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Schieflage

Es war am vergangenen Sonntag, 7. September 2025. Der Leipziger Synagogalchor hatte ins Museum der Bildenden Künste zu einem Festkonzert „Erhebt euch, ewige Tore!. Zwei Synagogenweihen in Leipzig“ eingeladen. Hintergrund des Konzertes waren die Einweihung der Großen Gemeindesynagoge in der Gottschedstraße am 10. September 1855 und die Wiederindienstnahme der Brodyer Synagoge in der Keilstraße am 28. Oktober 1945. An dem Konzert nahmen ca. 250 Menschen teil. Neben dem Synagogalchor wirkten amarcord, emBRASSment, Anja Pöche und Clemens Posselt mit. Die musikalische Leitung hatte Philipp Goldmann. Gesungen wurden u.a. Kompositionen von Felix Mendelssohn Bartholdy, Samuel Jadassohn und Louis Lewandowski, die auch vor 170 Jahren erklangen. Zwischen den Musikstücken gab es Lesungen, Redebeiträge und eine Computersimulation der Großen Gemeindesynagoge. Sie wurde in der Reichspogromnacht 1938 zerstört.

Was war nun das Besondere an diesem Konzert, das der Printausgabe der Leipziger Volkszeitung (LVZ) keine Zeile wert war? Zum einen war es dank der herausragenden Leistung der Sänger:innen, der Instrumentalisten und eines famos dirigierenden Philipp Goldmann ein musikalisches Highlight. Zum andern wurde an zwei Gotteshäuser erinnert, welche von den Nazis, d.h. von Bürgerinnen und Bürgern der Stadt Leipzig, in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 dem Erdboden gleichgemacht bzw. auf schändliche Weise entweiht wurden. Gleichzeitig wurden jüdische Bürgerinnen und Bürger, wie schon in den Jahren zuvor, drangsaliert, in Konzentrationslager verschleppt, ermordet. Wenige Jahre später setzte mit dem Holocaust die systematische, industriell betriebene Vernichtung des jüdischen Lebens in Europa ein. 2001 entstand auf dem Grundstück der Großen Gemeindesynagoge eine eindrucksvolle Gedenkstätte. Das Konzert ermöglichte einen Rückblick auf die verhängnisvolle Geschichte der Menschen jüdischen Glaubens in Leipzig der besonderen Art. Denn in der Gegenüberstellung der wunderbaren Kompositionen mit den grauenhaften Folgen einer tief verwurzelten Judenfeindschaft, die den Holocaust ermöglichte, wurde deutlich: Solche Verbrechen sind nur möglich, wenn Menschen wegsehen, mitmachen, lang gehegte Vorurteile tradieren und kulturell wie moralisch verwüsten.

1855 war die Einweihung des jüdischen Gotteshauses in der Gottschedstraße ein großes Ereignis für die Stadt Leipzig. Noch schien der Aufbruchsgeist der bürgerlichen Revolution von 1848 zu wirken. Doch wurde die Freude über die Vielfalt des religiösen Lebens nicht von allen Gruppen der Stadtgesellschaft geteilt. So fehlten Vertreter der evangelisch-lutherischen und der katholischen Kirche bei der Einweihung der Synagoge. Den Presseberichten ist zu entnehmen, dass lediglich reformierte, deutschkatholische und griechische Geistliche an der Einweihung teilnahmen. Zu tief war der militante Antisemitismus gerade auch in den offiziellen Kirchen verankert. Schon 1850 erschien Richard Wagners antisemitische Hetzschrift „Das Judenthum in der Musik“, und 1889 fiel das im Zuge der neugotischen Umgestaltung der Thomaskirche vorgesehene Fenster für Felix Mendelssohn Bartholdy antisemitischen Einsprüchen zum Opfer (erst 1997 konnte die Schmach und Schande beseitigt werden). Das waren nur zwei der ideologischen Steine, auf denen die Judenfeindschaft der Nazis aufbauen und durch die die „nationalsozialistische Verhetzung“ sich zum monströsen Menschheitsverbrechen, dem Holocaust, entwickeln konnten.

