„Keine Gewalt“ – eine Nachlese zum 09. Oktober 2014 in Leipzig

Wenige Tage liegt es zurück – das Erinnern an 25 Jahre Friedliche Revolution. In Leipzig war dies verbunden mit dem absolut gelungenen Versuch, die Geschehnisse von 1989 zu popularisieren. Viele Menschen sollten einbezogen werden in das Nachdenken über den Aufbruch zur Demokratie, insbesondere die, die 1989 noch nicht lebten oder viel zu jung waren, um sich zu erinnern. Die Zahl wird immer größer. Das Lichtfest, 2009 kreiert, hat auch in diesem Jahr sein Ziel erreicht: Über 100.000 Menschen erlebten die Eröffnung auf dem Augustusplatz und gingen anschließend stundenlang um den Ring, zum Teil mehrfach, immer wieder angeregt durch die Lichtinstallationen an markanten Gebäuden. Die Atmosphäre war wie vor fünf Jahren gelöst, heiter, freudig und ernsthaft. Keine Aggressionen, keine akustischen und Alkoholexzesse, dafür viele Gespräche zwischen den Generationen, viele Erinnerungen, die ausgetauscht und vielleicht erstmals ausgesprochen wurden –  und hoffentlich viel gegenwärtiges, angstfreies Überlegen: Frieden, Erneuerung, Demokratie heute. Besonders eindrucksvoll die Installation am Neuen Rathaus zum Thema freie Wahlen.

Doch vor und am 09. Oktober 2014 war das offizielle Erinnern von unterschiedlichem Gewicht und Qualität. Führte 2009 der Bürgerrechtler Werner Schulz in seiner fulminanten Rede im Gewandhaus noch aus „der bahnbrechende Ruf ‚Keine Gewalt‘ ist die prägnante Zusammenfassung der Bergpredigt, der revolutionärsten Stelle im Evangelium“, so fehlte in der Rede von Bundespräsident Joachim Gauck jeder Bezug auf diese 1989 entscheidende Losung. Offensichtlich war dem Bundespräsidenten klar, dass seine seit Anfang des Jahres mehrfach vorgetragene Forderung, Deutschland müsse mehr internationale Verantwortung übernehmen, in einem Widerspruch steht zu dem entscheidenden Erbe der Friedlichen Revolution –  jedenfalls dann, wenn diese Verantwortung vor allem militärisch verstanden wird. Doch letztlich führte genau das dazu, dass manch wichtiger Gedanke in der Rede Gaucks merkwürdig blass wirkte und es der Rede am aufwühlend Sperrigen mangelte, was eigentlich zum Gedenken an eine Friedliche Revolution gehört. Da war die kurzfristig angesetzte Veranstaltung am Montagabend in der Thomaskirche von anderem Gewicht. Da wurde die Erinnerungsarbeit mit der Darstellung gewaltfreier Konfliktlösungsmodelle verbunden. Der Zeitzeuge Stefan Hüneburg, ehemaliger Bausoldat, berichtete nicht nur, wie widersprüchlich es in der Thomaskirche im September/Oktober1989 zuging. Er warb eindringlich für nichtmilitärische Konfliktlösungen, die dann sehr konkret und eindrucksvoll durch eine Vertreterin der Berghof-Foundation und durch einen Augenzeugenbericht von Saida Vozba von der abchasischen Organisation „Welt ohne Gewalt“ geschildert wurden. Da erfuhren die viel zu wenigen Zuhörer, wie der Slogan „Keine Gewalt“ heute konkret, mühsam und erfolgreich umgesetzt wird. Wie damals, als sich über Jahre zunächst nur eine Handvoll von Menschen zu den Friedensgebeten in der Nikolaikirche trafen, schafft heute das Tun von Wenigen die Voraussetzung für nachhaltige Friedensprozesse dort, wo sich hochgerüstete Truppen gegenüberstehen, aufeinander losgehen und die Zivilbevölkerung mit Tod und Verderben überziehen – ermöglicht und gefüttert mit Waffen aus den Industrienationen. Während vom Letzteren eine zerstörerische Botschaft ausgeht, wurden die Menschen in der Thomaskirche ermutigt, der Handlungsmaxime „Keine Gewalt“ treu zu bleiben und Friedensinitiativen wie die Berghof-Foundation zu unterstützen.

