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Friedenspläne? Oder: Wie Friedenspolitik zur brutalen Comedy verkommt

Immerhin: Der „Friedensplan“ für den Gaza, vom Präsidenten der USA Donald Trump entworfen, hat dazu geführt, dass dem maßlosen und völkerrechtswidrigen Töten und Zerstören im Gaza nach zwei Jahren Einhalt geboten werden konnten. Doch nach wie vor ist die Terrororganisation Hamas, verantwortlich für das Massaker an der Israelischen Bevölkerung am 7. Oktober 2023, weder entwaffnet noch entmachtet. Auch finden im Gaza, im Libanon, in Syrien ständig begrenzte militärische Auseinandersetzungen statt. Die im „Friedensplan“ aufgeführten Schritte vom Waffenstillstand zu einer Zwei-Staaten-Lösung harren ihrer Realisierung. Wer sich näher mit dem Trumpschen „Friedensplan“ beschäftigt, stellt schnell fest, dass es in diesem weniger um eine langfristige Befriedung der Region, um einen Plan für ein versöhntes Miteinander zwischen dem Staat Israel und einem souveränen Palästina, um eine neue Friedensordnung für den Nahen Osten geht. Vielmehr haben Donald Trump, seine Unterhändler, der Immoblien-Geschäftsfreund Steve Witkoff und Trumps Schwiegersohn Jared Kushner und auch der Netanjahu-Clan in Israel vor allem ihre persönlichen, wirtschaftlichen und politischen Überlebensinteressen im Blick. Darum sucht sich Donald Trump unter den Konfliktparteien diejenigen zum Partner aus, mit denen er ins Geschäft kommen kann. Dabei ist es ziemlich unerheblich, welche Rolle die Partner in dem Konflikt, den es zu befrieden gilt, spielen. Das sind im Nahen Osten vor allem die Führungseliten Saudi-Arabiens, der Vereinigten Arabischen Emirate, Katars und Ägyptens, die pikanterweise auch die militanten Gegner des Staates Israel militärisch ausrüsten. Mit diesen schließt Trump Geschäfte ab, lässt sich korrumpieren, um anschließend politische Deals auszuhandeln, an denen die eigentlichen Konfliktpartner/Kriegsgegner gar nicht beteiligt sind. Diese Deals werden dann zum „Friedensplan“ erklärt. Schon jetzt ist erkennbar, dass dies nicht zu einem belastbaren Friedensabkommen geschweige denn zu einem Versöhnungsprozess zwischen Israel und den Palästinensern führen kann. Stattdessen spielt sich Trump wie ein pubertierender Junge als „Peacemaker“ auf und lässt sich dafür von Regierungschefs aus aller Welt mit peinlichen Unterwerfungszeremonien feiern. Tatsächlich sind es Szenen einer moralischen Verkommenheit, die die Basis einer werteorientierten Politik zerbröseln lässt.

Nun ist vor einigen Tagen bekannt geworden, dass Trump einen weiteren „Friedensplan“ vorgelegt hat – diesmal, um den seit fast vier Jahre währenden Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine zu beenden, zumindest um einen Waffenstillstand zu bewirken – an sich ein mehr als begrüßenswertes Unterfangen! Nur: Auch dieser Plan hat nicht im Blick:

  • Wer ist Täter, wer ist Opfer?
  • Wie kann eine Friedensordnung hergestellt werden, in der die Freiheits- und Selbstbestimmungsrechte der Bürger:innen der Ukraine gewahrt, die Souveränität der Ukraine und das Völkerrecht geachtet werden?
  • Welche Rolle sollen moralische, ethische Kriterien spielen?

Stattdessen geht es in dem „Friedensplan“ in erster Linie um wirtschaftliche Vorteile für die USA, vor allem aber für den Trump-Clan. Auf diesem Hintergrund ist es mehr als nachvollziehbar, dass der „Friedensplan“ mehr oder weniger die Interessen des Putin-Russland, des Aggressors, berücksichtigt. Darum ist es auch keine Fauxpas, dass weder die Ukraine noch die europäischen Staaten an der Erstellung des Plans beteiligt waren. Es ist auch nicht überraschend, dass sich die 28 Punkte des „Friedensplans“ wie ein im Kreml vorformulierter Text lesen. Denn Trump will einen Deal mit dem Autokraten, der seinen eigenen absolutistisch-autoritär geprägten Phantasien über einen Staatenlenker entspricht: Wladimir Putin. Dieses eigentlich absurde Szenario hat noch einen weiteren Grund: Derzeit führt Trump eine militärisch angelegte Auseinandersetzung gegen mittel- und südamerikanische Staaten wie Venezuela und Kolumbien unter dem Vorwand, den Drogenschmuggel einzudämmen. Tatsächlich geht es darum, in der unmittelbaren Nachbarschaft der USA politische Systeme zu installieren, die seinen diktatorisch-autokratischen Vorstellungen entsprechen und die keine Gefahr für seine „Maga“-Ideologie darstellen. Trump hat auch seine Expansions- und Okkupationspläne im Blick auf Panama, Kanada und Grönland nicht aufgegeben. Letztlich wendet Trump – noch nicht in der Aggressivität wie Russland – in der unmittelbaren Nachbarschaft der USA die gleichen Strategien an wie Putin. Darum kann und will Trump das Vorgehen Russlands gegen die Ukraine nicht verdammen. Darum ist für ihn ein Präsident Wolodymyr Selenskyj ein unangenehmer Störfaktor.

Was wir derzeit erleben, ist also alles andere als Friedenspolitik. Vielmehr versuchen Donald Trump und Wladimir Putin im Verein eine „Friedensordnung“ aufzubauen, in der die europäischen Staaten keine Rolle mehr spielen bzw. vor vollendete Tatsache gestellt werden. Der Grund ist ein einfacher: Demokratie, Menschenwürde, Rechtsstaatlichkeit sollen in der internationalen Politik keine Rolle mehr spielen, weil Trump gegen sie im eigenen Land einen Zerstörungsfeldzug führt, den Putin in Russland schon längst gewonnen hat. Von daher gesehen ist es geradezu grotesk, was der derzeitige Generalsekretär der NATO, der Holländer Mark Rutte, in einem Interview geäußert hat (Leipziger Volkszeitung, 26.11.2025, S. 3):

Und Trump? Ich mag den Kerl. … Er tut genau das, was wir von ihm erwarten. … Er hat viel für die Ukraine getan, indem er Verhandlungen mit Putin aufgenommen hat. Er hat Fortschritte bei einer Friedenslösung im Gazastreifen erzielt, den Angriff auf die iranische Nuklearanlagen durchgeführt und sich um Lösungen von Konflikten zwischen Indien, Pakistan, Aserbeidschan, Armenien und anderen Ländern bemüht. Dafür verdient er volle Unterstützung … Wenn Trump als US-Präsident zum Telefon greift und Putin anruft, macht das wirklich einen Unterschied. Deshalb denke ich, wir können alle mit Trumps Präsidentschaft zufrieden sein.  … Wir sollen Trump dankbar sein.

