Pars pro toto – oder: Der Verkommenheit widerstehen

Russia vows to shoot down any and all missiles fired at Syria. Get ready Russia, because they will be coming, nice and new and “smart!” You shouldn’t be partners with a Gas Killing Animal who kills his people and enjoys it! — Donald J. Trump (@realDonaldTrump) April 11, 2018 (Russland schwört, alle Raketen, die über Syrien abgefeuert werden, abzuschießen. Bereite dich darauf vor, denn es werden Raketen kommen – schöne, neue und „smarte“. Du solltest kein Verbündeter eines mit Gas killenden Tieres sein, der sein eigenes Volk tötet und sich daran ergötzt.)

Mit diesem Tweed kündigte Präsident Donald Trump am 11. April 2018 den Militärschlag auf Syrien an, der dann am vergangenen Samstag durchgeführt wurde. Dieser Tweed steht in Form und Inhalt für all das, was derzeit mehr als beunruhigend ist:

  • eine Verrohung der zwischenmenschlichen Beziehungen und Vergiftung der notwendigen Integrationsaufgabe;
  • eine moralische Verkommenheit politischer, eher autokratischer Führungspersönlichkeiten;
  • die Abwesenheit von Strategien des Friedens insbesondere im Nahen Osten. Dafür wird der Krieg, dem Hunderttausende zum Opfer fallen und der Millionen Menschen zur Flucht zwingt, zum persönlichen Scharmützel zwischen Präsidenten verniedlicht – so als handele es sich um eine Rangelei im Sandkasten.

Die bösartig-zynischen Äußerungen Trumps stehen für mich auf der gleichen, in den Abgrund führende Stufe wie die völlig abstrusen Wortfetzen sog. Rapper, die ihre asozialen, inhumanen, menschenverachtenden Botschaften notdürftig mit Sprachbildern chiffrieren, deren apokalyptische Unbedarftheit eigentlich jegliche Form von Würdigung ausschließt. Dennoch wird so getan, als handele es sich bei Trumps Kriegsrhetorik um eine legitime Form der Politik und bei Rappern a la Kollegah und Farid Bang um Künstler, deren „Musik“ preiswürdig etwas zur kulturellen Entwicklung beizutragen hat. Dabei ist es an der Zeit, dass bestimmte Formen und Inhalte nicht mehr mit der Aura des Erträglichen, des Ernstzunehmenden, des Diskutablen, des Möglichen umgeben werden. Damit ist nicht gefordert, bestimmte Denkweisen und Ausdrucksformen zu verbieten. Dass es so moralisch herunter gekommene Typen wie Trump oder unappetitliche Gossensänger wie Kollegah und Farid Bang gibt, das gehört zu den Widersprüchen des irdischen Lebens. Dass sie aber an Spitzenpositionen in der Gesellschaft gelangen, dass sie mit Kriegstreiberei und mit Menschenhass Erfolg haben, dass ihnen Millionen Menschen – bei Wahlen oder durch medialen Konsum der Fäkalsongs – folgen, und dass viel zu viele dies alles auch noch in unterschiedlicher Form würdigen, das muss uns zutiefst beunruhigen und damit müssen wir uns auseinandersetzen.

