Offener Brief an Landesbischof Carsten Rentzing

Es ist eine gute Tradition, dass sich der Landesbischof der Ev.-Luth. Landeskirche Sachsens vor Weihnachten mit einem Brief an die Pfarrerinnen und Pfarrer und an die Haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter/innen wendet. Das diesjährige weihnachtsbrief-des-landesbischofs-2016 hat mich zu einer Antwort in Form des „Offenen Briefes“ veranlasst.

Sehr geehrter Herr Landesbischof, lieber Bruder Rentzing,

Sie haben sich mit einem Brief „im Advent 2016“ u.a. an alle Pfarrerinnen und Pfarrer unserer Landeskirche, auch die im Ruhestand, gewandt. Diesen habe ich auf Umwegen erhalten. Dafür danke ich Ihnen. Wie in jedem Jahr habe ich den Weihnachtsbrief des Landesbischofs mit besonderer Aufmerksamkeit gelesen: Wie schätzt er die Entwicklungen des vergangenen Jahres ein? Welche geistliche Orientierung gibt er für das neue? Welche Impulse kann ich dem Brief für die Verkündigung in der Weihnachtszeit entnehmen? Leider finde ich in Ihrem diesjährigen Brief keine Antwort auf diese Fragen. In einem merkwürdig steif-bürokratischen Nominalstil erzählen Sie von Ihrem Zugang zur erzgebirgischen Weihnacht – und kommen sehr schnell zu den Strukturfragen der Kirche, um dann zu schreiben, dass man mehr (als was?) von kirchlichen Mitarbeiter/innen nicht mehr verlangen könne und wir die Welt sowieso nicht retten könnten. Auch so kann man Stillstand und Ideenlosigkeit beschreiben. Doch dann schreiben Sie vom „Hoffnungsanker“: Das Kind in der Krippe. Christus der Herr. Der wird es richten. Deswegen stehen wir nicht hoffnungslos da.

Selten hat ein Schreiben des Landesbischofs bei mir ein solches Gefühl der Leere erzeugt wie dieses. Sie formulieren nichts Falsches oder etwas, worüber ich mich ärgern könnte oder dem ich widersprechen möchte. Nein, es ist viel schlimmer: Sie sagen nichts. Sie sagen nichts zu dem, wie wir im Licht der Weihnacht mit all dem umgehen sollen und können, was sich im vergangen Jahr ereignet und die Menschen bewegt hat. Sie sagen nichts zur Frage, wie wir in Sachsen der Menschenverfeindung durch den um sich greifenden, militanten Rechtsradikalismus begegnen. Sie sagen nichts dazu, wie wir uns im kommenden Jahr, in dem wir das Reformationsjubiläum feiern, positionieren. Sie sagen nichts dazu, wie wir als Pfarrerinnen und Pfarrer Menschen stärken und ihnen Orientierung geben können. Sie reden von der Strukturreform und erwähnen die Ängste, die sie auslöst. Aber ich kann nichts darüber lesen, welche Aufgaben Sie der Kirche in Sachsen zuweisen, warum es Kirche überhaupt geben soll? Denn nur wenn wir diese Fragen klar beantworten können, lassen sich Mitarbeiter/innen für eine Strukturreform gewinnen. Es reicht eben nicht, im Alltag bürokratisch eng Verwaltungshandeln an den Tag zu legen und es im Weihnachtsbrief inhaltlich bei frommen Plattitüden über die „Rückführung der Menschheit ins Paradies“ zu belassen. So kann kirchenleitendes Handeln keine Überzeugungskraft entwickeln, sondern zeugt eher von geistiger und geistlicher Dürftigkeit.

Lieber Bruder Rentzing, ich selbst bin nicht mehr im aktiven Dienst. Darum könnte ich es mir leicht machen und sagen: Das geht mich nichts mehr an. Aber so verstehe ich mein „i.R.“ nicht, stelle aber fest, dass allzu viele unter den aktiven Mitarbeiter/innen sich innerlich schon verabschiedet haben und relativ erwartungslos ihren Dienst tun. Diese Haltung wird durch einen solchen Brief noch befördert. Darum schreibe ich Ihnen: Ich bin zutiefst beunruhigt darüber, dass Sie offensichtlich nichts von dem, was derzeit viele Menschen bewegt, wahrnehmen und aufgreifen. Sie flüchten sich in eine erzgebirgische Idylle, die es so nie gegeben hat. Denn gerade die erzgebirgische Weihnacht versuchte die mehr als finstere Welt des Bergarbeiters aufzuhellen und das Licht der Weihnacht Ausbeutung, Ungerechtigkeit, unmenschlichen Arbeitsbedingungen entgegenzustellen und das Gottvertrauen als subversive Kraft des Lebens zu stärken.

Genau das ist heute nötig, wenn wir der radikalen Infragestellung der christlichen Botschaft durch den fremdenfeindlichen, menschenverachtenden Rechtspopulismus entgegentreten wollen. Dazu erwarten viele Menschen, vor allem auch Mitarbeiter/innen unserer sächsischen Landeskirche, ein klares Wort von ihrem Landesbischof – ein Wort, das signalisiert: Ich teile eure Sorgen um die Grundwerte des christlichen Glaubens, um Demokratie, um die Pluralität, um unsere Glaubwürdigkeit als Kirche. Ich stehe auf der Seite derer, die sich einsetzen für die Schwachen in unserer Gesellschaft – das sind auch die Geflüchteten. Ich sehe unsere Kirche als Teil des Volkes Gottes und lehne darum jedes völkische Gedankengut als dem biblischen Glauben widersprechend ab.

Am Schluss Ihres Briefes schreiben Sie: „Lassen Sie uns gemeinsam die Blicke auf unseren Herrn richten und von ihm Hilfe erwarten. Denn dazu ist Er in diese Welt gekommen.“ Nein, Jesus Christus ist nicht in die Welt gekommen, damit wir unsere Blicke auf ihn richten und alles um uns herum so belassen, wie es ist. Diese Art von unheilvollem Dualismus wird durch die Geburt Jesu überwunden. Sie stellen die Choralstrophe „Heut schließt er wieder auf die Tür / zum schönen Paradeis …“ (EG 27,6) über Ihren Brief. Ja, Weihnachten bedeutet, dass die Trennung zwischen Himmel und Erde, zwischen Diesseits und Jenseits nur eine vorläufige ist. Darum: Jesus wurde als Mensch geboren, damit wir in dieser irdischen Welt vom Reich Gottes zeugen, also von der Welt, auf die wir zugehen. Für sie gilt es jetzt schon Zeichen zu setzen, von denen Hoffnung ausgeht – Hoffnung auf das, was mit Jesus Christus lebendig geworden ist: Gerechtigkeit, Gewaltlosigkeit, Barmherzigkeit, Ehrfurcht vor dem Leben. Diese Zeichen zu initiieren, diese Lichter in die Welt zu tragen, ist Auftrag der Kirche. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das nicht zur erzgebirgische Weihnacht gehört.

So gebe ich die Hoffnung nicht auf, dass Sie im Reformationsjahr 2017 ermutigende Zeichen setzen und davon in Ihrem nächsten Weihnachtsbrief berichten können – als Landesbischof oder als Pfarrer. Mit allen guten Wünschen für 2017

Christian Wolff

P.S. Mit diesem Brief möchte ich einen Beitrag zu der Diskussion leisten, die von der Initiative „frei und fromm“ in Gang gesetzt worden ist. Daher verstehe ich dieses Schreiben als einen „offenen Brief“.

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