In diesen Tagen ist es für mich zum Symbolbild für die völlig aus dem Ruder geratene, verrohte Weltpolitik geworden, in der das systematische Töten von Menschen zum Joke stilisiert wird: die Anstecknadel am Revers des rechtsextremistischen Ministers für Nationale Sicherheit in der Regierung Israels, Itamar Ben-Gvir. Sie zeigt einen Henkersknoten, makabres Signet seiner Kampagne zur Einführung der Todesstrafe ausschließlich für palästinensische Terroristen. Dass die knappe Mehrheitsentscheidung der Knesset von Ben-Gvir und seinen Anhängern mit Freudentänzen und Champus gefeiert wurde, rundet das alles Menschliche zersetzende Zerrbild internationaler Politik nur noch ab. Offensichtlich sollen mäßigende Maßstäbe der Menschlichkeit in der Völkerwelt keine Rolle mehr spielen – ein bedrohlicher, wenn auch nur Pyrrhussieg derer, die seit Jahrzehnten diejenigen, die sich noch auf der Ebene des Rechtes, der Menschenwürde, einer aktiven Friedenspolitik zu bewegen versuchen, auf die kriegerische Ebene einer das vermeintlich Böse ausmerzende Vernichtungsstrategie zu ziehen versuchen – und das sind die viel zu zahlreichen Terrorregime (wie das Mullahregime im Iran) auf diesem Erdball.
So stoßen in der Karwoche und zu Ostern 2026 die grausame Wirklichkeit triumphierender Todesmächte und die vielen Menschen völlig surreal erscheinende Botschaft von der Auferstehung Jesu von den Toten hart aufeinander – und manch eine:r ist völlig konsterniert angesichts der Skrupellosigkeit, mit der die Knechte und Mägde der Todesmächte agieren. Mit wem ich mich in diesen Tagen auch austausche: die Entgeisterung, das Erschrecken über das jede moralische Grenzen missachtende, herrisch-maßlose Treiben der Putins, Trumps, Netanjahus in ihren jeweils vergoldeten Käfigen umgeben von stiefelschleckenden Claqueuren und Rotten sind immens – aber auch die Ohnmacht, die Sprachlosigkeit, die Scham vieler Menschen, die sich den Anmaßungen nicht willfährig ergeben wollen. Soll so die Welt aussehen, in der wir gerne leben, für deren Bestand wir uns einsetzen, die wir als Gottes Schöpfung achten sollen?
Im Nachdenken über diese Fragen strahlen die alten Osterchoräle immer noch eine erneuernde, kraftvolle Hoffnung aus – jedenfalls sehr viel aufbauender als all die wohlfeilen Rationalisierungen grauenhafter Politabsurditäten in unzähligen Kommentaren. Paul Gerhardt (1607-1676), der große Lieddichter des 17. Jahrhunderts, der mitten in den grenzenlosen Zerstörungsorgien und im Niedergang aller Moral während des 30jährigen Krieges eine erstaunlich gefestigte Glaubenshaltung, voller Hoffnung und Trost, an den Tag legen konnte, hat in seinem Osterlied „Auf, auf, mein Herz, mit Freuden“ aus dem Jahr 1647 eine bemerkenswert widerständige Strophe gedichtet:
Die Höll und ihre Rotten
die krümmen mir kein Haar;
der Sünden kann ich spotten,
bleib allzeit ohn Gefahr.
Der Tod mit seiner Macht
wird nichts bei mir geacht‘:
er bleibt ein totes Bild,
und wär er noch so wild.
(Im Original ist es die 5. Strophe; im Evangelischen Gesangbuch Nr. 112,4)
Der Tod, mit dem die Mächtigen (= Sich-Macht-Raubenden) wüten, Menschen in ihrer Existenz bedrohen, ihre Macht abzusichern versuchen: „ein totes Bild“! Was für eine hoffnungsvolle Aussage für alle, die sich nach Freiheit, nach einem menschlichen Miteinander, nach Anerkennung und Gerechtigkeit sehnen – gerade auch dann, wenn die Lage aussichtslos zu sein scheint! Die größte Aussichtslosigkeit ist verbunden mit der Erfahrung des Todes. Doch wenn dieser zu einem „toten Bild“ erstarrt, wenn den Trumps und Putins und ihren Rotten nicht mehr die Rollen blasphemisch aufgeblasener Götzen und Priester:innen zugebilligt werden, dann beginnt deren Höllenmacht zu zerbröseln – so wie der Stein vor dem Grab Jesu, der den Weg des Auferstandenen ins Leben nicht mehr verhindern konnte. Denn mit Ostern verlieren diese monströsen Tötungsriesen und schmierigen Moralzwerge ihre Macht und verkommen zu armseligen Würstchen der Weltgeschichte. Ja, wenigstens an Ostern steht es uns gut an, diese Herrschaften, gefangen in ihren Goldkäfigen, voller Inbrunst niederzusingen – in der Gewissheit, dass sie letztlich nichts ausrichten können gegen das, was mit der Auferstehung Jesu neu ins Recht gesetzt wurde: die Ehrfurcht vor dem Leben, die Barmherzigkeit, die Gewaltlosigkeit, die Nächstenliebe, der Frieden – also all das, was „die Höll und ihre Rotten“ uns Menschen austreiben wollen. Doch das soll und wird ihnen nicht gelingen!
