Ein Gespräch unter Brüdern

Nach einem Gottesdienst bittet mich ein Kollege, ein Amtsbruder, um ein Gespräch. Ich frage ihn, ob er mir ein Stichwort geben könne. Ja, ich hätte auf meinem Blog den Landesbischof zum Rücktritt aufgefordert (http://wolff-christian.de/abwegig-und-gefaehrlich-landesbischof-rentzing-im-interview/). – Okay, sage ich, das habe ich zwar nicht, aber gerne können wir miteinander reden. – Doch, das haben Sie, erwidert er, jemand hat mir das vorgelesen. – Gut, belassen wir es jetzt dabei und schauen nach einem Termin.

Wir treffen uns in einem Café. – Also, ich habe das nachgelesen, eröffnet der Kollege das Gespräch, Sie haben den Landesbischof nicht zum Rücktritt aufgefordert. Aber ich muss Sie mal was fragen: Warum brauchen wir einen neuen Papst, der bestimmt, was der Bischof sagen darf und was nicht? – Zunächst einmal Danke, dass Sie meinen Blog-Beitrag gelesen haben. Wen aber meinen Sie denn mit dem Papst? – Na ja, Sie wollen doch bestimmen, was der Landesbischof äußern darf oder soll. – Nein, ich habe lediglich meine Meinung kundgetan und den Bischof kritisiert. – Aber Sie haben dies im Internet verbreitet. – Ist das verboten? – Nein, aber Sie hätten ihm das persönlich schreiben können. – Ja, leider aber antwortet der Bischof auf Briefe nicht oder nur durch seine Vorzimmerdame oder seinen Referenten. Das ist schon grenzwertig.

Dann geht es in dem Gespräch um die Frage, ob der Landesbischof parteipolitisch neutral bleiben müsse. Ich antworte, dass ich nicht dafür plädiere, dass der Bischof zur Wahl irgendeiner Partei aufruft. Aber ich erwarte, dass er in der gesellschaftspolitischen Debatte eindeutig für die Grundwerte des Glaubens eintritt und deutlich benennt, wenn diese von einer Partei oder von politischen Gruppierungen mit Füßen getreten werden – und das ist bei Pegida/AfD der Fall. – Wissen Sie, was mich an Ihnen stört? Dass Sie ständig die AfD in die rechte Ecke drängen. Ich kenne Leute von der AfD. Die haben nichts mit rechts und Nazis zu tun. – Ich antworte, dass ich das gar nicht bestreiten kann, weil mir die Leute unbekannt sind. Aber das ändert nichts daran, dass es sich bei Pegida/AfD von ihrer Programmatik her um rechtsnationalistische Gruppierungen handelt, die ich in der Tradition der Parteien sehe, die in den 20er und 30er Jahren in Deutschland die Demokratie zerstört und ein Terrorregime befördert haben. – Das ist eine böswillige Unterstellung. Die Weimarer Republik ist daran zugrunde gegangen, dass sich Rechte und Kommunisten bekämpft haben. – Ich widerspreche: Der Nationalsozialismus wurde vor allem ermöglicht durch diejenigen, die die Demokratie nie wollten und darum zerstörten. Dazu gehören leider die Kirchen, die Universitäten, das Bildungsbürgertum, die Justiz. – Aber heute haben wir doch auch wieder linksradikale Gewalt – wie in Connewitz. Dagegen sind die Leute. – Ich auch. Das habe ich immer wieder auf meinem Blog thematisiert (http://wolff-christian.de/klare-trennlinie-keine-gewalt/ und http://wolff-christian.de/ohne-wenn-und-aber-keine-gewalt/). – Der Kollege schaut etwas irritiert, bleibt aber dabei, dass ich den Anhängern der AfD Unrecht tue. – Ich verweise darauf, dass kürzlich jemand von der Jugendorganisation der AfD die Todesstrafe für Leute gefordert hat, die das Volk verraten (https://www.zeit.de/politik/deutschland/2019-02/alternative-jugend-afd-hessen-chat). Ich frage den Kollegen, ob er die Schriften von Björn Höcke kenne und zitiere einige Sätze daraus. Schauen Sie sich auf Youtube Reden von Gauland oder die Reden beim politischen Aschermittwoch der AfD im vergangenen Jahr in Neudietendorf an. –

Der Kollege: Wir haben über Ihren „Aufruf 2019“ gesprochen (www.aufruf2019.de). Das brauchen wir hier nicht. Leipzig ist doch weltoffen und Sachsen demokratisch. Deutschland ist doch friedlich. Na ja, das mit Europa, das ist wirklich schwierig. – Sehen Sie, da fangen die Probleme an: das vereinte Europa ist laut der Präambel des Grundgesetzes Staatsziel. Die AfD will aber Europa zerschlagen und zum Nationalstaat zurückkehren. Das aber ist eine Bedrohung des Friedens. Die AfD will das EU-Parlament abschaffen. Das ist eine Bedrohung der Demokratie. Deswegen brauchen wir wache Bürger, die sich für das vereinte Europa einsetzen. – Aber die Leute haben eben Sorgen und Ängste und wollen sich nicht als Nazis beschimpfen lassen. – Ja, Sorgen habe ich auch. Denn Vieles von dem, was Ende der 20er/Anfang der 30er Jahre in Deutschland geschehen ist, wird für mich seit einigen Jahren nachvollziehbar. Unter den 80 Millionen Deutschen waren wohl die wenigsten „Nazis“, aber sie haben dem nationalsozialistischen Terror den Weg bereitet. Genau das ist die Gefahr heute, dass wieder Leute das Sagen bekommen, die die Grundwerte unserer Verfassung zerstören wollen, und viel zu viele sie gewähren lassen. – Noch einmal verweist der Kollege auf die „besorgten Bürger“. – Mich interessiert weniger, was Ihre Gesprächspartner für „Sorgen und Ängste“ haben, als vielmehr, wie Sie selbst denken und was Sie jetzt für politisch angebracht halten. –

Unglücklicherweise klingelt an dieser Stelle mein Handy. Ich muss dringend nach Hause. Mein Kollege scheint darüber nicht traurig zu sein. Mich aber hätte seine Antwort brennend interessiert. Denn schließlich ist jeder zuerst und vor allem ein Botschafter seiner eigenen Überzeugung und Haltung.

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