Predigt über Galater 4,4-7
im Zusammenhang mit Kantate BWV 248/1
1. Christtag
Thomaskirche Leipzig, 25. Dezember 2013

Johann Sebastian Bach (1685-1750, Thomaskantor 1723-1750)
Jauchzet, frohlocket
Kantate 1 aus dem Weihnachtsoratorium, BWV 248,1

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.

Gott wird Mensch, aber der Mensch soll sich nicht zum Gott erheben. In dieser Spannung feiern wir Weihnachten. Auf der einen Seite ist dies eine tröstliche Botschaft: Alles, was wir mit dem Göttlichen, mit dem Jenseits verbinden – Ehre und Heiligkeit, Frieden und Gerechtigkeit – können wir jetzt in der Krippen, im Diesseits finden. Andererseits beinhaltet die Botschaft eine Warnung vor Selbstüberschätzung: Maßt euch nicht an, das Leben allein aus eigener Kraft verbessern zu können! Spielt euch nicht – auch wenn es um so wichtige Dinge wie Frieden und Gerechtigkeit geht – als Gott, als die Richtigkeitsfanatiker, als die, die über gut und böse meinen entscheiden zu können, auf. Dieser Zwiespalt ist der Grund, warum in der Mitte der 1. Kantate des Weihnachtsoratoriums mit dem Paul-Gerhardt-Choral die Frage aufgeworfen wird:
Wie soll ich dich empfangen?
Und wie begegn’ ich dir?
Wie gehen wir damit um, dass uns in Jesus Christus ein König begegnet, der es doch nicht sein will, der – wie wir es in der Bass-Arie gehört haben – überhaupt nicht der Erden Pracht achtet. Darum sind die Fragen der Bassstimme, die den vom Sopran gesungenen Choral „Er ist auf Erden kommen arm“ kommentieren, durchaus nachvollziehbar:
Ja, wer vermag es einzusehen,
Wie ihn der Menschen Leid bewegt?
Wie kommen wir damit klar, dass Gott nicht nur Mensch wird, sondern sich damit auch den ganzen Widersprüchen des irdischen Lebens ausliefert?
Der die ganze Welt erhält,
Ihre Pracht und Zier erschaffen,
Muss in harten Krippen schlafen.
heißt es in der Bass-Arie. Da scheint mit der Menschwerdung Gottes im Himmel ein Vakuum entstanden zu sein, das der Mensch meint auszufüllen zu müssen.

Damit stehen wir vor einer weiteren Frage: Wenn Gott Mensch wird, wir Menschen uns aber nicht als Gott aufspielen sollen, welche Rollenwechsel stehen uns dann ins Haus? Damit setzt sich auch der Predigttext für den 1. Christtag auseinander. Es ist ein Abschnitt aus dem Brief, den der Apostel Paulus an Gemeinden in Galatien, im Zentrum der heutigen Türkei gelegen, gerichtet hat. Es ist übrigens die einzige Stelle, an der der Apostel Paulus das Geburtsgeschehen erwähnt. Es spielt ansonsten keine Rolle – ein deutlicher Hinweis darauf, dass in der Urchristenheit Weihnachten im Vergleich zum Gedenken an die Kreuzigung und Auferstehung nur von untergeordneter Bedeutung war:
4 Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und unter das Gesetz getan, 5 damit er die, die unter dem Gesetz waren, erlöste, damit wir die Kindschaft empfingen. 6 Weil ihr nun Kinder seid, hat Gott den Geist seines Sohnes gesandt in unsre Herzen, der da ruft: Abba, lieber Vater! 7 So bist du nun nicht mehr Knecht, sondern Kind; wenn aber Kind, dann auch Erbe durch Gott.
Galater 4,4-7

Kind oder Knecht – was wollen wir sein? Eine zunächst merkwürdig anmutende Alternative, weil die meisten unter uns erwachsen sind und sich kaum als Sklave ansprechen lassen wollen. Aber wer sich einmal für ein bis zwei Stunden Zeit nimmt, um in der Grimmaischen Straße oder auf dem Promenaden Hauptbahnhof die vorbeieilenden Menschen zu beobachten und ihnen ins Gesicht zu schauen, dem begegnen ganz viele Männer und Frauen, die sich gehetzt, bedrückt, gefangen durch die Straßen und Menschenmengen schleppen, getrieben und gehalten wie von unsichtbar befehlender Hand, das Antlitz in Leere zerfallend von bedrückenden Sorgen. Ihnen scheint all das abhanden gekommen zu sein, was wir mit Kindern verbinden: Neugier, Freundlichkeit, unbekümmerte Offenheit, Freiheit und einen unverbrauchten Gerechtigkeitssinn. Wie befreiend direkt Kinder sein können, habe ich in der vergangenen Woche bei meiner letzten Andacht in der Kita forum thomanum erlebt. Über 80 Kinder hatten sich versammelt. Und als eine Erzieherin die Kinder fragte, warum sich denn Pfarrer Wolff heute verabschiedet, rief ein Mädchen laut: „Der ist alt und wird Rentner“. An dieser Wahrheit führt kein Weg vorbei – und gleichzeitig wird deutlich: Nur die Wahrheit macht frei.

