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Ohne Nachwuchs kein Wachstum

Es war vor 30 Jahren. Ich hatte gerade meine Tätigkeit als Pfarrer an der Thomaskirche Leipzig aufgenommen. In einem der vielen Gespräche, die ich mit dem damaligen Superintendenten Johannes Richter führte, sächsisches Urgestein und Lutheraner vom Scheitel bis zur Sohle, sagte er zu mir: Wenn die DDR nicht implodiert wäre, die evangelische Kirche hätte nicht mehr lange durchgehalten. Auf meine Frage, wieso er zu dieser Einschätzung komme, antwortete er: Wir waren personell ausgebrannt. Die Kirche musste ihr Personal aus einem immer kleiner werdenden Pool rekrutieren. Irgendwann schlägt mangelnde Quantität auch in mangelnde Qualität um. Mich überraschte diese nüchterne Sicht damals, aber sie bestätigte sich auch. Nur: Wenn ich das als „Wessi“ damals geäußert hätte … Sup. Richter aber zeichnete sich durch einen sehr klaren Blick auf die Wirklichkeit aus. Natürlich steht eine solch nüchterne Einschätzung zunächst quer zu der Rolle, die die Kirche und mit ihr etliche Pfarrer*innen Gott sei Dank während der Friedlichen Revolution gespielt haben. Aber Richter wollte mit seiner Einschätzung keine falsche Verklärung betreiben und sich den Blick für die Zukunft nicht verstellen lassen. Werden wir für die kommenden Jahrzehnte das Personal, die Pfarrerinnen und Pfarrer finden, die wir in einer Minderheitskirche benötigen?

Inzwischen ist das von Richter beschriebene Problem zu einem gesamtdeutschen geworden. Mit ungebremster Rasanz nähern wir uns der Situation, die Richter für Ostdeutschland beschrieben hatte: Angesichts des dramatischen Mitgliederschwunds der evangelischen Kirche und der drei ungebremst wirkenden Krisenmomente – Säkularisierung, Verlust der Menschennähe und Missbrauchsskandal vor allem in der katholischen Kirche (aber der Außenstehende differenziert hier nicht mehr) – wird das Reservoir, aus dem Nachwuchs geschöpft werden kann, immer kleiner. Die Zahl der Theologiestudierenden wie derer, die sich als Gemeindediakon*innen ausbilden lassen wollen, schrumpft rapide. Wer will heute noch Pfarrer*in werden? Kann Kirche heute sagen, welche Qualitätsmaßstäbe sie an den Beruf anlegt? Die Krise der Kirche ist Ausdruck einer tiefen Krise des Berufsstands der Pfarrerinnen und Pfarrer. Sie tragen einen wesentlichen Teil der Verantwortung für die jetzt entstandene Situation. Das gilt nicht nur für die derzeit aktiven Pfarrer*innen. Auch diejenigen wie ich selbst, die inzwischen im sog. Ruhestand sind, müssen sich fragen lassen, was sie in den vergangenen Jahrzehnten versäumt haben. Denn die jetzt eingetretene Entwicklung war schon vor fünf Jahrzehnten absehbar! Aber wir haben kollektiv die Augen davor verschlossen.

Was ist zu tun? Wenn es stimmt (was alle seriösen Untersuchungen belegen), dass sich die Bindung an die Kirche vor allem über die Beziehung der Kirchenmitglieder zu den hauptamtlich tätigen Menschen bildet, dann liegt darin sowohl eine (sicher nicht die) Erklärung für die Misere wie ein (sicher nicht der) Schlüssel für den Weg aus der Krise. Nach wie vor spielt also die Stellung des Pfarrers/der Pfarrerin eine zentrale Rolle. Aber wird er/sie ihr noch gerecht? Nun ist mir bewusst: Wer dieses Thema anspricht, setzt sich einem doppelten Vorwurf aus. 1. Er übersieht, dass viele Pfarrer*innen unter schwierigen Bedingungen eine sehr qualifizierte Arbeit leisten; 2. Er betreibt Nestbeschmutzung, hält sich für etwas Besseres. Beide Vorwürfe sind nicht von der Hand zu weisen, sollten aber nicht verhindern, dass wir uns der dramatischen Situation stellen und Auswege suchen müssen. Eines sollten wir sehen: Wie Kirche beurteilt wird, entscheidet sich nicht in den Verwaltungsebenen der Kirchenleitungen, sondern vor Ort durch die konkrete Arbeit und das Auftreten derer, die Kirche repräsentieren und für diese hauptamtlich tätig sind: Pfarrer*innen, Gemeindediakon*innen, Kirchenmusiker*innen, Sozialarbeiter*innen. Mir sagte einmal ein Familienunternehmer, der weltweit große Handelsketten besitzt: Mein Geschäftserfolg ist total abhängig von meinen Filialleitern. Wenn die nicht vor Ort qualifiziert arbeiten, laufen mir die Kunden weg. Das trifft auch für die Kirche zu: Pfarrer*innen sind so etwas wie Filialleiter*innen, sollten auf Kunden- und Angebotsorientierung achten – also die Kirchenmitglieder und die Botschaft im Blick haben. Ihre Kompetenz entscheidet darüber, wie eine Filiale, eine Kirchgemeinde geführt wird. Doch das spielt in den vielfältigen Strukturpapieren kaum eine Rolle – und wenn, dann nur in Form von Stellenumfängen und der/die Pfarrer*in als Umsetzungsfunktionär*in. Was aber eine Kirchgemeinde vor Ort soll, warum es sie geben muss, wofür sie einsteht und welches Personal dafür benötigt wird und wie in Zukunft qualifizierter Nachwuchs rekrutiert werden soll – über all die inhaltlichen Fragen schweigen sich die meisten Strukturpapiere aus.