Bei der Weihe der Brodyer Synagoge in der Keilstraße im Oktober 1945 führte der damalige Vorsitzende der Israelitischen Religionsgemeinde Richard Frank aus:

Wir können uns keiner Täuschung hingeben, dass dieser Geist (gemeint ist der Rassenhass, Nationalismus, Völkerunterdrückung, Vernichtungswillen der Nazis) noch längst nicht überwunden ist. Niemand kann in Zukunft die jetzt so oft gehörte und beliebte billige Entschuldigung gebrauchen, dass er von all den schlimmen Geschehnissen nichts gewusst habe, denn klar und offen liegt jetzt alles zu Tage. Und trotzdem kann man beobachten, dass das Gift der nationalsocialistischen Verhetzung so tief in den deutschen Volkskörper eingedrungen ist, dass sicher noch viele Jahre vergehen werden, bevor es wieder ausgeschieden sein wird. Dass ein raub- und mordgieriger Untermensch, der sich selbst überheblich den Titel eines Führers anmaßte, die Geschicke Deutschlands regeln konnte, ist wohl das größte Unglück, das Deutschland in seiner Geschichte betroffen hat. Dass er im deutschen Volke hunderttausende von Helfershelfern finden konnte, die ihm nicht nur willig, sondern in unverständlichem Sadismus sogar teilweise freudig als Henkersknechte dienten, ihn sogar zu übertreffen suchten, ist vielleicht noch trauriger.

Am Ende seiner Rede rief Frank aus:

Heute erkennt ein jeder, der nicht absichtlich die Augen verschließt, wohin die faschistische Ideologie führt.

Ob wir das heute auch noch mit dieser Gewissheit sagen können? Angesichts einer Partei wie die AfD, die bewusst an die Ideologie des Nationalsozialismus dadurch anzuknüpfen versucht, den Nazi-Terror zum „Vogelschiss der Geschichte“ zu erklären und die Erinnerungskultur als „Schuldkult“ diffamiert, sind Zweifel mehr als angebracht! Denn die Rechtsnationalisten heute betreiben genauso wie die Nazis und wie ein Donald Trump oder Viktor Orbán bewusst und gezielt die Umwertung aller Werte. Sie erklären systematisch die Lüge zur Wahrheit, und die Annäherung an die Wahrheit wird als Lüge verfolgt. Das Recht wird ausgehebelt durch die Legitimation des Unrechts. Leider sind wir im öffentlichen Diskurs jetzt schon in eine Situation geraten, in der die militante Umkehrungsstrategie der Neu-Faschisten die Wahrheitsfindung erschwert bis verunmöglicht – mit der fatalen Folge, dass jedem ideologischen Verfeindungsfeldzug Tür und Tor geöffnet sind. Höchste Wachsamkeit ist gefordert genauso wie kulturelle, moralische und politische Geistesgegenwart. Dazu hat das Konzert des Synagogalchors und seine Einbettung in die eindrucksvollen Texte einen großartigen Beitrag geleistet – gleichzeitig aber auch offenbart, was bei uns schon alles in Schieflage geraten ist.

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Nachtrag: Während ich diesen Beitrag geschrieben habe, kam die Meldung, dass die Münchner Philharmoniker und ihr zukünftiger Chefdirigent Lahav Shani, ein gebürtiger Israeli, von der Leitung des Flanders Festival Gent ausgeladen wurden. Als Grund wird angegeben: „Im Lichte seiner Rolle als Chefdirigent des Israel Philharmonic Orchestras sind wir nicht in der Lage, für die nötige Klarheit über seine Haltung dem genozidalen Regime in Tel Aviv gegenüber zu sorgen.“ Weiter heißt es: „Wir haben uns entschieden, die Ruhe unseres Festivals zu wahren und das Konzerterlebnis für Besucher und Musiker zu schützen.“ Wie bitte? Seit wann soll ein Musikfestival zur „Ruhe“ beitragen und seit wann wird ein Konzerterlebnis „geschützt“, wenn man die Musiker:innen auslädt, die für dieses Erlebnis sorgen sollen? Zu einer solch abtrusen Begründung einer skandalösen Entscheidung kann man nur kommen, wenn man verblendet ist von antisemitischen Vorurteilen. Ich gehöre zu den Menschen, die die Politik der Netanjahu-Regierung nicht nur für verhängnisvoll, sondern die Kriegführung dieser Regierung im Gaza für völkerrechtswidrig halten. Durch sie wird der (Hamas-)Terrorismus nicht überwunden, sondern gefüttert und schon gar keine Geisel befreit. Aber das liegt nicht daran, dass Regierungsmitglieder Juden sind, sondern dass sie eine rechtsradikal-autokratische Politik betreiben. Diese kritische Einschätzung hindert mich aber nicht nur daran, sondern bestärkt mich darin, das Existenzrecht des Staates Israel zu verteidigen, jeder Form des Antisemitismus entgegenzutreten und mich für das jüdische Leben in der Stadtgesellschaft einzusetzen. Darum muss jede:r europäisch gesinnte:r Demokrat:in der Entscheidung der Festivalleitung in Gent klar und unmissverständlich entgegentreten. Denn das ist Antisemitismus pur: die Übertragung von Urteilen und Typisierungen auf Einzelpersonen und Gruppen aufgrund ihrer Herkunft und religiösen Überzeugung – unabhängig von ihren persönlichen Meinungen.

