In memoriam Martin Petzoldt (13. April 1946 – 13. März 2015)

Als ich am vergangenen Sonntag in der Thomaskirche die Aufführung der Johannespassion hörte, musste ich beim Choral „Er nahm alles wohl in acht“ an den treuen und kritischen Wegbegleiter Martin Petzoldt denken – schon in diesen Tagen mit dem Tod ringend:

O Mensch, mache Richtigkeit, Gott und Menschen liebe, stirb darauf ohn alles Leid, und dich nicht betrübe!

Am Freitagabend ist er gestorben – nach einem langen Leiden, das er tapfer und zuversichtlich ertragen hat. Damit ist ein bewegtes und erfülltes Leben zu Ende gegangen, durch das viele Menschen – Studierende, Gemeindeglieder, Bach-Freunde – bereichert wurden. Zeit seines Lebens hat sich Martin Petzoldt der Aufgabe gestellt: Gott und den Menschen zu lieben und dabei glaubwürdig zu bleiben. So lernten ihn viele Menschen kennen: als gottesfürchtigen Mann, der gleichzeitig über eine erstaunliche Menschennähe verfügte – ihn, den Ordinarius für Systematische Theologie an der Universität Leipzig, den Kirchvorsteher, den 1. Universitätsprediger, Thomanervater, Vorsitzenden der Neuen Bachgesellschaft, Verteidiger der neuen Universitätskirche in ihrer Dreifachnutzung und als Seelsorger von besonderer Qualität. Er selbst hätte noch ergänzt: als Mann der Diakonie, der bis zum vergangenen Jahr Vorsitzender des Verwaltungsrates des Diakonischen Werks Leipzig – Innere Mission e.V. war und in dieser Eigenschaft den Praxisbezug seines theologischen Wirkens gesehen, aber vor allem den schwierigen Erneuerungsprozess der diakonischen Einrichtungen nach der Friedlichen Revolution mit begleitet und gestaltet hat.

Schon bei unserer ersten intensiven Begegnung (im September 1991 gab er mir am Vorabend meines Probegottesdienstes in der Thomaskirche einen „Crashkurs“ in die lutherische Liturgie) fiel mir auf: die herzliche Menschenfreundlichkeit, mit er mir den liturgischen Gesang nahebrachte, und gleichzeitig die Genauigkeit, mit der er einen Gottesdienst vorbereitet. Damit ist ein wesentlicher Wesenszug von Martin Petzoldt benannt: Auf der einen Seite war seine Persönlichkeit geprägt von einer sensiblen Weitsicht und Offenheit dem Menschen und seinen jeweiligen Eigenheiten gegenüber, auf der anderen Seite achtete Martin Petzoldt penibel auf die Pflege der Tradition und die Einhaltung von liturgischen Regeln. Für Letzteres konnte auch Petzoldts eindringliches Pochen auf das Abhalten von Gottesdiensten an allen Sonn- und kirchlichen Feiertage gelten. Wie viele andere habe ich erst dadurch die Bedeutung von in anderen Landeskirchen überhaupt nicht mehr beachteten hohen kirchlichen Feiertagen neu kennen-und schätzen gelernt. Als mein damaliger Kollege Pfarrer Dr. Peter Amberg und ich 2001 am 6. Januar (Epiphanias) keinen Vormittagsgottesdienst angesetzt hatten (es war ein Samstag und um 15.00 Uhr fand die Motette statt), kritisierte Petzoldt dies im Kirchenvorstand sehr scharf: es müsse an der Thomaskirche ein Vormittagsgottesdienst angeboten werden. In der Diskussion haben Amberg und ich darauf verwiesen, dass es wenig sinnvoll ist, wenn wir einen Gottesdienst feiern, an dem noch nicht einmal die Beschäftigten im Thomashaus und im Haus der Kirche teilnehmen, weil diese ihrer Arbeit nachgehen. Wenn wir an Epiphanias vormittags Gottesdienst feiern wollen, dann müssen wir auch dafür sorgen, dass dieser Gottesdienst und auch der Feiertag besonders gewürdigt werden. Thomaskantor Georg Christoph Biller erklärte sich daraufhin bereit, die Kantate 6 aus dem Weihnachtsoratorium im Gottesdienst aufzuführen, und die Kirchgemeinde veranstaltet im Anschluss an den Gottesdienst ihren Neujahrsempfang. Der Erfolg stellte sich schnell ein: Dieser Gottesdienst wird von bis zu 800 Menschen besucht, auch wenn der 6. Januar auf einen Werktag fällt. Gerade dieses Beispiel zeigt, wie wichtig nicht nur die mahnende Stimme von Martin Petzoldt war, den Gottesdienst nicht zur Disposition zu stellen bzw. der Beliebigkeit örtlicher Gegebenheiten auszuliefern. Von Petzoldt habe ich gelernt, dass nur mit dieser Hartnäckigkeit Qualität zu halten, Tradition zu pflegen und vor allem Glaubwürdigkeit zu bewahren ist. Das gilt auch für die Gottesdienste in der Ordnung der Bachzeit, die Martin Petzoldt rekonstruiert hat und an verschiedenen Orten, vor allem aber beim Bachfest in Leipzig, ermöglichte. Diese Gottesdienste überzeugen gerade deswegen, weil sie nicht museal aufgebaut sind, sondern die liturgische Kraft vergangener Zeiten nutzen, um heute das Evangelium zu verkündigen. Die Pflege der Tradition dient eben nicht dazu, den Blick in die Vergangenheit zu richten, sondern ihre Möglichkeiten für heute zu nutzen.

