Verantwortung vor Gott und den Menschen – Ansprache im Friedensgebet am 20. Mai 2019

Seit einigen Jahren wird das Friedensgebet in der Nikolaikirche, das im Umfeld des 23. Mai stattfindet, vom „Arbeitskreis Christinnen und Christen in der SPD“ gestaltet. Denn der 23. Mai ist nicht nur Verfassungstag. Der 23. Mai 1863 gilt auch als Gründungstag der SPD. Das Friedensgebet am 20. Mai 2019 stand unter dem Motto „In 156 Jahren Sozialdemokratie: 100 Jahre Weimarer Verfassung – 70 Jahre Grundgesetz – 30 Jahre Friedliche Revolution“. Im Friedensgebet habe ich die folgende Ansprache gehalten.

Vor 10 Tagen wurde in Leipzig der Bücherverbrennung durch die Nationalsozialisten am 10. Mai 1933 gedacht. Vor allem junge Menschen lasen einige Abschnitte aus damals verfemten Büchern vor. Ich selbst habe einen Abschnitt aus dem Buch des Theologen Günther Dehn (1882-1970) vorgetragen: „Proletarische Jugend“, erschienen im Jahr 1929, 1933 von den Nazis verbrannt. Darin geht Dehn der Frage nach, ob die Kirche mit ihrer Botschaft die Arbeiterschaft, insbesondere die proletarische Jugend, noch erreichen könne. Dehn war von 1911 bis 1930 Pfarrer in einer Arbeitergemeinde in Berlin-Moabit. Aufgrund seiner Haltung als religiöser Sozialist war er als „roter Pfarrer“ verschrien. Auch heute noch liest sich seine Analyse sehr ernüchternd:

Die Gemeindekirchenräte unserer Arbeitergemeinden werden beherrscht vom mittleren Beamtentum … Es ist selbstverständlich, dass man Kriegervereinen und Stahlhelmgruppen die Kirchen zum Festgottesdienst öffnet, sie aber dem Reichsbanner verweigert, dass man das Andenken der Gefallenen durch Kränze mit schwarzweißroten Schleifen ehrt, dass man am Verfassungstag (aber) einstimmig das Festgeläut verweigert … Es steht fest …, dass der Kern der Kirchgemeinde im Berliner Arbeiterviertel im religiösen, politischen und wirtschaftlichen Gegensatz zur breiten Masse der Gemeinde steht, und dass man nichts tut, um diese Gegensätze auszugleichen und zu mildern, sondern es für seine Pflicht hält, sie zu betonen und dadurch zu vertiefen. Das geschieht gewiss nicht aus böser Absicht heraus, sondern einfach aus der selbstverständlichen Überzeugung, ein Christ müsse politisch rechts stehen.[1]

Dehn beschreibt hier eindrücklich, wie tief die Kluft zwischen Kirche und Sozialdemokratie Anfang des 20. Jahrhunderts war, wie weit sich die Kirche von der arbeitenden Bevölkerung entfernt hatte und wie distanziert sich die Evangelische Kirche zur ersten deutschen Demokratie verhielt. Von 1922-1924 gehörte Dehn der SPD an. Er trat aus, weil sein Versuch, eine Brücke zwischen Kirche und Sozialdemokratie zu bauen, in der SPD auf keine Gegenliebe stieß. So war das vor 1945: eine verbitterte Frontstellung zwischen Kirche und Sozialdemokratie – vor allem aber eine evangelische Kirche, die die Demokratie als Staatsform ablehnte, die Weimarer Verfassung als ein Unglück ansah und den mit der Abschaffung der Staatskirche vergangenen Privilegien nachtrauerte.

Das alles haben wir zu berücksichtigen, wenn wir heute nachdenken über die Grundwerte des Glaubens und der Sozialdemokratie und diese in einem Zusammenhang sehen. Denn so sehr beide sich im 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gegenseitig bekämpft haben, so unstrittig sollte es sein, dass christlicher Glaube und Sozialdemokratie in ihren Grundanliegen gar nicht so weit auseinanderliegen. Dazu zwei Hinweise:

