Schuld und Befreiung – Ansprache zum 8. Mai 2015

gehalten in der Motette am 08. Mai 2015 in der Thomaskirche Leipzig. Es wurde u.a. von Walfort Davies (1869-1941) „Out of the deep“ (Psalm 130) gesungen.

Mitte Januar erhielt ich einen überraschenden Telefonanruf. Am anderen Ende meldete sich der damalige Sprecher des Pegida-Ablegers Legida, ein älterer Herr namens Jörg Hoyer. Ob ich bereit sei, mit ihm zu reden, fragte er mich. Ich bejahte dies mit dem Hinweis, dass ich grundsätzlich mit jedem spreche. Hoyer fragte mich, was ich eigentlich gegen Legida hätte. Es ginge ihm doch nur darum, dass die Kirchen wieder voller würden, und darüber müsse ich mich doch freuen. Ich antwortete: Wenn dem so sei, dann könne er doch alle Legida-/Pegida-Spaziergänger zum Gottesdienst in die Thomaskirche einladen – und dann würden sie hören, worauf es nicht nur Christen ankommt: Jeder Mensch ist – unabhängig von Nationalität, körperlicher Beschaffenheit, politischer oder religiöser Überzeugung – ein Geschöpf Gottes mit Recht und Würde gesegnet; unser Auftrag ist, sich um die Schwachen zu kümmern und das beschädigte Leben zu schützen; darum gilt unsere besondere Fürsorge den Flüchtlingen; Gewaltlosigkeit, Nächsten- und Feindesliebe sind dabei unaufgebbare Maßstäbe des Glaubens. Hoyer wendete ein, dass ich ihn nicht verstehe. Ich entgegnete: Doch, ich verstehe ihn und Legida sehr genau – aber gerade deswegen habe ich null Verständnis für die in meinen Augen gefährlichen Vorstellungen von Legida/Pegida wie die Forderung „Schluss mit dem Kriegsschuldkult“. Allein dieser Begriff zeige, dass Legida die Nazivergangenheit zu beschönigen versuche. Hoyer erwiderte: Junge Leute würden doch von der Vergangenheit nichts verstehen; die solle man damit erst gar nicht belasten. Ich entgegnete, dass mir sehr klar sei, warum Legida/Pegida, aber auch andere Rechtsradikale, nicht mehr mit der Nazi-Vergangenheit auseinandersetzen wollen. So können sie problemlos an diese anknüpfen.

Warum ich das erzähle? Heute ist der 8. Mai. Vor 70 Jahren kam das von Deutschland ausgehende, 12 Jahre andauernde gnadenlose Zerstören, Morden und Abschlachten in Europa zu einem Ende. Doch schafften dies unsere Eltern und Großeltern nicht aus sich heraus. Die Befreiung vom Nationalsozialismus haben wir den Amerikanern, den Russen, den Engländern, den Franzosen zu verdanken. Auch wenn die Vorgänge 70 Jahre zurückliegen und die meisten unter uns diese schreckliche, grauenvolle Zeit nicht miterlebt haben und schon gar nicht als Person am Verbrechen des Nationalsozialismus beteiligt waren – wir müssen uns immer wieder und neu mit der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft auseinandersetzen. Denn wir stehen in der Verantwortung, sind Teil der Schuldgeschichte unserer Vorfahren. Von dieser können wir uns nicht selbst lossprechen, auch nicht als Nachgeborene – zumal die Opfer noch unter uns leben. Wohl aber können wir – wie der Beter des 130. Psalms – auf Befreiung, Vergebung hoffen, um diese bitten: „Denn bei dir ist die Vergebung, dass man dich fürchte.“ (Psalm 130,4) Befreiung schenkt uns die Kraft, der Schuld vergangener Generationen zu stellen, um vor allem eines zu erreichen: nichts zu vergessen, an nichts anknüpfen zu müssen, was Bedingung für das Verbrechen, für die Schuld war. Darin drückt sich Ehrfurcht vor Gott aus.

