Ein einigermaßen friedliches Zusammenleben von uns Menschen basiert darauf, dass wir uns über Regeln und Gesetze verständigen und – wenn ein Konsens gefunden ist – an sie halten. Wo ein solcher Konsens von einzelnen oder Gruppen einseitig aufgekündigt wird, setzt die Willkür ein. Das gilt für die Familie wie für internationale Beziehungen. Eine solche Willkür führt zur Herrschaft des Stärkeren. Seit der Friedlichen Revolution und den fundamentalen Veränderungen in Europa 1989/90ff erleben wir weltweit: Immer mehr einzelne Menschen (zumeist Männer), die in Politik und Wirtschaft Machtpositionen innehaben, prahlen nicht nur damit, sich an kein Gesetz halten zu müssen (man denke nur an den entlarvenden Ausspruch Donald Trumps aus dem Jahr 2016 „Ich könnte mitten auf der Fifth Avenue stehen und jemanden erschießen, und ich würde keine Wähler verlieren“) – sie praktizieren dies auch. Der sog. Epstein-Skandal ist dafür ein eklatanter Beleg: Sehr reiche, politisch einflussreiche Männer treffen sich mit führenden Politikern in einer von der Öffentlichkeit abgeschirmten Umgebung (Privatinsel!). Dort gehen sie geschäftliche/politische Deals ein – und leben dabei ihre sexuellen Bedürfnisse auf Kosten von jungen Frauen aus – ohne Rücksicht auf die Würde der Frau, das Strafrecht und die Gewaltenteilung in der Politik. Sie tun dies in dem Bewusstsein, dass sie über dem Recht stehen, sich in einem Akt der Selbstermächtigung von Gesetzen und Regeln emanzipieren und sich jeder Kontrolle entziehen können.
Die gleichen Männer haben dann auch wenig Skrupel, in ihrem beruflichen Alltag mit der gleichen Chuzpe und Brutalität zu lügen, zu betrügen, mit Verachtung auf das Recht zu blicken, jeden Anstand zu vergessen, Kriege anzuzetteln und sich schamlos zu bereichern. Wer die Rede von Donald Trump zur Lage der Nation am 24. Februar 2026 gesehen hat, konnte nur angewidert sein über diese Mischung von Sportpalastatmosphäre, Reichstagsgebrüll und primitivster Gossensprache. Doch das, was vor allem erschüttern muss, ist nicht, dass ein Politrüpel wie Donald Trump jenseits aller Regel und jeden Anstands und Würde agiert. Viel beunruhigender ist, dass er über zwei Stunden sich in dieser Weise unwidersprochen inszenieren kann – unter dem Beifall von Hunderten Abgeordneten und Gästen im Capitol.
Nur auf diesem Hintergrund bin ich bereit und in der Lage, das kriegerische Drama einzuschätzen, was sich seit dem 28. Februar 2026 im Nahen Osten abspielt. Zwei Autokraten, Donald Trump und Benjamin Netanjahu, die beide ihr politisches Handeln jenseits jeglicher Kontrolle durch Parlamente und Justiz zu vollziehen versuchen und dabei noch ihre ganz privaten Interessen im Auge haben, lassen den Iran bombardieren mit dem angeblichen Ziel, einen Regimewechsel im Iran zu initiieren. Im Zuge des kriegerischen Einsatzes werden neben einer unbekannten Anzahl von Kindern, Männern und Frauen der iranische Religionsführer Ali Chamenei und führende Politiker des Iran getötet. So nachvollziehbar die grenzenlose Freude vieler Menschen über den Tod des brutalen Diktators Ali Chamenei und die Aussicht ist, dass das Terrorregime der Mullahs bald ein Ende haben wird – niemand vermag derzeit zu sagen, ob und wann es dazu kommt und wer und mit welchen Absichten im Falle einer Entmachtung der Mullahs die Regierungsgewalt im Iran übernehmen wird.