Dennoch stellt sich die Frage: Warum fühlen sich in einem freien Land so viele Menschen gefangen im eigenen Ich, gefangen in der Tretmühle des Alltags, gefangen im Netz von Versagensängsten, Überforderung und Bedeutungslosigkeit? Liegt es allein an Strukturen, die Ungerechtigkeit und Abhängigkeit begünstigen, an den Überwachungsmechanismen von NSA und Netzkonzernen, durch deren Machtarroganz sich Menschen geknechtet sehen? Oder könnte es auch sein, dass es uns heute an dem entscheidenden Zuspruch fehlt, den Paulus den Christen in Galatien zuruft:
So bist du nun nicht mehr Knecht, sondern Kind;
Was für ein Selbstbewusstsein kann aus dieser Zusage erwachsen. Denken wir an das, was der Vater des amerikanischen Bürgerrechtlers Martin Luther King seinem Sohn immer wieder ins Stammbuch geschrieben hat:
Es wird euch keiner als Sklave behandeln, wenn ihr nicht als Sklave denkt.
Könnte es sein, dass wir viel zu schnell die Rolle zu übernehmen bereit sind, in die uns andere zwanghaft drängen wollen? Könnte es auch sein, dass viele, die sich als die Herren aufspielen, auch nur Knechte ihrer eigenen Hybris sind – auch der überheblichen Anmaßung, sein zu wollen wie Gott? Könnte es sein, dass wir den Zuspruch des Paulus nicht nur uns selbst, sondern auch der nächsten Generation, Jugendlichen und Kindern, ohne Not vorenthalten?
So bist du nun nicht mehr Knecht, sondern Kind;

Kinder, die sieht man natürlich auch auf unseren Straßen – aber werden sie nicht schon früh auf Knecht getrimmt? Sind sie nicht schon viel zu sehr Teil einer geregelten Erwachsenenwelt und in diesen Zwängen gefangen – und wenn sie dann ausbrechen, wer fängt sie auf? Wie ist es um die Freiheit bestellt, wenn wir Kinder über I-Phone einer fast Totalkontrolle aussetzen? Wie steht es um die Freiheit, wenn wir Kinder in der öffentlichen Diskussion als Einschränkung, Störfaktor, finanzielle Belastung betrachten und nicht begreifen, dass sie uns eigentlich von dem, was uns gefangen hält, befreien wollen? Und wie kann sich Freiheit in unserer Gesellschaft entwickeln, wenn wir die Generation, die uns auf Trab halten und das Leben neu erlernen, ja erfinden soll, immer mehr ausdünnen (Leipzigs erfreuliche Geburtenrate ist ja Ausnahme und nicht Regel)? Und dann steht auch die Frage an, mit der sich Paulus auseinandersetzt: Wie kann Freiheit überhaupt wachsen, wenn wir sie uns nicht schenken lassen wie ein Kind und durch das Kind? Wie gut, dass wir in der Auseinandersetzung um diese Fragen zurückgreifen können auf den Zuspruch des Paulus
So bist du nun nicht mehr Knecht, sondern Kind;
Hoffentlich spüren wir den durchaus revolutionären Geist, der in diesem Satz steckt. Denn Paulus will aus dem Leben eines Christenmenschen keine kindliche Idylle machen. Vielmehr hält er ein Plädoyer für die Freiheit, die ihren Ausgang nimmt beim Kind in der Krippe. An dieser zerbrechen alle Herrschaftsideologien. An dieser wird sich der Mensch bewusst: ob Hirte oder König, ob Prolet oder Herr – das alles hat keine Bedeutung mehr. Denn es geht nicht um Herr oder Knecht, sondern um das Kind – um die Menschwerdung Gottes und darum um die Menschwerdung des Menschen.

Und nun dürfte es uns nicht schwerfallen, all die Bereiche auszuleuchten, in denen sich Herren und Knechte tummeln – und das Kind, den Menschen nicht mehr wahrnehmen. Wir brauchen gar nicht bis in die jungen Gesellschaften des Nahen Ostens und Afrikas gehen, in denen Millionen Kinder von kleinauf in die grausame Erwachsenenwelt von Gewalt und Krieg gepresst werden. Es reicht, wenn wir die ekelhaften Parolen hören, die Neonazis in Schneeberg oder Leipzig vor den Flüchtlingsunterkünften grölen und die bei nicht wenigen Bürgerinnen und Bürgern hinter den Gardinen Zustimmung finden: „Kinderschutz vor Asylrecht“; doch wollen sie nichts anderes, als Menschen gewalttätig auszugrenzen, in ihrer Würde zu beschädigen und dafür Massen gefügig zu machen. Wie wichtig, dass gerade wir Christen von den Grundlagen unseres Glaubens her dieser politischen und moralischen Irrlehre widerstehen, um vor allem auch Kindern der Flüchtlinge aufzuzeigen:
So bist du nun nicht mehr Knecht, sondern Kind;

