Anlässlich der Leipziger Buchmesse möchte ich auf zwei Bücher aufmerksam machen.
Der Journalist des WDR und Theologe Arnd Henze hat schon mit seinem Buch „Kann Kirche Demokratie. Wir Protesanten im Stresstest“ (Freiburg im Breisgau 2019) den Finger in eine wunde Stelle der Kirche gelegt: ihr Verhältnis zur Demokratie. Dabei ist er der Frage nachgegangen, welche Ressourcen die Kirchgemeinden zur Stärkung der Demokratie einbringen können bzw. wo sie selbst durch ihre Strukturen und Prägungen zur Schwächung der Demokratie beitragen. Seine Bestandsaufnahme beginnt mit der Rolle, die die „frommen weißen Christen in den USA“ spielen. Diese Rolle stellt Henze in seinem neuen Buch dar, das pünktlich zur Leipziger Buchmesse erschienen ist und auf das ich gerne und mit Nachdruck aufmerksam mache:
Arnd Henze, Mit Gott gegen die Demokratie. Warum der christliche Nationalismus alle angeht, 224 Seiten, Gütersloh 2026, 20,00 € (auch als eBook)
Hinweis:
Lesung mit Arnd Henze im Rahmen von „Leipzig liest“, Freitag, 20. März 2026, um 19:00 Uhr in der Friedenskirche, Kirchplatz 3, 04155 Leipzig-Gohlis
Henze, ein ausgewiesener Kenner der religiösen Strömungen in den USA, beginnt den 1. Teil seines Buches („Die Zeit der Rache“) mit einer wichtigen Begriffsklärung. Diejenigen, die aus dem kirchlichen Bereich Trump und die MAGA-Bewegung unterstützen, werden in Deutschland gemeinhin als „evangelikale Christen“ bezeichnet. Doch dieser Begriff ist nach Henze irreführend. Er möchte eher von einer „religiösen Rechten“, von „christlichen Nationalisten“ oder schlicht von „MAGA-Gläubigen“ sprechen. Anhand von fünf zentralen Figuren der MAGA-Bewegung stellt Henze die toxische Verbindung von einer „theokratischen Ideologie“ mit „kühlem strategischem Machtdenken“ dar: Kriegsminister Pete Hegseth, Budget-Direktor des Weißen Hauses Russel Vought, der 2025 ermordete Mitbegründer und Vorsitzende der rechten Jugendorganisation „Turning Point USA“ Charlie Kirk, der Stabschef Stephen Miller und Vizepräsident JD Vance.
Im 2. Teil „Wiederholt sich Geschichte“ vergleicht Henze die MAGA-Bewegung mit der nationalsozialistischen Glaubensbewegung „Deutsche Christen“ während des Dritten Reiches, stellt sehr sachkundig Unterschiede und Übereinstimmungen dar und diskutiert die Frage, ob die ICE Behörde mit der Gestapo der Nazis gleichzusetzen ist. Henze kommt zu dem Ergebnis: „Wir können aus der Geschichte lernen. In den USA erleben wir heute an vielen Orten den Widerstand, an dem es 1933 in Deutschland gefehlt hat. Wären Gerichte, Zivilgesellschaft und Kirchen damals auch so mutig gewesen, wäre die Geschichte vielleicht anders verlaufen.“
Im 3. Teil stellt sich Henze der Herausforderung, die derzeit landauf landab diskutiert wird: „wie sich Demokratie retten lässt“. Dabei widerspricht er erfreulich klar der These von Hartmut Rosa, dass Demokratie Religion brauche. Henze weist darauf hin, dass die Demokratie zumeist gegen die Kirchen erkämpft werden musste und dass autokratische Parteien und Regierungen wie in Polen und Ungarn von Kirchen unterstützt werden. Ausdrücklich warnt er vor noch mehr Religion im öffentlichen Raum. Leider blendet Henze dabei aus, dass es im Protestantismus dennoch Keimzellen für demokratische Aufbrüche gab – man denke an die 12 Artikel der Bauern, an die Rolle der Freikirchen in England oder an die Friedliche Revolution 1989/90. In seinem Buch aber knüpft Henze vor allem an Dietrich Bonhoeffer an und entwickelt einen „Dreiklang“ als Aufgabe der Kirche gegenüber dem Staat: Mahnen, Hinwendung zu den Opfern (diakonisches Handeln), Notwendigkeit des Widerstands (dem Rad in die Speichen greifen). Er stellt dann dar, dass in den USA sehr viel mehr von dem geschieht als wir hier wahrnehmen. So endet das Buch durchaus ermutigend – auch wenn die Fakten, die Henze über die „Gotteskrieger“ der MAGA-Bewegung und die religiösen Gralshüter einer Theokratie zusammenträgt mehr als erschreckend sind. Zum Schluss entwickelt er im Blick auf die Midterms im November 2026 ein Worst Case und ein Best Case Szenario für die Entwicklung in den USA – mit der Aussicht, diese spätestens nach den Wahlen Ende des Jahres auf den Prüfstand zu stellen.
