Karfreitag und die Ukraine

Im „Stabat mater“, einer Sequenz aus dem „Graduale Romanum“, die von vielen Komponisten vertont wurde, heißt es in der letzten Strophe:

Fac me cruce custodiri,            Mach, dass mich sein Kreuz bewache,

Morte Christi praemuniri,         dass sein Tod mich selig mache,

Confoveri gratia.                      Mich erwärm sein Gnadenlicht.

Das Kreuz Jesu als Mahnzeichen und Schutz davor, selbst Menschen Leid anzutun, Kreuze aufzurichten oder den Mächtigen zu Kreuze zu kriechen, und der Tod Jesu als Befreiung von allen Zwängen, mit Gewalt eigennützige Interessen durchzusetzen – in den drei Zeilen des „Stabat mater“ ist die zentrale Botschaft des Kreuzes Jesu zusammengefasst. Wenn wir diese Botschaft auf dem Hintergrund des heutigen Weltgeschehens hören, dann wird sie aller selbstbezogenen Innerlichkeit entkleidet, mit der wir uns auch in Gottesdiensten die Realität schönzureden versuchen. Denn die Bitte, dass Jesu Gnadenlicht den Menschen erwärmen möge, soll weniger ein Gefühl der Wohligkeit erzeugen. Vielmehr soll sie uns Menschen vor aller Unbarmherzigkeit gegenüber dem Nächsten bewahren.

Seit Wochen sind wir in Europa Zeugen einer aggressiven Auseinandersetzung in und um die Ukraine, die ein hohes Maß an Gewaltpotential beinhaltet und die jederzeit zum Krieg eskalieren kann. Und als ob dies nicht genug ist, wird dieser Konflikt eskortiert von den Kirchen. Jedenfalls fällt mir dieses Bild dazu ein, wenn ich die Auftritte der unterschiedlichen Parteien im Streit um die Ukraine betrachte: Da stehen im Hintergrund meist die Vertreter der verschiedenen Orthodoxen Kirchen in vollem Ornat, die jeweiligen Interessen absegnend. Und ich frage mich: Welche Bedeutung hat für die Patriarchen, Bischöfe und Popen das Kreuz, das ihren Klobuk (Kopfumhang) ziert oder das sie sich umhängen? Denken sie die Bitte aus dem „Stabat mater“ mit: „Mach, dass mich sein Kreuz bewache“? Oder dienen die kunstvoll gestalteten Kreuze doch nur der Selbstrechtfertigung der eigenen Interessen und der Absegnung möglicher Gewalt?

Es mutet schon merkwürdig an und macht einen krassen Widerspruch schmerzlich bewusst: Da gehören in der Ukraine 75 Prozent der Bevölkerung einer der Orthodoxen Kirchen an, glauben also an den einen Gott; glauben daran, das Jesus Christus uns Menschen vom Tod, also auch vom Töten wollen, befreit hat – und doch gelingt es den Kirchen in der Ukraine und auch in Europa nicht, einen nachhaltigen Friedensprozess in Gang zu setzen, der den kriegerischen Instinkten Einhalt gebietet und die Menschen ihre Interessenskonflikte gewaltfrei austragen lässt. Da werden die Auseinandersetzungen unerbittlich und mit einer aggressiven Zwangsläufigkeit ausgetragen, von der auch die Leidensgeschichte Jesu geprägt ist. Da gehen Christen mit der Kalaschnikow im Anschlag auf Christen los und lassen sich die Gewaltexzesse auch noch durch Popen beweihräuchern bzw. tragen die Selbstrechtfertigung per Madonnen-Ikone inmitten schwer bewaffneter Milizen wie eine Monstranz vor sich her – wie vor 100 Jahren im 1. Weltkrieg.  Doch was steht am Ende dieses Irrweges: der gewaltsame Tod des zum Feind erklärten Nächsten, die wiederholte Kreuzigung Jesu. Wo bleibt da der Aufschrei der Christenheit in der Ukraine, in Russland, in Europa? Gelten die Worte Jesu nichts mehr: „Wer das Schwert nimmt, wird durch das Schwert umkommen“? Wo bleibt der unmissverständliche Einspruch gegen die religiöse Verbrämung national-aggressiver Wallungen – vor allem im Blick darauf, dass an anderer Stelle immer wieder auf die christlichen Traditionen Europas verwiesen wird, um eine kulturelle Identität für den europäischen Kontinent zu reklamieren?

In der Karwoche bedenken wir das Leiden und Sterben Jesu am Kreuz. Dies können wir nur dann glaubwürdig tun, wenn wir zwei Dinge erkennen: Zum einen ist jeder von uns in das Leiden, das Menschen und Völker sich gegenseitig zufügen, verstrickt. Niemand kann sich der Verantwortung entziehen oder in die Gleichgültigkeit flüchten. Wer es versucht, ist erst recht beteiligt. Jedoch: Diese Verstrickung ist genauso wenig ein Naturgesetz wie der gewaltsame Tod auf den Schlachtfeldern. Denn mit dem Tod Jesu am Kreuz und seiner Überwindung des Todes sind wir Menschen befreit vom Hass und befähigt zur Barmherzigkeit. Jesus starb für uns, damit niemand mehr für uns und unsere Interessen sterben muss. Die Botschaft an Karfreitag kann darum nur lauten: Wir können auch anders. Wir können uns vom Gnadenlicht erleuchten und erwärmen lassen, um so niemanden mehr kreuzigen oder zu Kreuze kriechen lassen zu müssen. Wir können sehr wohl als Kirchen uns jeder Vereinnahmung durch die Gewaltanheizer in den Regierungen und auf der Straße verweigern. Wir können ganz einfach im Zeichen des Kreuzes Christen sein.

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