Wie wichtig dieser Grundsatz für das politische Handeln auf internationaler Ebene ist, wurde am Mittwochabend bei der Verleihung des Preises für Freiheit und Zukunft der Medien 2014 deutlich – und dies auf erschütternde Weise. Neben vier Bürgerrechtlern war die afghanische Journalistin Farida Nekzad Preisträgerin. Sie musste vor einigen Wochen mit ihrer Familie aus Afghanistan flüchten, weil ihr Leben bedroht wurde und ein Bombenanschlag verübt wurde. Da stellt sich auf erschreckende Weise die Frage: Sieht so das Ergebnis eines Krieges aus, durch den angeblich unsere Freiheit am Hindukusch verteidigt wird, dass eine Journalistin vor dem Terror der Taliban fliehen muss? Was also wurde erreicht durch den 11-jährigen Waffengang? Leider setzte sich an diesem Abend niemand mit den Fragen auseinander. Auch nahmen die Festgäste, der Autor eingeschlossen, den eindringlichen, mit bebender Stimme vorgetragenen Appell der Journalistin Nekzad an Deutschland und Europa, die Menschen in Afghanistan nicht allein zu lassen, schweigend zur Kenntnis. Dabei ist damit das Problem markiert: Was können wir jenseits von Krieg und Gewalt beitragen zum Kampf für Freiheit und Bürgerrechte in einem Land wie Afghanistan?

Gott sei Dank kam es dann aber am 09. Oktober 2014 zu der notwendigen, ja überfälligen Konfrontation von Realpolitik und dem Geist der Friedlichen Revolution – im Friedensgebet in der Nikolaikirche, das nicht nur die knapp 2000 Menschen in der Kirche, sondern Zehntausende auf dem Nikolaikirchhof und auf dem Augustusplatz in freudiger Spannung verfolgten. Zu Beginn hielt der ehemalige Außenminister der Vereinigten Staaten, James Baker, eine Rede. Er nahm auf Einladung der Stadt Leipzig an den Gedenkfeiern teil, konnte aber im Gewandhaus nicht sprechen. So ergriff er in der Nikolaikirche das Wort – neben den wichtigen historischen Reminiszenzen hörte man genau das, was gerade durch die Friedliche Revolution infrage gestellt wird: dass es auf militärische Stärke ankommt. Und dann folgte das Friedensgebet – mit einer Erinnerung und Aktualisierung des Aufbruchs zur Demokratie durch den Bürgerrechtler Frank Richter. Er prangerte an: das kollektive Ausspionieren durch NSA. Er forderte Asyl für Edward Snowdon, kritisierte die Rüstungsexporte und mahnte zur Gewalt freien Konfliktlösung. Keiner derer, die sich normalerwiese so etwas in ihren Augen „Versponnenes“ nicht mehr freiwillig anhören, konnte den schneidenden Worten und dem befreienden Beifall entrinnen. Auch mussten sie sich die klare, unmissverständliche Predigt von Superintendent Martin Henker einfach anhören. Unter dem Motto „Hoffnung muss unter die Angst fahren“ erinnerte er – ohne jede falsche Zurückhaltung gegenüber den anwesenden Präsidenten und Politikern – an die grundlegenden Überzeugungen, die 1988/89 zum konziliaren Prozess führten: Frieden schaffen ohne Waffen. Er mahnte die Gewaltfreiheit als reale, gestalterische Kraft in der internationalen Politik an und kritisierte die Abschottungsstrategie Europas gegenüber den Flüchtlingen. Da war er zu spüren – der Geist der Friedensgebete, der Geist des Gottes, der nicht durch Heer oder Gewalt wirkt. Wie gut, dass diese Stunde in der Nikolaikirche zwischen Festakt und Lichtfest verdeutlichte, wie wichtig 25 Jahre danach die so fremde, jenseits aller Realpolitik liegende biblische Botschaft vom Frieden ist – damals zunächst von wenigen beschworen, aber dann doch von so großer Kraft.

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