische Lage, benennt schnörkellos den Friedensauftrag der Kirchen und verurteilt den Missbrauch des Namens Gottes für kriegerische Interessen durch Tyrannen. Bei solch einer gedanklichen Klarheit muss der Papst erst keine Namen nennen. Jede:r weiß, wer gemeint ist: Tyrannen wie Putin, Trump, Netanjahu, die namenlosen Mullahs im Iran und all deren Helfershelfer – leider mehr als eine Handvoll Tyrannen … Nach innen halten sie durch wirtschaftlichen Raub und Freiheitsentzug Bürger:innen in Schach, nach außen entfesseln sie zerstörerische Kriege und zelebrieren sich dabei selbst als gottähnliche Heilsbringer.

Doch die Macht der Tyrannen ist nicht grenzenlos. Sie kann gebrochen werden, wenn Myriaden, also eine große Anzahl von Menschen, sich ihres Glaubens gewiss werden, sich als Friedensstifter:innen verstehen und so ihrer Bestimmung und Verantwortung nachkommen – so wie dies 1989/90 bei der Friedlichen Revolution der Fall war: „Keine Gewalt!“. Genau das ist jetzt vonnöten – jetzt, da die Tyrannen zeigen, dass durch ihre Kriege und die offensive Verrachtung des Rechts nur Tod, Verderben, Zerstörung über die Menschen gebracht wird. Darum muss, ja kann die Lähmung, die sich im Angesicht der zerstörerischen Herrschsucht von Tyrannen auch über unsere Bevölkerung gelegt hat, überwunden werden – und zwar in der Weise, wie es der Papst beschreibt: dass wir Menschen angstfrei und sichtbar unseren Auftrag leben. Dieser besteht darin, Frieden zu stiften, Menschen zusammenzuführen und gleichzeitig die Vielfalt von Lebensentwürfen zuzulassen und zu achten und für Gerechtigkeit zu sorgen. Genau das entspricht dem, was wir demokratische Verantwortung nennen und was Tyrannen fürchten: die Achtung des Nächsten, seiner Würde und seines Rechtes auf Leben unabhängig von Geschlecht, Nationalität, weltanschaulicher, religiöser Einstellung und sozialem Status.

Die Bürger:innen Ungarns haben vor 10 Tagen gezeigt, wie sich eine Gesellschaft einer drohenden Tyrannei entledigen kann. 37 Jahre nach der Friedlichen Revolution stehen die Bürger:innen unseres Landes vor der Frage, ob sie sich als Steigbügelhalter:in für eine nationalistische Tyrannei a la AfD hergeben wollen. Denn hinter jeder Stimme für die AfD steht eine merkwürdig destruktive, auf das eigene Ich verengte Wahrnehmung der Wirklichkeit: Das, was mich stört, was mir Angst macht, was im Gegensatz zu meinen Erwartungen und Vorstellungen steht, geht zurück auf mir fremd erscheinende Menschen, auf die Politiker:innen der sog. Altparteien und auf deren Unvermögen, meine Bedürfnisse zu befriedigen. Darum müssen sie beseitigt werden – auch wenn dies auf Kosten von Recht, kultureller Vielfalt und freiheitlicher Demokratie geht. Da kann es nicht verwundern, dass die AfD inzwischen offen die Grundanliegen der christlichen Botschaft, wie sie Papst Leo XIV. formuliert hat, genauso ideologisch bekämpft, wie ein Donald Trump oder Wladimir Putin und die Umwertung der Werte betreiben.

Deswegen haben wir jetzt die Aufgabe in den Vordergrund zu rücken, die Inhalt der Berufung eines Menschen ist und den Grundwerten unserer Verfassung entspricht: „dem Frieden der Welt zu dienen“ (Präambel des Grundgesetzes). Auf diesem Hintergrund ist es mehr als eine schlechte Mär, wenn die Rechtsnationalisten in aller Welt und von der AfD wieder die horrende Vorstellung verbreiten: Erst muss alles zerstört werden, damit ein „Goldenes Zeitalter“ oder das X-jährige Reich beginnen kann. Nein, wir haben das große Glück, unter Friedens- und demokratischen Bedingungen die notwendigen Veränderungen zu vollziehen, die uns ein einigermaßen gerechtes und freiheitliches Zusammenleben ermöglichen – im Bewusstsein, dass alles Leben vergänglich, hinfällig, fehlbar, jederzeit der Korrektur bedürftig ist, aber gleichzeitig jeden Tag Anlass zur Dankbarkeit gibt – also daran zu denken, dass Leben nur gelingen kann, wenn es dem Nächsten auch Raum lässt, sich zu entfalten. Darum besteht zu keinem Zeitpunkt ein Grund, Menschen, die anders leben, glauben, denken, ihrer Würde zu berauben. Es besteht kein Grund, mit Gewalt aufeinander loszugehen, um sich in der eigenen, sehr begrenzten Lebensspanne einen Vorteil zu erkämpfen. Es besteht aber aller Grund, dass wir untereinander Frieden halten und Solidarität üben. Angesichts der Brutalität der Tyrannen und der destruktiven Wirklichkeitswahrnehmung vieler Menschen ist es notwendiger denn je, dass wir in der säkularen Gesellschaft wie auf der politischen Ebene die Grundanliegen Glaubens unmissverständlich kommunizieren. Papst Leo XIV. hat dazu einen wichtigen Beitrag geleistet.