Einer der nicht gerade zahlreichen Aufrechten in der Evangelischen Kirche während der Nazi-Zeit war Pastor Martin Niemöller. Von 1937 bis zum Kriegsende 1945 war er als persönlicher Gefangener Adolf Hitlers im KZ Dachau eingesperrt. Als er dieses im Herbst 1945 noch einmal aufsuchte, las er auf einer Tafel: „Hier wurden in den Jahren 1933 bis 1945 238.756 Menschen verbrannt.“ Niemöller schrieb damals erschrocken auf: „Hier fand ich den Steckbrief gegen mich, mein Alibi war zerstört; denn es ging nur von 1937 bis 1945, als ich KZ-Häftling war. Von 1933 bis 1937 war ich ein freier Mann, war Pastor meiner Gemeinde und predigte, als sei nichts geschehen. Ich hätte vor meine Gemeinde stehen müssen, um sie zu warnen, nicht mitschuldig zu werden an diesem Verbrechen.“ Niemöller sprach als erklärter Gegner des Nationalsozialismus sehr bewusst von seiner persönlichen und der Deutschen Schuld – nicht, um einen „Kult“ daraus zu machen. Vielmehr war ihm als Christ bewusst: Erst die Erkenntnis der eigenen Schuld macht den Weg frei zur Versöhnung. Aber die Schuld, die ich verdränge, wuchert weiter in mir. Darum formulierte er im Oktober 1945 im Stuttgarter Schuldbekenntnis: „Durch uns ist unendliches Leid über viele Völker und Länder gebracht worden.“

Dieses „Durch uns“, damals schon umstritten, hat nichts an Gültigkeit verloren. Es beinhaltet die Mahnung, nichts von dem zu wiederholen bzw. an das anzuknüpfen, was dazu führte, Millionen Menschen wegen ihrer Religion, ihrer politischen Überzeugung, ihrer körperlichen Schwäche, ihrer sexuellen Ausrichtung zu ermorden. Befreiung ist also sehr viel mehr als: Kapitulation. Wer im Blick auf den 8. Mai 1945 von Kapitulation spricht, bringt sich allzu schnell als Täter in die Opferrolle. Das war über Jahrzehnte der fatale Unterton vor allem in Westdeutschland. Befreiung bedeutet aber: Die Bedingungen, die zum Faschismus geführt haben – wie autoritäres, antidemokratisches Denken, Antisemitismus, Nationalismus, Kriegsbegeisterung und Gewaltverherrlichung – dürfen nicht mehr unser Leben bestimmen. Ihnen müssen wir die Werte des Glaubens entgegensetzen: Barmherzigkeit, Gewaltlosigkeit, Ehrfurcht vor dem Leben, versöhnendes Handeln. Wenn wir also Anknüpfungspunkte suchen, dann finden wir sie in den Menschen, die aufgrund dieser Werte in der Nazi-Zeit Widerstand geleistet haben – Menschen wie Paul Schneider, Georg Elser oder Hermann Stöhr.

Dass das aber nicht selbstverständlich ist, wird allein daran deutlich, dass die genannten Personen nur (noch) Wenigen bekannt sind. Aber auch in der unmittelbaren Nachkriegszeit wurde deutlich, dass die genannten Grundwerte kein Konsens sind – wobei wir uns leider nicht in einer Nachkriegs-, sondern eher in einer bis heute andauernden Vorkriegszeit befinden. Schon wenige Monate nach dem 08. Mai 1945 kam es zum Atombombenabwurf auf Hiroshima und Nagasaki. Der Befreiung am 08. Mai folgte in Europa nicht die Freiheit für alle. Wir wissen, dass die Folgelasten des 2. Weltkrieges zwischen Ost- und Westdeutschland bis 1989 sehr ungleich verteilt waren. Befreiung ist eben kein einmaliger Akt, sondern eine bleibende Bitte und ständige Herausforderung – auch heute. Genau vor einer Woche hat eine Gruppe von Neonazis in Weimar die 1. Mai Kundgebung des Deutschen Gewerkschaftsbundes überfallen – sozusagen am Fuße des Ettersberg mit dem vor 70 Jahren befreiten Konzentrationslager Buchenwald. Dieses unselige Treiben, in einer Kette vieler gewalttätiger Übergriffe auf Asylunterkünfte – ist ein Alarmzeichen. An jedem Tag werden die Gaben unseres Glaubens herausgefordert: Freiheit und Verantwortung und uns damit das Eintreten für die Demokratie abverlangt.

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