Solange europäische Politiker:innen meinen, Trump mit solch infantilem Geschwätz einhegen zu können, werden alle tatsächlichen Friedensbemühungen zerrieben zwischen Trump-Amerika und Putin-Russland. Europäische Politik muss aber offensiv und klar anknüpfen an die unaufgebbaren Grundwerte, die nach 1945 in Europa Gesellschaften darin gestärkt haben, ihre Konflikte ohne kriegerische Gewalt zu lösen: Menschenwürde, Demokratie, Freiheitsrechte, soziale Gerechtigkeit. Es ist jedenfalls ein Spiel mit dem Feuer, wenn Politiker:innen meinen, ohne jeden moralischen Kompass regieren zu können. Am Ende steht eine diktatorische Gewaltpolitik nach innen und außen, die sich selbst zur Religion bzw. vorhandene Religion zur Staatsideologie verbiegt.

29 Antworten

  1. Eine wirklich langfristige Friedensstrategie hat der österreichische Friedensforscher Franz Jedlicka mit seinem „Peace Mainstreaming“ Konzept entwickelt. Es basiert auch auf Erkenntnissen der Friedenspsychologie und regt an, auch in jenen Ländern den „positiven Frieden“ zu fördern, die derzeit keine Kriege führen.

    Georg

    1. „Peace Mainstreaming, ein Begriff der vom Friedensforscher Franz Jedlicka geprägt wurde, ist eine langfristige Friedensstrategie, die innerhalb eines Landes stattfinden sollte, wenn die politische Kräfte in diesem Land bestrebt sind, das Land stabiler und friedlicher zu machen. Es ist jedoch keine Konfliktregelungsmethode zwischen zwei Ländern.“
      https://www.friedensforschung.com/2025/03/peace-mainstreaming.html

      Der Link zum Buch als pdf: https://franzjedlicka.wordpress.com/wp-content/uploads/2025/10/wie-kann-der-weltfrieden-erreicht-werden.pdf

  2. Lieber Herr Wolff,
    Ich kann mich über das Vorgehen Trumps und seine Schritte weniger aufregen und mich entrüsten, weil ich die Geschehen in der Welt wie folgt analysiere.

    Was gilt?
    • Völkerrecht gilt – aber nicht für Großmächte. Es wird selektiv angewendet und oft als politisches Instrument genutzt.
    • Großmächte handeln nach Interessen, nicht nach Recht. Sie setzen ihre Ziele durch – legal oder nicht.
    • Zwischen Großmächten gelten ungeschriebene Regeln, etwa keine Reparationen zu zahlen, übergeordnete Instanzen nicht immer zu achten Einflusszonen, zumindest auf militärisch -wirtschaftlichem Gebiet, zu beachten.
    • Strategische Logik dominiert: Gegner schwächen, Kooperationen nutzen, Vasallen binden und nutzen.
    • Moral ja, aber welche? Einzig richtig ist der Weg zum Frieden.
    Israel
    1. Historische Kontinuitäten: Betrachtet man die Forderungen der World Zionist Organization von 1918, ähnelt die heutige territoriale Lage stark diesen Vorstellungen. Israel bewegt sich Richtung „Groß-Israel“.
    2. Völkerrechtliche Konflikte: Israel verstößt wiederholt gegen UN-Beschlüsse – die Palästinenser ebenso, jedoch ohne den Status eines anerkannten Staates. Die Gräueltaten vom 7.10.2023 und die Rolle der Hamas sind unbestritten. Offene Fragen bleiben: Warum Israel dies jahrelang zuließ, Geldströme kontrollierte und Sicherheitsstrukturen versagten z.B. Auch die Lage im Westjordanland bleibt zentral, dto. Jerusalem.
    3. Geschichte Israels. Hier verweise ich auf
    https://www.youtube.com/live/z8wooQEYyzc
    4. Rolle der USA und Europas: Die heutige Situation wäre ohne jahrzehntelange politische, finanzielle und militärische Unterstützung Israels -nicht zuletzt durch die USA und auch uns – kaum denkbar. Der UN-Plan von 1947 wurde nie umgesetzt, der Start des Staates Israels erfolgte bereits in einem größeren Gebiet als zugewiesen. Die Grenzen blieben stets flexibel. Auch die arabische Welt trägt Verantwortung, war aber nicht dominant.
    5. Trump-Plan: Trumps „Friedensplan“ verschaffte Israel aus meiner Sicht vor allem Zeit. Die Weltgemeinschaft wird nicht in der Lage sein, die Hamas zu entwaffnen. Trump verschafft aber die Chance. Am Ende wird Israel wieder handeln müssen, so sehe ich das kommen. Trump entlastete Israel politisch. Steht aber stets hinter Israels Politik.

    Ukraine
    1. US-Strategie nach 1991: Ziel war die Neuordnung Europas unter Einbeziehung Russlands – formal über die NATO, ideell über Demokratisierung.
    2. Angst vor einem eurasischen Block: Die USA sahen die mögliche Kooperation Russland–Europa als Bedrohung. Die Wolfowitz-Doktrin zielte darauf, ein strategisches Zusammengehen Russlands und Deutschlands zu verhindern.
    3. Fehlende Integration Russlands: Russland bot im Laufe der Zeit genug Anlass zur Skepsis, doch der Westen unternahm keine ernsthaften Integrationsschritte nach dem Muster „Gegenleistung für Reform“. Bereits in der Zeit 2003-2007 begann der Ausgrenzungsprozess. Fairerweise muss man sagen, dass die USA mit ihren Wirtschaftsreformen zur Zeit Jelzins und Putins in Russland ein Chaos hinterlassen hatten und Russland dann im Stich ließen.
    4. Ukraine als strategisches Objekt: Die NATO-Annäherung der Ukraine und wirtschaftliche Abkopplung von Russland wurden bewusst vorangetrieben, trotz Warnungen vor einem Krieg. 2008 wurde in Bukarest die Aufnahme von Georgien und der Ukraine in die NATO beschlossen. 2021 schlossen die USA weitere Verträge, die Ukraine schrieb den NATO-Beitritt in die Verfassung, behandelte die Ukraine wie ein bereits aufgenommenes NATO-Mitglied. Man handelte formal korrekt, nahm aber einen Krieg in Kauf.
    Das haben auch die übrigen Länder gewusst und betrieben. Nur D und F haben bis zuletzt versucht das zu verhindern. Zum Schluss folgte man Biden blindlinks.
    5. Missachtung der Großmächte-Logik: In der Kubakrise akzeptierten beide Seiten Entfernung ihrer Waffen aus sensiblen Regionen. Einen solchen Ausgleich verweigerte man im Falle der Ukraine. Die USA würden nie dulden, dass Mexiko einem russischen Bündnis beiträte. Russland erwartete dasselbe Prinzip.
    6. Menschen als Verfügungsmasse: In geopolitischen Konflikten spielen menschliche Schicksale nur eine untergeordnete bis keine Rolle.
    7. Warum ich das sage: In diesem Zusammenhang empfehle ich die Bücher Georg Mascolo: Das Versagen und in Ergänzung dazu: Hans-Werner Sinn: Trump, Putin und die vereinigten Staaten von Europa. Ferner
    https://www.youtube.com/watch?v=wnnOQefj0Uc

