Karfreitag: Befreiung aus selbstverschuldeter Unmündigkeit

Ein zentraler Choral aus der Johannespassion von Johann Sebastian Bach (1685-1750) hat für mich schon immer eine besondere Bedeutung:

Durch dein Gefängnis, Gottes Sohn, / Muss uns die Freiheit kommen, / Dein Kerker ist der Gnadenthron, / Die Freistatt aller Frommen, / Denn gingst du nicht die Knechtschaft ein, / Müsst unsre Knechtschaft ewig sein.

Die dramatische Auseinandersetzung zwischen dem römischen Statthalter Pontius Pilatus, den führenden Leuten, die sich als Anwälte des sog. Volkes aufspielen, und Jesus bewegt sich ihrem Höhepunkt entgegen. Der Versuch des Pilatus, Jesus los zu werden, um eine spektakuläre Verurteilung zu umgehen, scheitert. Der Opportunismus des Pilatus unterliegt dem sog. Volkswillen, sich eines unangenehmen Zeitgenossen zu entledigen. In diesem Moment lässt Bach den Choral erklingen: Durch dein Gefängnis Gottes Sohn muss uns die Freiheit kommen.

Die Botschaft ist aufrüttelnd und einleuchtend zugleich: Die Freiheit des Menschen gründet darauf, dass Jesus sich der Willkür und Brutalität der Unfreiheit, des Volkswillens, autokratischer Herrschaft und dem Opportunismus der Macht ausliefert – also all den Eigenschaften, denen wir uns als Menschen immer wieder hingeben, ohne zu merken, welchen Preis wir dafür zahlen: die Einschränkung unserer Freiheit, eben Knechtschaft. Denn die Menschen, das „Volk“, die „Kreuzige ihn“ skandieren, oder „Absaufen“ und „Volksverräter“ grölen und meinen, sich damit befreien zu können, folgen nur dem Kalkül derer, die die Befreiung des Menschen aus selbstverschuldeter Unmündigkeit unterbinden wollen. Doch um dieser Befreiung willen geht Jesus die Knechtschaft ein.

In der diesjährigen Passionszeit ist kaum ein Tag vergangen, an dem ich nicht diese Choralstrophe innerlich und manchmal auch laut singe. Denn bei mir verdichtet sich das Gefühl, als sei unsere Gesellschaft gerade dabei, sich freiwillig wieder in ein Gefängnis zu begeben, in dem Knechtschaft eingeübt und Bevormundung widerspruchslos hingenommen wird. Also gilt auch an diesem Karfreitag das anzumahnen, dem damals die Jünger Jesu nicht genügen konnten: aufpassen, wachen, beten.

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Hinweis: Die Johannespassion von Johann Sebastian Bach gibt es am Karfreitag, 10. April 2020, um 15.00 Uhr als Live-Stream direkt aus der Thomaskirche. Die Übertragung erfolgt auf dem Facebook-Channel des Bach-Archivs.  MDR KULTUR und MDR KLASSIK übertragen das besondere Konzert im Netz ab 15 Uhr im Video-Livestream, zusätzlich auf Facebook und zeitversetzt im Radio um 19 Uhr sowie um Mitternacht im MDR-Fernsehen. Im Anschluss ist das Konzert in der ARD Mediathek abrufbar.
Johannespassion für Tenor (Benedikt Kristjánsson), Cembalo und Orgel (Elina Albach) und Schlagwerk (Philipp Lamprecht). Cembalo und Schlagwerk übernehmen den Part des Orchesters, für die Choräle werden Künstler und Bach-Chöre, die zum Bachfest 2020 eingeladen sind, zugeschaltet. Zudem sollen alle Zuschauer daheim mitsingen. Dafür wird vom Bach-Archiv und dem Carus-Verlag ein digitales Programmheft mit Noten zum Download bereitgestellt.

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