Enhancing Life Project – Chancen und Aufgaben eines interdisziplinären und interreligiösen Diskurses

English translation following the German text

Ende Mai erhielt ich eine überraschende Einladung: Ich solle als Interlocutor (Gesprächspartner) mitwirken an einem Zusammentreffen von 35 Wissenschaftler/innen, die am „Enhancing Life Project“ teilnehmen. (Näheres unter: http://enhancinglife.uchicago.edu/) Das Treffen solle im Banff Centre stattfinden, einem großzügigen Tagungszentrum mitten in den kanadischen Rocky Mountains gelegen. Weder hatte ich eine genaue Vorstellung davon, was die Aufgabe eines Interlocutors ist, noch war mir klar; was ich unter „Enhancing Life“ zu verstehen habe. Eine deutsche Übersetzung kommt holprig daher: Steigerung, Verbesserung, Aufwertung des Lebens. Ein Blick ins Internet verrät, dass in den sog. Neurowissenschaften von „Neuro Enhancement“ gesprochen wird, also der geistigen Leistungssteigerung durch Psychopharmaka – eine durchaus fragwürdige Angelegenheit. In etlichen Publikationen wird dafür plädiert, den Begriff Enhancement nicht zu übersetzen. Im Deutschen müssten wir wahrscheinlich von Lebensqualität oder von dem sprechen, was inzwischen Eingang gefunden hat in Partei- und Gewerkschaftsprogrammen: „Gutes Leben“ (CDU), „Gute Arbeit“ (DGB), „Gute Bildung“ (SPD). Wie dem auch sei – offensichtlich geht es um die Frage, wie sich die Lebensqualität des einzelnen steigern lässt unter den Bedingungen der Globalisierung, der Umweltzerstörung, der begrenzten Ressourcen, des demographischen Wandels. Und genau so ist das Projekt aufgebaut: Wissenschaftler/innen aus aller Welt, unterschiedlichen Religionen und Disziplinen angehörend, Theologen, Philosophen, Pädagogen, Mediziner, Soziologen, Kommunikationswissenschaftler haben die Möglichkeit, durch ein Forschungsprojekt in ihrem Fachgebiet einen Beitrag zu leisten zum „Enhancing Life“. Was kann Wissenschaft dazu beitragen, dass sich Qualität und Entwicklungsmöglichkeiten des menschlichen Lebens verbessern? Die beiden Grundfragen des Projektes, das von der amerikanischen The John Templeton Foundation gefördert wird, sind noch allgemeiner formuliert:

  • Was bedeutet es, das Leben zu verbessern, einschließlich des geistlichen Lebens?
  • Was sind die Gesetze/Normen (spiritual laws) für die Strategien, sozialen Mechanismen und Gesetzmäßigkeiten, die uns ermöglichen, das Leben in seinen vielfältigen Dimensionen nachvollziehbar und messbar zu steigern?

Über zwei Jahre haben die 35 Wissenschaftler/innen Zeit, ihre unterschiedlichen Forschungsprojekte voranzutreiben und zu Papier zu bringen. Geleitet wird das Projekt von William Schweiker, einem Theologen von der University of Chicago, und Günter Thomas, Systematischer Theologe von der Ruhr-Universität in Bochum. 14 Tage waren die Wissenschaftler/innen zusammen, um sich gegenseitig ihre Vorhaben vorzustellen. In den letzten drei Tagen kamen die sechs Interlocutors dazu, die aufgrund ihrer beruflichen Erfahrung, die verschiedenen Forschungsansätze kritisch hinterfragen und mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit konfrontieren sollten. Zunächst einmal war ich sehr beeindruckt davon, dass es zu diesem internationalen, interdisziplinären, interreligiösen Zusammentreffen gekommen ist, um Rahmenbedingungen des Lebens zu diskutieren – etwas, was viel zu selten im Wissenschaftsbetrieb geschieht. Juden, Christen, Moslems, Agnostiker, Konfuzianer begegneten sich auf Augenhöhe. Gleichzeitig zeigte sich aber, dass zwei zentrale Begriffe für das Projekt „Spiritual Laws“ und „Counter-World“ gar nicht so leicht unterzubringen waren. Denn die Frage, wie in und für die einzelnen Projekte „Spiritual Laws“ aussehen und entwickelt werden können, wie und ob diese über die sog. Goldene Regel hinausgehend interreligiös nachvollziehbar formuliert werden können, blieb über weite Strecken (noch) unbeantwortet. Ebenso bedarf der Begriff „Counter-World“ einer klaren Definition: Ist es das, was wir Christen „Reich Gottes“ nennen – also ein end-gültiger Gegenentwurf zur irdischen Realität? Oder ist es nur die Antizipation einer gerechteren Welt? Und was ist mit den Jenseitsvorstellungen, die sich als Hölle auf Erden entpuppen? Schweiker und Thomas sind der Überzeugung, dass Enhancing of Life nicht möglich ist ohne eine Hoffnungsperspektive auf eine bessere Zukunft. Diese ist allerdings offen, weil über sie sehr unterschiedliche Vorstellungen herrschen. Verbirgt sich hinter diesen Vorstellungen die „Counter-World“, in der und für die „Spiritual Laws“ gesucht werden, die auch in der realen Welt wirksam werden? Man darf gespannt sein, ob durch die unterschiedlichen Forschungsansätze diese Frage beantwortet wird und dadurch neue, global kommunizierbare Maßstäbe für das Leben hier auf Erden entwickelt werden.

