Von der „Altsubstanz“ zum „Gesamtraum“ – wie eine Universität sich treu bleibt

Ende der 50er Jahre des 20. Jahrhunderts waren sich der Rat der Stadt Leipzig, die SED-Bezirksleitung und die Leitung der Universität Leipzig weitgehend einig: Es muss zu einem Neubau der Universität Leipzig kommen, der dem sozialistischen Vorstellungen vom Städtebau entspricht. Kein Wunder, dass in diesen Plänen für die Universitätskirche kein Platz mehr war. Also sprach man in den offiziellen Papieren im Blick die Universitätskirche St. Pauli nur noch von der „Altsubstanz“, die es zu beseitigen gilt. Damit wollte man die einzig angemessene Bezeichnung des Gebäudes, das man zu eliminieren beschlossen hatte, umgehen. Da wurde die 1968 vollzogene Zerstörung der Unikirche in der Sprache schon vorweggenommen. Heute nun, da die neue Universitätskirche an der Stelle der am 30. Mai 1968 gesprengten entsteht, ist die neueste Begriffsschöpfung der Rektorin der Universität Leipzig, Prof. Beate Schücking, für die Unikirche: „Gesamtraum“. Was für eine semantische Meisterleistung! Doch dieses Mal nimmt sie nicht eine Zerstörung vorweg. Jetzt meint die Rektorin der Universität endlich einen Begriff gefunden zu haben, der sie davor bewahrt, das am Augustusplatz neu entstandene, prachtvolle Gebäude so zu benennen, wie es angemessen ist: neue Universitätskirche St. Pauli. Doch wer solche Kapriolen schlägt, gibt sich der Lächerlichkeit preis. Nur scheint das im universitären Elfenbeinturm kaum jemand zu merken. Wie sonst ist zu erklären, dass dieser grandiose Begriff „Gesamtraum“ eilfertig übernommen wird und noch nicht einmal die Theologische Fakultät laut auflacht. Das mit akademischer Etikette zu erklären, greift zu kurz. Vielmehr wirft es ein mehr als tristes Licht auf den Zustand dieser Wissenschaftsinstitution, die seit über einem Jahrzehnt sich daran abarbeitet, die Wirklichkeit zu verleugnen. Denn wenn in wenigen Wochen der Pauliner-Altar aus der Thomaskirche in den Chorraum der neuen Universitätskirche überführt und es am 02. Dezember 2014 in einem öffentlichen, gottesdienstlichen Akt zur Grundsteinlegung dieses Altars kommen wird, dann wird selbst der Kustos der Universität Leipzig erkennen müssen, dass der Chorraum der neuen Universitätskirche kein Epitaphien-Museum ist, sondern Teil der neuen Universitätskirche St. Pauli in ihrer Dreifachnutzung: gottesdienstlich, akademisch, musikalisch. Und alle Versuche, über abstruse Klimakonzepte, Acrylwand und Verhinderung der Aufstellung der historischen Kanzel den Kirchencharakter des Gebäudes verschwinden zu lassen, werden in sich zusammenbrechen. Vielleicht wird es eine vierjährige, zukünftige Studierende der Leipziger Universität sein, die – wie im Märchen von des Kaisers neuen Kleidern – wenn die Rektorin bei der Eröffnung der Universitätskirche wieder einmal den „Gesamtraum“ beschwört oder den Kunstbegriff benutzt, dessen Bedeutung sich niemandem erschließt: Paulinum, das laut dazwischen ruft, was jede Besucherin Leipzigs denkt: Das ist doch eine Kirche! Ja, und dann bin ich gespannt, wie die Damen und Herren Ordinarien dieser Universität dem Mädchen weismachen werden, dass es so etwas wie Kirche in einer Universität eigentlich gar nicht mehr geben darf. Irgendwann aber, wahrscheinlich dauert es gar nicht mehr so lange, werden sich die Bürgerinnen und Bürger Leipzigs und mit ihnen viele Universitätsangehörige an den Kopf fassen und fragen: Wie kann es sein, dass hochintelligente Menschen, die die zukünftige Führungselite unserer Gesellschaft ausbilden, so ignorant sein können, ein „DING“, das nach Walter Ulbrichts und der damaligen Karl-Marx-Universität Willen weg sollte, nun aber Gott sei Dank neu entstanden ist, nicht so zu benennen, wie es über Jahrhunderte hieß: Universitätskirche St. Pauli. Oder soll im nächsten Jahr der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels nicht mehr in der Paulskirche, sondern im Frankfurter „Gesamtraum“ oder in der „Altsubstanz“ am Paulsplatz verliehen werden?

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