Was braucht der Mensch?

Der Ministerpräsident des Freistaates Sachsen Michael Kretschmer (CDU) ruft dazu auf, über Weihnachten keine Gottesdienste zu besuchen. Er brauche nicht „die schöne Kirche zu Weihnachten“, ließ er im Landtag verlauten. Zusätzlich wies er darauf hin, dass Maria und Joseph auch einsam in Krippe und Stall gewesen wären. Das Argument ist so stichhaltig wie die Antwort vieler Menschen auf die Frage, warum sie nie einen Gottesdienst besuchen: „Ich finde meinen Herrgott auch beim Spaziergang im Wald; da muss ich nicht in die Kirche gehen“ oder warum sie aus der Kirche ausgetreten sind: „Ich muss doch nicht einer Kirche angehören, um Christ zu sein.“ Natürlich muss man das alles nicht. Es muss auch niemand in ein Konzert, ins Kino oder Restaurant gehen. Niemand muss an Weihnachten nach Mallorca oder auf die Kanarischen Inseln fliegen oder die Eltern, Enkel oder Oma und Opa besuchen – oder eben in die Kirche gehen.

Und doch hat die Empfehlung des Ministerpräsidenten einen faden Beigeschmack. Denn sie blendet die Menschen aus, denen ein Verzicht auf den Gottesdienstbesuch sehr schwer fällt; für die der Kirchgang an Heiligabend nicht bloße Familientradition, sondern der Glaube ein Herzensanliegen, ein Lebensfundament ist (warum sonst ist die Religionsfreiheit als Grundrecht in der Verfassung verankert?); die nicht erst seit Corona vereinsamt sind; denen ein Gottesdienstbesuch so viel bedeutet wie das tägliche Brot. Für diese Menschen sind wir als Kirche da, öffnen nicht nur die Türen, sondern feiern mit ihnen Gottesdienst – um ihnen die Gemeinschaft anzubieten, die sie sonst vergeblich suchen. Ich kann nämlich die Weihnachtsgeschichte auch so lesen: Da werden die Hirten aus ihrer Tristesse, ihrer Isolation herausgerufen, um im Stall an der Krippe neue Gemeinschaft und neue Maßstäbe des Lebens zu finden und in schwerer Zeit aufzublühen – ein Gottesdienst der besonderen Art!

Ohne Zweifel: Wir müssen in diesen Wochen der Pandemie besonders behutsam, umsichtig leben und viel mehr bedenken, welche Konsequenzen meine Lebensweise für den Nächsten hat. Aber genau dafür wird uns durch die christliche Weihnachtsbotschaft der Blick geschärft – nicht zuletzt in den Gottesdiensten und durch analoge Kommunikation … und natürlich auf der Straße. Darum spielen Bläser*innen des Posaunenchors sonntags im Gemeindegebiet und vor Alten- und Pflegeheimen Choräle – mit Begeisterung und Abstand, den Menschen zur Freude, zum Trost und Gott zum Lobe. So etwas sollte niemand der Beliebigkeit und politischen Opportunität aussetzen.

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