In den Diskussionen in Banff sind für mich eine Menge weiterer Fragen aufgebrochen, die hoffentlich in den Arbeiten Berücksichtigung finden:

  • Wie sieht die Beziehung zwischen wissenschaftlicher Forschung und den jeweils herrschenden gesellschaftlichen Bedingungen aus? Worin liegt also die gesellschaftliche Relevanz der Forschung?
  • Wessen und welches Leben soll sich steigern? Welche Menschengruppe habe ich als Wissenschaftler mit meinem Forschungsansatz im Blick?
  • Oder noch schärfer: Wenn wir von „Enhancing Life“ sprechen, müssen wir dann nicht auch von den Kosten reden, die eine solche Lebenssteigerung verursacht? Wer kommt für diese Kosten auf?
  • Wenn sich Leben steigern soll – welches Leben muss abnehmen oder zurückgefahren werden? Wer muss sich einschränken? Diese Frage stellt sich auch in Bezug auf gesellschaftliche Machtverteilung und Teilhabe.

Aufgefallen ist mir, dass in den 35 Projektskizzen ein Problem kaum berührt wird: die Realität des Krieges und des Terrors. Das Wort „war“ kommt im Sammelband der Projektskizzen ein einziges Mal vor. Krieg und Terror aber zerstören alle Werte des Lebens und sind eine schreckliche „Counter-World“, die alle Vorstellungen von der Counter-World als Hoffnungsraum zunichtemachen will. Wenn ich also neue Lebensmöglichkeiten erforschen will, müssen nicht nur die ökonomischen, sozialen, religiösen Bedingungen mit bedacht werden. Jedes Forschungsvorhaben sollte auch die Frage klären, wie dadurch kriegerische Auseinandersetzungen und terroristische Gewaltakte eingeschränkt und vermieden werden können. Welchen Beitrag leistet also das Enhancing Life Project zu einer friedlichen Entwicklung in konflikthaften Situationen? Ich erinnere an den wichtigen Gedanken von Willy Brandt: „Frieden ist nicht alles, aber ohne Frieden ist alles nichts.“ Meine Hoffnung ist, dass sich das Enhancing Life Project zunehmend versteht als ein wichtiger Impuls, durch die Entwicklung von interreligiös und interkulturell kommunizierbaren „Spiritual Laws“ einen Raum zu schaffen, in dem unterschiedliche Interessen Platz haben und um diese gerungen werden kann, ohne einen Absolutheitsanspruch, die Quelle jeder Gewalttätigkeit, zu erheben. Das aber setzt voraus, dass die politische Dimension des Projektes wie der einzelnen Forschungsarbeiten keinen Moment vernachlässigt wird – gerade auch dann, wenn es um die Bedeutung des „Spiritual Life“ geht.

http://enhancinglife.uchicago.edu/

Enhancing Life Project –  Opportunities and Responsibilities of an Interdisciplinary and Interreligious Discourse

