Es geht auch anders …

Am vergangenen Montag zogen 250 Flüchtlinge in die Erstaufnahmeeinrichtung Friederikenstraße 37 ein und wurden freundlich vom Polizeipräsidenten begrüßt. Am Mittwoch wird bekannt, dass die Ernst-Grube-Halle, die sich im Besitz der Universität Leipzig befindet, Erstaufnahmeeinrichtung werden soll. Am Donnerstag heißt es, dass am Freitag 500 Flüchtlinge ankommen sollen. Doch bis Freitagmorgen ist noch kein Betreiber für die Erstaufnahmeeinrichtung gefunden worden. Erst am Nachmittag wird bekannt, dass die Johanniter Unfallhilfe die Betreiberschaft übernimmt. In Windeseile müssen 500 Betten besorgt und aufgestellt werden. Da wird sie wieder offenbar: die Unfähigkeit von staatlichen und kommunalen Behörden zur umsichtigen Zusammenarbeit. Denn dass Hunderte, Tausende Flüchtlinge in Erstaufnahmeeinrichtungen in Sachsen untergebracht werden müssen, ist seit Monaten absehbar. Warum da nicht eine vor- und fürsorgliche Kooperation zwischen Innenministerium, Landesdirektion und Stadt: Welche Immobilien stehen zur Verfügung, wer kann die Betreiberschaft übernehmen, wie wird das Willkommen in der Bevölkerung organisiert? Doch wenn dann die Menschen ankommen, ist keine Zeit für Kompetenzgerangel und politisches Schwarzer-Peter-Spiel. Da muss geholfen und zugepackt werden. Dies ist in den vergangenen Tagen in Leipzig beispielhaft geschehen – nicht nur durch die Malteser und Johanniter und ihren professionell arbeitenden ehrenamtlichen Stäben. Kein Aufmarsch von Neonazis vor der Friederikenstraße oder der Ernst-Grube-Halle, keine Bürgerversammlung, in der über Flüchtlinge geredet wird wie über bedrohliche Eindringlinge von Außerirdischen, vor denen man sich schützen muss. Dafür trotz Urlaubszeit ganz viel spontane Hilfsbereitschaft und eine eindrucksvolle Info-Veranstaltung am gestrigen Montag in der Stadtbibliothek: Über 300 zumeist junge Menschen versammelten sich dort, um ihre Mitarbeit anzubieten, aber auch um sich zu informieren, wie sich Bürgerinnen und Bürger ehrenamtlich engagieren können. Kompetent und konzentriert trugen Wieland Keller von den Johannitern und Sonja Brogiato vom Flüchtlingsrat vor, wie, wo und wodurch geholfen werden kann und warben um Verständnis dafür, dass auch die ehrenamtliche Hilfe organisiert werden muss. An diesem Abend findet keine Grundsatzdebatte statt. Stattdessen setzen die anwesenden Bürgerinnen und Bürger ein deutliches, entschlossenes Zeichen einer erfreulichen Willkommenskultur – und danken den Johannitern und dem Flüchtlingsrat für ihren spontanen Einsatz und der Polizei für ihr umsichtiges Agieren. Damit hat Leipzig eindrucksvoll unterstrichen, dass die Bürgerinnen und Bürger seit Anfang des Jahres nicht nur dem unseligen Treiben von Pegida/Legida überzeugend entgegengetreten sind, sondern dass sie jetzt den Demonstrationen auf der Straße menschliche Taten folgen lassen. Es geht eben auch anders als in Dresden, Freital oder Tröglitz – und zwar dann, wenn sich die Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger dafür einsetzen, die Menschen, die bei uns Zuflucht, Sicherheit und Freiheit suchen, freundlich zu empfangen und dies allein aus Dankbarkeit dafür, dass man sich selbst nicht in einer so dramatischen Lebenssituation befindet wie die Flüchtlinge.

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