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Verlorene Kindheit – gewonnenes Leben

Lady Zahava Kohn (1935-2022)

In Memoriam Lady Zahava Kohn (5. August 1935 – 29. Juli 2022)

Sie hätte am 5. August 2022 ihren 87. Geburtstag feiern können: Lady Zahava Kohn. Leider ist sie wenige Tage zuvor am Samstag, 29. Juli 2022, in London verstorben. Lady Zahava hat ein außergewöhnliches Leben gelebt. 1935 in Tel Aviv geboren, kehrte sie 1937 mit ihren Eltern Sigmund und Rosie Kanarek nach Amsterdam zurück. Die Eltern dachten, dort seien sie sicher vor den Nazis. Doch während ihr späterer Mann, Sir Ralph Kohn, 1927 in der Leipziger Lortzingstraße geboren und mit seinen Eltern schon 1933 vor den Nazis nach Amsterdam geflohen, die holländische Metropole im Mai 1940 im letzten Moment verlassen konnte, schaffte die Familie Kanarek die geplante Flucht nach Honduras nicht. So wurde die Familie Kanarek 1943 ins Konzentrationslager Westerbork deportiert. Zuvor hatten die Eltern den jüngeren Bruder von Zahava, Jehudi, schweren Herzens an eine unbekannte Familie des Widerstands abgegeben. Jehudi überlebte die Nazizeit. Bei der Verhaftung der Familie durch die SS sollte die an Windpocken erkrankte siebenjährige Zahava von ihren Eltern getrennt werden. Voller Panik wehrte sie sich mit hysterischem Geschrei dagegen. Offensichtlich beeindruckte dies den SS-Offizier, und die Familie blieb zusammen. Wie durch ein Wunder wurde die Familie dann vor dem Weitertransport ins Vernichtungslager Auschwitz bewahrt und kam ins KZ Bergen-Belsen. Im Januar 1945 standen sie dann auf wundersame Weise auf einer Liste des „Roten Kreuzes“. Sie sollten gegen Kriegsgefangene ausgetauscht werden. So gelangte Lady Zahava, allerdings schwer gezeichnet von den Grausamkeiten der KZ-Zeit, nach Biberach. Dort wurde die Familie im April 1945 befreit und kehrte über Zürich nach Amsterdam zurück. 1963 heirateten Ralph und Zahava Kohn. Sir Ralph Kohn war ein sehr erfolgreicher Biochemiker und Pharmazeut in London und großzügiger Mäzen. 2009 veröffentlichte Lady Zahava ihre dramatische Geschichte, nachdem sie die Dokumentensammlung ihrer Mutter entdeckt und gesichtet hatte: „Fragments of a Lost Childhood“ *, eine ergreifende Schilderung, wie ein jüdisches Mädchen und seine Eltern den Holocaust überleben konnten. In unzähligen Schul-Veranstaltungen hat Lady Zahava, unterstützt von ihrer Tochter Hephzibah, jungen Menschen ihre Über-Lebensgeschichte erzählt – so auch 2014 in der Thomasschule, immer mit dem Ziel, dass sich so etwas wie der Holocaust nie wiederholen darf.

Sir Ralph und Lady Zahava Kohn 2007 in der Thomaskirche

Und was haben Sir Ralph und Lady Zahava, beide sehr religiöse Juden, mit der Thomaskirche Leipzig zu tun? Beide waren tief verbunden mit der deutschen Kultur und insbesondere mit der Musik Johann Sebastian Bachs. Beide fanden nach der Friedlichen Revolution 1989/90 den Weg in die Geburtsstadt von Sir Ralph und auch in die Thomaskirche. Sie haben das Bach-Archiv, den Bildungscampus forum thomanum und die Stiftung Chorherren zu St. Thomae tatkräftig unterstützt. 2004 wurden sie zum Chorherrn und zur Chordame zu St. Thomae ernannt. Ihre Namen sind auf der Chorherrenwand in der Thomaskirche festgehalten. 2012 wurden der Thomanerchor und Thomaskantor Georg Christoph Biller mit dem von Sir Ralph gestifteten Bach-Preis der Royal Academy of Music London ausgezeichnet. An dem Festakt nahmen viele der in Leipzig geborenen und zu diesem Zeitpunkt in London noch lebenden Jüdinnen und Juden teil. Doch das Wichtigste: Sie, die Opfer des Nazi-Terrors, haben ganz viel – auch dank der universalen Sprache der Musik – zur Versöhnung beigetragen. Voller Dankbarkeit blicke ich auf viele wunderbare Begegnungen und Gespräche in London und Leipzig zurück. Am Schluss ihres Buches schreibt Lady Zahava: „Meine Hoffnung ist, dass wir alle mit Freundlichkeit, Mitgefühl und Toleranz daran mitwirken können, eine Wiederholung des Nazi-Alptraums zu verhindern.“ Dieses Vermächtnis sollte uns allen Auftrag sein.

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* Fragments of a Lost Childhood. Zahava Kohn in conversation with Ann Rosen, Quill Press in association with The Holocaust Centre, London 2009

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