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Reformationstag 2026 – und ein fatales Signal

Sie wird jeden Tag neu beschworen: die Notwendigkeit von gesellschaftspolitischen Reformen, von Erneuerung des Lebens. Doch wenn man fragt, was denn reformiert, erneuert, geändert werden soll, dann gehen die Antworten nicht nur weit auseinander; sie verlieren sich auch im Ungefähren: „So kann es nicht weitergehen … Es muss sich etwas ändern …“. Nun zeichnet sich ab, dass an dem Tag, der laut Kalender als Reformationstag gefeiert werden soll, der 31. Oktober 2026, junge Menschen deutschlandweit auf die Straße gehen und demonstrieren wollen: für gerechte Teilhabe und bezahlbares Leben, für bessere Bildung, gegen die Wehrpflicht, gegen den Rechtsruck. Junge Menschen klagen wie in vielen anderen europäischen Ländern Änderungen, neue Schwerpunktsetzungen der und in der Politik ein. Sie wollen nicht die Absicherung des Status quo, sondern konkrete Verbesserungen für die Generationen, deren zukünftiges Leben von den Auswirkungen gegenwärtiger Krisen bestimmt sein wird – und dies auf dem Hintergrund der dramatischen Folgen des Klimawandels, der einschneidenden Veränderungen des Lebens durch KI und der zunehmenden und näher rückenden kriegerischen Konflikte und deren verheerenden Folgen. Die Agenda der Jüngeren unterscheidet sich fundamental von dem, was derzeit auf politischer Ebene diskutiert wird. Da geht es um Rente, Einschnitte in die sozialen Sicherungssystemen, Hochrüstung und ein merkwürdiges „Weiter so“ in den Bereichen, in denen Umsteuerung dringend erforderlich ist: in der Klima- und Mobilitätspolitik. Gleichzeitig wird in dem Bereich am schnellsten der Rotstift angesetzt, der für die junge Generation die größte Bedeutung hat und in dem am schnellsten Erfolg zu generieren ist: die Bildung. Damit wird deutlich, woran es uns derzeit vor allem mangelt: an einem gesellschaftlichen Konsens darüber, welche Bereiche unserer Gesellschaft der Erneuerung bedürfen, damit die gravierenden sozialen Unterschiede eingeebnet, Chancengleichheit vergrößert werden können und sich so eine neue Zusammengehörigkeit in der Gesellschaft entwickelt, ohne Homogenitätsphantasien rechtsnationalistischer Verführer anheimzufallen.

Dass aber die Signale derer, die derzeit Führungspositionen in unserer Gesellschaft innehaben, in eine ganz andere Richtung weisen, wurde an dem skandalösen Auftritt des Vorstandsvorsitzenden von AUDI, Gernot Döllner, auf einer Wahlkampfveranstaltung von Donald Trump in Perry/Georgia überdeutlich (Ähnliches lässt sich sagen von der Verleihung des Axel-Springer-Award an den Milliardär und Trump/Vance-Förderer Peter Thiel im September 2026). Dort ließ sich Döllner von Trump nach dessen Rede voll von Obszönitäten, Rassismus, Frauenfeindlichkeit und Demokratieverachtung auf die Bühne bitten. Dort verkündete er in der Pose devoter Unterwürfigkeit, dass AUDI für vier Milliarden Dollar ein Werk zur Herstellung von teure SUVs bauen lassen will – für Trump ein triumphales Ergebnis seiner Zollpolitik. Der bizarre Auftritt einer sog. Führungskraft unserer Gesellschaft auf einer der Huldigungsveranstaltungen eines faschistischen Autokraten offenbart, dass etlichen Leuten in Führungspositionen jeglicher moralische Kompass abhandengekommen ist. Doch diese Leute sind gleichzeitig Menschen, die am Schreibtisch über das Schicksal von Tausenden Männern und Frauen und deren Familien entscheiden, die keine Gelegenheit verstreichen lassen, um die Regierung zu einer „wirtschaftsfreundlichen“ Politik zu drängen und die gleichzeitig verantwortlich sind für die strategischen Fehlentscheidungen der Autoindustrie im vergangenen Jahrzehnt – und dies bei ständig steigendem Salär. Man weiß auch nicht, worüber man sich mehr empören soll: die Chuzpe, einen Wahlkampfauftritt Trumps zu nutzen, um eine (noch gar nicht beschlossene) Werkseröffnung anzukündigen, oder die Absicht, in diesem Werk Automobile herzustellen, die niemand braucht und deren Produktion nur möglich ist, weil sich die Trump-Administration null um Klimaschutz schert. Was ein Gernot Döllner demonstriert: Er gehört zu der Klasse einer Führungselite, für die gesellschaftliche Verantwortung inzwischen zu einem Fremdwort geworden ist, die sich losgelöst von Grundwerten ihre eigene Welt bauen.

