Demokratie und Selbstachtung – die Universität Leipzig vor der Rektor/innenwahl

Das Handeln des Hochschulrates in Sachen Rektorenwahl der Universität Leipzig sei „alternativlos“, ließ der Vorsitzende dieses merkwürdigen Honoratiorenclubs Prof. Dr. Reinhold Grimm in der vergangenen Woche verlauten. So kann nur einer reden, der sich in der antidemokratischen Tradition deutscher Universitäten stehend sieht. Denn das Problem der Universität Leipzig heißt nicht Beate Schücking. Das Problem ist der Machtanspruch eines absolutistisch wirkenden und abseits aller demokratischen Grundregeln zusammengesetzten Gremiums genannt „Hochschulrat“. Dieses ist niemandem Rechenschaft schuldig und kann – sich abschottend von der demokratischen Öffentlichkeit – schalten und walten, wie es will. So wird Herr Grimm die Entscheidung des Hochschulrates nicht etwa vor dem öffentlich tagenden Wahlkörper, dem erweiterten Senat, erläutern, sondern in der abgeschiedenen Runde des Senats. Ein solch selbstherrliches Gebaren eines Gremiums hat mit Autonomie der Universität nichts zu tun. Vielmehr muss jeder demokratisch gesinnte Bürger darüber erschrecken, dass die Universitäten des Freistaates Sachsen weitgehend demokratiefreie Zonen geworden sind, in denen Öffentlichkeit nach wie vor ein Fremdwort ist. Ein solches Erschrecken wünschte man sich auch bei der sächsischen Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst Eva-Maria Stange. Anstatt ein Gremium zu verteidigen, durch das demokratische Meinungsbildungs- und Entscheidungsprozesse an den Hochschulen ausgehebelt werden, wäre es an der Zeit, den Hochschulrat abzuschaffen. Doch damit ist es allein nicht getan. Denn zu fragen ist: Was ist mit denen, die diese Strukturen geschaffen, zugelassen und akzeptiert haben und die sie heute noch verteidigen? Wo bleibt der Aufschrei der Hochschulangehörigen, die sich von einem Hochschulrat vorführen lassen wie dumme Jungen? Zu kritisieren sind aber auch die Mitglieder des Hochschulrates, die sich als renommierte Wissenschaftler dafür hergeben, in einem solchen Geheimgremium mitzuarbeiten. An ihrer demokratischen Gesinnung sind Zweifel mehr als angebracht. Es gehört schon ein hohes Maß an Demokratieverachtung dazu, mit der Arroganz aufzutreten, wie sie der Vorsitzende des Hochschulrates Prof. Dr. Reinhold Grimm in der Causa Schücking derzeit an den Tag legt – sich in der Sicherheit wiegend, öffentlich nicht Rede und Antwort stehen zu müssen. Da wird also die amtierende Rektorin, die sich um eine Wiederwahl bewirbt, durch den Hochschulrat vorzeitig vom Wahlverfahren ausgeschlossen. Für ein solches Handeln gibt es nur einen Grund: Der sog. Hochschulrat befürchtet, dass die ausgebootete Kandidatin vom erweiterten Senat der Universität doch gewählt werden könnte. So handeln auf dieser Welt nur noch Diktatoren, die vor Scheinwahlen ihre Konkurrenten schnell wegsperren lassen, damit sie das 99,8-Prozent Ergebnis nicht gefährden. Dieses Trauerspiel wird aber nun an einer deutschen Universität im Jahr 2015 aufgeführt – eine Institution, an der die Führungskräfte unserer Gesellschaft ausgebildet werden, die in den nächsten Jahrzehnten den demokratischen und sozialen Rechtsstaat gestalten, entwickeln und verteidigen sollen. Wie soll das aber gehen, wenn im universitären Alltag absolutistische Willkür herrscht und die Demokratie mit Füßen getreten, nein: verachtet wird? Man darf gespannt sein, wie sich der erweiterte Senat der Universität Leipzig verhalten wird. Denn er verfügt durchaus über Alternativen. Wenn er, d.h. wenn die Hochschulangehörigen, noch einen Funken von Selbstachtung aufbringen, dann müssen sie – unabhängig von den nominierten Personen – jeden Wahlvorschlag des Hochschulrates ablehnen und so einen neuen Wahlvorschlag erzwingen.

Nachtrag: Gerade habe ich mir ein Interview mit Herrn Grimm angehört http://mephisto976.de/news/unschuecklich-50946 – eine peinliche Realsatire. Eine Universität, die von diesem stotternden, über die Zusammensetzung des von ihm geführten Gremiums ahnungslos schwadronierenden Professor „beaufsichtigt“ wird, sollte sich schnellstens Gedanken über ihr Selbstverständnis machen.

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