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St. Martin – mehr als ein Laternen- oder Lichtfest

Am 11. November ist es so weit. In vielen Orten finden Martinsumzüge statt – in Erinnerung an den Mann, der am 11.11. 397, also vor 1625 Jahren, starb. An St. Martin lassen sich Grundwerte ablesen, die auch heute für unser Zusammenleben von höchster Bedeutung sind – völlig unabhängig davon, ob man einer christlichen Kirche, einer anderen Religion angehört oder sich als religionslos versteht: teilen, Frieden schaffen, Zivilcourage üben, Verantwortung übernehmen. Darum ist es kein Gewinn, wenn aus dem Martinstag inhaltsleere „Lichtfeste“ oder ein „Glühwürmchen-Umzug“ gemacht werden, wie es RB Leipzig veranstaltet, und dabei das großartige Wirken von St. Martin verschwiegen und alle damit verbundenen Traditionen in Vergessenheit geraten.*

Wer aber ist St. Martin, der vor allem Kinder so begeistern kann? Was wir von ihm wissen, stammt von Sculpius Severus (363- ~420/25), der schon im Todesjahr von Martin 397 eine Lebensbeschreibung veröffentlicht. Ihr können wir entnehmen, dass Martin in Ungarn ca. 316 geboren wird. Sein Vater ist römischer Offizier. Durch den Namen Martin (abgeleitet vom römischen Kriegsgott Mars) wird schon festgelegt, dass auch er eine soldatische Karriere machen soll. Doch der Vater muss schon früh beobachten, dass sein Sohn sich überhaupt nicht zum Soldatischen hingezogen fühlt – was wohl auch an seiner kümmerlichen Gestalt liegt. Als Kind hat Martin in Pavia (Italien), wo die Familie nun lebt, erste Kontakte zu Christen. Mit 15 Jahren leistet er – mehr gezwungen als freiwillig – seinen Soldateneid auf den römischen Kaiser.

Teilen: Mit der Truppe kommt er nach Gallien und lagert vor der Stadt Amiens. An einem kalten Wintertag begegnet Martin einem Bettler am Stadttor von Amiens. Nackt sitzt er dort und fleht um Hilfe. Martin hat kein Geld bei sich. Doch er steigt vom Pferd, nimmt sein Schwert und teilt seinen Soldatenmantel in zwei Teile und gibt den einen dem Bettler. Mit 18 Jahren lässt sich Martin vom Bischof in Amiens taufen, nachdem ihm im Traum noch einmal der Bettler begegnete. Zu diesem sagt Jesus: „Was Martinus ihm getan hat, das hat er mir getan.“

Frieden schaffen ohne Waffen: Kurz nach der Taufe lässt der römische Kaiser Julian bei Worms eine Reitertruppe zusammenstellen. Auch Martin muss sich dorthin begeben. Die Soldaten werden mit Namen aufgerufen und erhalten ihren Sold. Als Martins Namen ausgerufen wird, sagt er: „Bis heute habe ich dir gedient, Kaiser von Rom. Jetzt aber will ich nicht mehr Soldat sein. Ich kann nun nur noch Christus dienen.“ Der Kaiser ist empört und beschimpft Martin als Angsthasen. Darauf sagt Martin: „Kaiser, ich werde morgen kämpfen. Aber ohne Schild und Helm. Mutig werde ich dem Feind entgegentreten. Doch nur ein Kreuz ist meine Waffe.“ Martin wird daraufhin festgenommen und eingesperrt. Doch dann geschieht das Überraschende: Es kommt nicht zum Feldzug gegen die Germanen. Diese bieten Frieden an. Der Krieg ist zu Ende. Martin wird freigelassen und verlässt die Truppe.

Zivilcourage und Gottvertrauen: Auf seinem Weg nach Hause wird er überfallen und entführt. Aber da Martin überhaupt keine Angst vor den Räubern zu haben scheint, sind diese völlig verunsichert. Martin gibt sich als Christ zu erkennen und sagt, dass er sich unter dem Schutz Christi sicher fühlt. Nun bekommt der Räuber plötzlich Angst – vor dem unsichtbaren Beschützer des Martin. Es kommt zu einem langen Gespräch zwischen dem Räuber und Martin. Der lässt ihn schließlich frei. Als Martin zu Hause ankommt, lässt sich auch seine Mutter taufen.