Auch gegen diese Art von Führung gehen junge Menschen, und nicht nur sie, zu Recht auf die Straße – und das an einem Tag, an dem wir einer grundlegenden Reform des gesellschaftlichen Lebens gedenken: die Reformation zu Beginn des 16. Jahrhunderts. Damals ging es um Befreiung von einer entmündigenden Herrschaft einer klerikaler Klasse, um Bildung für alle, um Verantwortung, in die jeder Mensch mit seiner Geburt von Gott gerufen wird und darum entsprechend gebildet werden muss. Martin Luther leitete davon das „Priestertum aller Gläubigen“ ab, was nichts anderes als die Gleichberechtigung und die Würde eines jeden Menschen beinhaltet. Diese Erneuerung begann mit einer Rückbesinnung: Re-formation, ad fontes, zurück zu den Quellen und Ursprüngen. Darum muss es bei jeder Reform zu allererst gehen: Was sind die Grundlagen, von denen aus wir neu in die Zukunft starten können? Darum sollen wir uns zurückbesinnen auf die Grundlagen unserer Demokratie, auf die Grundwerte der Verfassung und die Grundwerte des Glaubens – und daraus die notwendigen Veränderungen ableiten. Da rücken dann die Werte in den Fokus, die uns ein einigermaßen friedliches Zusammenleben ermöglichen und die all das in Erinnerung rufen, was allzu schnell im Alltag des Lebens beiseitegeschoben wird: die Nächsten- und Feindesliebe, die Goldene Regel, die Barmherzigkeit und der ständige Wechsel von den Ersten zu den Letzten und umgekehrt, der uns vor Allmachtsstreben bewahren soll. Allein in diesen Werten liegt genug Erneuerungskraft und Orientierung, um einigermaßen aufrecht den Reformationstag zu feiern.

12 Kommentare

  1. Der Reformationstag ist, wie Sie richtig feststellen, Herr Wolff, ein Tag der Befreiung – und zugleich ein Tag der Betonung und Verdeutlichung der Selbstverantwortung in Freiheit. Sie betonen „die Gleichberechtigung und die Würde eines jeden Menschen“ – ohne Zweifel richtig –, ich betone ergänzend – und ebenso wichtig – die mit Würde verbundene Verantwortung, die mit Gleichberechtigung verbundene Anerkenntnis der Vielfalt und Unterschiedlichkeit – und die mit unserer Freiheit grundsätzlich verbundene Wahl des Individuums zwischen verschiedenen Angeboten und Möglichkeiten. Wer zB mal in den riesigen Weiten des amerikanischen mittleren Westens unterwegs war (man könnte das auch für weite Teile Afrikas sagen), der weiß natürlich, dass eine Aussage wie: Autos, „die niemand braucht“ Ausdruck deutscher Besserwisserei und deutschen intoleranten Missionarentums ist, die schlicht – mal wieder – unsere unsägliche Belehrerei verdeutlicht. Wittenburg, der ja bekanntlich die Welt besser kennt als wir alle, wird das bestätigen (vielleicht erlauben Sie mir, Herr Wittenburg, Ihren unsachlichen Beitrag v. 27. Okt mit der Bitte zu beantworten, mein Asyl lieber in der Great Karoo als in Sibirien zu wählen).
    Zurück zur Reformation: Zusammen mit anderen großen Öffnungen des Denkens und der Weltsicht war sie weit mehr als ein religiöses Phänomen, wenn auch durch religiöse Mißstände ausgelöst. In unserer Zeit hat es die evangelische Kirche zugelassen, dass der Tag mehr als „Halloween“ herabgewürdigt, als als Beginn der Aufklärung verstanden und also zum Spektakel wird. Da passt es dann, wenn er in diesem Jahr als Tag von Demonstrationen mehr Schlagzeilen machen wird. Es freut mich sehr, dass ein großer Teil unserer Jugend, die durchaus berechtigte Kritik an bestimmten Zuständen in unserem Lande hat, sich von diesen Planungen einer ideologischen Minderheit distanziert. Denn dass der diesjährige Reformationstag ein Krawalltag werden könnte, ist weithin absehbar. Formal wird dann hinterher das Bekenntnis zu Gewaltlosigkeit, in der Sache die übliche Kritik an unserer Polizei stehen.
    Am Rande sei festgestellt: Sie, Herr Wolff, formulieren hier wie anderswo mit großer Selbstsicherheit, mit nachvollziehbarer Überzeugung und klarer Kante. Das find ich auch dann gut, wenn es nicht meine Meinung ist, solange es nicht (wie leider häufig) doppelte Standards zeigt. Ich formuliere mit derselben eigenen Überzeugung und Unmissverständlichkeit. Wie man daraus einseitig Bezeichnungen wie „Allwissender“, „bleibt nur EINER übrig“, etc, erfinden kann, zeigt eben einäugige Blindheit. Und nicht zu vergessen: Neben mir gibt es ja noch Wittenburg, den Mann mit der unübertroffenen Weltkenntnis und seinen globalen Kontakten und Reiseerfahrungen, also sind wir schon DREI.
    Ich wünsche allen einen frohen Reformationstag in der Erkenntnis, dass er uns vor 500 Jahren in die Verantwortung entlassen hat.
    Andreas Schwerdtfeger