    Trump im geopolitischen Kontext
    Für Trump und sein Umfeld ist klar: Die fortgesetzte Konfrontation mit Russland führt in einen direkten Konflikt – möglicherweise zu einem nuklearen Krieg oder Weltkrieg. Putin wird nicht nachgeben, weil dies eine Niederlage gegen die USA wäre, der als Hegemon ohnehin angegriffen ist. Und er hat selbst Rückhalt durch mächtige Partner. Russland sieht sich auch als Weltmacht und zusammen mit Freunden fordert man eine multipolare Welt und ist konkret gut positioniert und wehrhaft.
    Trump will nicht die Entscheidungsschlacht und zieht daher zurück, sucht einen Deal – möglichst ohne eigene Kosten. Das ist absolut nicht fair und wir können die Ukraine auch nicht fallen lassen. Dagen müssen wir uns aufbäumen und ggf. die Republikaner und Demokraten direkt ansprechen mit einem europäischen Brief.

    Europa stört dabei eher, weil es sich auf Völkerrecht und Selbstverteidigungsrecht beruft, aber keine Weltmacht mehr ist und auch nicht so denkt. Sie betrachtet das zusammen mit der Ukraine als lokales Problem, das nach Völkerrecht abzuhandeln ist und will die USA zur Erreichung des Ziels (EU und NATO-Mitgliedschaft) engagiert halten. Während Trump Geschäftsbeziehungen mit Russland ausbauen will, sogar über die gemeinsame Nutzung der kaputten Nordstream Pipeline nachdenkt, kappt Europa gerade jetzt weitere Wirtschaftsbeziehungen. Merkwürdig. Wir Europäer müssen umdenken, kreativ sein, wie Trump.
    Im Kern bewegt sich Trump in Kontinuität zur bisherigen US-Politik, nur offener und rücksichtsloser. Er versteckt geopolitische Interessen nicht hinter dem Völkerrecht, sondern macht dessen Ausnahmen zur Regel. Wie Hans-Werner Sinn schrieb: Er agiert wie ein „Mafia-Boss“, der seine Familie schützt (Israel) und Gegner zeitweise oder dauernd ausschaltet (Europa). Letzteres ist meine Interpretation.
    Es lohnt nicht zu klagen. Europa muss einen Weg finden, eigene Interessen zu definieren und sich zu schützen. Im Grunde kann das auf Sicht nur über ein großes Abrüstungsprogramm auf beiden Seiten erfolgen. Das war im 28 Punkte Plan ursprünglich wohl enthalten. Jetzt hört man nichts mehr davon. Ich fürchte, so wird ein Deal kaum gelingen. Auch wir müssen als Europäer andenken, die Beziehungen zu Russland zu normalisieren. Ob das die USA zulassen und wir uns konstruktiv einbringen? Das liegt an uns. Nochmals: Jammern hilft nicht.

    1. Nur so viel: Es geht nicht um „klagen“ und „jammern“. Es geht darum, die Vorgänge sehr nüchtern und klar zu erkennen. Genau dazu habe ich in meinem Blog-Beitrag einen Beitrag zu leisten versucht. Da verwundert es mich immer wieder, wie von vielen Seiten die offen faschistische Politik Trumps und Putins rationalisiert wird bzw. ihr – wie im Fall Rutte – auf infantile Art und Weise begegnet wird.

      1. Bitte erlauben Sie folgendes:
        1) Es geht hier hauptsächlich um Außenpolitik und Sicherheitspolitik. Ich verstehe nicht, warum die Politik von Putin und Trump nicht der üblichen Großmachtpolitik entspricht. Früher wurde eine solche Politik dort nicht als faschistisch bezeichnet. Wie sich das Verhalten in der Innenpolitik darstellt, ist eine ganz andere Frage. Ob der Begriff „faschistisch“ dort angebracht ist, wird kontrovers diskutiert. Wir haben uns bereits in einem anderen Blogbeitrag (Rutte et al.) mit der Frage auseinandergesetzt, wie man darauf reagieren soll.

        2) Mein Beitrag ist nicht als Gegenposition zu Ihrem Blog gedacht. Er ergänzt ihn vielmehr. Wenn Sie meine Ansicht im Großen und Ganzen teilen, sind Sie vor Überraschungen gefeit. Es tritt kein negativer Stress auf, er führt zur Selbstreflexion und kann hilfreich die Gegenposition zu finden und konstruktiv nach vorn zu blicken und entsprechend zu handeln

  3. Friedenspolitik, die zur brutalen Friedenscomedy verkommt, ist das Thema dieses Beitrages. Wo also bleibt Ihr Aufschrei, lieber Herr Wolff: Friede im Äußeren kann nur entstehen, wenn es auch Friede im Inneren gibt. Und da hören wir Töne von den Jungsozialisten, die sowohl im Stil – da sind ja zwei besonders Berufene zuständig – als auch inhaltlich wenig friedensfähig klingen, und leider von Bas verstärkt werden, die so langsam aus dem Ruder läuft. Also wenig Friede im Inneren, obwohl ja beide Regierungsparteien vergleichbare Probleme haben, was bei uns nur die Medien übersehen: Denn was der CDU ihre Jungen Abgeordneten in Sachen Rente sind, sind ja die Abweichler der SPD in Sachen Grundsicherung. Hinzu kommt dann die bei uns inzwischen „normale“ tägliche Gewalt gegen die Polizei – in Berlin sowieso und überall sonst im Wechsel, jetzt in Gießen: 50 verletzte Polizisten durch den sich in Demonstrationen versteckenden Pöbel, den die Veranstalter in Kauf nehmen, indem sie Verantwortung ablehnen. Wo bleibt Ihr Aufschrei? Denn nochmal: Wie soll Friede entstehen, wenn man ihn jeweils passend zur eigenen Meinung nur in Teilgebieten fordert?
    Verteidigung – ich darf daran erinnern – ist zunehmend eine Aufgabe, die sich kaum noch in „innen“ und „außen“ aufteilen lässt: Militärische Ziele im Hinterland des Feindes (logistische und kommunikative Knotenpunkte), die sich aber nicht durch „Front“ oder „Soldaten“ definieren lassen; die Ablösung des Panzers durch die Drohne als horizontale und vertikale Ausdehnung des Gefechtsgebietes; das Versagen der Gesellschaft(en) beim Aufbau von Abschreckung, durch die Unfähigkeit vieler Menschen, über ideologische Phrasen hinaus zu konkretem Handeln bereit zu sein; nicht zuletzt auch die Abschleifung der Sprache ins Vulgäre und Aggressive (siehe die Jusos und die „Neuen“ bei der AfD sowieso).
    „Es ist jedenfalls ein Spiel mit dem Feuer, wenn Politiker:innen meinen, ohne jeden moralischen Kompass regieren zu können“ – schreiben Sie, Herr Wolff. Haben Sie dabei nicht die Gesellschaft, die parteilichen Jugendorganisationen, die Öffentlichkeit vergessen? Wieder mal nur „die da oben“ und also das Wegschieben eigener Verantwortung!
    Also: Auch wenn der Hinweis „Thema“ jetzt unvermeidlich ist (aber vielleicht wird das ja das nächste Thema) – wo bleibt der Aufschrei angesichts täglicher Verletzung von Polizisten, die im Einsatz für uns alle unter kaum noch zumutbaren Umständen ihren Dienst leisten (ganz abgesehen von den Kosten für die Steuerzahler)?
    Andreas Schwerdtfeger