Was sichtbar wird: Die Globalisierung des Politischen, der Kultur, der Ökonomie sowie die Digitalisierung machen es dringend erforderlich, dass wir uns über die Grundwerte, die uns weltweit eine Basis für ein friedliches Zusammenleben bieten können, in einem offenen Diskurs neu verständigen. Das ist nicht nur deswegen notwendig, weil viele Menschen aus sehr unterschiedlichen Kulturkreisen kommend unter uns leben. Es ist auch notwendig, weil der Säkularisierungs- und Religionsschub sowie die weltweite Vernetzung dazu geführt haben, dass an Grundwerten nur wenig als bekannt und konsensfähig vorausgesetzt werden kann – auch unter der einheimischen Bevölkerung. Es ist eben überhaupt nicht klar, woran wir denn anknüpfen wollen, wenn wir die Grundwerte des Lebens bestimmen wollen. Nichts kann als selbstverständlich angesehen werden – weder die Charta der Menschenrechte von 1948, noch die Errungenschaften der Aufklärung, noch die Grundlagen der christlichen Ethik, des jüdischen Glaubens, des römischen Rechtes, der griechischen Philosophie. Auch Schlagwörter helfen nicht weiter: weder die Beschwörung des christlichen Abendlandes noch der Rückbezug auf die sog. jüdisch-christliche Tradition. Kaum einer weiß in der politischen Auseinandersetzung, was mit dem allem gemeint ist. Darum bleibt derzeit nur eine Botschaft hängen: Wir Deutsche wollen unter uns bleiben. Wir wollen alles, was fremd ist, erst einmal als nicht zum Normalen gehörig betrachten. Früher wurde so mit Homosexuellen, Juden, Schwarzen, Andersgläubigen (entweder Katholiken oder Protestanten) verfahren; jetzt mit Ausländern, mit Asylbewerbern, mit Moslems, mit Geflüchteten – und immer wieder mit Juden. Unabhängig davon, was sonst an Integration in unserer Gesellschaft passiert, soll erst einmal diese Botschaft gesetzt werden: Ihr gehört, wenn überhaupt, nur gezwungenermaßen dazu. An dieser verhängnisvollen Botschaft beteiligen sich derzeit viel zu viele. Das ist mehr als gefährlich.

Das Gleiche gilt auch für die ekelhafte Kriegsrhetorik eines Donald Trump. Sie wurde in den vergangenen Tagen dadurch rationalisiert, dass die politischen Führungskräfte in Europa unisono bekannten: der Militärschlag war „erforderlich und angemessen“ (Merkel, Maas, von der Leyen); außerdem seien keine Menschen zu Schaden gekommen. Das aus dem Mund der Spitzenpolitiker/innen zu hören, ist so grotesk (Originalton Merkel: „Aber gar nichts zu tun, ist manchmal auch schwierig“), so aberwitzig, so verkommen, dass man sich dafür nur schämen kann. Dass auch dem sozialdemokratischen Außenminister nichts anderes einfiel, zeigt, dass die SPD noch immer nicht begriffen hat, was jetzt nicht nur von ihr verlangt und erwartet wird:

  • Endlich eine Friedenstrategie für den Nahen Osten öffentlich kommunizieren und diskutieren und gleichzeitig alle kriegstreibenden Elemente, vor allem der Rüstungsexport, unverzüglich einstellen.
  • Das ist aber nur möglich, wenn die Bundesregierung oder zumindest die SPD dafür eine friedenspolitische Vision für die und mit den Gesellschaften des Nahen Ostens befördert. Diese muss eine Gültigkeit für die nächsten Jahrzehnte haben und die Agenda bestimmen.
  • Wir brauchen eine offensive, politisch begründete Ächtung aller Kriegsrhetorik.
  • Wir brauchen die Debatte um die Grundwerte, die davon ausgeht, dass kein Wert als selbstverständlich vorausgesetzt werden kann.
  • Wir brauchen die Perspektive, dass Integrationsarbeit eine Aufgabe ist, in der alle Bürgerinnen und Bürger einbezogen sind. Nur dann kann sie gelingen.

Solange aber Tweeds wie die von Donald Trump als legitime politische Äußerungen gelten und behandelt werden wie politisch wohl begründete Erkenntnisse, solange medial jeder antisemitischer, homophober, religionsverachtender Müll als Kulturgut bejubelt wird, solange Grundwerte schnöde der politischen Opportunität geopfert werden, müssen wir uns über nichts wundern: weder über den Angriff von zwei jungen Männern auf eine 17 Jahre alte Frau in der Essener U-Bahn, noch über das völlig amoralische Auftreten aller Krieg führenden Parteien im Nahen Osten, noch über die wachsenden innergesellschaftlichen Verfeindungsstrategien von Pegida, AfD bis hin zu Kollegah und Farid Bang. Darum ist es an der Zeit, dass wir alles tun, der offensichtlichen Verkommenheit zu widerstehen. Sie ist kein Naturgesetz. Sie ist ein Abgrund. Nicht jeder muss zwangsläufig die Stufen, die in diesen führen, betreten.

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