  2. Bei einem zweifellos mehrere Millionen €/Jahr umfassenden Gehalt plus Boni für einen Vorstand von Audi/VW erwarte ich, dass er eine Entscheidung, welche Modelle er wo produzieren lässt, nach wirtschaftlichen Kriterien sorgfältig trifft.
    Herrn Döllners Entscheidung, Donald Trump in der Endphase des Wahlkampfs für die Midterms willfährig zu sein (im klaren Widerspruch zum Verhaltenskodex des Konzerns!), ist für mich dagegen schon ein Grund zum „Fremdschämen“.

    Viel wichtiger finde ich, dass die junge Generation 2026 am Reformationstag (friedlich) auf die Straßen gehen will; Christian Wolff formuliert es in seinem ersten Absatz sehr treffend! Dass dabei diese sinnfreie Halloween-Modeerscheinung hoffentlich in den Hintergrund gerät, ist ein (mir durchaus) willkommener Nebeneffekt.

  3. Ich weiß natürlich wie Sie es gemeint haben: gesamtgesellschaftlich betrachtet sind solche Trumms nicht sinnvoll. Doch hier kommt mir Oscar Wilde in den Sinn: „Man versehe mich mit Luxus. Auf alles Notwendige kann ich verzichten.“

  4. Nicht zu fassen: Es geht hier um die Zukunft unserer Kinder und Kindeskinder und der erste Kommentar preist den Luxus der SUV an.

      1. Nun bin ich über die Verhältnisse bei Herrn Wittenburg nicht informiert, ich habe aber die Erfahrung gemacht, dass sich gerade die am meisten um die nachfolgenden Generationen sorgen, die selbst keine Kinder und Enkel haben, die sich die damit verbundenen materiellen und emotionalen Anstrengungen erspart haben und die Probleme und Sorgennur so wie sie in den Medien dargestellt werden, kennen.

        Aus den Erfahrungen mit meinen Kindern , deren Generation und als aktuell aktiver Kindertrainer im Sport muß ich subjektiv feststellen:
        Mit denen ist nicht viel los – es sind vor allem eingebildete Probleme, die auf keinen Fall größer sind, als unsere Probleme im entsprechenden Alter.
        Eine Generation , die mit beheizten Windeln vom Tanz- zum Flötenunterricht chauffiert wurde und jetzt die Krise bekommt, weil einmal eigene Entscheidungen getroffen werden müssen oder abrechenbare Klippen, wie Prüfungen, Berufsabschluss, Leben vom selbst erwirtschafteten Geld, überwunden werden müssen.

        E.Breuer

        1. Verehrter Herr Breuer,
          schauen Sie doch bitte mal in der untersten Niveau-Schublade dieses Blogs nach!
          Hätten Jo.Flade oder ich diesen Text gepostet, wäre uns ein heftiger Shitstorm (zu Recht) gewiss…

  5. „in diesem Werk Automobile herzustellen, die niemand braucht“
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    Also eine grandiose Fehlentscheidung von Audi – 4 Mrd. $ in den Sand gesetzt? Das glaube ich nicht. Zunächst wird es sich um Luxus-Verbrenner-SUV handeln. Sollte der prognostizierte Absatz nicht kommen, kann man schnell auf andere Typen umstellen, auch auf elektrisch betriebene PKW. BMW hat sein weltweit größtes Werk in South Carolina. Auch Mercedes produziert in den USA. Nur die beiden Luxusmarken des VW-Konzerns Porsche und Audi produzieren in den USA nicht und sind den Zollerpressungen Trumps vollständig ausgesetzt.

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