    1. Ich hatte einen sehr strengen Deutschlehrer. Der achtete auf Genauigkeit im Ausdruck, in der Argumentation und vor allem darauf, dass wir beim gestellten Thema bleiben. Da ärgert sich Herr Schwerdtfeger über den Juso-Kongress, was ihm unbenommen bleibt, und sucht nun krampfhaft nach einer Möglichkeit, seinen Ärger nach draußen zu posaunen. Da kommt ihm dieser Blog gerade recht. Aber das ändert nichts daran, dass es auch bei diesem Kommentar einem vorkommt „wie Wäscheaufhängen ohne Leine“ – was für ein treffliches Bild!

      1. Sie irren, lieber Herr Wolff: Ich ärgere mich nicht über die Jusos – ich halte ihre Sprache und ihren Stil für demokratieschädigend und wäre traurig und erstaunt, wenn Sie diese Ansicht nicht teilten. Und ich „posaune“ nichts nach außen, sondern beteilige mich mit Diskussionsbeiträgen an Ihrem Blog, was ja wohl dessen Zweck ist. Ihr ehemaliger Deutschlehrer in Ehren – ich bin überzeugt, er hätte mit seinen klaren Prinzipien zu Ausdruck und Argumentation erkannt, dass Friede nicht teilbar ist – dies mein o. a. Hinweis. Aber es ist eben offensichtlich leider so: Ihr Verlangen nach „Aufschrei“ scheint Heuchelei zu sein, wenn es sich nur auf Ihr politisches Feindbild bezieht. Nochmal: Wer sich zu Gewalt gegen Polizei nicht mit einem Aufschrei äußert – gar wie die Führung der LINKEn diese noch zu rechtfertigen sucht -, der beteiligt sich an der Zerstörung unserer Demokratie. In einem haben Sie Recht: Ihr Blog ist mir sehr Recht, weil ich dort (wie auch übrigens durchaus woanders) den demokratischen Diskurs auch dann führen kann, wenn er mir gegenüber von anderen verweigert wird.
        Andreas Schwerdtfeger

    2. „Bas … die so langsam aus dem Ruder läuft“
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      „Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger sagte nun, »ein Aufruf zum Kampf gegen Arbeitgeber ist in der Geschichte der Bundesrepublik beispiellos«. Wer Arbeitgeber bekämpfe, bekämpfe auch Wohlstand, Arbeitsplätze und soziale Sicherheit.“ © Spiegel.de https://ogy.de/zj09

      1. Wie verquer inzwischen die Diskussion geworden ist, sieht man vor allem an den Äußerungen aus dem Arbeitgeberlager. Geht es der Wirtschaft gut, dann ist das trotz der jeweiligen Regierung, geht es ihr schlecht, dann ist das wegen der Regierungspolitik. Selten aber übernehmen Unternehmer für das Verantwortung, was sie selbst bewirken. Dass es der Industrie in Deutschland in manchen Branchen derzeit sehr schlecht geht, liegt ja wohl auch daran, dass vor Jahren die falschen Weichenstellungen vorgenommen wurden – vor allem in der Autoindustrie. Aber das soll ebensowenig eine Rolle spielen wie die Tatsache, dass es in der Rentenpolitik weniger um eine Generationenauseinandersetzung geht, sondern vielmehr um den Gegensatz von reich und arm. Das sieht man allein schon daran, dass die Renten zu einem erheblichen steuerfinanziert sind und die Rentner:innen selbst zu den Steuerzahler:innen gehören. Wer jetzt die Renten kürzen bzw. privat absichern will, der schafft Altersarmut, die dem Staat noch teurer zu stehen kommt als die jetzigen Zuschüsse zur Rentenversicherung. Genau das hat Bärbel Bas überspitzt auf dem Juso-Kongress zum Ausdruck gebracht.

        1. Da spricht die Ideologie ohne Sachverstand und die pure Hetze. Es gibt in DEU über 90% mittelständische Unternehmen und Betriebe, in denen so ziemlich eine Einheit zwischen Arbeitgeber und – nehmer besteht. Unsinn also die ersten Sätze in Wolffs Phantasiewelt. Und selbstverständlich geht es in der Rentenfrage um Generationengerechtigkeit – abgesehen davon, dass die Insistenz der SPD auf einem derzeit überflüssigen Gesetz doch offensichtlich Wahlkampf und verzweifelte Existenzberechtigungssuche ist, was eben diese .Frage so fatal macht. Es lohnt kaum, dies inhaltlich auszuführen, weil es allzu allzu klar auf der Hand liegt. Wenn das die „theologischen Überlegungen“ sind, die bei Wolff angeblich „immer mitschwingen“, dann kann wohl die Kirche bald ganz zumachen.
          Andreas Schwerdtfeger

        2. Was für ein Twist! Jetzt will sich die Linke-Fraktion am Freitag bei der Abstimmung enthalten, so dass die Mehrheit der Koalition dann 44 Stimmen betrüge. Dies würde es mehr Unionsabgeordneten erlauben, gegen das Gesetz zu stimmen als jetzt bekannt ohne die Verabschiedung des Gesetzes zu gefährden. Was für ein vergiftetes Geschenk der Linken!