8 Kommentare

  1. „Die Welt, in der dieser Krieg stattfindet, ist anarchisch. Was derzeit geschieht, wird bestimmt von einem Mann, Donald Trump, der gerade vor aller Augen den Verstand verliert, den seine eigenen Mitarbeiter Medienberichten zufolge von Krisensitzungen ausschließen, um einen Rest von Rationalität zu wahren.“

    © Die ZEIT 23. 4. 2026

  2. Vielen Dank für das Zitat Leos XIV., der zum Hoffnungsträger in dunklen Zeiten wird. („Das Böse wird nicht siegen.“). „Die Welt wird von einer Handvoll Tyrannen zerstört und von Myriaden solidarischer Brüder und Schwestern aufrechterhalten.“ Mir gefällt die ermutigende Anthropologie, die aus den Worten des Papstes spricht. Es ist nicht „der Mensch“, der den Frieden gefährdet und den Krieg hervorbringt. Es gibt keine Disposition des Menschen zum Krieg. „Der Mensch ist größer als der Krieg“ (Münchener Kammerspiele, Wallenstein). Der Mensch ist nicht „Kain“, der quasi naturgemäß Gewalt und Krieg hervorbringt. Es sind, so wie es auch die biblische Urgeschichte erkennen lässt, autoritäre hierarchische Machtverhältnisse, die zum Krieg führen. Myriaden von Menschen in Russland, in Israel, in Iran, in der ganzen Welt wollen nichts anderes als in Frieden leben. Aber sie werden von Tyrannen manipuliert, durch Machtverhältnisse korrumpiert, verdummt und in den Krieg getrieben. Deswegen müssen solche Machtverhältnisse überwunden werden. Deshalb ist die Demokratie die Regierungsform, die am ehesten geeignet ist, dem Frieden zu dienen, weil sie Macht einhegt und begrenzt. Demokratie setzt das Vertrauen voraus, dass der Mensch sein Schicksal friedlich bestimmen kann. Dieses Zutrauen in die Friedensfähigkeit des Menschen spricht aus den Worten des Papstes.

  3. Herzlichen Dank. Ich ĥoffe, das wir genügend
    sind, die der Tyrannei bewusst entgegen treten werden. Ich werde in Gesprächen meinen Teil dazu beitragen.
    Gottfried Biller

  4. Der (konvertierte) Katholik und Vizepräsident der USA, Vance, übte auch Medienkritik:

    „Seine Aussöhnung mit dem Papst garnierte der US-Vize dann noch mit einer Medienkritik: „Während das Narrativ der Medien ständig Konflikte hoch schreibt – und ja, echte Meinungsverschiedenheiten haben stattgefunden und werden stattfinden –, ist die Realität oft sehr viel komplexer.“ Er wolle den Papst in seine Gebete aufnehmen, „und ich hoffe, dass wir auch in seinen sind“.“
    © katholisch.de https://ogy.de/tdl9

  5. DANKE, lieber Christian! Nach dem politisch so bedeutenden Geistlichen Papst Johannes Pauls 2., der z.B. mit seinem Besuch in Polen 1983 ein weitreichendes Signal aussandte gegen Kriegsrecht, polnischer Despotie und kommunistischer Diktatur und sich unüberhörbar pro Solidarność erhob, vor allem aber gemeinsam mit Michail Gorbatschow das Ende der sowjetischen Macht, die Öffnung Europas und damit die Friedliche Revolution 1998 sehr entscheidend mit ermöglichte, dass dieser jetzige Papst mit seiner klaren Haltung auch der Evangelischen Kirche signalisiert, dass es aktuell dringender geboten sei, wie Philipp Spitta in seinem Pfingstchoral anmahnt:
    „Es gilt ein frei Geständnis
    in dieser unsrer Zeit,
    ein offenes Bekenntnis
    bei allem Widerstreit,
    trotz aller Feinde Toben,
    trotz allem Heidentum
    zu preisen und zu loben
    das Evangelium.“
    Und immer wieder scheint mir die Frage gerade in dieser unsrer Zeit relevant, ob Kirche nicht doch ein politisches Mandat hätte; ich denke, es wäre hohe Zeit. Ein weites Feld, ich weiß. Aber der derzeit amtierende Papst, ein Amerikaner, beantwortet diese Frage mit seiner Haltung. Ich hoffe jetzt nur, dass er dran bleibt und nicht unter Druck beginnt, zu relativieren. Ich hoffe es sehr!! Ich grüße Dich, Dein Jo

  6. Lieber HerrWolff,
    ich unterschreibe jedes Wort .
    Aus Ihren Worten spricht der
    Heilige Geist.
    Den brauchen wir alle dringender denn je.
    Halleluja
    Ihr Erhard Wagner

  7. Vielen Dank für diesen Kompass und an die Erinnerung an die Friedliche Revolution als Erfahrung und Wegweiser. Eine Minderheit unterdrückte „ihr“ Volk, eine Minderheit lehnte sich ohne Gewalt gegen sie auf. Ein Glücksfall in der Geschichte. Dazwischen befindet sich die schwankende Mehrheit. Diese bevorzugt den Tanz um das vermeintlich goldene Kalb. Es sei denn, es geht um Frieden, Freiheit, Demokratie und Menschenwürde. Doch das muss die Mehrheit erst einmal wissen.

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