Widerstand

Er ist der zentrale Begriff für diesen Tag: Vor 75 Jahren versuchten Angehörige der Wehrmacht, den Adolf Hitler auszuschalten und dadurch das nationalsozialistische Terrorregime zu beenden. Dieser Versuch scheiterte. Hitler und die Nationalsozialisten verschärften nach dem 20. Juli 1944 den Terror nach innen und außen und setzten den Holocaust in einer ins Unermessliche gesteigerten Grausamkeit fort. Das Besondere am Widerstand der Generäle und vieler Persönlichkeiten aus dem zivilen Bereich wie der ehemalige Leipziger Oberbürgermeister Carl Goerdeler war, dass nicht wenige von ihnen zunächst Befürworter des Nationalsozialismus waren. Allerdings sahen sie mit Erschrecken, dass der von der SA und SS ausgeübte Terror den deutschen Staat zu einer „Diktatur des Bösen“ (Flugblatt der „Weißen Rose“) hat verkommen lassen.

Natürlich waren die Männer und Frauen des 20. Juli 1944 nicht die einzigen, die Widerstand gegen Hitler leisteten. Namen wie Dietrich Bonhoeffer, Georg Elser, Paul Schneider, Hans und Sophie Scholl, Christoph Probst, Julius Leber, Helmuth James Graf von Moltke müssen genannt und viele namenlose mutige Sozialdemokraten, Kommunisten, Christen auch heute noch aus der Vergessenheit geholt werden. Ihr Widerstand speiste sich nicht nur aus den jeweiligen weltanschaulichen Überzeugungen. Sie erkannten – manche von Anfang an, dass der Nationalsozialismus nichts anderes als ein organisiertes Verbrechen war. Er kehrte ideologisch alle Grundwerte ins Gegenteil. Widerstand gegen das Nazi-Regime bedeutete: der Umwertung der Werte zu widerstehen, dem Rassismus und Antisemitismus abzusagen, die Demokratie neu zu entdecken, soziale Gerechtigkeit als Grundvoraussetzung für innergesellschaftlichen Frieden zu gestalten. Die Vorstellungen derer, die damals Widerstand leisteten, gingen weit auseinander. Aber einig war man sich darin, die „gottlosen, schamlosen und gewissenlosen Ausbeuter und Mordbuben“ (Flugblatt der „Weißen Rose“) der Nationalsozialisten zu entmachten, um den militanten Rassenhass, die Kriegsverbrechen, die Euthanasie, den Holocaust zu beenden. Der Widerstand sollte der (Wieder-)Herstellung einer der Menschenwürde verpflichteten Gesellschaftsordnung dienen. Unabhängig davon, was die Männer und Frauen im einzelnen für Vorstellungen von der Zukunft Deutschlands hatten, und unabhängig davon, in welcher Weise sie zunächst den Nationalsozialismus befördert hatten – ihr mutiges Eintreten für  „Freiheit und Ehre“ (Flugblatt der „Weißen Rose“) kann nicht hoch genug geachtet und gewürdigt werden.

Gerade deshalb muss aber ihr Widerstand sehr klar und deutlich abgegrenzt und geschützt werden gegen das Treiben derer, die heute auf den Versammlungen der Rechtsnationalisten von Pegida/AfD „Widerstand“ skandieren. Denn sie wollen die Errungenschaften, die im Geiste der Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus nach dem 2. Weltkrieg sich im Grundgesetz des Bundesrepublik, der Verfassung des 1990 vereinten Deutschlands, niedergeschlagen haben und die bis heute unsere gesellschaftliche Wirklichkeit bestimmen, abschaffen. Ihr „Widerstand“ bedeutet: Rassismus, völkischer Nationalismus, Verachtung der Demokratie, Verharmlosung des nationalsozialistischen Terrors, Anknüpfen an die Ideologie der NSDAP. Sie wollen den innergesellschaftlichen Frieden zerstören, indem sie nicht einen Regierungswechsel durch freie Wahlen verfolgen, sondern den „Systemwechsel“ propagieren und deswegen zur Jagd gegen die sog. Eliten in Politik, Presse, Gewerkschaften, Kultur, Kirchen auffordern: „Wir werden uns unser Deutschland Stück für Stück zurückholen. … Wir werden sie jagen.“ So und ähnlich immer wieder die führenden Leute der AfD wie Alexander Gauland, Björn Höcke, Jörg Meuthen, Alice Weidel. Dabei ist klar: „Wir“, das wird gleichgesetzt mit „das Volk“; „das Volk“ aber ist die „Bewegung“ oder auch die „Partei“, nämlich die AfD; „zurück“ aber heißt nichts anderes als: zurück vor die Zeit, mit der nach Björn Höcke die „systematische Umerziehung“ Deutschlands begann, also vor dem 8. Mai 1945 – nachdem die Allierten schon am Ende des 2. Weltkrieges versucht hatten, „uns mit Stumpf und Stiel (zu) vernichten, man wollte unsere Wurzeln roden.“ (Björn Höcke). Gleichzeitig werden die jetzt anstehenden Wahlkämpfe zur „Jagdsaison“ erklärt. *

Eigentlich ist es absolut offensichtlich, dass es den Rechtsnationalisten von Pegida/AfD nur darum geht, alle, die jetzt das gesellschaftliche Leben in seiner Vielfalt gestalten, bei der Jagd zu erlegen, um danach die Macht an sich zu reißen und einen völkischen Nationalismus zu implementieren. Auf diese Gewaltbotschaft reduziert sich die Programmatik der AfD. Darum brauchte der Generalsekretär der AfD Sachsen, Jan Zwerg, am vergangenen Sonntag auf der Wahlkampfkundgebung der AfD in Lommatzsch in der Nähe von Meißen nur zwei Sätze in den Saal zu hämmern, um das Programm der AfD zusammenzufassen: „Die Landtagswahl ist die Abstimmung darüber, ob Sachsen deutsch bleibt. … Die Jagdsaison ist eröffnet.“ Kein Wunder, dass sich daran in allen Redebeiträgen das anschloss, was Hass und Hetze und nationalsozialistische Ideologie ausmacht – siehe den instruktiven Bericht in der FAZ. Kein Wunder aber auch, dass jetzt schon rechtsextremistische Gewalttäter daran gehen, das Gedachte in die Tat umzusetzen.

Widerstand? Es ist nur infam und verräterisch, wenn sich die AfD auf die Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus oder auf die Friedliche Revolution von 1989 beruft. Denn deren Ziele – demokratischer Aufbruch, Freiheit, eine offene Gesellschaft, freie und geheime Wahlen, Integration Deutschlands in die europäische Union, Friedenspolitik nach innen und außen – verachten sie im Innersten. Eines sollte allen bewusst sein: Wer AfD wählt, der stimmt nicht für ein widerständiges Leben, sondern er stärkt die Feinde der Demokratie, einer offenen Gesellschaft, kultureller Vielfalt. Er oder sie wählen mit der AfD eine Partei, die bewusst und gezielt anknüpfen will an ein Deutschland vor 1945, an ein Deutschland, das alle Werte mit Blut besudelt hat. Vor einer solchen Neuauflage des Terrors mögen uns Gott und die Wähler/innen am 1. September 2019 bewahren. Darum kann die Erinnerung an den 20. Juli 1944 nur mit der klaren Aufforderung verbunden sein: Keine Stimme für die AfD, keine einzige!

* siehe auch: Heinrich Detering, Was heißt hier „wir“?. Zur Rhetorik der parlamentarischen Rechten, Reclams Universal-Bibliothek Nr. 19619, Ditzingen 2019

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