Diese Ungewissheit liegt auch darin begründet, dass weder ein Donald Trump und noch ein Benjamin Netanjahu ein gesteigertes Interesse an einem souveränen demokratischen Rechtsstaat Iran haben. Denn das würde ja bedeuten, dass sie etwas auf den Weg bringen, was sie in ihren eigenen Ländern derzeit zerstören. Darum bleiben treibendes Element ihres Handelns die weitere Aushebelung, ja provokante Verachtung nicht nur des Völkerrechts, sondern aller rechtlichen Bindungen (wie die parlamentarische Zustimmung zu einem Kriegseinsatz) und die schamlose Bereicherung an den Bodenschätzen der angegriffenen Länder. Wenn die europäischen Länder diesem „Epstein-Ansatz“ in der internationalen Politik, nämlich der Selbstermächtigung von Autokraten und Oligarchen zu ihrem persönlichen Nutzen, nicht mehr entgegenzusetzen haben als verhaltene Zustimmung und die permanente Relativierung des Völkerrechts, dann dürfen wir uns nicht wundern über die Erosion des demokratischen Rechtsstaates und eines einigermaßen menschlichen Zusammenlebens bei uns. Hinzu kommt, dass alle militärischen, kriegerischen Interventionen im Nahen Osten in den vergangenen 50 Jahren nichts als Zerstörung und verbrannte Erde hinterlassen und den Keim für die nächste terroristisch-kriegerische Auseinandersetzung gepflanzt haben. Gaza ist der letzte traurige Beleg für diese unheilvolle „Strategie“. Von einer Friedensperspektive für den Nahen Osten sind die Menschen und Völker des Nahen Ostens weiter entfernt als je zuvor.
Den Bürgerinnen und Bürgern Europas jetzt abzuverlangen, dieses durchsichtige, allen Grundwerten widersprechenden Handeln zweier Autokraten gutzuheißen mit dem scheinheiligen Verweis auf die angebliche Beseitigung eines unbestritten verbrecherischen Systems, ist in jeder Hinsicht verwerflich. Denn eines ist mehr als deutlich: Maßstab für das Handeln von Trump und Netanjahu ist nicht der Regimechange im Iran, Maßstab sind ihre egoistisch-nationalistischen Bereicherungsziele und die Vertuschung ihrer persönlichen kriminellen Machenschaften. Wenn sie dies erreicht sehen, werden Trump und Netanjahu auch ein wie auch immer geartetes diktatorisch-terroristisches System im Iran akzeptieren. Es wird höchste Zeit, dass sich die europäischen Länder aus diesem unheilvollen Treiben zurückziehen. Sonst werden wir in einer Welt landen, in der Willkür und Rechtlosigkeit alles menschliche Miteinander bis auf die unterste Ebene des Zusammenlebens zertrumpelt wird – zumal dadurch dem notwendigen Einsatz für das Existenzrecht des Staates Israel und dem Kampf gegen Judenfeindschaft ein Bärendienst erwiesen wird. Was jetzt Aufgabe Europas ist: endlich, endlich das zu initiieren, was auch Europa friedliche Jahrzehnte beschert hat – eine auf Generationen angelegte Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit im Nahen Osten.
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5 Kommentare
„Im Zuge des kriegerischen Einsatzes werden neben einer unbekannten Anzahl von Kindern, Männern und Frauen der iranische Religionsführer Ali Chamenei und führende Politiker des Iran getötet.“
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Chamenei ist für Zehntausende Tote verantwortlich. Sein Tyrannenmord ist moralisch gerechtfertigt. Schlimm natürlich, dass neben hochrangigen Funktionären auch viele Unschuldige ihr Leben lassen mussten.
Hallo Christian: Du beschreibst mit den richtigen Worten die Trümmerwelt, die diese Despoten, Autokraten und moralisch verkommenen Akteure bereits angerichtet haben. Der Wunsch, dass sich wir in Europa, da schadlos halten können, ist leider unrealistisch. Auch und in Deutschland fehlt gegenwärtig eine kongruente Strategie für diese sich ständig zuspitzende Gefahrenlage.
Und schon bald könnten Flüchtlingsströme in die Türkei Probleme bereiten, die kaum zu bewältigen sind. Es ist wohl so, dass im Moment niemand weiß, was aus den Konflikten entstehen wird. Wie bereiten wir uns in Deutschland und Europa auf die möglichen Szenarien mit apokalyptischen Entwicklungen vor? Was können wir überhaupt kurz- und mittelfristig bewirken? Wie kommen wir zum Zusammenhalt in unserer Gesellschaft, um größere drohende Krisen durchzustehen?