Paulus formuliert mit diesem Satz die Weihnachtsbotschaft neu – und kommt dabei ohne Tannenbaum, Schwippbogen und Räucherkerzen aus. Nüchtern unterstreicht er auch die Natürlichkeit der Geburt Jesu:
geboren von einer Frau und unter das Gesetz getan
Paulus ist der Gedanke einer Jungfrauengeburt ebenso fremd wie eine Sonderstellung Jesu als eines auf Rosen gebeteten Götterknaben, der anzuhimmeln ist. Wenn er davon spricht, dass Jesus von einer Frau geboren wurde, dann wollte er damit vor allem unterstreichen: Jesus war den ganz normalen Bedingungen einer irdischen Existenz ausgeliefert – eben unter das Gesetz getan. Jesus wurde wie jeder jüdischer Junge nach acht Tagen beschnitten. Er wuchs in der Tradition des Glaubens Israels auf, setzte sich schon als Jugendlicher mit dieser kritisch auseinander und drängte auf Erneuerung. Er machte sich in seinem Wirken den Menschen gleich, um gerade dadurch die Nähe Gottes zu den Menschen, vor allem zu denen, die mit ihrem Leben nicht zurechtkommen, zu bezeugen. Das Besondere aber war und ist: Er lehnt für sich die Rolle strikt ab, die wir gerne selbst einnehmen und die die Menschen zurzeit Jesu ihm aufdrücken wollten: wie Gott zu sein, makellos, allmächtig und im Zweifelsfall brutal die eigenen Interessen durchsetzend. Nein – Jesus hat sich vollkommen den Menschen unterworfen, auch ihrer Niedertracht, was ihn schließlich ans Kreuz brachte. Aber sein Leben wurde von Gott dennoch ins Recht gesetzt. Was am Kreuz scheinbar unter die Räder kam: Jesu umfassende Liebe, seine Gewaltlosigkeit, seine Barmherzigkeit – das wurde mit der Auferstehung von den Toten neu belebt. All dies dient dem einen Ziel: dass wir Menschen nicht mehr Knecht sind, sondern Kind; dass wir nicht mehr gefangen sind im Räderwerk dieser Welt, sondern erlöst werden.

Erlösung – das ist das zentrale Stichwort in den paulinischen Gedanken. Und auch damit greift der Apostel einen wesentlichen Aspekt des Weihnachtsgeschehens auf. Denn die Menschen, die sich um die Krippe versammelt hatten, wurden erlöst, herausgelöst aus ihrem bisherigen Umfeld. Die Hirten verließen die Felder bei Bethlehem, die Weisen wichen vom normalen Weg ab und suchten den Stall auf, Maria und Joseph fanden trotz Umherirrens in einer fremden, unwirtlichen Welt einen neuen Unterschlupf im Stall. All dies war mit Ängsten, mit Vorbehalten, mit Zweifeln verbunden. Aber als sie sich gemeinsam dem Kind näherten und in ihm den Retter erkannten, da wurde ihnen bewusst: Du, Hirte, bist nicht mehr Knecht! Aber auch: Du, Weiser aus dem Morgenland, bist nicht mehr König! Und auch Du, Maria, wirst aus Deiner Bedeutungslosigkeit herausgerufen; und Du, Joseph, musst Dich nicht mehr als Geprellter verstecken. Ihr alle seid Kind des Gottes, den ihr anrufen könnt:
Abba, lieber Vater!

Und sie alle können begreifen: Solange ich Sklave, Knecht bin, bleibt mir nur Verfluchung oder Unterwerfung, Revolution oder Anpassung. Solange ich König bin, bleibt mir nur Vernichtung derer, die sich meinen Herrschaftsansprüchen in den Weg stellen. Aber als Kind, als Kind kann ich vertrauen und als Erbe Gottes habe ich Anteil an dem, was Gott uns mit dem Kind in der Krippe schenkt: die Barmherzigkeit, die Gerechtigkeit, die Ehrfrucht vor dem Leben. Nelson Mandela sagte einmal:
Du bist ein Kind Gottes. Wenn du dich klein machst, dient das der Welt nicht. Es hat nichts mit Erleuchtung zu tun, wenn du schrumpfst, damit andere um dich herum sich nicht verunsichert fühlen. Wir wurden geboren, um die Herrlichkeit Gottes zu verwirklichen, die in uns ist. Sie ist nicht nur in einigen von uns, sie ist in jedem Menschen. Und wenn wir unser eigenes Licht erstrahlen lassen, geben wir unbewusst anderen Menschen die Erlaubnis, dasselbe zu tun. Wenn wir uns von unserer eigenen Angst befreit haben, wird unsere Gegenwart ohne unser Zutun andere befreien.
Das ist das Geschenk der Weihnacht: Jedem Menschen gilt die Verheißung als Kind Gottes Erbe des Lebendigen zu sein. Lasst uns dieses Erbe annehmen und weitergeben. Denn in ihm verbirgt sich ein großer Schatz, der die Faszination von Weihnachten ausmacht: die Verbindung von Traum, verantwortlichem Leben und dem Lob Gottes.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.