Wer Martin Petzoldt näher kennenlernen konnte, der begegnete in ihm nicht nur den exzellenten Bachkenner und theologischen Bachforscher, den Experten für die lutherische Orthodoxie, sondern auch den gebürtigen Sachsen und das treue Glied der sächsischen Landeskirche. Martin Petzoldt war Sachse durch und durch. Ich werde nie vergessen, wie er mir bei der ersten Begegnung geradezu einschärfte: der Sachse ist geprägt durch drei H’s: helle, heeflich, heemdiggsch. Besonders die letztere Eigenschaft des Sachsen würde ich schneller zu spüren bekommen, als mir lieb ist. Ich solle mich also vorsehen. Gott sei Dank habe ich die Sachsen so nicht erlebt – wohl aber als Menschen, die ihre Erregungszustände sehr dosieren können und sich darauf verstehen, ihre Ziele auch ohne offene Konfrontation zu erreichen: zuvorkommend und – da wo nötig – auch ein bisschen „heemdiggsch“. So habe ich auch Martin Petzoldt erlebt. Doch wäre es falsch, daraus den Schluss zu ziehen, er sei konfliktscheu oder „hintenherum“. Martin Petzoldt verfügte immer über sehr klare Vorstellungen. Aber er hat für eine Sache nicht so gestritten, dass daraus ein Zerwürfnis wird. Das hatte sich auch bei der Auseinandersetzung um die neue Universitätskirche St. Pauli deutlich gezeigt. Auf der einen Seite hatte Martin Petzoldt als 1. Universitätsprediger (bis 2009) und als Mitinitiator für die Stiftung Universitätskirche St. Pauli keinen Zweifel daran gelassen, dass er das neu am Augustusplatz entstehende Gebäude als die neue Universitätskirche versteht – und zwar den Gesamtraum. Auf der anderen Seite fühlte er sich zur Loyalität gegenüber der jeweiligen Universitätsleitung verpflichtet und machte sich keine Illusionen über die Stimmungslage in den Gremien der Universität Leipzig. Dennoch hat er gerade in der großen Debatte 2004 mit Nachdruck die Notwendigkeit eines geistlichen Zentrums der Universität betont, in dem Glauben und Wissen in einen Dialog treten können, und gleichzeitig pochte er auf die Kontinuität der zerstörten und der neuen Universitätskirche. Petzoldt musste aber auch den Spagat zwischen Universitätsleitung und der Kirchgemeinde St. Thomas aushalten. Letztere konnte sich sehr viel eindeutiger positionieren als die Theologische Fakultät und musste keine Rücksichten auf Loyalitäten nehmen. Allerdings wurde in dieser Auseinandersetzung auch deutlich, wie unterschiedlich sich Konfliktstrategien gestalten: Petzoldt, der als Universitätsangehöriger zu DDR-Zeiten täglich den Spagat zwischen Mitwirkung in einer staatlich und ideologisch gelenkten Institution und seiner Treue zur Kirche und ihrer Botschaft zu bestehen hatte, konnte die Demütigungen, die ihm durch die Universitätsleitungen zugemutet wurden, ertragen – was man aber nicht mit billigen oder akzeptieren verwechseln darf. Denn er ging von der langfristigen Durchsetzungsfähigkeit des Richtigen aus. Die Ergebnisse geben ihm durchaus recht: Schließlich war es ein mehr als denkwürdiger Moment, als Martin Petzoldt am 2. Advent 2009, zu Beginn des ersten Universitätsgottesdienstes in der neuen Universitätskirche St. Pauli (noch Baustelle) das Altarkreuz in die Kirche trug, das er selbst kurz vor der Sprengung aus der Kirche in die Nordsakristei der Thomaskirche gebracht hatte, wo es seit dieser Zeit aufgestellt ist. Am 2. Dezember 2014 war er es – von seiner Krankheit schon sehr gezeichnet – der bei der turbulenten Grundsteinlegung für den Pauliner-Altar im Chorraum der neuen Universitätskirche spontan das im Programm nicht vorgesehene Lied „Nun danket alle Gott“ angestimmt hat – und damit dem wichtigen Augenblick seine Würde rettete. Und schließlich steht nun am Augustusplatz die neue Universitätskirche mit dem Pauliner-Altar, in der bald Sonntag und für Sonntag Gottesdienst gefeiert wird – so wie es Martin Petzoldt von Anfang an wollte.