  4. Wie erfrischend und hoffnungsvoll, die jüngsten Beiträge der  Herren Knöpfel, Viertmann oder Wolf zu lesen. Sie sprechen mir aus der Seele, was die Bedeutung und Notwendigkeit dieses Blogs betrifft!

    2026 besteht die reale Gefahr,  dass eine rechtsextreme Partei Regierungsverantwortung in einem deutschen Bundesland übernimmt!
    Wir aber diskutieren,  ob BK Merz in Saarbrücken die bessere Rede zum Tag der dt. Einheit hielt, oder Christian Wolff in Frankfurt…
    Was, wenn nach Frau Meloni in Italien  Herr Bardella in Frankreich an die Macht kommt, Keir Starmer scheitert und Nigel Farage übernimmt?
    Wer traut Herrn Merz zu, in einem solchen Szenario Verantwortung/Führung zu übernehmen?  Er attestiert sich ja  selbst ein Glaubwürdigkeitsproblem, geriert sich oft genug als Kanzler-Praktikant (Stadtbild, Verhöhnung Belems/Brasiliens).

    Selbstverständlich bleibe ich Optimist, sehe mich als Bürger  eines lebens- und liebenswerten Landes; aber wir alle müssen mehr denn je darum ringen, dass das so bleibt!
    Es genügt nicht,  einen korrupten Psychopathen bei Laune zu halten, immer mal wieder kernige Sprüche rauszuhauen; Politik, gerade in so komplexen Zeiten, ist das Bohren dicker Bretter: Bekämpfung des Klimawandels, Aufbau eines gerechten Sozialstaates, Reform des Bildungswesens, Transformation unseres bisherigen Wirtschaftsmodells, europäische Einigung voran bringen.
    Politik ist zumindest für mich NICHT: Übernehmen der Themen der unsäglichen AfD (Migration), Schleifen der Brandmauer, Verächtlich machen der demokratischen Mitte (schlechteste Regierung aller Zeiten, Werte- und Meinungsdiktatur, Zwangsgebühren für ÖRR).

    Christian Wolff setzt hier richtige Akzente, auch wenn er dafür häufiger diffamiert wird.
    Ich denke, dass man bei aller Solidarität mit Israel Netanjahu durchaus Kriegsverbrechen vorwerfen kann, die Zwei-Staaten-Lösung unabdingbar ist, die aggressive Siedlungspolitik beendet werden muss,
    dass der jetzt diskutierte „Friedensplan“ für die Ukraine diesen Namen nicht verdient,  die Ukraine  (und auch Europa) selbstverständlich mit an den Verhandlungstisch gehören, weder Putin noch Trump und/oder deren Vasallen als Verhandlungspartner wirklich zielführend für einen stabilen Frieden sind.
    Vielmehr sollten wir uns dringend in Deutschland und auch in Europa  JETZT  Gedanken darüber machen, wie wir einen möglichen Waffenstillstand in der Ukraine absichern, dem Land beim Wiederaufbau und der Integration in die EU helfen können.

  5. Lieber Herr Wolff
    Es ergeht mir wie Herrn Johannes Wolf: ich warte immer auf Ihre Blog-Beiträge und bin froh, dass Sie Ihre Stimme unermüdlich hören lassen. In der Schweiz geboren und lebend, leben unsere beiden erwachsenen Kinder in Köln und Berlin und ich verfolge die aktuellen Geschehnisse weltweit, in Europa, speziell aber in Deutschland und der Schweiz mit Besorgnis. Für die Schweiz schäme ich mich, dass sie sich auf so fragwürdige „Deals“ herablässt (ach, wie schlimm ist doch allein dieses Wort durch den Missbrauch Trumps geworden, aber er hat halt nur einen sehr beschränkten Wortschatz und sein Leben besteht offensichtlich nur aus Deals), und nicht gerade jetzt beweist, dass man neutral und unabhängig bleiben könnte, dafür aber halt auch Opfer in Kauf nehmen müsste und nicht nur an den eigenen Vorteil denken darf.
    Als regelmässiger Bachfest Teilnehmer seit 2010, hat mich schon damals Ihre Stimme in der Thomaskirche aufhorchen lassen, endlich hörte ich in der Kirche einmal Predigten, die mir für den Alltag etwas brachten. Ich bin froh, dass Sie „als Prediger in der Wüste“ auch heute noch Gottesdienste halten und darüber hinaus, mit Ihren Blog-Beiträgen über die Kirchenmauern hinweg aufzeigen, dass ein friedliches Miteinander aller Menschen denkbar ist. Lassen Sie sich durch mancherlei Gegenstimmen nie davon abhalten, Ihre Botschaft hören zu lassen, sie ist wertvoll und anregend und da die Kirchen laufend leerer werden, dürften Ihre „Blog-Predigten“ je länger je wichtiger werden und einen grösseren Kreis erreichen, als es bei einem Gottesdienst der Fall ist.

  6. Mir wird immer klarer, auf was ich zu achten habe, um was ich mich täglich und nächtlich zu kümmern und was ich zu beschützen habe in meiner Seele in dieser immer spürbar aufgeheizteren Atmosphäre politischer rechthaberischen Auseinandersetzungen. Innere Resignation und Selbstisolierung ist dann eine häufige menschliche Folge.Die Angst wächst in mir, die Sorge, uns nicht mehr engagiert und miteinander um Befriedung zu kümmern, eher um Rechthaberei, Herunter- und Lächerlichmachung des Gegenübers , wie das auch in diesem Blog , z. T. Manchmal unverschämt passieren kann. Recht ist nicht zu ‚haben‘ ,nur annähernd mühsam und vorläufig zu erringen, immer wieder neu ,Tag für Tag, Nacht um Nacht… und uns darüber stetig auszutauschen. Denn das ist so gefährlich an Trumps/ Putins unverschämter Willkür, die uns vor Angst klein beigeben lassen kann, zu Selbstisolation führen kann ,sodass wir innerlich ohnmächtig , gleichgültig resignieren könnten. „Sein oder Haben?“ Wer erinnert sich an diese auf- und anrührende Veröffentlichung von Erich Fromm in den 60.er Jahren. Wir müssen uns entscheiden, jeder von uns. Zum“ Sein“ und „miteinander Sein“ gehört viel Mühe , Mut , Ehrlichkeit, auch mit meinen Schatten, ohne Versprechen auf Erfolge und Anerkennung und das Aushalten von Ungewissheit gehört dazu und einseitigen, cliché- haften Beschuldigungen von sich aufblasenden scheinbaren Besserwissern und sich darüber besonnen zu verständigen . Hier wird für mich auch das Anrufen von Gott wichtig . Gott kann kein Besserwisser sein . Er legt die Verantwortung in mich , in meine Selbstverantwortung und Aufgabe. Sehr schwer und mühsam dieser Prozess, wie friedlich miteinander leben und uns beschreibend ( was in jedem von uns vorgeht, was uns motiviert )austauschen immer mühselig und ungewiss bleibt. Alle Diktatoren machen sich wichtig, spielen und rechnen mit unserer Angst und Verzagtheit. ..und der Scham darüber, die uns sprachlos macht. Hören wir aber auf unser Innerstes, haben Tyrannen kaum mehr Macht über uns. .. und wir können uns offener und ehrlicher über unsere persönlichen Peinlichkeiten und Ungereimtheiten verständigen..

