Die Missbrauchskonferenz in Rom: ohne Reformation wird das nichts!

Kardinal Reinhard Marx, Vorsitzender der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, sagte auf der von Papst Franziskus einberufenen und am Sonntag zu Ende gehenden sog. Missbrauchskonferenz des Vatikans in Rom einen mehr als aufschlussreichen Satz:Der sexuelle Missbrauch von Kindern und Jugendlichen ist zu einem nicht geringen Teil auf den Machtmissbrauch im Bereich der Verwaltung zurückzuführen.“ (https://www.sueddeutsche.de/panorama/katholische-kirche-missbrauch-marx-vatikan-1.4342399)

Damit wird ein Problem der katholischen Kirche bei der Behandlung des Missbrauchsskandals offenbar: Sie wirft ständig durcheinander den sexuellen Missbrauch und den Umgang der Kirchenhierarchie mit den Tätern und Opfern. Denn sexueller Missbrauch hat zunächst nichts mit Verwaltungshandeln einer Institution zu tun. Er beruht auf der Straftat einzelner Menschen. Dass es zu sexuellem Missbrauch von Kindern und Jugendlichen durch die kommt, denen Kinder in der Familie, Kirche, Sportverein, Kindergarten, Schule anvertraut sind, wird man wie Diebstahl, Raub oder Mord leider weder ausschließen noch verhindern können. Aber was die Katholische Kirche endlich machen muss: Sie muss sich fragen, welche Bedingungen in den vergangenen Jahrzehnten und Jahrhunderten den exorbitanten sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen durch Priester, Ordensleute und Bischöfe befördert und dazu geführt haben, die Straftaten zu vertuschen und die Opfer alleine zu lassen. Das Erschreckende ist: Die Antworten auf diese Fragen liegen seit langem, spätestens seit 500 Jahren, auf dem Tisch:

  • der Zölibat, der nicht an sich, aber weil verordnet, Menschen, in dem Fall: Männer, anzieht, die den geschützten Raum, das Verborgene und die Glorifizierung von Abhängigkeit suchen, um ihre Pädophilie oder Homosexualität gewalttätig ausleben zu können;
  • eine durch Verbote und ziemlich absurde dogmatische Herleitungen völlig überhöhte, vor allem aber menschenunwürdige Sexualmoral, die durch eine machtbesessene Hierarchie den Menschen aufgezwungen wird, die sie gleichzeitig und durchaus systematisch missachtet;
  • autokratische, absolutistische Strukturen des Kirchenapparates, die Angst und Einschüchterung erzeugen, Straftaten von Klerikern decken und Machtmissbrauch und Vertuschung nicht nur zulassen, sondern ermöglichen.

Hinzu kommt ein Klerikalismus, der den geweihten Priestern bis hin zum Papst eine weitgehend unkontrollierte Machtfülle verleiht, die Missbrauch und Willkür geradezu provoziert. Mit der bestfunktionierenden Diktatur dieser Welt, ist vielleicht ein (Vatikan-)Staat, aber auf Dauer keine glaubwürdige Kirche zu machen. Daran werden auch Kontrollmechanismen nichts ändern, solange diese nur innerhalb dieses Systems wirksam sein dürfen. Was der katholischen Kirche also bevorsteht, ist:

  • eine von sexueller Verengung befreite katholische Theologie und Lehre;
  • die Abschaffung des Zwangs-Zölibats;
  • eine konsequente Demokratisierung aller Leitungsstrukturen, um Macht- und Herrschaftsmissbrauch einzugrenzen und verfolgen zu können.

Dies alles setzt die grundsätzliche Anerkennung des Priestertums aller Gläubigen voraus. Zu meinen, die Einführung einer kirchlichen Verwaltungsgerichtbarkeit (wie sie Kardinal Marx jetzt fordert), könnte die Kirche vor dieser Reformation bewahren, ist eine Illusion. Diese kann nur Teil des Grundsatzes sein, dass die Kirche nur in der Einheit von Priester/innen und Gläubigen gleichberechtigt und auf Augenhöhe geleitet werden kann.

Wenn die jetzige Konferenz diese Reformschritte nicht benennt und auf den Weg bringt, werden alle Verlautbarungen, vor allem alles wortreiche Beklagen des Missbrauchs nur belangloses, klerikales Gerede bleiben und die selbstzerstörerische Unglaubwürdigkeit der Kirchen weiter verstärken. Da davon auch die Kirchen der Reformation betroffen sind und in Mitleidenschaft gezogen werden, ist es Ausdruck ökumenischen Geistes, der katholischen Kirche diese Reformation abzuverlangen – wohlwissend, dass auch die evangelischen Kirchen das Priestertum aller Gläubigen noch lange nicht verwirklicht haben und dem Anspruch Jesu hinterherhinken: „Ihr wisst, die als Herrscher gelten, halten ihre Völker nieder, und ihre Mächtigen tun ihnen Gewalt an. Aber so ist es unter euch nicht; sondern wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein; und wer unter euch der Erste sein will, der soll aller Knecht sein.“ (Die Bibel: Markus 10,42-44)

P.S. Eigentlich müsste ein Blick auf die gegenwärtigen politischen Präsidialsysteme (Russland, Türkei, USA, auch Frankreich) genügen, um zu erkennen, wie ihnen der Hang zu autokratischer, diktatorischer Herrschaft innewohnt samt dem Bestreben, demokratische Rechtsstaatsstrukturen gar nicht erst wachsen zu lassen bzw. diese zu zerstören. Fast zwangsläufig führt das zu Machtmissbrauch, Korruption, Einschüchterung, Angst – samt Sexismus, Homophobie und Frauenfeindlichkeit. So sollte es in den Kirchen eben nicht sein!

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