Sie ist seit vielen Jahren Höhe- und Schlusspunkt des Leipziger Bachfestes: die Aufführung der h-Moll-Messe in der Thomaskirche Leipzig, der Wirkungsstätte von Johann Sebastian Bach (1685-1750, Thomaskantor 1723-1750). Großartige Chöre, Instrumentalensembles, Solisten und Dirigenten haben dieses geistliche Spätwerk von Bach zu Gehör gebracht und dabei vielen Menschen ungeahnte musikalische und religiöse Dimensionen des Werkes eröffnet.
Beim Bachfest 2027 soll die h-Moll-Messe von Sir John Eliot Gardiner dirigiert werden. Das ist aus guten Gründen höchst umstritten. Schon lange vor dem übergriffigen Vorfall gegenüber einer Mitarbeiterin des Bachfestes beim diesjährigen Bachfest in der Thomaskirche war es nicht nur mir völlig unverständlich, dass Gardiner und sein neues Ensemble „The Constellation Choir & Orchestra“ für das Abschlusskonzert 2027 eingeladen wurden. Dabei steht die musikalische Qualität der Musiker:innen außer Frage. Doch nachdem Gardiner im August 2023 nach einem Konzert in Paris den Tenor-Solisten geohrfeigt hatte, musste er die Zusammenarbeit mit dem von ihm gegründeten Monteverdi Choir beenden. Gardiner hat auch in seiner Zeit als Präsident des Bach-Archivs deutlich gezeigt, dass er null Interesse am Bachfest als solches hat. Ihm kam es einzig und allein darauf an, seine Auftritte bei den Bachfesten und vor allem im Gewandhaus abzusichern (längst aber hat das Gewandhaus die Zusammenarbeit mit Gardiner beendet). Sein Desinteresse am Bachfest demonstrierte er beim Eröffnungskonzert des Bachfestes 2017 in der Thomaskirche eindrucksvoll: Nach seinem Grußwort, in dem er vor allem beschrieb, was er demnächst im Gewandhaus dirigieren wird, verließ er die Thomaskirche mit der Bemerkung, er müsse jetzt zur Probe und außerdem kenne er die Stücke, die der Thomanerchor singen werde. Allein das, aber auch seine peinliche Selbstinszenierung als Musik-Gladiator vor der Aufführung der Matthäuspassion beim Bachfest 2016 in der Thomaskirche, hätte die Intendanz des Bachfestes davon abhalten müssen, ihn überhaupt zum Höhepunkt des Bachfestes 2027 einzuladen.
Nun aber kommt der Vorfall unmittelbar nach dem Konzert in der Thomaskirche am 16. Juni 2026 hinzu. Dabei ist völlig irrelevant, ob die eindeutige Übergriffigkeit von Gardiner gegenüber einer Mitarbeiterin des Bachfestes strafrechtliche Relevanz hat oder nicht. Zwei ganz andere Fragen stellen sich:
- Wie sieht es aus mit der Solidarität und Fürsorgepflicht der Verantwortlichen der Verantwortlichen des Bachfestes gegenüber den Mitarbeiter:innen im eigenen Haus? Wird diese im Zweifelsfall hintangestellt, wenn es darum geht, einen „Prominenten“ ans Dirigentenpult zu hieven, von dem man ausgeht, dass er noch immer viele Fans hat? Hier möchte ich gerne auf die Stellungnahme vom Landesverband Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen der Gewerkschaft ver.di verweisen.
- Wie sieht es aus mit der Glaubwürdigkeit, die bei der Aufführung eines großen geistlichen Werkes eine ebenso große Rolle spielt wie bei jeder Predigt auf der Kanzel? Das Wesen der geistlichen Musik Bachs ist, dass sie jeden Menschen vom Sockel holt. Wer Gott die Ehre gibt – und das ist Inhalt und Ziel der Musik Bachs – ebnet gleichzeitig alle Unterschiede zwischen uns Menschen ein.
Die erste Frage müssen die Verantwortlichen des Bachfestes beantworten. Die zweite Frage stellt sich an diejenigen, die in der Thomas- oder Nikolaikirche ein geistliches Werk aufführen und hören – und zwar völlig unabhängig davon, ob sie sich selbst als Christ:in verstehen, einer anderen oder gar keiner Religionsgemeinschaft angehören. Will das Bachfest seine besondere Stellung behalten, dann sollten die Verantwortlichen auch klare Signale gegenüber denen setzen, die rücksichtslos und fortdauernd ihre Person und egoistischen Interessen über alles stellen, was anderen heilig ist. Es geht also auch um die Selbstachtung und inhaltliche Ausrichtung des Bachfestes. Eines hat Gardiner auf jeden Fall zum Ausdruck gebracht: Ihm fehlt jeder innere Bezug zu der Musik, für deren Aufführung er sich seit Jahrzehnten feiern lässt. Musikalische Perfektion ist das eine. Doch Werke wie Bachs h-Moll-Messe, aufgeführt in der Kirche, erfordern auch ein spürbares Mindestmaß an inhaltlicher Auseinandersetzung und Übereinstimmung mit der Grundbotschaft durch die, die für die Aufführung verantwortlich zeichnen.
Ich kann nur hoffen, dass der Stiftungsrat des Bach-Archivs die aktuelle Entscheidungslage korrigiert. Noch besser wäre es, wenn Sir John Eliot Gardiner selbst erkennt, dass es unter den gegebenen Umständen besser ist, auf den Auftritt am 20. Juni 2027 in der Thomaskirche zu verzichten. Damit könnte er die Glaubwürdigkeit zurückgewinnen, die er nicht erst in diesem Jahr verloren hat.
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