Gefährlicher Unsinn

Dass das Kreuz für alle christlichen Kirchen weltweit das Erkennungszeichen ist, sollte unstrittig sein. Dass heute auf und an (historischen) Gebäuden, die längst nicht mehr kirchlich genutzt werden oder eine solche Funktion nie hatten, Kreuze angebracht wurden und sichtbar bleiben, ist richtig und wichtig. Dass Kreuze am Wegesrand stehen und selbst in einer so entchristianisierten Stadt wie Leipzig das „Connewitzer Kreuz“ Symbol eines Szenestadtteils ist, sollte auch von eingefleischten Atheisten toleriert werden können. Es wäre also albern, dieses wie andere Kreuze im säkularen Bereich zu entfernen. Aber dass nun die bayerische Staatsregierung unter Ministerpräsident Markus Söder (CSU) daran geht, das Kreuz zum staatlichen Symbol für alle Amtsstuben zu erheben, und angeordnet hat, dass an und in allen staatlichen Gebäuden und Räumen ein Kreuz aufzuhängen ist, hat mehr mit einem verqueren Aufguss von Kreuzzugsideologie als mit kultureller Identität zu tun. Kreuze als „Ausdruck der geschichtlichen und kulturellen Prägung Bayerns deutlich wahrnehmbar … als sichtbares Bekenntnis zu den Grundwerten der Rechts- und Gesellschaftsordnung in Bayern und Deutschland anzubringen“, macht aus dem Kreuz ein Kampfinstrument und entledigt es gleichzeitig seines Inhalts.

Denn das Kreuz hat ursächlich weder etwas mit Bayern noch mit Deutschland zu tun. Das Kreuz hat seinen Ursprung nicht im sog. christlichen Abendland. Es hat überhaupt keine nationale Bedeutung. Darum ist es Unsinn zu behaupten, das Kreuz sei „das grundlegende Symbol der kulturellen Identität christlich-abendländischer Prägung.“ Das Kreuz ist vor allem und zuerst das Zeichen für den großen Einspruch Gottes gegen die anmaßende Lebensweise des Menschen – ob in München oder Tokio, ob in Passau oder Jerusalem, ob in Damaskus oder Ingolstadt lebend. Gegen eine Lebensweise, die ihr Heil in Hass, Verfolgung, Terror, Krieg, Unterdrückung, Ausbeutung sieht, ist Jesus aufgetreten. Dies hat ihn ans Kreuz gebracht – und nach ihm bis heute Millionen Menschen dem Tod ausgeliefert, nicht zuletzt in vielen Jahrhunderten Juden und heute Kinder, Frauen, Männer in Syrien. Das Kreuz ist kein Machtsymbol, das eine bestimmte Nation oder ein auserwählter Kulturkreis für sich in Anspruch nehmen kann – und schon gar nicht eine Partei. Das Kreuz Jesu ist Zeichen dafür, dass Gott bis zur letzten Konsequenz einen egomanisch-nationalistisch verengten, auf Gewalt setzenden Herrschaftsanspruch von Menschen und Mächten ad absurdum führt. Gleichzeitig beinhaltet das Kreuz das Angebot Gottes, Hass und Gewalt durch Versöhnung zu überwinden.

Dies bedenkend, kann man an sich über jedes sichtbare Kreuz nur froh sein. Denn es erinnert uns daran: Jesus ist nicht gegen die Juden, gegen den Islam, gegen die, die mir fremd sind, gestorben, sondern für alle Menschen. Darum konnte ein römischer Hauptmann, weder Jude noch Christ, unter dem nach seinem Befehl Gekreuzigten stehend, ausrufen: Wahrlich, dieser Jesus ist Gottes Sohn (ohne dass wir wissen, was aus dem Hauptmann geworden ist). Dies bedenkend kann und darf das Kreuz heute nicht eingesetzt werden, um im öffentlichen Bereich eine bestimmte religiöse Überzeugung politisch-kulturell für verbindlich zu erklären. Unter dem Kreuz Jesu Christi haben alle Menschen ihren Platz – nicht nur Christen. Denn wir Menschen sind der Versöhnung bedürftig. Schließlich werden unter dem Kreuz unsere Beschränktheit, unser Unvermögen, unser Versagen deutlich. Söder und Seehofer sollten also die Finger davon lassen, mit ihrem Erlass sich in einem Anflug politisierender Theologie quasi päpstliche Autorität anzumaßen. Dadurch greifen sie in unzulässiger Weise in das Glaubensleben der Christen ein und missachten offen deren und andere religiöse Überzeugungen.

Es wäre viel gewonnen, wenn wir entschlossen die Symbole und Gebäude aller Religionen achten und pflegen. Das beginnt damit, sie nicht für Macht – und Alleinvertretungsansprüche zu missbrauchen, schon gar nicht im öffentlichen Raum. Dort sollen sich Religionen und Gläubige angstfrei bewegen können. Dort sollen sie auch ihre äußerlich sichtbaren Symbole in aller Freiheit tragen können: Kippa, Kreuz, Kopftuch, Haube, Davidstern, Hilal. Dort soll die Möglichkeit sein für den kritischen Diskurs darüber, was Religion zum öffentlichen Leben beitragen kann. Dort soll aber auch klar sein, dass der Staat sich nicht auf ein Symbol einer bestimmten Religion allein einlassen oder berufen darf. Wo er das tut, signalisiert er: alles andere wird bestenfalls geduldet. Religion braucht aber keine Duldung, sondern Freiheit. Diese findet nicht im Kreuz ihre Grenzen, sondern in der Achtung der Werte unserer Verfassung.

P.S. Es ist schon sehr bezeichnend, dass die bayerische Staatsregierung mitten in der Diskussion um den wieder erstarkten Antisemitismus und am Vorabend der heutigen Demonstrationen die Kreuz-Verordnung erlassen hat. Hat da niemand die Söders und Seehofers daran erinnert, in welch verheerender Weise das Kreuz-Symbol in der über Jahrhunderte hinweg praktizierten Judenfeindlichkeit in Europa eingesetzt und missbraucht wurde? Hat sich der gebürtige Nürnberger Markus Söder nie mit der Geschichte der Nürnberger Frauenkirche beschäftigt? Im 14. Jahrhundert wurde sie errichtet auf den Fundamenten der im Zuge eines Progroms 1349 zerstörten Synagoge, bei dem die jüdischen Bürger ermordet und vertrieben wurden. Die Frauenkirche, im 19. Jahrhundert der katholischen Kirche überlassen, wurde dann bei der Bombardierung Nürnbergs 1945 wiederum völlig zerstört und 1955 wieder aufgebaut – zunächst ohne jede Erinnerung daran, was der Zerstörung 1945 vorangegangen ist. Auf der Homepage der Frauenkirche heißt es im „Leitbild“ bar jeder kritischen Betrachtung: „Jeden Mittag um 12 Uhr beim sogenannten Männleinlaufen verneigen sich die sieben Kurfürsten vor Kaiser Karl IV, der die Erbauung der Kirche an der Stelle der mittelalterlichen Synagoge im 14. Jhdt. veranlasste.“ Soviel also  zu Söders Anmaßung: „Wir sind christlich-abendländisch geprägt mit jüdisch-humanistischen Wurzeln. Das ist die historisch-kulturelle Wahrheit und dabei bleibt es auch.“ Wirklich?

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