Verantwortung übernehmen: Martin kehrt wieder zurück nach Gallien. In der Nähe von Poitiers gründet Martin eine kleine Mönchsgemeinschaft, die sich vor allem um die Armen und Kranken kümmert. Er betet viel und ist ob seines aufrechten Lebens hoch angesehen. Als in Tour ein neuer Bischof gewählt werden soll, ist für viele Menschen klar: Das Amt kann nur Martin übernehmen. Allerdings haben die vornehmen Bürger der Stadt Bedenken: Dieser Mann von kümmerlichem Aussehen, der mit schmutzigem Haar und in ungepflegten Kleidern herumläuft, kann ein Bischofsamt kaum ausfüllen. Doch das Volk setzt sich durch. Martin selbst aber will nicht Bischof werden. Er versteckt sich in einem Gänsestall. Durch das Geschnatter der Gänse, die ihren Stall wieder haben wollen, wird Martins Versteck verraten:

Als der heilge Sankt Martin / will der Bischofsehr entfliehn. / Sitzt er in dem Gänsestall, / niemand findt ihn überall, / bis der Gänse groß Geschrei / seine Sucher ruft herbei.

Daher rührt die Tradition, dass im November die Martinsgans auf der Speisekarte steht. Auch im Bischofsamt bewahrt sich Martin seine Bescheidenheit. Er bezieht nicht die Bischofsresidenz, sondern haust in einer Hütte an der Loire. Den Bischofsstuhl lässt er ersetzen durch einen einfachen Hocker. Aufgrund seines Gerechtigkeitssinnes und seiner Volksnähe wird Martin im Mittelalter zum beliebtesten Heiligen Europas. Er wird als Beschützer aller Bedrängten und Schrecken aller Gewalttätigen verehrt.

St. Martin in Erinnerung zu behalten, kann nur nützlich sein. Doch sollte weder die Kirche St. Martin auf das Mantelteilen reduzieren, noch sollte sich die säkulare Gesellschaft aus Religionsphobie der Hauptfigur des Martinstages entledigen. Vielmehr benötigen wir in unserer Gesellschaft Vorbilder, an denen schon Kinder ablesen können, worauf es im Leben ankommt, und durch die Erwachsene an die Grundwerte erinnert werden, die dem Leben dienen und uns zusammenhalten: gerecht teilen, Frieden schaffen, Zivilcourage üben, Verantwortung übernehmen.

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* Der Martinstag gehört für mich zu den schönsten Kindheitserinnerungen. Jedes Jahr fand am 11. November der Laternenumzug (natürlich selbst gebastelt) durch den Düsseldorfer Stadtteil Kaiserswerth statt. Der katholische Pfarrer ritt als St. Martin verkleidet auf einem Pferd und teilte den Mantel. Mitgeführt wurde auch die Martinsgans in einem Käfig. Begleitet vom Posaunenchor sangen wir die Martinslieder. Nach dem Martinszug gab es für uns Kinder die Martinstüte mit dem heiß ersehnten Weckmann. In diesem war eine Gipspfeife eingebacken. Vorsichtig puhlten wir die Pfeife aus dem Weckmann. Mit getrockneten Kastanienblätter füllten wir sie und machten so unsere ersten, folgenschweren Raucherfahrungen. Dann folgte das „Gripschen“. Wir zogen durch den Stadtteil und sangen vor den Häusern:

Hier wohnt ein reicher Mann, / der uns vieles geben kann, / vieles soll geben, / lange soll er leben, / selig soll er sterben, / das Himmelreich ererben.

Die Melodie endete offen, so offen wie unsere Hände und Tüten. Und wehe, es gab nichts. Dann wurde im Chor gerufen: „Gizzhals, Gizzhals, Gizzhals“. Natürlich hofften wir inständig auf einen solchen, um wenigstens einmal diesen Ruf loswerden zu können. Doch das Wichtigste war: Mit vollen Tüten nach Hause zu kommen, um dann die „Beute“ mit den Geschwistern zu teilen (was gar nicht so einfach war …).

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