Gerne verweise ich auf einen ausgezeichneten Artikel in der Rheinischen Post, in dem der politische Gesamtzusammenhang der Ausladung bedrückend klar geschildert wird.

14 Antworten

  1. Nachdem wir uns bisher vor allem mit dem Nachtrag des Beitrags befasst haben, folgende Anmerkungen:
    1. Ich denke, dass man in der heutigen Zeit die Erwartungen an Gedenkveranstaltungen nicht zu hoch ansetzen darf. Das kann man beklagen und enttäuscht sein. Das ist im Westen nicht anders., Gerade im Osten Deutschlands ist die Erinnerungskultur zur NS-Zeit eine andere als im Westen. In der DDR wurde diese Zeit nicht verschwiegen, aber anders aufgearbeitet – der Fokus lag vor allem auf dem Kampf der Arbeiterklasse gegen den Faschismus. Die Verbrechen an den Juden wurden thematisiert, aber nicht in dem Maße wie in der Bundesrepublik, wo die Erinnerungskultur stark durch die Umerziehungsmaßnahmen der Alliierten, insbesondere der Amerikaner, geprägt war.
    Nach der Wende standen für die Menschen im Osten zunächst andere, existenzielle Fragen im Vordergrund. Ob wir genug getan haben, weiß ich nicht.

    2. Was die AfD betrifft, so ist deren völkisches Denken unbestreitbar. Ein Beispiel ist die bewusste Provokation durch Aussagen wie die durch Gauland mit dem „Fliegenschiss“. Rechtlich bewegt sich dies im Rahmen der Meinungsfreiheit, moralisch ist es problematisch. Wichtig ist jedoch zu sehen, dass die AfD bewusst eine andere, polarisierende Sprache wählt, um sich von den etablierten Parteien abzugrenzen.
    Ob man daraus zwingend schließen kann, dass die AfD die deutsche Schuld relativieren oder gar leugnen will, ist jedoch nicht so eindeutig. Gauland hat betont, dass man sich zur Verantwortung für die zwölf Jahre bekenne – auch wenn seine Wortwahl aus gutem Grund Empörung hervorgerufen hat.
    Man muss sich fragen, ob moralische Appelle und Ausgrenzung etwas bewirken, wenn eine Partei wie die AfD bewusst auf Provokation setzt, um Vorteile zu erzielen. Und das offenbar mit Erfolg.

    3. Darüber hinaus sollten wir die gegenwärtige Situation im Blick behalten: Es gibt sicher einen latenten Antisemitismus , auch in diesem Land, wie in anderen auch. Persönlich meine ich , dass wir auf einem sehr guten Weg waren und da de facto kein Problem des Miteinander war. Seit Jahren jedoch ist Antisemitismus durch Konflikte importiert worden, die mit Migration nach Deutschland getragen wurden. Palästinensische Gruppen und deren Anhänger konnten lange Zeit offen Parolen gegen Israel skandieren, ohne strafrechtliche Konsequenzen befürchten zu müssen. Dazu kommt eine Politik der israelischen Regierung unter Netanjahu, die so nicht vermittelbar ist und dem Völkerrecht widerspricht. Das hat die Lage verschärft und trägt bis heute dazu bei, dass Antisemitismus in der Öffentlichkeit präsent bleibt: Weil a) Proteste schlimmster Art stattfanden, durch die Meinungsfreiheit zumindest bis 2022 vieles straffrei gedeckt und b) weil wir dazu neigen, den Begriff „antisemitisch“ inflationär zu verwenden.
    Verwenden wir einen Begriff, den wir auch für jemanden verwenden würden, den Nachbarn. Trennen wir die ethnische Komponente des jetzt lebenden Mitbürgers von der Vergangenheit seiner Ethnie und der Politik des Landes, dem er entstammt oder emotional zugehört. .

