Passion

Was bei vielen Menschen völlig aus dem Bewusstsein verschwunden ist: Wir befinden uns derzeit in der Passionszeit. Christen bedenken in den Wochen nach Aschermittwoch bis zum Karsamstag das Leiden und Sterben Jesu und die Bedingungen, die zu diesem Gewaltakt führten. Im Kreuzestod Jesu rückt uns nicht nur das schreckliche Leiden eines Menschen an den Ungerechtigkeiten dieser Welt ganz nahe. Wir werden auch mit unserem Anteil an Leiden, Gewalt und Tod, mit unserem Versagen, mit unserer Feigheit konfrontiert. In der Auseinandersetzung mit dem Leiden von Menschen werden zum einen unsere Empathie, unser Mitleid, unsere Trauer und Anteilnahme herausgefordert. Zum andern aber geht es um unsere Verantwortung, unser Beteiligtsein an den Bedingungen, die zum Leiden führen. Durch das Kreuz Jesu kommt noch eine dritte Dimension hinzu: Wir müssen in einem sehr schmerzlichen Prozess uns zu der bitteren Selbsterkenntnis durchringen, dass wir dieser doppelten Herausforderung oft nicht gerecht werden. Weder vermögen wir das Leid eines gewaltsam gedemütigten, kranken, sterbenden Menschen wirklich zu erfassen, noch gestehen wir uns unsere Schuld am Leiden in der Welt ein. Dieses Dilemma des Menschen wird in den biblischen Passionsgeschichten auf dramatische Weise offen gelegt. Gibt es daraus einen Ausweg? Sicher: Wir können das ganze Problem beiseiteschieben, verdrängen. Das geschieht heute mehr denn je. Leiden, Krankheit, Verbrechen dürfen nicht sein. Tritt es dennoch auf, dann muss ein Schuldiger gefunden werden – auch deswegen, damit ich selbst keinerlei Verstricktsein ins Leiden verspüre. Ein neues Gesetz, eine neue Verordnung sollen dafür sorgen, dass zukünftig jedes Leiden verursachende Unglück oder Verbrechen möglichst ausgeschlossen werden können. Schuldige müssen zurücktreten, verschwinden, weggeschlossen werden, möglichst für immer.

Genauso diskutieren wir derzeit auch den schrecklichen Flugzeugabsturz eines Germanwings-Airbus. Doch die bittere Erkenntnis, dass wir Menschen, jeder von uns, genauso versagen, genauso zerstörerisch handeln können wie der, den ich als Täter ausmache, dass jeder Mensch von uns genauso Opfer einer Gewalttat werden kann, wie der, dessen Leben von einer Sekunde zur anderen ausgelöscht wird, dass jeder von uns genauso erkranken kann, wie der, der gerade an einem Hirntumor elendig zugrunde gegangen ist – diese Erkenntnis fällt uns schwer. Die Leidensgeschichte Jesu ist aber deswegen so sperrig, weil unter dem Kreuz Jesu die Unterschiede zwischen Gut und Böse zusammenschmelzen. Die Unterschiede zwischen den glühenden Anhängern Jesu, die sich eigentlich nichts zuschulden haben kommen lassen, und dem römischen Hauptmann, der die Kreuzigung exekutiert, oder dem Mörder, der neben Jesus gekreuzigt wird, diese Unterschiede sind am Schluss kaum mehr wahrnehmbar. Die provokante Botschaft, die darin steckt: Opfer und Täter stehen vor Gott auf einer Stufe. Er vermag das einzuebnen, woran wir scheitern. Aber bedeutet dies nun, dass es keinen Unterschied zwischen den 149 Opfern der Flugzeugkatastrophe und dem einen Täter gibt, der nicht nur sich selbst sondern auch Kinder, Jugendliche, Erwachsene in den Tod gerissen hat? Das denken zu sollen, ist kaum erträglich. Natürlich müssen wir einen Unterschied machen zwischen Opfer und Täter. Aber dieser Unterschied soll nicht bedeuten: Das Opfer bleibt immer Opfer und der Täter bleibt immer Täter. Vor Gott kann jeder seine Rolle, und sei sie noch so schändlich, verlassen. Vor Gott wird jeder wieder zu dem, was er von Anfang an war: ein Geschöpf desselben, mit Recht und Würde gesegnet. Die Bedeutung des Kreuzestod Jesu liegt gerade darin, dass er uns ermöglicht, das Leben auf seinen Ursprung zurückzuführen und gleichzeitig uns bewusst zu machen, dass wir gut und böse sein können. Niemand ist vor der Täterrolle gefeit, auch wenn er einmal zu den Opfern gehörte. Aber niemand muss immer Täter bleiben. Jeder hat die Möglichkeit, zum Menschsein zurückzukehren. Wodurch? Durch die Erkenntnis des eigenen Versagens und die Bitte um Vergebung, so wie es der Mörder neben Jesus getan hat; und durch den Glauben, der dem römische Hauptmann ermöglicht hat, seine Täterrolle zu verlassen. Darin kommt Gnade zum Vorschein – das höchste Gut unseres Glaubens.

