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„ein ganz normaler Sommer …“

So lautet eines der Narrative, mit denen nicht nur der Co-Bundesvorsitzende der AfD Tino Chrupalla im Sommer-Interview der ARD am vergangenen Sonntag eine mit Hingabe betriebene Verleugnung der Wirklichkeit betreibt. Für ihn weist der August 2026 „normale Temperaturen“ auf, so dass für „Panikmache“ kein Anlass besteht. Fast gleichzeitig tönt die Co-Bundesvorsitzende der AfD Alice Weidel im Sommer-Interview des ZDF über den Dächern Wiens stehend: „Wenn die FPÖ gewinnt, dann wird auch dieses ganze Zeug abgeschafft“ – gemeint sind die Maßnahmen der Stadt Wien zum Klima- und Hitzeschutz. „Das ganze Zeug“ – mehrfach wiederholt Weidel diese Redewendung. Sie ist für Alice Weidel offensichtlich der abwertende Sammelbegriff für alle Maßnahmen in Sachen Energiewende und Klimaschutz. Diese müssen schnellstens gestoppt werden müssen.

Doch nicht nur was den Klimawandel angeht erlebt Deutschland alles andere als einen „normalen Sommer“. Mit den beiden Interviews wird deutlich, wie sehr sich das gesellschaftspolitische Klima im Land verändert, vor allem bedrohlich verschlechtert hat. Denn mit der Attitüde eines sicheren Sieges bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin verbreiten Chrupalla und Weidel in den beiden Interviews ihre Überzeugungen – abseits von Fakten und nachvollziehbaren Argumenten. Themen wie Klima, Briefwahl, Migration, Europa, die wirtschaftliche Entwicklung kamen zur Sprache. Was deutlich wurde: Weidel und Chrupalla antworten grundsätzlich nicht auf die gestellten Fragen. Dafür zeichnen sie ein Bild eines „kaputten“ Landes, das von „Flachzangen“ regiert, vor allem aber „belogen“ wird: „Die DNA der CDU ist die Lüge“, so Weidel.

Auf dem Hintergrund dieser Rhetorik spielen Fakten, das Wägen bzw. Widerlegen von Argumenten keine Rolle. Vielmehr kommt es darauf an, die sattsam bekannten Narrative zu bedienen:

  • in Deutschland wird alles kaputt regiert;
  • die Briefwahl dient der Wahlfälschung;
  • Europäische Union und Euro befördern den wirtschaftlichen Niedergang;
  • Frauen können nicht mehr auf die Straße, weil sie von Messermigranten bedroht werden;
  • Klimawandel ist völlig normal; die Behauptung, dieser sei menschengemacht, ist reine Panikmache;
  • Syrer werden massenhaft eingebürgert. 306.000 arbeitslose Geflüchtete bzw. ausreisepflichtige Syrer seien 2025 eingebürgert worden (Fakt ist aber: die Voraussetzung für jede Einbürgerung ist der Nachweis, über ein auskömmliches Einkommen zu verfügen!)

Auf dem düsteren Hintergrund dieser Narrative dient sich die AfD als leuchtende Rettung an: „Wir retten das Land“, so das AfD-Motto in Sachsen-Anhalt. Als mögliche Rettungsmaßnahmen werden aber nicht Konzepte angeboten, sondern Maßnahmen, die einer Holzhammermethode gleichen: Alle 1,3 Millionen Syrer werden zurückgeführt; das Schengen-Abkommen wird gekündigt und die Grenzen werden dicht gemacht; Deutschland verlässt die EU und den Euro-Raum; erneuerbare Energiequellen wie die „Windräder der Schande“ werden zugunsten von Kohle, Gas, Öl und Kernkraft zerstört; von dem in Sachsen-Anhalt vorgesehenen nationalistischen Kahlschlag im Kultur- und Bildungsbereich ganz zu schweigen.