  1. Der ehemalige Bundespräsident Gustav Heinemann (1899-1976), überzeugter Christ und Sozialdemokrat, hat immer wieder darauf verwiesen, dass – im Gegensatz zu Deutschland – das Entstehen der Labour-Party und der Gewerkschaften in England ohne die Freikirchen nicht denkbar ist. Weil es dort (in England) neben der konservativen Staatskirche eine Vielzahl von Freikirchen gab, aus denen der Arbeiterpartei und den Gewerkschaften die Kräfte zuwuchsen, die mit der Ablehnung der Staatskirche den Kampf für sozialen Fortschritt verbanden, entfiel dort der politische Anstoß für eine Entfremdung der Arbeiterschaft gegenüber dem Christentum. Anders als in Russland und in Deutschland ist der Marxismus in England zu keiner Zeit eine Ersatzreligion geworden.[2]
  2. Der große Jurist und Sozialdemokrat Gustav Radbruch (1878-1949), von den Nazis verfolgt, führte 1946 als Dekan der juristischen Fakultät der Universität Heidelberg aus: Wir haben in den vergangenen zwölf Jahren erlebt, wie alle anderen geistigen Mächte, die Universitäten und die Wissenschaft, die Gerichte und die Rechtspflege, die politischen Weltanschauungen und die Parteien, vor der Tyrannei zusammenbrachen und nur eine unter ihnen allen sich behauptete: Christentum und Kirche.[3]

Selbst wenn dem einen oder anderen angesichts der mehr als vagen Haltung der Kirche den Nazis gegenüber die Sicht Radbruchs fast zu euphemistisch erscheint, so bleibt wichtig festzuhalten: Von den Grundlagen des christlichen Glaubens her können wir gar nicht anders, als in der Demokratie- und Menschenrechtsbewegung seit der Reformation, in den Grundwerten der Verfassung, die Grundanliegen des biblischen Glaubens verwirklicht zu sehen: die Menschenwürde; die Gleichberechtigung, die dem Priestertum aller Gläubigen entspricht; die Barmherzigkeit, die Ehrfurcht vor dem Leben, Nächstenliebe und Solidarität. „Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.“ (Galater 6,2) – das ist nicht nur ein beliebter Trauspruch; es ist vor allem der unbedingte Auftrag zur Solidarität. Nicht die inhaltlichen Gemeinsamkeiten mit sozialdemokratischen Überzeugungen sollten uns Christen verunsichern. Verstören muss uns auch heute noch, dass wir als Kirche vor der sozialen Frage, vor dem Friedensauftrag im 19. und 20. Jahrhundert so kläglich versagt haben. Das darf sich niemals wiederholen.

Darum ist eines ganz wichtig: Wir müssen als Christen immer wieder begreifen, welch tragende, erneuernde, tröstliche, aufrüttelnde Kraft von der biblischen Botschaft dann ausgeht, wenn wir das erste Gebot als theologisches Axiom (Karl Barth), also als nicht hinterfragbare Voraussetzung, verstehen: Ich bin der Herr, dein Gott, der ich dich aus dem Ägypterland, aus der Sklaverei befreit habe; du sollst keine anderen Götter haben neben mir. (1. Mose 20,2)

Dieses Gebot begründet nicht einen autoritären Macht und schon gar keinen Absolutheitsanspruch. Im Gegenteil: Damit wird jedem ideologischen, religiösen, politischen, kulturellen Herrschaftsanspruch von Menschen und Mächten widersprochen. Damit ist aber auch klar, dass sich alle Grundwerte von diesem Gebot ableiten und an ihm messen lassen müssen. Es waren die Propheten, die soziale Verwerfungen, militärische Abenteuer, ungerechte Systemen auf die Missachtung des 1. Gebotes zurückgeführt haben. Dafür versuchte der große Theologe Karl Barth (1886-1968), übrigens auch Mitglied der SPD, die Kirche und die Christen immer wieder zu sensibilisieren, wenn er jede Gleichsetzung von Gott und Mensch ablehnte. Schade, dass die Theologie Barths heute an den Theologischen Fakultäten kaum noch eine Rolle spielt.

Die Mütter und Väter des Grundgesetzes haben allerdings mit dem Gottesbezug in der Präambel unserer Verfassung diese Anbindung an das 1. Gebot aufgegriffen – nicht, um aus dem Grundgesetz ein christliches Dokument zu machen oder die sog. weltanschauliche Neutralität des Staates durch die Hintertür aufzuheben. Vielmehr ging es darum, dem Totalitätsanspruch politischer Ideologien einen Riegel vorzuschieben. Es war der Sozialdemokrat Hans-Jochen Vogel, der nach der Vereinigung der beiden Staaten in der gemeinsamen Verfassungskommission von Bundesrat und Bundestag Anfang der 90er Jahre dafür eintrat, dass die Warnungen vor Totalitarismus und Allmachtsphantasien, die mit dem Gottesbezug ausgesprochen werden, nach wie vor zeitgemäß sind (siehe: https://www.bundestag.de/parlament/grundgesetz/gg-serie-01-praeambel-634542). Er widersprach damit Wolfgang Ullmann von Bündnis 90/Die Grünen, der den Gottesbezug streichen wollte. Wenn wir heute daran denken, wie die machohafte Allmachtsansprüche im völkisch-herrischen Auftreten der Rechtsnationalisten wieder aufleben, dann steht es uns allen gut an, nicht antireligiös, sondern interkulturell, universal auf das zu blicken, was uns Menschen vor Grenzüberschreitungen bewahrt: die Verantwortung vor Gott, dem Einen und ganz Anderen, und den Menschen.