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16 Kommentare
Sie sagen es, lieber Kurt Hoellger –
heute wurde in der Semperoper Dresden der Friedenspreis Dresden 2026 an Klementyna Suchanow vergeben, einer polnischen Aufrechten. Die Laudatio sprach Jean Asselborn, die jede, die jeden nicht unberührt ließ. Grandios, mehr als deutlich und wegweisend. Und er erinnerte an Gerhart R. Baum und damit an dessen publiziertes Vermächtnis: BESINNT EUCH!! Und diese Rede aus dem etwas verschlafenen Dresden – EIN ZEICHEN!! Und diese Verleihung an eine Aufrechte in Polen erfolgte ausgerechnet heute, an dem Tag, wo in Ungarn Orbanscher Dekadenz nach 16 Jahren Niedergang gewählt wird; sehr, sehr hoffe auch ich, dass die Zivilgesellschaft endlich aufwacht und mit klarer Stimme für Demokratie, Menschenwürde, Frieden und Respekt an der richtigen Stelle ankreuzt! Seien Sie gegrüßt; Jo.Flade
Lieber Joh. Lerchner – auch diese Ihre Reflektion auf die Osterbotschaft von Chr. Wolff las ich mehrfach und es macht mich höchst nachdenklich und löst viele Fragen aus, schreiben Sie: „Deshalb hoffe ich eher auf die Ablösung der derzeitigen westlichen Eliten und die Erstarkung von Kräften, die in der Lage sind, den derzeitigen Kriegstreibern in der Welt mit einer erfolgreicheren Politik entgegenzutreten…“.
Chr. Wolff fragte bereits nach, an welche erstarkenden Kräfte Sie konkret denken, und dies wäre auch mir interessant, wo und in welchem Zusammenhang Sie politische Potenzen mit Wahrhaftigkeit, Überzeugungskraft und politischer Weitsicht denn sehen? Wen meinen Sie denn?
Merz würde jetzt vermutlich konstatieren, dass dies alles ein komplexes Thema sei, womit er übrigens offenbarte, wenig detailliert einzugehen in der Lage ist, die aktuellen Probleme mindestens anzugehen, von Klärung kann gar nicht gesprochen werden.
Na klar sind Kräfte von Nöten, da haben Sie mich auf Ihrer Seite, aber wo sehen Sie diese? Vielleicht können Sie mit einer überzeugenden Rückantwort beitragen, Licht ins politisch verlotterte Weltgetriebe zu bringen.
Nehmen Sie nur mal den Faktor ORBAN in Ihr analytisches Visier; einst öffnete Ungar, und zwar im August 1989, die Grenzen, eine Freiheitswelle durchströmte den Ostblock. Nach 16 Jahren Regierung unter Orban hat er dieses „sein“ Land entdemokratisiert, bejubelt den international erklärten Kriegsverbrecher Putin, lässt seinen geistig erschreckend dumpfen Wahlkampf von Trump hofieren, hat sich persönlich mit €-Milliarden und andere seines Colours mit EU-Finanzen bereichert, Bildung, Kultur, Wirtschaft, Liberalität liegt am Boden und Trump lässt ihn wissen, im Falle eines Wahlsieges würde er seinen Freund Orban unterstützen – ein regierender Psychopath im Weißen Haus versucht deutlich transparent der EU mit diesem sehr durchschaubaren Eingreifen aufzuzeigen, dass ER die Politik Ungarns klärt, nicht Brüssel oder gar die Ungarn selbst. Wo sind hier Ihre Kräfte?
Hoffen wir auf den Wahlsieg Orbans Konkurrenten – alles andere wäre von bedrückender Tragweite, nicht nur für Ungarn selbst! Und lesen Sie doch auch mal das öffentlich gemachte Wahlprogramm der Sachsen-Anhaltinischen AfD – wo sind auch hier Ihre Kräfte? Sie müssen endlich konkret werden, alles andere erscheint mir wenig sinnvoll und macht zudem nachdenklich. Die Lage ist derzeit und zunehmend höchst problematisch, an verbaler Unkonkretheit dürfen wir uns nun wirklich nicht mehr aufhalten.