  7. Lieber Christian, Du hast vollkommen Recht. Abgesehen von Trump, Putin, der Hamas im Ausland machen mir in Deutschland natürlich die AfD und schwächer das BSW Sorgen. Etwas anderes treibt mir aber noch mehr um. Das ist der täglich zu beobachtende Glauben an die absurdesten Auffassungen. Etwa, dass man in Deutschland nicht seine Meinung sagen dürfe oder dass die Bundesrepublik gar nicht existiert – sondern das Kaiserreich. Und es gibt zu wenig Menschen, die für Freiheit und Demokratie zu kämpfen bereit sind. Von Stolz auf unsere Revolution von 1989 ist nichts zu spüren. Und diejenigen, die diesen Revolutionsstolz noch in sich tragen und ihn weitergeben werden immer weniger. Ständig kommen Todesnachrichten und solche über schwere Krankheiten. Wir haben es kaum geschafft, junge Menschen zu gewinnen. Das wird langfristig zu einem der wichtigsten Probleme unserer Demokratie werden.

    1. Lieber Herr Prof. Dr. Eckert,

      „Wir haben es kaum geschafft, junge Menschen zu gewinnen.“ – Ich habe schon damit begonnen, vor 12 Jahren, und ich kann mich über Jugendliche nicht beklagen. Nur: Die Alterspyramide steht Kopf. Sie schätzen den Revolutionsstolz der „alten Säcke“ und benötigen ihre Hilfe.

  8. Ich höre regelmäßig den Podcast „Augstein und Blome“ mit Jakob Augstein, Eigentümer, Geschäftsführer, Verleger und ehemaliger Chefredakteur der Wochenzeitung „Der Freitag“ und Nikolaus Blome, Ressortleiter Politik und Gesellschaft in der Zentralredaktion der Mediengruppe RTL Deutschland sowie Online-Kolumnist beim Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“. Dabei ist die Rollenverteilung dergestalt, dass Augstein den linken Part spielt und Blome den konservativen. In der neuesten Folge unterhalten sie sich u. a. über Trumps Aktionen im Krieg gegen die Ukraine. Dabei redet Augstein nur dummes Zeug, kritisiert z. B., dass der „Spiegel“ – ebenso wie Sie, Herr Wolff, Trumps Friedensplan in Parantese setzt. ab Minute 4 https://plus.rtl.de/podcast/augstein-blome-ap52kt5apndfv
    Ihre Bemerkungen, lieber Herr Wolff, kann ich ohne Einschränkungen unterschreiben.

  9. Ja und? Was also tun?
    Wieder beschreiben Sie die Lage – und diesmal in für Sie ja geradezu mildem Ton und anständiger Sprache, was zu begrüßen ist –, vermeiden aber leider auch nur ansatzweise eine Zukunftsstrategie anzudeuten.
    Was Israel angeht, ist diese Zukunftsstrategie relativ leicht andeutbar, wenn auch schwer umzusetzen: Es muss eine andere als die Zweistaatenlösung her – jedenfalls im Raum zwischen dem, Golan und Jordan und der Küste –, denn diese ist nicht mehr realistisch.
    Und was die Ukraine angeht, so stimme ich zu, dass der Trump-Plan jegliche Kritik verdient, die geäußert wurde und wird. Was nun Rütte angeht, so halte ich zwar auch nicht allzuviel von ihm, aber er erkennt, was Wolff nicht erkennt, dass nämlich eine Beschimpfung Trumps auch nicht viel zu Lösungen beiträgt, solange Europa die Macht nicht im Ansatz hat, Putin zu beeindrucken.
    Welche Möglichkeiten gäbe es, um Putin – ganz unabhängig von Trumps Einstellung – zu einem Waffenstillstand/Frieden zu bewegen, nachdem die westliche „Strategie“ bisher die war, Putin zu beschimpfen und politisch und juristisch auszugrenzen, ihn wirtschaftlich zum eigenen Nachteil des Westens zu niederzumachen, ihn in die Arme der anderen Diktaturen dieser Welt (China, Nordkorea, Iran) zu treiben und gleichzeitig den Krieg in der Ukraine durch unzureichende militärische Unterstützung zu ernähren?
    Es gibt folgende strategische Möglichkeiten:
    – Den Krieg militärisch beenden. Dazu müsste deutlich mehr getan werden. Vorteil dieser Strategie wäre, dass Putin die Ukraine räumen müsste. Die Nachteile liegen auf der Hand und bestimmen wohl die westliche Risikoeinschätzung: Konkrete Einmischung Chinas möglich (einschl Zwei-Frontenlage, falls China um Taiwan oder im südchinesischen Meer eskaliert), wirtschaftlich sehr hohe Kosten, Eskalation des Konflikts in Europa mit unsicheren Folgen, europäische Uneinigkeit und innerhalb der EU-Länder gesellschaftliche und gewalttätige Konflikte, „Risiko Trump“ ohne den es andererseits nicht ginge. Dies alles sind Unwägbarkeiten, die die EU nicht eingehen wird, auch wenn die Geschichte zeigt, dass Demokratien bei starkem Willen und großer Einigkeit den längeren Atem haben. Die militärische Lösung ist also ausgeschlossen.
    – Den Krieg diplomatisch, also politisch beenden. Dazu ist es erforderlich anzuerkennen, dass man mit dem Gegner reden muss. Dies wiederum bedeutet, soll es auch nur begonnen werden, dass man dafür Voraussetzungen schafft, die die gegnerische Verhandlungsbereitschaft unter den jetzigen, für den Gegner vorteilhaften Bedingungen herstellen.
    Merz sagte in der letzten Woche mehrfach, Putin müsse an den Verhandlungstisch gebracht werden. Er unterstellt, so scheint mir, im Einklang mit der Mehrheitsmeinung in NATO und EU, dass dies mit „mehr Druck“ erreicht werden kann (Sanktionen, weitere Unterstützung der UKR „as long as it takes“, etc). Aber diese Hoffnung, ist wohl dünn, denn Putin hat global längst viel zu viel Unterstützung oder gar Sympathie und die westliche Moralbelehrung unter der Überschrift „Werte“ ist längst zur Belastung für den Westen geworden. Hinzu kommt, dass das westliche „System“ mit geradezu schwatzhafter (und ebenso kenntnisloser) Dauerkommentierung in Medien und in der Gesellschaft zur Erosion der Unterstützungsbereitschaft und zur Sehnsucht, in Ruhe gelassen zu werden, führt (der „Afghanistan-Effekt“). Putin weiß, dass er gut unterstützt ist und dass die EU jedenfalls gesellschaftlich „nicht kriegstüchtig“ ist (mit einem deutlichen Gefälle von Ost nach West und mit DEU an der Spitze), und er weiß auch dass Zeit und Umstände ihn also begünstigen.
    Es war ein schwerer strategischer Fehler des Westens, aus moralischer Überlegenheit Putin in die Arme seiner jetzt unverbrüchlichen und ebenso diktatorischen Freunde zu treiben. Diese Strategie hat ihn über die Jahre in seine heutige starke Position gebracht. Sein Interesse an Frieden ist jetzt gering; unseres wird er sich bezahlen lassen und auch bezahlen lassen können. Und das – leider – tut Trump, aber mangels Alternativen. Europa könnte es nur verhindern, wenn es selbst dazu die Mittel hätte.
    Was also tun? Ich glaube nicht, dass es hilft – wie Merz das formuliert – „Putin an den Verhandlungstisch zu bringen“, wenn man ihn gleichzeitig mit juristischer Verfolgung bedroht, wenn man seinen Maximalforderungen (die er leider durchsetzen kann) mit eigenen Maximalforderungen begegnet (die man nicht durchsetzen kann), wenn man ihn verbal ständig beschimpft und damit gegen sich aufbringt und wenn man ihm von ihm nicht anerkannte Werte als Voraussetzung für Verhandlungen abfordert. Man wird ihm wohl was anbieten müssen.
    NATO und EU sollten über humanitäre Einigungen hinaus (Gefangenenaustausch, Gefallenenrückgabe, etc)
    – den politisch unsinnigen Haftbefehl gegen Putin aussetzen (Stichwort „Verhandlungstisch“)(= westliche Konzession);
    – einen dauerhaften Waffenstillstand auf der jetzigen Frontlinie fordern (= russische Konzession);
    – einen gemeinsamen Wiederaufbau der Ukraine mit verteilten wirtschaftlichen Vorteilen und spätere wirtschaftliche Zusammenarbeit in Aussicht stellen;
    – RUS wieder die Teilnahme an G7 und schrittweise Aufhebung der Sanktionen anbieten.
    – Darüber hinaus wäre langfristig das Angebot sicherheitspolitischer vertrauensbildender Maßnahmen und von Rüstungskontrollvorschlägen möglichst unter Einbeziehung Chinas sinnvoll, in das dann auch die UKR einbezogen wäre.
    – Und die NATO, so wichtig sie ist und bleibt, täte gut daran, auf weitere formale Ausdehnung zu verzichten.
    Einige werden jetzt sagen, dies sei die Kapitulation. Ich erinnere daran, dass es in Wirklichkeit die Wiederherstellung des Status Quo Ante ist, denn bei allem diesem waren wir schon mal.
    Andreas Schwerdtfeger

