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Jüdisch-christliche Tradition? – ein paar Gedanken zum Israelsonntag

Am 10. Sonntag nach Trinitatis (08. August 2021) begeht die evangelische Kirche den sog. Israelsonntag. Damit soll „an das enge Verhältnis von Christen und Juden“ erinnert werden. „Die Trauer über das Unrecht, das Juden im Laufe der Geschichte angetan wurde; die Schuld die Christen und die Kirche auf sich geladen haben und die Beziehungen zwischen Juden und Christen im Glauben an denselben Gott, aber auch das Bekenntnis zur bleibenden Erwählung Israels stehen an diesem Tag im Mittelpunkt der Gottesdienste.“ So ist es auf der Homepage der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) zu lesen Israelsonntag – EKD. Es ist zu hoffen, dass in diesem Sinn der Israelsonntag in vielen Kirchen begangen wird. Denn wir können nicht oft genug daran erinnern, dass es ohne Synagoge, ohne jüdisches Leben, keine Kirche geben kann. Wann immer dies in den vergangenen 2.000 Jahren vergessen wurde, führte das nicht nur zu einer Existenzbedrohung von Jüdinnen und Juden in Europa. Es kam auch zur inneren und äußeren Verwüstung der Kirchen, deren Folgen wir heute noch spüren.

Nun wird seit einigen Jahren statt vom „christlichen Abendland“ von der „jüdisch-christlichen Tradition bzw. Abendland“ geredet: Damit soll der besondere Wert der historischen Prägung mitteleuropäischen Lebens hervorgehoben werden. Dies geschieht vor allem durch konservative Politiker*innen. Horst Seehofer (CSU) behauptete wie auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) in ihrer Regierungserklärung 2018, dass „Deutschland kulturell und geschichtlich christlich-jüdisch geprägt“ sei – ohne auszuführen, was denn diese Prägung ausmacht (siehe https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/juedisch-christliche-tradition-in-deutschland-15521226.html). Unschwer ist zu erkennen, dass mit dieser Verbindung eine Frontlinie vor allem gegen den Islam aufgemacht werden soll. Das wird auch an einer Äußerung des sächsischen Ministerpräsidenten Michael Kretschmer deutlich. Er sagte bei der Christvesper vor der Dresdner Frauenkirche am 23. Dezember 2019: „Wir sind, das zeigt auch diese Vesper, zu einem guten Miteinander fähig. Mit den Christen, mit den gläubigen Bürgern, mit denen, die jüdischen Glaubens sind, auch mit den friedfertigen Muslimen.“ Ähnliches wiederholte er auch beim Empfang der Sternsinger am 4. Dezember 2020 in Dresden (siehe https://www.saechsische.de/spezialbehandlung-von-muslimen-durch-kretschmer-5158958.html). Das Strickmuster dieser „Argumentation“ ist so einfach wie fatal: Christen und Juden sind per se die Guten; im Islam sind es aber nur die „friedfertigen Muslime“. Bleibt die Frage: Und was ist mit denen, die – wie die meisten Menschen in Ostdeutschland – keiner Religionsgemeinschaft angehören? Was Kretschmer hier unter dem Label „christlich-jüdisch“ verbreitet, ist ein Dokument der Spaltung, also das Gegenteil von „Miteinander“. Er benutzt dazu nicht nur eine Verbindung, nämlich „christlich-jüdisch“, die es so nicht gibt. Er exkommuniziert noch schnell den Islam als solchen aus dem „guten Miteinander“ und lässt Atheisten gänzlich außen vor.

Was Kretschmer und mit ihm viele andere einfach übergehen: Weder Europa noch Deutschland können mit einer gewachsenen jüdisch-christlichen Tradition aufwarten. Im Gegenteil: Bis 1945 wurde alles getan, um das Leben von Jüdinnen und Juden, um jüdische Gemeinden, um Synagogen als Störfaktor gesellschaftlichen Lebens zu brandmarken und am Schluss zu vernichten. Schon auf dem Weg ins sog. Heilige Land zogen im Mittelalter die sich zu den Kreuzzügen formierenden Heerscharen marodierend und mordend durch die Städte Mitteleuropas, um dort die Judenviertel dem Erdboden gleichzumachen. Ganz im Sinn der Verhöhnung der Menschen jüdischen Glaubens durch die Skulptur einer „Judensau“ an Kirchen wie der Stadtkirche in Wittenberg hat auch der Reformator Martin Luther (1483-1546) nach 1525 die Juden pauschal mit gewaltgeschwängertem Hass überzogen. 1743 konnte der große Philosoph Moses Mendelssohn (1729-1786) als 14jähriger Junge Berlin nur durch das Viehtor betreten. Im Wachjournal wurde vermerkt: „Heute passieren das Tor 6 Ochsen, 7 Schweine, 1 Jude.“ (siehe Amos Elon, Zu einer anderen Zeit. Porträt der jüdisch-deutschen Epoche 1743-1933, München 2003, S. 10ff). Das sind nur einige der verheerenden Eckpfeiler der „jüdisch-christlichen Tradition“. An sie anknüpfen? Sich von ihr prägen lassen? Gott bewahre uns davor! Mit diesen Traditionen müssen wir brechen. Deswegen ist entscheidend, dass wir am Israelsonntag folgendes bedenken:

  • Es ist unsere Aufgabe als Kirche, uneigennützig und ohne jeden Hintergedanken jüdisches Leben zu fördern.
  • Es verbietet sich jede Form von Judenmission.
  • Der christliche Glaube wurzelt im Glauben Israels. Dieser ist aber nicht als Vorstufe des Christentums zu verstehen, dem das „Eigentliche“ folgt.
  • Wir haben den hebräischen Teil unserer Bibel aus sich heraus zu verstehen und damit ernst zu machen, dass Jesus kein „Jota“ an der Tora ändern wollte. Mit anderen Worten: Wir haben das Alte Testament nicht zu „christianisieren“, sondern die Verkündigung Jesu im Geist des Glaubens Israels zu lesen. In diesem Sinn können wir von jüdisch-christlicher Glaubenstradition sprechen.
  • Die zwingende Aufgabe nach dem Holocaust, die christliche Theologie einer gründlichen Revision zu unterziehen, ist eine bleibende Herausforderung. Ihr müssen sich alle stellen, die im Verkündigungsdienst der Kirchen stehen, also insbesondere die Pfarrer*innen.

So lade ich herzlich ein zum Gottesdienst am Israelsonntag, 08. August 2021, um 10.00 Uhr in der Nikolaikirche Leipzig.

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