Stellen wir uns doch immer wieder die Frage, die auch Pilatus vor reichlich 2000 Jahren während seines Verhörs an Jesus stellte: „Was ist Wahrheit?“ Mit dieser Frage steht auch das Johannes-Evangelium direkt in unserer Gegenwart!
Ihnen einen Gruß mit der Hoffnung, dass wir von Ihnen Überzeugendes erfahren! – Jo.Flade
Die Frage „Wen meinen Sie denn?“ könnte beantwortet werden mit „eine wache Zivilgesellschaft“ – die allerdings des Schutzes der Grund- und Menschenrechte bedarf, der nicht überall auf der Welt gegeben ist.
Die Identität der meisten Ostdeutschen ist als religionsfrei – oder religionswissenschaftlich gesprochen: als religiös indifferent – zu bezeichnen. Das gilt aber nicht für alle. Menschen mit und ohne Religion leben „zwar Wand an Wand, aber offenbar in sehr verschiedenen Welten“. Für die einen ist ein Leben ohne Religion schwer vorstellbar, für die anderen sind religiöse Fragen kein Thema. Der Erfurter Theologe und Philosoph Prof. Dr. Eberhard Tiefensee [Bruder von Wolfgang, dem früheren Leipziger OB und Bundes-, sowie Landesminister – K. P. ] referiert über die religionsfreie Identität als ostdeutsches Phänomen und plädiert für einen Dialog, in dem religiöse Fragen nicht tabuisiert werden, aber auch die Fremdheit des Anderen akzeptiert und nicht nur toleriert wird. Die Veranstaltung fand am 4.10.2017 im Rahmen der Interkulturellen Tage in Dresden statt und war ein Kooperationsprojekt von Bunte Kirche Neustadt, Stadtteilhaus Dresden-Äußere Neustadt und Staatsschauspiel Dresden.
https://www.youtube.com/watch?v=sL_4qbw32i0
Was für ein beeindruckendes , absolut aktuelles und gleichzeitig zeitloses Textwerk von Paul Gerhardt.
Vielen Dank für dieses österliche Trostwort.
Die so Getrösteten werden aufstehen, die sich in aller Grausamkeit selbst ermächtigt Habenden werden fallen. Aber das haben nicht wir zu entscheiden.
Frohe Ostern uns allen, die wir uns auf dieser kleinen Welt versammeln- und seien wir nur deren Drei n SEINEM Namen , und all denen auch, die derzeit den Mond umkreisen.
Erhard Wagner
Wenn man die derzeitige Verrohung der Weltpolitik beklagt und die Verantwortung dafür dem Bösen, den Höllenmächten in dieser Welt zuweist, sollte man unbedingt auch die politischen Fehlleistungen der „Guten“ mitdenken, haben diese doch wesentlich zur Zuspitzung und Verstärkung der aktuellen Probleme beigetragen. Aus falsch verstandener Staatsraison und Duckmäusertum wurde dem von den israelischen Eliten getragenen mörderischen Treiben der IDF-Soldateska in Gaza nicht Einhalt geboten. Das Vasallentum der deutschen und europäischen Atlantizisten verhindert weitgehend eine klare Positionierung zu dem völkerrechtwidrigen, unprovozierten, hinterhältigen, brutalen Angriffskrieg der USA und Israels gegen den Iran. Der Unwillen der NATO-Europäer, eine die Interessen aller Parteien berücksichtigende Sicherheitspolitik zu betreiben, hat wesentlich zum Ausbruch des Ukrainekrieges beigetragen und auf alle Fälle dessen früheres Ende verhindert. Deshalb hoffe ich eher auf die Ablösung der derzeitigen westlichen Eliten und die Erstarkung von Kräften, die in der Lage sind, den derzeitigen Kriegstreibern in der Welt mit einer erfolgreicheren Politik entgegenzutreten, ohne selbst zu Kriegstreibern zu werden, als dass ich imaginären Mächten zutraue, diesen, den Kriegstreibern, das Handwerk zu legen. Allerdings ist meine Befürchtung groß, dass weder das eine noch das andere in absehbarer Zeit geschehen wird. Trotzdem allen schöne Osterfeiertage.
Leider, lieber Herr Lerchner, kommt mir beim Lesen Ihrer Zeilen wenig östliche Stimmung auf. Das liegt vor allem daran, dass Sie wieder einmal zu relativieren versuchen: den Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine. Er ist eben keine „Antwort“ auf den „Unwillen der NATO-Europäer“, sondern eine nationalistische-imperialistische Aggression! Auch wenn ich den Angriffskrieg Israels und der USA ablehne – das macht aus dem Mullahregime keine legitime Regierung des Irans. Das Fatale ist: Das Terrorregime im Iran wird offensichtlich durch diesen Angriffskrieg gestärkt. Dies alles bedenkend, graut mir vor Ihrer Vorstellung von der „Ablösung der derzeitigen westlichen Eliten …“. Denn es ist ja sehr bezeichnend, dass Sie völlig offenlassen, auf welche „Kräfte“ Sie Ihre Hoffnung setzen: Orbán, JD Vance, Putin? Da halte ich es dann doch lieber mit Paul Gerhardt und vertraue den Kräften, die sich nicht von Großmannssucht und Tötungswahn verführen lassen.