Genau das wird auch deutlich an der Haltung, die die Kirche und viele Christen während der Friedlichen Revolution 1989/90 und davor eingenommen haben. Da stand die evangelische Kirche nicht nur zum ersten Mal seit Jahrhunderten auf der richtigen Seite der Barrikaden. Sie hat sowohl durch ihre reformatorische, quasi demokratische Verfasstheit wie auch durch die in den 80er Jahren entwickelten Inhalte des konziliaren Prozess für Gerechtigkeit, Frieden, Bewahrung der Schöpfung die Prioritäten des Glaubens sichtbar gemacht und damit entscheidende Grundwerte neu in den Mittelpunkt gerückt: die Gewaltlosigkeit, die Option für die Benachteiligten, ein pfleglicher Umgang mit den natürlichen Ressourcen. Vor allem hat sie verdeutlichen können, was ein Grundanliegen des Glaubens ist: die Befreiung des Menschen aus selbst verschuldeter Unmündigkeit; d.h. aktiv dafür einzutreten, dass Systeme von Diktatur, Bevormundung und Entmündigung zugrunde gehen, und gleichzeitig uns Menschen immer wieder an unsere doppelte Verantwortung zu verweisen: Verantwortung übernehmen für Missstände, an denen wir auch dann beteiligt sind, wenn wir sie als solche erkennen und benennen, und Verantwortung für Demokratie, Vielfalt, Gerechtigkeit.

Im Vorfeld dieses Friedensgebetes war in einer Glosse der Leipziger Volkszeitung (LVZ, Ausgabe vom 16.05.2019) zu lesen, dass es ein gewisses „Geschmäckle“ habe, wenn der Arbeitskreis Christinnen und Christen in der SPD ein Friedensgebet in der Nikolaikirche gestaltet – und das noch im Vorfeld von Wahlen. Ja, natürlich hat das ein Geschmäckle – nämlich den Geschmack, der von den Grundwerten des Glaubens ausgeht. Dieser Geschmack ist nicht nur für Sozialdemokraten bekömmlich. Als evangelische Kirche können wir den Christen nur dankbar sein, die unter persönlichen Opfern wie ein Günther Dehn daran mitgewirkt haben, dass Christinnen und Christen und auch die Kirche nach 1945 endlich begriffen haben: Christlicher Glaube und die Grundwerte der Verfassung stehen nicht im Widerspruch, sondern bedingen sich. Eine solche Aussage können wir treffen, ohne die Unabhängigkeit der Kirche infrage zu stellen. Weder ist Kirche eine politische Partei, noch ist das Evangelium ein Parteiprogramm, noch darf Kirche als eine staatsgelenkte Institution auftreten. Aber es ist ein Segen, dass wir als Christen in verschiedenen Parteien wirken können und dass wir mit dem Grundgesetz über eine Verfassung verfügen, die Religionsfreiheit gewährleistet und gleichzeitig mit ihren Grundrechtsartikeln wesentlichen Anliegen des Glaubens entspricht. Dass dieses so bleibt, ist eine Aufgabe von allen Bürgerinnen und Bürgern, vor allem aber von Christen, die sich in Parteien wie der SPD engagieren, und eine genuine Aufgabe der Kirche. Zu dieser Aufgabe gehört aktuell, alles daranzusetzen, dass diejenigen, die die Grundwerte erneut zur Disposition stellen wollen, am Sonntag von uns in die Schranken gewiesen werden. Der Glaube und die Verfassung sind zu wertvoll, als dass sie noch einmal auf dem Altar eines völkischen Rechtsnationalismus geopfert werden dürfen. Nehmen wir also unsere Verantwortung wahr – vor Gott und für die Menschen.

[1] Günther Dehn, Proletarische Jugend. Lebensgestaltung und Gedankenwelt der großstädtischen Proletarierjugend, Berlin 1929, S. 29ff

[2] Gustav Heinemann, Die gesellschaftliche Bedeutung der Reformation, in: ders., Glaubensfreiheit – Bürgerfreiheit. Reden und Aufsätze zu Kirche – Staat – Gesellschaft 1945-1975, hrsg. von Diether Koch, Frankfurt am Main 1976, S. 261ff

[3] Gustav Radbruch, Der Mensch im Recht, Göttingen 1961, S. 108

Aufruf 2019 - Veranstaltung am 23.05.2019

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