Pfingsten, Wave Gothic und der Geist, in dem wir leben

Am Wochenende ist es so weit: Pfingsten, das dritte der hohen Feste im Kirchenjahr, die uns einen zusätzlichen Feiertag bescheren. Doch gleichzeitig ist es das Fest, dessen Ursprung vielen Menschen nicht mehr bewusst ist – was fast zwangsläufig dazu führt, dass die Gottesdienste nur mäßig besucht und diese an Pfingstmontag vieler orten nicht mehr stattfinden – eine mehr als bedenkliche Entwicklung. Denn Pfingsten ist der Geburtstag der Kirche. An diesem Tag begann die Christentumsgeschichte vor 1984 Jahren. Geht es uns nun als Kirche so, wie vielen einsam gewordenen über 90-Jährigen, zu deren Geburtstag einzig und allein die Serien-Gratulationsbriefe seriöser und unseriöser Spendenorganisationen eintrudeln? Dabei wirft das Pfingstfest eine entscheidende Frage auf: In welchem Geist leben wir? Von welchem Geist werden wir getrieben und durch welchen Geist wird unser Leben getragen und geprägt? Wer heute Orientierung gewinnen will, wird sich diesen Fragen stellen müssen. Doch scheint es in unserer Gesellschaft eher so zu sein, dass wir zwar viele Geister beschwören, um der Eintönigkeit eines gleichermaßen gesicherten wie unübersichtlichen Alltags zu entkommen – aber in der Globalisierung der Erfahrungswelten, der eine Vielfalt und Individualisierung des Denkens und Glaubens entspricht, vermeiden wir jede Verbindlichkeit und Konsensfindung.

In Leipzig treffen sich seit über 20 Jahren am Pfingstwochenende die sog. „Schwarzen“, um in die dunkle Welt der Gothik einzutauchen: Wave Gothic. Da reicht die Spannbreite von Satanismus bis hin zum schwarz-venizianischen Karneval: Einfach einmal aussteigen aus dem Alltag und sich treiben lassen bis in die morbiden Niederungen eines nächtlichen Südfriedhofs. Wave Gothic ist keine Lebenshaltung, sondern eher ein Sammelsurium okkulten Habitus – kaum fassbar und darum der Kritik weitgehend entzogen. Doch wer es wagt, einen kritischen Gedanken zu äußern, dem wird entgegen gehalten: Aber die sind doch friedlich! Na, hoffentlich! Dennoch oder gerade deshalb muss erlaubt sein, kritisch zu hinterfragen: warum schwarz und warum die vielen Totenköpfe? Warum der Hang zum Morbiden, von den umgekehrten Kreuzen ganz zu schweigen, die ja nichts anderes als eine Umwertung der Werte andeuten: statt Liebe Hass, statt Frieden Krieg, statt Leben Tod? Darf man da nicht mehr von Geschmacklosigkeit sprechen, wenn ich allein an die fatale Parallelität manch schwarzen Outfits zur Waffen-SS denke? Warum tragen schon kleine Kinder T-Shirts mit Totenköpfen? Soll davon eine Lebensbotschaft ausgehen? Unabhängig vom schwarz-violetten Klamauk schadet es nicht, sich diesen Fragen zu stellen. Denn schließlich sollten wir das Pfingstfest nutzen, um darüber nachzudenken: In welchem Geist leben wir?

Wenn Pfingsten das Fest des Heiligen Geistes ist, dann werden wir an diesem Wochenende nicht nur unsere Seelenlage zu bedenken haben, wir werden auch der berechtigten Hoffnung Ausdruck verleihen können: Der Geist Gottes ist es, der uns vor Seelenlosigkeit bewahrt – vor einer Leere, die unser Leben in ein sich selbst zerstörendes Chaos stürzen lässt. Darum ist die Bitte um den Heiligen Geist für uns Menschen unerlässlich. Denn überall da, wo der Geist Gottes fehlt, überall da, wo die Seele aus dem Leben entwichen ist, entleeren sich die Inhalte des Lebens und entsteht ein Mangel – Mangel an Hoffnung, an Glaube, an Liebe. Ohne Geist entwickelt sich Leben zurück zur bloßen Materie und es geht nur noch um Äußerlichkeiten. Ohne Geist fehlen uns die Maßstäbe eines moralisch gebundenen Gewissens, fehlt uns auch der Wille, unserem Leben eine Richtung, eine Ausrichtung zu geben. Ohne Geist stehen wir in der großen Gefahr, nur noch um uns selbst zu kreisen, uns selbst zu genügen – uns selbst in höchste Höhen zu katapultieren und umso tiefer zu fallen. Ohne Geist scheitern wir an uns selbst, weil wir keine Möglichkeit haben, mit unseren Schwächen und Fehlern umzugehen. Denn wir müssen alles, auch das Verwerfliche, als unsere Stärke verkaufen.

Gerade Letzteres ist eine der Ursachen für viele gewalttätige Konflikte – auch für die, die uns derzeit daran zweifeln lassen, dass in unserer Welt ein guter Geist herrscht. Die katastrophalen Vorgänge in der Ukraine, in Syrien, in Israel-Palästina, im Süd-Sudan, in Nigeria legen schonungslos offen, dass Menschen nicht (mehr)von dem Geist getrieben sind, der – wie vor 1984 Jahren in Jerusalem – Versöhnung und Verständigung über alle Glaubens- und Sprachgrenzen hinweg ermöglichte. Darum gilt es sich daran zu erinnern, dass alles Wirken und Walten Gottes in dieser Welt – von der Schöpfung angefangen bis hin zum heutigen Tag – vom Geist, der Leben schafft, bestimmt ist: „Es soll nicht durch Heer oder Kraft, sondern durch meinen Geist geschehen, spricht der Herr Zebaoth.“ (Sacharja 4,6)

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