    4. Herr Wolff sieht die Gefahr faschistischer Entwicklungen und verweist auf die bekannten Autokraten, jetzt ergänzt um Trump und Orban, tendenziell der AfD. Ja diese Gefahr besteht. Das ist verständlich und das wollen wir nicht.
    Einen 2. Hitler mit dem Rassenwahn und der Herrenmenschenmentalität sehe ich aber nicht. Dennoch: Vorsicht ist geboten, man kennt das Milgram Experiment und deren Ergebnisse. Nichts ist unmöglich.
    Über die Methoden ,wie man die Menschen zum Folgen bringt, liest man sehr anschaulich bei Sebastian Haffner, Geschichte eines Deutschen (1914-1933) als Muster, wie man in D seinerzeit in Amerika der Rassentrennung lernte. Dieses Mal geht es umgekehrt.
    All diese „Autokraten“ wie sie Herr Wolff nennt, ist zu eigen, dass sie IHR Land in den Mittelpunkt stellen und dann das von ihnen (oder wie auch immer legitimierten Gruppe) definierte Gesamtinteresse des Landes über das Einzelinteresse des Einzelnen stellen. (Das sie dabei selbst nicht zu kurz kommen, versteht sich.) Dann stellen sie ihre Politik unter ein Motto, das emotional mitnimmt. Bei Trump ist es MAGA, bei Hitler die Volksgemeinschaft (in Verbindung mit der Rassentheorie), bei Orban ist es die Illiberaler Demokratie und sorgen dafür (Ergebnis offen). Allen ist gemein, dass sie das Land in schwieriger Lage übernahmen. Die USA beispielsweise sind pleite. Über die brutalen Methoden der Umsetzung des Erklärten sind wir einig und lehnen sie ab.
    5. Unser Konzept ist völlig anders. Das Gemeinwohl entsteht annahmegemäß durch die max. Freiheit des Einzelnen, der nur gezwungen ist, die Gesetze zu beachten. Formal ist der Einzelne dazu aber auch nicht verpflichtet. Das Prinzip der Subsidiarität wird umgemünzt in ein System der Anpassung an Kompromisse, die gefunden werden auf Wegen, die nicht transparent und demokratisch sind. Das Nationale Interesse ist (tendenziell) verpönt.
    Keiner von uns will ein zurück in Zeiten, die wir sehr schlimm in Erinnerung haben. Wir müssen uns aber doch daran erinnern, dass wir möglicherweise zu weit gegangen sind mit dem Thema Freiheit des Einzelnen, mit der Beherrschbarkeit von kulturellen Spannungen und der Vernachlässigung des Subsidiaritätsprinzips. Die Welt ist nicht das Heimatdorf, wo sich jeder kennt. Noch hat die kleine GROKO eine Chance. Lassen wir sie arbeiten.

  2. Im empfohlenen Artikel der Rheinischen Post heißt es: „Die Argumentation, das Flandern-Festival praktiziere lediglich eine ähnliche Strafpolitik wie die Münchner Philharmoniker selbst, die ja 2022 ihren russischen Chefdirigenten Waleri Gergijew entlassen hatten, verfängt nicht. Gergijew war und ist bekannt als Putins Freund und Lieblingsdirigent, der nie für die ukrainische Seite gesprochen hat.“

    Herr Plätzsch und Dr. Tesche liegen hier richtig, und Wolfram Goertz (der Autor des zitierten Artikels) muss wohl den Artikel 3 unseres Grundgesetzes nicht verstanden haben. Das ist noch die freundlichste Interpretation.

    Die atemberaubende Anmaßung und Arroganz, die im letzten hier zitierten Satz liegt, erschließt sich erst beim Nachdenken. Die Wurzel und Kontinuität dieses Denkens können in der deutschen Geschichte hinreichend studiert werden, die schrecklichsten Folgen in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts. Der Schoß ist fruchtbar noch. Deutschland ist wohl, mit zunehmenden Fanatismus, schon wieder auf dem Holzweg.
    Und: Herr Goertz gehört ganz sicher nicht zum rechten Rand!

      1. Selbstverständlich sind Ausladung und Kündigung politisch einzuordnen. Beide wären bzw. sind mit unserem Grundgesetz unvereinbar.
        Es kann also grundrechtskonform niemand entlassen werden, weil er „Putins Freund und Lieblingsdirigent“ ist oder weil er „nie für die ukrainische Seite gesprochen hat.“
        Übrigens kann der Autor des Artikel letzteres absolut nicht wissen. Das kann nur Herr Gergejew selbst.