Doch das eigentliche Problem sind nicht rechtsradikale Parteifunktionäre wie Tino Chrupalla, Alice Weidel, Ulrich Siegmund oder Björn Höcke. Das eigentliche Problem sind die Menschen, die eine Partei wie die AfD wählen und stark machen. Die Frage ist: Warum geben so viele Wahlberechtigte einer Partei ihre Stimme, die ihre Gewalt provozierende Radikalität und ihren rassistischen Nationalismus nur mühsam hinter der Selbstverharmlosung und verlogenen Narrativen verbergen kann? Meine Antwort: Zum einen finden die 20 % der wahlberechtigten Bevölkerung, die sich schon immer von einem nationalistischen, rassistischen Gesellschaftsbild haben leiten lassen, in der AfD ihre politische Heimat. Zum andern ist die Gruppe der Bürger:innen angewachsen, in deren Augen seit 1990 alles total gescheitert ist: die deutsche Einheit, die Integration von Migrant:innen, die Energiepolitik, die Europäische Union, die öffentlich-rechtlichen Medien, die Bildung, die Wirtschaft. Immer öfter begegnet mir in Gesprächen dieses vernichtende Pauschalurteil über die gesellschaftliche Entwicklung der vergangenen fast 40 Jahre – zumeist ausgesprochen von Menschen, denen es wirtschaftlich und sozial gutgeht, die aber nur noch mit tiefem Zorn, Verdruss bis hin zum Hass ihr gesellschaftliches Umfeld und vor allem die Demokratie abwerten.

Daraus ergibt sich die eigentliche politische Herausforderung, vor der wir stehen: Wie kann es gelingen, diese Mauer einer vernichtenden, Angst gesteuerten, grundpessimistischen Selbsteinschätzung zu durchbrechen? Mit Appellen ist es sicher nicht getan. Das „Wirretteneuch“-Schulterklopfen der AfD-Funktionäre scheidet ebenfalls aus. Denn es ist das ideologische Sprungbrett zu einer nationalistisch-völkischen Politik, die systematisch demokratische Freiheitsrechte demontieren wird. Die einzige Möglichkeit ist, mit den potentiellen AfD-Wähler:innen in der Nachbarschaft, im Sportverein, im Betrieb, auf der Straße zu sprechen, zu ringen – mit dem Ziel, dass sie möglichst bald ihr Gedankengefängnis selbst verlassen können. Dazu gehört:

  • beharrlich bei den Fakten bleiben;
  • die eigene Überzeugung mit Hoffnungsperspektiven versehen;
  • nichts an den Problemen beschönigen, aber vor allem Lösungen von Problemen kommunizieren;
  • sich selbst als aktiver Teil einer demokratischen Gesellschaft verstehen und zu erkennen geben.

Das, was vor allem benötigt wird: ein neues Bewusstsein von der Kraft demokratischer Mitwirkung! Leider sehen sich immer mehr Menschen auf einer Tribüne sitzend oder stehend mit einem verächtlichen Blick auf die Akteure auf dem Spielfeld, die nichts können, eben „Flachzangen“. Dabei bedeutet Demokratie, sein Spielfeld erkunden, sich Mitspieler:innen suchen, sich auf diese einstellen – ein durchaus mühsames, aber lohnendes Unterfangen.

Ja, dieser Sommer ist nicht normal – und es kann durchaus sein, dass nach dem 6. September 2026 der Sommer noch unnormaler wird. Aber das sollte uns nicht ängstigen, sondern wachrütteln. Das, was uns in Deutschland und Europa nach 1945 ein Leben in Frieden und demokratischer Offenheit ermöglicht hat, ist zu wertvoll, als dass es zum zweiten Mal innerhalb von 100 Jahren den Chrupallas und Weidels zum Fraß hingeworfen wird. Achten wir die Freiheit, achten wir die Demokratie, achten wir die Segnungen der Menschenwürde.

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