Wer so denkt und glaubt, der wird auch mit einer Wahnsinnstat wie dem mutwillig herbeigeführten Flugzeugabsturz etwas anders umgehen:

  • Grundsätzlich gilt: Unser Leben ist endlich und voller Fehlerhaftigkeit. Das gilt auch für die von uns Menschen gesteuerte Technik. Wir leben jeden Tag an der Grenze des Todes, auch des gewaltsamen Sterbens.
  • Jeder von uns trägt seine dunklen Seiten, seine Vernichtungsphantasien in sich. Es kommt darauf an, dass uns dies bewusst ist. Darum sollte die tägliche Bitte, dass Gott mich vor dem Bösen bewahren möge, nicht fehlen.
  • Der frühere Bundespräsident Johannes Rau hat bei der zentralen Trauerfeier für die Opfer des Massakers von Erfurt im April 2002 gesagt: „Was immer ein Mensch getan hat: Er bleibt ein Mensch.“ Das gilt auch für Andreas L.. Er war einer von uns. Das beschönigt nichts an der schrecklichen Tat, aber es bewahrt uns vor jeder Art von Überheblichkeit, die auch nichts mit Trauer und Anteilnahme zu tun hat.
  • Wenn wir so auf ein schreckliches Geschehen blicken, dann können wir auch davor bewahrt werden, dieses nur noch medial auszuschlachten (was sollen die Dutzende Kameras vor dem Elternhaus von Andreas L.?) –  einmal ganz abgesehen davon, dass jeden Tag Fürchterliches unter uns geschieht, das genauso viel Aufmerksamkeit, Nachdenken über unser Beteiligtsein und Anteilnahme für die Opfer verdient wie der Flugzeugabsturz.

Und nun das Entscheidende: All das ist kein kaltherziges Ablenken von den Opfern und von denen, die um sie trauern; auch kein Ersatz für Anteilnahme, Innehalten und Beistand. Niemand kann wirklich das Leid ermessen, das jetzt Angehörige der Opfer zu ertragen haben – so wie wir nicht wirklich die traumatischen Erlebnisse von Flüchtlingen nachempfinden können. Manche werden sich daran ein Leben lang abarbeiten und unter dem Verlust leiden. Die Wucht der Trauer habe ich erst begriffen, als ich durch den viel zu frühen Tod meiner Frau in sie geworfen wurde. Und doch hilft uns Menschen auf Dauer nur eines: die Dankbarkeit für das vergangene Leben – auch wenn es nur eine kurze Zeitspanne dauerte, denn wir haben keinen Anspruch auf ein langes, unbeschwertes Leben; das Vertrauen darauf, dass Gott aus allem auch aus dem Bösesten Gutes entstehen lassen kann und will (Dietrich Bonhoeffer); und die Bitte, die im Passionschoral „O Haupt voll Blut und Wunden“ von Paul Gerhardt so eindrücklich in Worte gefasst und die  in der Matthäus-Passion von Johann Sebastian Bach bewusst nach dem Sterben Jesu am Kreuz gesungen wird:

Wenn ich einmal soll scheiden, / so scheide nicht von mir, / wenn ich den Tod soll leiden, so tritt du dann herfür; / wenn mir am allerbängsten / wird um das Herze sein, / so reiß mich aus den Ängsten / kraft deiner Angst und Pein.

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