Leider befördern die berufsständischen Vertretungen der Pfarrer*innen (Pfarrvereine) den inhaltlichen Mangel noch. Sie beschäftigen sich hauptsächlich damit, die angeblichen und tatsächlichen Belastungen der Pfarrer*innen aufzulisten, die Arbeitszeit zu quantifizieren und den Abschied von der unmittelbaren Ansprechbarkeit insbesondere des Gemeindepfarrers und der Gemeindepfarrerin einzuklagen. Kein kritisches Wort dazu, dass mit der inzwischen weit vorangeschrittenen Aufgabe des Pfarrhauses auch das verlorengegangen ist, was gerade im ländlichen Raum wichtig und prägend ist: die Menschennähe. Kein Wunder, dass das dazu führt, das immer mehr Menschen ihre Bindung zur Kirche verlieren. Damit möchte ich nicht nostalgisch alte Zeiten beschwören. Aber wir sollten uns verstärkt fragen, welche auch gesellschaftlichen Folgen es hat, wenn wir die Chancen der Unmittelbarkeit menschlicher Beziehungen und kirchlichen Lebens aufgeben und stattdessen uns in zunehmender Selbstbeschau ergehen.

Wenn Kirche Wege aus der Krise sucht, dann muss sie die Ideenlosigkeit ihrer Strukturreformen schnellstens beenden. Die Kurzform der meisten Strukturpapiere liest sich so: Weil 2030/35 nur noch soundsoviele Menschen der Kirche angehören und das Kirchensteueraufkommen sich um soundsoviele Millionen Euro reduziert, müssen soundsoviele Gebäude aufgegeben, Kirchen geschlossen, Stellen gestrichen werden. Unabhängig davon, dass Kirche natürlich wirtschaftlich arbeiten muss – eine solche „Reduktionsstrategie“ ohne jede Wachstumsperspektive ist der Tod im Topf! Wenn Kirche nicht mehr in der Lage ist, den Kirchenmitgliedern zu verdeutlichen, warum es wichtig, hilfreich, attraktiv ist, der Kirche anzugehören, die Grundwerte des Glaubens im Alltag zu leben, sich als Christ in der Gesellschaft zu erkennen zu geben, wenn Kirche selbst nicht mehr für qualifizierten Nachwuchs sorgt, wenn es ihr an Zukunftsperspektiven mangelt, dann darf sich niemand wundern, dass sich immer mehr Menschen von ihr abwenden.

Ein wesentlicher Schritt aus der Krise wird darin bestehen, dass sich Kirche verstärkt um ihren Nachwuchs kümmert – vor allem im Blick darauf, dass sich Kirche, Gemeinde verwirklicht über analoge und digitale Beziehungen zwischen den Menschen vor Ort. Außerdem gilt es eine lebendige Antwort auf die Frage zu geben: Was habe ich eigentlich von meiner Mitgliedschaft in der Kirche? Warum soll ich Mitglied der Kirche werden? Dabei wird Kirche nicht umhinkommen, die Kompetenzen zu benennen, über die ein Pfarrer/eine Pfarrerin verfügen sollte. Für mich sind es vier:

  • theologische, liturgische Kompetenz (das ist Sache der Theologischen Fakultäten und der ersten Ausbildungsphase)
  • gesellschaftspolitische Wachheit (politische Bildung muss in den Ausbildungskanon für Pfarrer*innen);
  • Kommunikationsfähigkeit in Seelsorge, Unterricht, Verkündigung und im öffentlichen, säkularen Raum (analog und digital; darauf sollte nicht erst in der zweiten Ausbildungsphase der Fokus gerichtet sein);
  • wirtschaftliche, personelle, organisatorische Führungskompetenzen.

Der Beruf des*der Pfarrer*in ist höchst anspruchsvoll – und durchaus attraktiv. Wir müssen aufhören, ihn kleinzureden bzw. durch ehrenamtlich Tätige ersetzbar zu machen. Vor allem gilt es, das Theologiestudium wie die zweite Ausbildungsphase kritisch zu überprüfen, ob sie diesen Kompetenzzielen dienen. Es ist meine feste Überzeugung: Ohne eine entschlossene Qualitätsinitiative im Blick auf den Nachwuchs, werden wir die Krise der Kirche nicht bewältigen können. Ohne qualifizierten Nachwuchs kein neues Wachstum!

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