    1. Ihre Analyse ist unbestreitbar, ausgenommen die Verneinung der Zweistaatenlösung, denn das bedeutet entweder Aufgabe des Judenstaates oder Befürwortung eines Apartheid-Staates, gekennzeichnet durch Rechtlosigkeit der nichtjüdischen Bevölkerung – das eine ist nicht gewollt, das andere kann nicht gewollt sein von Demokraten.

      Ihre Antworten auf die zu Recht aufgeworfene Frage „Was also tun? – die zweite Spiegelstrichgruppe – sind nicht falsch. Aber sind sie umstürzend neu und erfolgversprechender in Bezug auf die Bereitschaft Putins zu verhandeln als die bisherigen Appelle? Zu wenig bedenken Sie die Intention Putins, die ganze Ukraine zu unterwerfen. Auch wenn man die ihm abkauft mit Überlassung von Donezk und Luhansk, braucht es glaubwürdige Garantien für den Bestand der Rest-Ukraine – Ihre Vorschläge?

      Ich stimme Ihnen darin zu, dass Putin global zu viel Unterstützung oder Sympathie genießt, und dabei die westliche Moralbelehrung unter der Überschrift „Werte“ eine Belastung darstellt. Indes kommt die Belastung daher, dass der Westen mit der unterschiedlichen Bewertung der Untaten Russlands und der Israels eine Unglaubwürdigkeit an den Tag legt, die ihn weit entfernt von den im Eingangs-Beitrag genannten unaufgebbaren Grundwerten: Menschenwürde, Demokratie, Freiheitsrechte, soziale Gerechtigkeit. Israel wird dann groß belobigt als „einzige Demokratie“ im Nahen Osten, als ob das den israelischen Terror einen Deut besser machte als den russischen.

      1. Ich freue mich sehr über diesen sachlichen Beitrag.
        Was Israel angeht, sind Hoellger und ich unterschiedlicher Meinung, was legitim ist – solange die Diskussion nicht mit „Totschlagvokabeln“ (wie zB „Apartheid“, denn dieser trifft ja, wenn überhaupt, BEIDE Seiten) geführt wird. Und ich verstehe ja, dass mein Misstrauen vor der Zwei-Staaten-Lösung mangels Alternativen nicht gerne geteilt wird. Aber es ist eben so, dass nach meiner Überzeugung die Realität diese Lösung überholt hat. Und solange man an diesem Ansatz festhält und also alle weiteren Überlegungen ablehnt, solange wird sich wohl nicht viel ändern. Insofern: Gäbe es auch andere Lösungsvorschläge – zugegeben sehr schwierig –, dann würde dies, glaube ich, Entspannung bringen können und dies auch dann, wenn sie zu Ungunsten EINER Seite sind.
        Und Ukraine? Ich behaupte nicht, immer originell zu sein und „Neues“ vorzuschlagen. Ich versuche, aus meiner Sicht die Realität darzustellen, und dann daran orientiert einen Versuch zur Weiterentwicklung der Lage im Hinblick auf bestimmte Ziele (die man vorher klar formulieren können muss) – Friede, Sicherheit, wirtschaftlichen Einsatz von Mittel bezüglich dieser Ziele – zu machen. Und auch wenn ich Ihr Beispiel für untauglich halte, so stimme ich zu, dass die Politik des Westens häufig eher deklamatorisch ist als zielorientiert – dies insbesondere, weil es eine weitgehend anerkannte Schwäche der EU und insbesondere Deutschlands ist, Ziele überhaupt in strategischer Dimension überzeugend – und das heißt auch, politisch erreichbar – zu formulieren und Wege zu diesen Zielen aufzuzeigen.
        Sicherheitsgarantien? Ich glaube nicht, dass diese vorrangig militärisch sein sollten und sein können (schon gar nicht ohne NATO-Mitgliedschaft, die ich auch ablehne). Nur die UN könnte dies leisten (aber da sind RUS und CHN Veto-Mächte). Der Westen ist bei militärischen Garantien „unsicherer Kandidat“, eben weil seine Gesellschaften keine Abschreckung produzieren (Stichwort Kriegstauglichkeit). Die geforderten Garantien sind nach meiner Auffassung NUR über „gesamteuropäische“, dh von Lissabon bis Vladivostok geltende wirtschaftliche Zusammenarbeit (Freihandelszone?) und natürlich über aller Formen der Rüstungskontrolle erreichbar.
        Wolff schrieb jetzt mehrfach, warum er den Blog betreibt und anbietet. Das respektiere ich. Aber dennoch glaube ich, dass man sich nicht darin erschöpfen sollte, die Lage zu beklagen und schön formulierte Allgemeinheiten als Folge zu fordern, sondern dass es auch Aufgabe sein muss, Gemeinsamkeit bei der Lösung KONKRET zu fördern.
        Und lassen Sie mich noch eines feststellen: Es fällt auf, dass immer mehr sogenannte Prominente (zB Böhmermann, aber auch Politiker) uns mitteilen, dass im Falle eines AfD-Wahlsieges sie das Land verlassen würden. Welch‘ ein Heroismus – jetzt die Freiheiten, die unser Staat seinen Bürgern bietet, bei gleichzeitigem Beitrag zur Erosion derselben in Anspruch zu nehmen, und dann, wenn’s schwierig wird, die eigene Haut zu retten.
        Andreas Schwerdtfeger