Henzes Buch erscheint zur richtigen Zeit. Denn nachdem die AfD Sachsen-Anhalt in ihrem Programm den „Kirchensteuerkirchen“ den Kampf angesagt haben und in Zukunft Freikirchen a la MAGA-Bewegung unterstützen wollen, ist der Blick über den Teich besonders hilfreich. Die AfD beabsichtigt nichts anderes, als einen nationalistisch verfälschten christlichen Glauben als ideologisches Kampfinstrument zu nutzten gegen die Demokratie. Darum kann ich nur jeder und jedem die spannende Lektüre dieses gut lesbaren, informativen und theologisch fundierten Buches empfehlen.
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Das zweite Buch, auf das ich aufmerksam machen möchte, ist wahrscheinlich in keiner Auslage einer Buchhandlung zu finden. Es stammt vom freischaffenden Journalisten Johannes Zang:
Johannes Zang, „Und am Kontrollpunkt wartet die Erniedrigung“. 33 Christen aus Palästina reden Klartext, messidor (Hampp) Verlag, ISBN 978-3-9-42561-54-9, 19,90 €
Das Besondere an diesem Buch: Es kommen 33 Palästinenser:innen aus Jerusalem, Ortschaften im Westjordanland (Bethlehem, Beit Jala, Beit Sahour, Ramallah, Bir Zeit) und aus dem Ausland zu Wort. Was sie verbindet: Sie sind Christen, gehören unterschiedlichen Kirchen und Freikirchen an. In Israel/Palästina leben noch ca. 190.000 Christen, davon 50.000 in den besetzten Gebieten (Ostjerusalem, Westjordanland, Gaza). Zang stellt seinen Interviewpartner:innen immer dieselben Fragen . Eingeleitet werden die Interviews mit einer kurzen Vorstellung der Person.
Wer dieses Buch liest, bekommt abseits der tagespolitischen Ereignisse einen Eindruck von dem, was palästinenische Christen Tag für Tag an Demütigung ertragen und aushalten müssen und wie sie dennoch voller Hoffnung in die Zukunft blicken und sich nicht vom Hass überwinden lassen. Allerdings schwingt in den Antworten auch viel Bitterkeit mit: über die alltäglichen Schikanen der israelischen Behörden und über das Schweigen der europäischen Kirchen zu dem Unrecht, dem sie ausgesetzt sind. Wer die Mitte 2025 geführten Interviews, eingerahmt mit wichtigen Sachinformationen, auf sich wirken lässt, dem wird überdeutlich, welch verheerender politischer Entwicklung die Menschen in den von Israel besetzten Gebieten Palästinas ausgesetzt sind. So unverhandelbar das Existenzrecht des Staates Israel ist, so klar muss sein, dass das bundesdeutsche „an der Seite Israels stehen“ nicht bedeuten kann, die unerträgliche Politik der Netanjahu-Regierung gegenüber den Palästinensern in Israel und in den besetzten Gebieten einfach hinzunehmen oder zu rechtfertigen. Die Rechte der Palästinenser:innen dürfen nicht länger und weiter so eingeengt werden, dass für Menschenwürde und Recht kein Platz mehr bleibt. Das muss auch die Kirchen auf den Plan rufen.
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Ein Kommentar
Mit Henze sowie mit Bischof Christian Stäblein diskutierte Akademiedirektorin Friederike Krippner, vor welche Fragen dieses Phänomen die Kirchen stellt und wie weit historische Vergleiche dabei tragen. Live aus den USA teilte außerdem Professorin Sabine von Mering, Direktorin am Center for German and European Studies an der Brandeis University, ihre Einschätzung zur dortigen politischen Lage.
Video auf YouTube https://ogy.de/nrei