        Warum rechtfertigt Herr Goertz diese Entlassung dennoch mit einer mir völlig unverständlichen, atemberaubenden Selbstverständlichkeit? Weil Herr Gergejew Russe ist? Dann wäre er ein Rassist.
        Würde er aber, unabhängig von der Abstammung, die Entlassung jedes Menschen zu begrüßen, der nicht für die Ukraine gesprochen hat? Dann wäre er kein Demokrat, sondern ein Verfassungsfeind.

        Unsere Demokratie zerstören wir selbst, weil wir ein Maß an Ungleichheit und Abwertung von Menschen zulassen, welches sie zwingend zersetzen muss.
        Die rechten Parteien verdanken ihren Aufstieg der selbsternannten demokratischen Mitte.
        Diese aber weigert sich hartnäckig, an den Ursachen dieses Aufstiegs etwas zu ändern.

        Bleibt es bei dieser Ignoranz, dann werden Rechte und Mitte sich verbünden, die Demokratie suspendieren und in weitere Kriege ziehen. Das jedenfalls könnte man aus Weimar ableiten.
        Ein Bestandteil fehlt vielleicht noch. Die ökonomische Krise. Ich fürchte aber, nicht mehr lange.

        Dass Sie, Herr Wolff, mein Szenario für abwegig halten, stört mich nicht, solange wir auf der selben Seite stehen.

  3. Christian Wolffs Beitrag macht überdeutlich, wie sehr alle verdienstvolle Mühen um Erinnerungskultur und Initiative gegen Antisemitismus und Rassismus konterkariert werden durch die israelische rechtsnationalistische Politik (der Name Benjamin Netanjahu gehört in die Reihe von Donald Trump und Viktor Orbán, lieber Christian) – und deren unselige Fernwirkung hierzulande. Sich ihrer verständlichen Empörung über Israels Gewaltregime Luft machende Demonstranten sahen sich als Antisemiten diffamiert – es hagelte Demonstrationsverbote. Jüdische Intellektuelle wurden des Antisemitismus beschuldigt von beamteten nicht-jüdischen Lordsiegelbewahrern für den Kampf gegen Antisemitismus. Dass man das auch geografisch etwas außerhalb dieser deutschen Staatsräson anders sieht – ja, das ist dann gleich wieder skandalös, antisemitisch verblendet (Wolff), blanker Antisemitismus, rote Linie überschritten (Weimer). Die genauen Beweggründe für die Entscheidung der belgischen Festivalleitung interessieren nicht. Ob sie eine sicherheitsrelevant reale Konfliktsituation zu bewältigen hatte, ob sie vielleicht legitime Gründe dafür hatte, ein politisches Zeichen zu setzen – egal. Wie hatte sich denn der Musikdirektor des Israel Philharmonic Orchestra im Vorfeld wirklich eingelassen? Friedens- und versöhnungsroutiniert, da laufendes Geschäft, oder mit Empathie und Zivilcourage Stellung bezogen gegen Netanjahu und seine Spießgesellen? Wie viele Palästinenser sitzen eigentlich im Israel Philharmonic Orchestra? Man muss es bedauern, wenn ein begnadeter Musiker unter den von seiner Regierung verschuldeten Verhältnissen zu Unrecht in Mitleidenschaft gezogen wird. Wir müssen aber aufhören, über diesem imperialistischen, rassistischen, vor keiner Mordtat zurückschreckenden Israel schnell zur Tagesordnung übergehen zu wollen, sobald jemand „Antisemitismus“ rufen könnte. Den anständigen Israelis tun wir damit keinen Gefallen. Und die innenpolitische Hygiene verlangt Konsequenz und Eindeutigkeit, gerade in Sachen Rassismus. Die Außenpolitik leidet bereits an den deutsch-israelischen Doppelstandards: Weltweit hören nicht mehr so viele auf Deutschland, wenn es um die russischen Verbrechen gegen die Ukraine und deren Menschen geht.

      1. Unterdessen erscheint die Regierung Belgiens nicht so rechtsnationalistisch, als dass sich ihr Premierminister Bart De Wever nicht öffentlichkeitswirksam einreihte in die Kritiker-Phalanx mit den Worten „Jemandem allein aufgrund seiner Herkunft ein Berufsverbot aufzuerlegen, ist rücksichtslos und unverantwortlich. Die Entscheidung hat dem Ansehen des Landes schweren Schaden zugefügt.“ (Deutschlandfunk, 12. September)

  4. Pikant: Lahav Shani soll dem bisherigen Chefdirigenten der Münchner Philharmoniker, Valery Gergiev, im September 2026 nachfolgen. Gergiev war wegen seiner Freundschaft zu Rußlands Präsidenten Putin entlassen worden.
    Gergiev hat sich mehrfach öffentlich für die Politik Putins eingesetzt, während über Shanis politische Haltung nichts bekannt ist. Ich halte es für möglich, dass ein deutsches Gericht die fristlose Entlassung Gergievs mißbilligen und Schadenersatzansprüche gegen die Stadt München aussprechen wird.