    2. NATO und EU sollten über humanitäre Einigungen hinaus (Gefangenenaustausch, Gefallenenrückgabe, etc)
      – den politisch unsinnigen Haftbefehl gegen Putin aussetzen
      ___________________________________________________________________________________________
      Noch nie was von unabhängiger Gerichtsbarkeit gehört? Aber das Vorbild des Herrn Merz (da noch nicht Kanzler) , der Netanjahu freies Geleit in Deutschland zugesichert hat, wirkt.

      „Christoph Safferling ist Professor für Internationales Strafrecht und Völkerrecht an der Friedrich-Alexander-Universität in Erlangen. Schon die Ankündigung von Merz führt bei ihm und vielen anderen Völkerrechtlern zu großem Unverständnis: „Schon mit dieser Aussage provoziert er den Internationalen Strafgerichtshof. Wenn er das wirklich macht, dann können wir beim IStGH das Licht ausmachen“, so Safferling.“
      © Tagesschau https://ogy.de/dj98

      1. Schon mal was von Gewaltenteilung gehört? Es ist nicht Aufgabe der Justiz, in politisch hochkomplizierten Lagen der Politik Spielräume zu nehmen, die dringend gebraucht werden, um den Menschen Frieden zu schaffen – und dies um abstrakter Prinzipien willen. Und richtig komisch wirds, wenn man eine abweichende Meinung als „Provokation“ des Gerichtshofes ansieht. Die juristische Freiheit wird nicht angegriffen, wenn man einzelne Urteile, die von anderen Gerichten häufig genug völlig anders entschieden werden, kritisiert. Der IStGH hätte in Sachen Putin genau so auch zu einem völlig anderem rechtskonformen Urteil kommen können. Zum Glück könnte das Vorbild Merz wirken, wie es ja richtigerweise nicht nur Ungarn, sondern auch die Schweiz vorgemacht haben, die im Falle eines Treffens Putin-Trump jeweils Konferenzorte anbieten.
        Politik ist Praxis; Diplomatie ist ein Prozess über viele Stufen (die teilweise auch unbefriedigend sind). Da nützt es eben nichts, so schöne Sätze zu schreiben wie unser Anstandspapst: „Politik, gerade in so komplexen Zeiten, ist das Bohren dicker Bretter: Bekämpfung des Klimawandels, Aufbau eines gerechten Sozialstaates, Reform des Bildungswesens, Transformation unseres bisherigen Wirtschaftsmodells, europäische Einigung voran bringen“ – er hat hiermit zwar Recht, aber was ist das alles über Schlagworte hinaus, die er nicht mit Konkretem füllen kann und auch wohl nicht will, denn dann müsste er sich der Diskussion stellen.
        Andreas Schwerdtfeger

    3. Herr Schwertfeger, vielen Dank für Ihren Sechs-Punkte-Plan. Haben Sie schon mal von der „Großen Sozialistischen Oktoberrevolution“ gehört?

  10. Die Entwicklung lässt keine Zweifel aufkommen. Die Oligarchen mit Hintermännern aus den Finanz- und Technologieeliten haben mit den Despoten und Diktatoren ihre kongruenten Interessen.
    Sie versuchen jetzt die Initiative zu ergreifen. Und gehen dabei über Leichen.
    Die demokratischen Kräfte sollten nicht sich dem Trugschluss hingeben, dass es schon genügen könnte, sich mit dem Stimmzettel an der Wahlurne zu wehren. Pistorius meinte, dass wir „kriegstüchtig“ werden müssten. Vielleicht haben wir in der EU noch genug Zeit für die Vorbereitung von Maßnahmen zur Abschreckung. Vielleicht implodieren ja auch die Oligarchien und Diktaturen. Wir müssen jedenfalls heute „mit allem rechnen“, auch mit dem „Ende des liberalen Westens“ … und Widerstand leisten zu müssen!

  11. Lieber Herr Wolff,
    ich warte immer schon auf Ihren neuen Blog, da er mir meist aus der Seele spricht. In Zeiten der propagierten Kriegstüchtigkeit, der fallenden Brandmauern und der zunehmenden Akzeptanz der Friedensrhetorik von Trump und Co. freue ich mich, wenn ausgesprochen wird, was ich meist selbst auch denke, wobei ich mich zunehmend einsam fühle mit meinen Überlegungen und Meinungen. Selbst im eigenen Umfeld stoße ich oft auf Unverständnis
    Johannes Wolf (Vater von Samuel und Jeremias Thomaner 1995 bis 2005)

    1. Lieber Herr Wolf, vielen Dank für Ihre Anmerkungen. Sie formulieren einen gewichtigen Grund, warum ich meinen Blog betreibe: Ich möchte u.a. das in Worte fassen und in den gesellschaftliche Diskurs einbringen, was etliche Menschen denken und empfinden, aber selbst aus Zeit- und anderen Gründen nicht so formulieren können. Das verstehe ich unter „Meinung bilden – Gedanken klären“. Natürlich erinnere ich mich gut an Sie und Ihre beiden Söhne Samuel und Jeremias. Bitte bestellen Sie diesen beste Grüße, Ihr Christian Wolff

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