Nun hatte Martin Petzoldt über Jahrzehnte für die Thomaskirche noch eine ganz besondere Bedeutung: Er ist – und nun leider: er war das lebendige Gedächtnis der Thomaskirche und der Kirchgemeinde St. Thomas. Es gibt wohl niemanden sonst in Leipzig, der sich so gut im Archiv der Thomas- (und auch der Nikolai-) Kirche auskannte, der über ein so reiches Wissen verfügte über die kirchlichen Verhältnisse im 16.-18. Jahrhundert und der sich so stark eingesetzt hat für die Thomaskirche als geistliches und musikalisches Zentrum der Evangelischen Kirche wie Martin Petzoldt. Darum war es für die Kirchgemeinde ein Glück und Segen, dass Martin Petzoldt seit 1978 bis 2014 dem Kirchenvorstand angehörte, dass er sich auch in dieser Funktion sehr bewusst als Vertreter der Theologischen Fakultät im Kirchenvorstand verstand, vor allem aber als loyaler Unterstützer der Pfarrer und Pfarrerinnen an der Thomaskirche. Aber gleichzeitig ist es ein so großer Verlust, dass Martin Petzoldt der Thomaskirche mit seinem reichen Wissen nicht mehr zur Verfügung steht. Die Gemeinde wird den treuen Gottesdienstbesucher Petzoldt sehr vermissen. Umso dankbarer sind wir, dass Martin Petzoldt in den vergangenen Jahren in vielen Publikationen Wesentliches zur Geschichte der Thomaskirche und der THOMANA festgehalten hat. So gab er die Festschrift zum Jubiläum „800 Jahre THOMANA“ mit heraus und schrieb zuletzt die Geschichte der Altäre der Thomaskirche. Es war auch Martin Petzoldt‘s Verdienst, dass er zusammen mit seinem Freund, dem viel zu früh verstorbenen Superintendent Johannes Richter D.D., unmittelbar nach der Friedlichen Revolution den „Internationalen Freundeskreis der Thomaskirche e.V.“ gegründet hatte. Damit hat er den Grundstein für die spätere vollständige Restaurierung der Thomaskirche gelegt. Er stand dann aber auch der Neugründung des Verein Thomaskirche-Bach 2000 im Jahr 1997 nicht im Wege. Vielmehr hat er die Fusion des Internationalen Freundeskreises mit dem Verein Thomaskirche-Bach 2000 mit befördert und war bis zu seinem Tod Mitglied des Vorstands und der begehrter Begleiter der immer beliebter werdenden Mitgliederfahrten, auf denen er durch sein Wissen, seinen Anekdotenreichtum und seinen großen Humor glänzen konnte. Der Initiative von Martin Petzoldt ist auch das 1997 zum 150. Todestag von Felix Mendelssohn Bartholdy eingebaute Mendelssohn-Fenster zu verdanken. Ohne das Wirken Petzoldts und ohne sein diplomatisches Geschick in der Vermittlung zwischen Künstler, Sponsor und Kirchgemeinde wäre weder dieses noch das im Jahr 2000 geschaffene „Thomas-Fenster“ möglich gewesen. Dass er über das Friedens-Fenster und damit über die Deutung der neugotischen Fensterreihung und des Kriegergedächtnis-Fensters andere Vorstellungen als ich selbst hatte, soll nicht verschwiegen werden. Aber diese und andere Differenzen konnten auch deswegen ausgehalten werden, weil es Martin Petzoldt war, der immer wieder Brücken des Verstehens baute.

Als im Frühjahr 2012 die schwere Leukämie-Erkrankung diagnostiziert wurde und Martin Petzoldt alle Aktivitäten einstellen mussten, hofften und beteten wir darum, dass ihm auch dank der medizinischen Möglichkeiten noch einmal Leben ermöglicht wird. Im vergangenen Jahr sah es auch so aus, dass Martin Petzoldt die vielen Vorhaben, die er hatte, weiter verfolgen kann – insbesondere auch in der Neuen Bachgesellschaft. Mit großer Kraftanstrengung versuchte er, den vielen Anfragen nach Vorträgen und Veröffentlichungen gerecht zu werden – immer unterstützt von seiner Frau Renate Petzoldt, seinem großen Rückhalt. Noch einige Male konnten wir ihn in Gottesdiensten und Motetten als glänzenden Prediger auf der Kanzel der Thomaskirche erleben. Ihm verdanken wir auch das Konzept für das „Weihnachtsoratorium für Kinder“, das er im Dezember 2014 noch selbst mit aufführen konnte. Doch dann erwies sich die Krankheit als stärker, und er musste sich dem Sterben ergeben. Trotz aller Traurigkeit darüber, dass dieser so besondere Mensch nicht mehr unter uns ist, können wir Gott nur danken für all das, was er uns mit Martin Petzoldt geschenkt hat: ein Lehrer der Kirche und Prediger des Wortes Gottes, der immer versucht hat, in großer Treue und mit viel Hingabe seiner Berufung gerecht zu werden.

 

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