Erinnerungen an Willy Brandt – er starb vor 25 Jahren am 8. Oktober 1992

Es war 1965. Als 15-Jähriger besuchte ich im Vorfeld der Bundestagswahl in der jeweils voll besetzten Düsseldorfer Tonhalle die zentralen Kundgebungen der CDU mit Konrad Adenauer und Ludwig Erhard, der FDP mit Walter Scheel und Erich Mende und der SPD mit Herbert Wehner und Willy Brandt. Wahrhaft elektrisiert, begeistert war ich vom damaligen Kanzlerkandidaten Willy Brandt: seine wunderbare Sprache, seine Rhetorik, seine mitreißende Nachdenklichkeit haben mich ebenso ergriffen wie seine Visionen von einer neuen Deutschland- und Europapolitik. Damals überzeugten mich als Jugendlicher, der die Grundwerte des christlichen Glaubens praktizieren wollte, vor allem zwei Grundaussagen: die Friedensoffensive in Richtung Ostblockstaaten und die Ansage, dass der arbeitenden Bevölkerung mehr Teilhabe am Wirtschaftswunder ermöglicht werden muss. Das war etwas anderes als der CDU-Slogan „Wohlstand für alle“. Brandt ging es um Gerechtigkeit und Bildung. Er entwarf das Bild vom Bürger, nicht als Objekt, sondern Subjekt in der Demokratie: „Wir wollen nicht den Bourgeois, sondern den Bürger.“ Doch besonders berührte mich, dass mit Willy Brandt ein Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus nach dem Amt des Bundeskanzlers griff – für mich als Jugendlicher, der zunehmend entdeckte, wie Westdeutschland noch geprägt war von Alt-Nazis, eine befreiende Notwendigkeit. Darum empfand ich es als ungeheuerlich, dass Konrad Adenauer in Wahlkampfauftritten diesen Menschen als „Brandt alias Frahm“ diffamierte und damit auf die uneheliche Geburt anspielte. Für mich hatte damit die CDU auf Dauer jeden Anspruch auf das „C“ verwirkt. Willy Brandt ermöglichte vielen meiner Generation politische Beheimatung im demokratischen Westdeutschland.

11 Jahre später bin ich Willy Brandt noch einmal begegnet. Ich war 1976 Wahlkampfmanager des damaligen SPD-Bundestagskandidaten in Heidelberg Rolf Rendtorff. In der Eppelheimer Sporthalle hatte ich eine Großkundgebung mit Willy Brandt vorzubereiten. Meiner Erinnerung nach kamen 6000 Menschen in Halle, um Brandt, damals „nur noch“ Parteivorsitzender, zu hören. Nach der Kundgebung saß ich bei einem kurzen Zusammensein in einem der Nebenräume neben ihm. Doch da war nichts von Nähe zu spüren. Mit einem abwesenden Blick in die Leere der gegenüber liegenden Wand und kurzen Antworten, die nur aus Stichworten bestanden und signalisierten, dass er eigentlich gar nichts sagen will, reagierte er lustlos auf die vielen Fragen. Kein Anflug von Jovialität oder Zuwendung. Das war der Willy Brandt, den es eben auch gab: der in sich gekehrte, empfindsame und leicht verletzbare Mensch, der sich abschottete. Doch das konnte bei mir nichts an dem Bild ändern, das sich tief eingeprägt hat: Willy Brandt, der leidenschaftliche Sozialdemokrat, der die Mitte nach links gerückt hat; der Weltbürger, mehrerer Fremdsprachen mächtig; einer, der in schwierigen persönlichen Verhältnissen groß geworden ist, der sich aber nicht mit dem Status quo abgefunden hat; der sich bildete und Kultur in die Politik brachte; der in den 60er Jahren mit Egon Bahr zusammen das entworfen hat, was als konstitutives Moment der Sozialdemokratie gilt: die Friedens- und Ostpolitik. Willy Brandt hat in den Jahrzehnten nach dem 2. Weltkrieg gezeigt, was Kontinuität vor allem bedeutet: auch in Niederlagen, auch wenn es schwierig wird, für Visionen Mehrheiten zu bilden, dran zu bleiben. Zwei Mal verlor er die Bundestagswahl: 1961 und 1965. 1974 trat er als Bundeskanzler zurück, zu dem er 1969 und 1972 gewählt wurde. Brandt blieb aber Vorsitzender der SPD und sorgte dafür, dass die SPD ein bestimmender Faktor der Politik in Deutschland blieb. Ihm ging es immer um zwei Momente:

  1. „Wir wollen ein Volk der guten Nachbarn sein und werden im Innern und nach außen.“ rief er in seiner legendären Regierungserklärung 1969 aus. Er war Verfassungspatriot, ein Europäer und darum für die deutsche Einheit. Er war ein Politiker, der eindeutig einer mühsamen Verhandlungspolitik den Vorzug vor jeder Art militärischen Eingreifens gab: „Es ist besser miteinander zu reden, als aufeinander zu schießen.“ Als Brandt mit Egon Bahr die Ostpolitik entwarf, da war es zunächst sehr einsam um sie. Aber sie waren überzeugt, dass nur auf dem Weg „Wandel durch Annäherung“ eine friedliche Entwicklung in Europa möglich sein wird – und blieben dran!
  2. Vor allem hat Brandt erkannt, dass die Sozialdemokratie mit einem visionären Gesellschaftsmodell antreten muss, um die Menschen für sich zu gewinnen: ein Modell, durch das niemand ausgegrenzt, sondern alle Bürgerinnen und Bürger einbezogen werden. Ein Gesellschaftsmodell, das niemanden in seiner Existenz bedroht, sondern Beteiligung ermöglicht. Ein Gesellschaftsmodell, das sich an den Grundwerten der Verfassung und der Demokratie orientiert und so junge Menschen einbezieht.

Heute tut die SPD gut daran, die aktive Zeit Brandts als Kanzlerkandidat, als Bundeskanzler, als Vorsitzender der SPD und der Sozialistischen Internationalen sorgfältig zu studieren – nicht um sie zu kopieren, sondern um eine Lehre daraus zu ziehen: Wer sozialdemokratische Politik betreiben will, muss Visionen friedlicher Entwicklungen und gerechter Teilhabe entwickeln und bedarf des langen Atems. Der ist nötig, um für beides Kraft zu haben: große Ziele zu entwerfen und sie in kleinen Schritten umzusetzen.

Dieser Eintrag wurde gepostet in Politik und getagged , , . Bookmarken Sie den Permalink.

12 Responses to "Erinnerungen an Willy Brandt – er starb vor 25 Jahren am 8. Oktober 1992"

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.


*


*Sicherheitsabfrage