    1. Lieber Herr Plätzsch,

      auch mir fiel dieser Aspekt spontan auf. Der Vollständigkeit halber sollten wir auch Netrebko nennen, die zahlreiche Absagen erhielt – unter anderem von der MET und der Bayerischen Staatsoper –, weil sie sich weigerte, frühere positive Äußerungen über Putin zu widerrufen. Teilweise wurden sogar langfristige Verträge gekündigt. Noch 2025 kam es im Royal Opera House in London zu Protesten gegen Netrebko, obwohl sie sich inzwischen öffentlich gegen den Krieg in der Ukraine ausgesprochen hatte.
      Viele Kultur- und Wissenschaftseinrichtungen erklärten ab Anfang 2022, keine Künstler oder Partner mehr zu engagieren, die Putin unterstützen oder von russischen Staatsinstitutionen getragen werden. Die MET erließ entsprechende Richtlinien, andere folgten.

      Mir ist nicht bekannt, dass während der NS-Zeit deutsche Künstler im Ausland – selbst wenn sie linientreu waren und als entsandt gelten konnten – Auftrittsverbote erhielten.
      Shani, gebürtig in Tel Aviv, ist designierter Dirigent der Philharmoniker bei uns, zugleich Musikdirektor des Israel Philharmonic Orchestra und galt einst als Wunderkind. Die Absage an ihn aus Flandern wird als antisemitisch gebrandmarkt. Aber wie bezeichnen wir das Verhalten gegenüber russischen Künstlern? Dafür haben wir kein Wort – wir sind sprach- und einfallslos. Vielleicht ist das gut so.

      Mein Rat: Rüsten wir sprachlich ab. Wenden wir nicht für jede Zurückweisung oder Ungerechtigkeit die „Keule Antisemitismus“ an, sobald es um jüdische Mitbürger oder Bürger weltweit geht. Juden sind Menschen wie du und ich – keine Sonderlinge. Unsere gut gemeinte Sonderbehandlung schwächt sie eher.

      Nennen wir das Verhalten, Menschen auszugrenzen oder gar zu bedrohen, nur weil sie ethnisch oder kulturell mit einem Land verbunden sind, dessen Politik wir ablehnen, beim Namen: widerlich, menschenverachtend und nicht akzeptabel. Stehen wir auf der Seite der Betroffenen – auf der von Shani, aber auch auf der von Netrebko und anderen.

      1. Eine sehr merkwürdige, aber durchaus typische Diskussion. Es geht in meiner Einlassung ausschließlich um den Vorgang der Ausladung der Münchner Philharmoniker und ihres Dirigenten Lahav Shani. Dieser skandalöse Vorgang wird dadurch nicht besser oder schlechter, dass es ähnliche Vorgänge in anderem Zusammenhang gegeben haben mag. Solche Vergleiche ändern ja nichts daran, dass die Ausladung inakzeptabel und die Begründung mehr als antisemitisch ist. Das klar zu benennen ist entscheidend – völlig unabhängig davon, was es sonst noch an vergleichbaren Vorgängen gibt.

        1. Wir müssen ein unterschiedliches Verständnis von Antisemitismus haben. Wenn die Absage erfolgt wäre, mit der Bemerkung „weil er Jude ist „, dann wäre ich bei Ihnen. Wenn man aber in den geschilderten Fällen den Einzelnen mit der Politik des Heimatlandes gleichsetzt oder derartige Unterstellungen macht, hat das für mich eine andere Qualität, zumal das ein Verhalten ist, dass wir in anderen Fällen auch kennen, dass wir aber beide gerne als inakzeptabel ansehen.

      2. “ Juden sind Menschen wie du und ich – keine Sonderlinge. Unsere gut gemeinte Sonderbehandlung schwächt sie eher.“
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        „Sonderbehandlung“ ist eine sehr unglückliche Formulierung in diesem Zusammenhang.

        1. Da gebe ich Ihnen absolut Recht, Herr Plätzsch.
          Auch der Satz als Ganzes erinnert fatal an die Aussage von BK Merz über Frau Lambrecht, mit der „Quote“ tue man Frauen keinen Gefallen…

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