In late May I received a surprising invitation: I was asked to act as an interlocutor at a meeting of 35 scientists taking part in the “Enhancing Life Project”. (For more information see: http://enhancinglife.uchicago.edu/) The meeting would be held at the Banff Centre, a spacious congress centre situated in the middle of the Canadian Rocky Mountains. Neither did I have a clear idea of what an interlocutor was supposed to do nor was I sure what to understand by “Enhancing Life” as there is no exact German equivalent for this expression. A search on the internet also leads to the term “Neuro Enhancement” used in the so-called neurosciences for an improvement of mental performance through psychotropic drugs – indeed a rather questionable affair. Several publications make a case for not translating the term “Enhancement”. Semantics aside, the central question obviously is how an individual’s quality of life can be improved under the conditions of globalization, environmental destruction, limited resources and demographic changes. And that is exactly what the project is based on: scientists from all around the world, representing different religions and fields of research, theologians, philosophers, pedagogues, medics, sociologists, communicationists are given the opportunity to make their contribution to “enhancing life” with a research project in their field. How can science contribute to an improvement in quality and opportunities of development of human life? The two central questions of the project, which is supported by the American John Templeton Foundation, are worded in even more general terms:

  • What does it mean to enhance life, including spiritual life?
  • What are the spiritual laws for the strategies, social mechanisms, and technologies that enable us to enhance life in its many dimensions and in measurable ways?

Over two years the 35 scientists will have time to undertake and document their different research projects. The project is headed by William Schweiker, a theologian at the University of Chicago, and Günter Thomas, a Systematic Theologian at the Ruhr University in Bochum. For 14 days the scientists convened to present to each other their planned research projects. During the last three days, the six interlocutors joined them to challenge the different approaches based on their own professional experience and confront them with social realities. First of all I was very impressed that it had come to this international, interdisciplinary and interreligious meeting to discuss the framework of life – something that happens all too rarely in science. Jews, Christians, Muslims, Agnostics and Confucians met eye to eye. At the same time, however, it became apparent that two central terms of the project – “spiritual laws” and “counter-world” – are not so easily defined. The question what the “spiritual laws” look like within and for the individual projects, how and if these could be formulated in a comprehensible way that goes beyond the so-called golden rule, remained largely unanswered (so far). Likewise, the term “counter-world” requires a clear definition: is it what we Christians refer to as the “kingdom of God” – meaning an ultimate obverse concept to earthly reality? Or is it merely the anticipation of a fairer world? And what about those ideas of the hereafter that turn out to be a hell on earth? Schweiker and Thomas are convinced that enhancing life is not possible without a hopeful prospect of a better future. This future, however, is uncertain as there are many very different ideas about it. Do these ideas represent the “counter-world” in and for which “spiritual laws” are being sought that also take effect in the real world? It will be interesting to see whether the different research approaches will reveal an answer to this question and thereby help develop new, globally communicable standards for life here on earth.

The discussions in Banff brought many more questions to my mind which will hopefully be taken into account in the research endeavours:

  • In what way is scientific research related to the prevailing social conditions? What relevance does science bear for society?
  • Whose and which life is meant to be enhanced? Which group of people do I as a scientist focus on with my research?
  • Or more bluntly: If we talk about “enhancing life”, don’t we also need to speak of the costs incurred by such an enhancement? Who will carry these costs?
  • If life is supposed to be enhanced – which life must in turn be diminished or reduced? Who needs to make cutbacks? This question also presents itself with regards to distribution of power and participation in society.

One thing that struck me was that one issue is barely touched upon in the 35 project outlines: the reality of war and terror. In the compendium of project outlines, the word “war” appears only one single time. However, war and terror destroy all values of life and are a horrible “counter-world” seeking to annihilate any idea of the counter-world as a space of hope. So when researching new forms of life, not only economical, social or religious conditions need to be considered. Every research project should also address the question how it can help reduce and avoid war and violent acts of terrorism. How does the Enhancing Life Project contribute to a peaceful development in conflicted situations? I would like to recall an important thought expressed by Willy Brandt: “Peace is not everything, but without peace everything is nothing.” I hope that the Enhancing Life Project will come to understand itself as an important impulse to develop universal “spiritual laws” independent of specific religions and cultures and thereby create a space in which different interests can find room and be debated without any claim to exclusivity which is the source of all violence. To this end, however, it is vital that the political dimension of the project and all individual research endeavours not be neglected at any time – especially when considering the meaning of “spiritual life”.

http://enhancinglife.uchicago.edu/

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