Wirklich „östliche Stimmung“? Warum eigentlich nicht?
Noch in einer weiteren Beziehung hat Herr Lerchner mit „Staatsraison und Duckmäusertum“ leider Recht, lieber Christian. Die unerträgliche Doppelmoral deutscher Außenpolitik und deutscher Leitartikler hat die Ukraine-Politik international ins Leere laufen lassen. Allerdings, lieber Herr Lerchner: „Ausgebrochen“ ist der Eroberungskrieg gegen die Ukraine nicht, sondern Russland hat ihn von langer Hand vorbereitet. Mein Vorwurf an die NATO-Staatslenker lautet, dass sie das wussten, und beizeiten hätten mehr dagegen tun müssen. Dabei denke ich – das wird Ihnen nicht gefallen, Herr Lerchner – an die berühmte Filmaufnahme von der Panzer-Konfrontation am Checkpoint Charly am 27. Oktober 1961. Den Widerspruch dieser Bilder zur Osterbotschaft nehme ich hin.
Danke für die versuchte Sinngebung des Sinnlosen; ein wenig bleibt ja doch hängen. Man muss sich an Verse wie die von Paul Gerhardt mit aller Kraft klammern, um das gegenwärtige Geschehen auszuhalten.
Ihnen, verehrter Herr Wolff, die besten Wünsche für gesegnete Ostertage – Dirk Klose, Berlin
Nach einem sehr nachdenklich stimmenden Agapemahl-Gottesdienst mit viel Junger Gemeinde, die das Brot zum Gründonnerstag im Gemeindezentrum buken und nach dieser Deiner Botschaft, lieber Christian, DANK, vor allem aber gesegnete Osterfesttage. Bleiben wir allesamt aufrecht und lassen wir uns von der Osterbotschaft inspirieren und neu Kräfte finden für stabiles Rückrat, Energie und Friedenswillen. Dein Jo
Unter der Überschrift „Der gute Wal und der böse Wolf“ veröffentlicht der heutige „Spiegel“ einen Essay:
„Die Menschheit versinkt in Krisen, aber zwei Tiere bestimmen die Schlagzeilen.
Warum empfinden wir nur für eines der verwirrten Geschöpfe Mitleid?
…
Die Komplexität der Welt schnurrt auf die Schicksale zweier Geschöpfe zusammen, die nicht dort sind, wo wir sie erwarten. Ein Buckelwal kämpfte in der Lübecker Bucht im flachen Wasser um sein Leben, halb Deutschland fieberte mit. Und ein Wolf spazierte plötzlich durch eine Einkaufspassage. In beiden Fällen ist die Wildnis überraschend an der Schwelle zur Zivilisation aufgetaucht, klopft das Fremde an unsere Tür. Mal als Gast und Sympathieträger, mal als Räuber und Bedrohung.
…
Beim gutmütigen Wal müssen »wir« uns als hilfreiche Spezies beweisen, beim blutrünstigen Wolf die Natur besser mal vom Leib halten. Hier folgen wir einer kitschigen Seifenoper, da gruseln wir uns vor einem Horrorfilm
auf Grundlage düsterster Volksmärchen. Und während sich der Buckelwal auf der Sandbank vor Anteilnahme kaum
retten kann, erzeugt der Wolf in der Einkaufspassage vor allem: Angst.
…
Der Wolf mit seinen spitzen Zähnen hat da vergleichsweise schlechte Karten. Er ist uns einfach zu ähnlich.“
Um sich zwischen Wal und Wolf einigermaßen aufrecht bewegen zu können, bedarf es eines nötigen Rückgrades. Das wird hoffentlich vielen Menschen an Ostern gestärkt!
Sehr einverstanden! Gelesen nach unserem zufälligen Treffen heute am Gründonnerstag.
Susanne Kucharski-Huniat
Unser kurzes Gespräch auf der Grimmaischen Straße hat mich noch einmal sehr inspiriert. Danke!
Vielen Dank !
Gottfried Biller
Lieber Christian, Vielen Dank für diese starke Osterbotschaft, die wir in diesen Tagen ganz besonders brauchen! In diesem Sinne uns allen ein gesegnetes, ein frohes Fest der Auferstehung!
Martina