Lieber Michael Käfer – Deinem Satz: „Donald Trump erhält, gemeinsam mit Benjamin Netanjahu, den Friedensnobelpreis; Melania Trump den Oscar als beste Hauptdarstellerin (zugegeben, ich habe ihren Film nicht gesehen, werde ihn mit Sicherheit auch nie ansehen)“ füge ich noch hinzu: Und der Stalinist Putin erhält die Aura des Moralapostels… Er, der kommunistische Kapitalist China-Boss Xi und Nordkoreaners aufgeblähter BumBumBum reklamierten nach dem Kriegsbeginn gegen den Iran Moral, Menschenrechte und Friedensstiftung; unfassbar diese absolutistische Verklärung. Und dass morgen Merz bei Trump wieder anklopft und ihm vermutlich lauwarm huldigt (auch namens der EU???) – ich begreife es nicht. Und nicht nur ich nicht! Und Deinem vorletzten Satz kann ich nur ergänzen, dass solche Minister:innen wie Dobrindt, Scheuer, Bähr einst für dieses digitale und Bundesstraßen/Autobahnen-Desaster Verantwortung tragen – und keiner reflektiert dies! Schauen wir doch mal, was die bevorstehenden Wahlen so für Ergebnisse bringen…Herzliche Grüße und Dir, lieber Christian, DANK für Deinen aktuellen Aufschrei!!! Möge er gehört werden!!! Die Situationen weltpolitischer Ereignisse – wie beschrieben – werden immer unberechenbarer, gefährlicher, existenzbedrohender.
I have a (Alb-) Dream!
Donald Trump erhält, gemeinsam mit Benjamin Netanjahu, den Friedensnobelpreis; Melania Trump den Oscar als beste Hauptdarstellerin (zugegeben, ich habe ihren Film nicht gesehen, werde ihn mit Sicherheit auch nie ansehen)!
Wie sehr sind frühere „Werte“ verkommen, dass die Ermordung eines sicherlich großen Verbrechers und Menschen-Schinders bejubelt wird?
Wo bleibt der öffentliche Aufschrei, dass Donald Trump/Benjamin Netanjahu von ihren jeweils innenpolitischen Problemen zu Lasten/auf dem Rücken des iranischen Volkes ablenken?
Wer thematisiert, dass die aktuelle Bundesregierung einige Zehntausende Deutsche achselzuckend in der Krisenregion ihrem Schicksal überlässt, während andere Nationen sich um die sichere Rückführung ihrer Mitbürger:innen kümmern?
Kann man realistisch davon ausgehen, dass die Abgründe der Epstein-Machenschaften einen Bogen um Deutschland und einige seiner Mächtigen gemacht haben?
Sind wir bereit, den Cum-Ex-Skandal, die Masken-Deals, dubiose Partei-Spenden, oder die AfD-Vettern-Wirtschaft ehrlich aufzuklären?
Ich höre schon das Argument, dass an Allem im Grunde nur die schlechteste Regierung, die Deutschland je hatte, Schuld trägt…
Uneingeschränkte Zustimmung, Herr Wolff. Diese beiden skrupellosen „Politrüpel“ haben nur ihre eigenen
Interessen im Kopf. Der Eine will sich vor allem im Sattel halten, weil er sonst im Gefängnis landet, der Andere,
weil er vor allem politischen Einfluss, Zugriff auf die riesigen Oelvorkommen und keine Kommunisten im Nahen Osten haben möchte. An demokratischen Veränderungen sind beide nicht interessiert. Bereits 1953 wurde auf demokratischem Weg Mossadegh gewählt. Er verstaatlichte die Oelindustrie, die bis dahin von den Briten beherrscht wurde. Das konnten die Briten und die USA nicht hinnehmen. Die CIA schaltete sich ein und der Sturz des parlamentarisch legitimierten Premier Mossadegh erfolgte. Danach wurde die Marionette Pahlavi eingesetzt und das Oel floss wieder „in die richte Richtung“. Also so neu sind die Dinge nicht, sie sind nur skrupelloser.